Gut so, denn nicht gewinnen ist auch Kappes

Guten Güte, welch ein Spiel! Schalke schlägt Sporting Lissabon im so wichtigen dritten Champions League-Spiel mit 4:3. Nach 1:0 Rückstand, nach 3:1 Führung, nach 3:3 Ausgleich, am Ende mit mehr Glück als Verstand. Ich jubelte letztlich trotzdem laut und erlöst.

Über die ganze Spieldauer war Schalkes Defensive wackelig. Roman Neustädter hatte einen furchtbaren Tag erwischt und auch Marco Höger bügelte wenig aus. Ohne ihre Hilfe sah auch die Innenverteidigung schlecht aus. Was gegen Hertha am besten funktionierte, die Absicherung des Zentrums, funktionierte in diesem Spiel überhaupt nicht.

Trotzdem: Nachdem sich Schalke nach dem 0:1 Rückstand sofort einige Chancen erspielte, war ich eigentlich schnell der Überzeugung, dass Schalke das Spiel gewinnen würde. Man agierte mit hohen Diagonalpässen und machte das Spiel breit. Das war ein geeignetes Mittel gegen die eng gestaffelte Abwehr, das sorgte gleich mehrmals für Raum, der zu Abschlüssen genutzt werden konnte. Der Platzverweis spielte Schalke dazu in die Karten, die Tore fielen, das Spiel hätte ein souveränes Ende haben sollen …

Aber Schalke spielte schon vor der eigenen Führung nicht mehr gut. Zum einen waren die eigenen Aktionen zu langsam, zum anderen ließ man dem Gegner nach Ballverlust zu viel Raum.
Diagonalpässe sollen das Spiel schnell verlagern. Wenn zuvor aber ein ballführender Spieler in die entsprechende Richtung läuft, in die gleiche Richtung einen Kurzpass spielt und erst der zweite Spieler den Ball lang macht, hat das keinen Witz mehr. So hätte Sporting auch noch rechtzeitig verschoben, wenn sie nur mit 7 Spielern auf dem Platz gestanden hätten. Ging der Ball verloren, zog sich Schalke schnell zurück. Sich nicht auskontern lassen war wohl die Maxime, aber so bot man Sportling viel Luft, verpasste es, Druck aufzubauen.

Ein 3:1 sollte man verteidigen können, erst recht gegen 10 Mann. Das Abwehrverhalten nach dem Anschlusstreffer durch Elfmeter war allerdings pures Chaos. Wie Uchida beim Ausgleich der Ball auf der Linie in Zeitlupe durch die Beine rutschte: Es hätte kein symbolischeres Bild geben können.
Dass Schalke danach nicht blindlings nach vorne stürmte war sicher richtig. Noch war eine Viertelstunde Zeit, außerdem hatte man ja tatsächlich beim Stand von 3:3 noch einen Punkt zu verlieren. Wie Schalke dann aber die letzten vielversprechenden Situationen ausspielte war schon übel. Wie ein Eckball, als vermeintlich letzte Chance des Spiels, halbhoch auf den Gegner gepöhlt wurde, war grausam anzuschauen.

Aber dann dieser Ball im Strafraum. Der Schiedrichter ließ weiterspielen, das Stadion schrie. Dann doch noch der Pfiff, der ausgestreckte Arm Richtung Punkt. Mein Platz war am anderen Ende des Feldes. Später hörte ich im Radio, dass es kein Handspiel gewesen sei. Mir ist es egal. Nach dem Hin und Her dieses Spiels war diese Entscheidung, der verwandelte Elfmeter, eine Erlösung! Ja, Schalke hat nicht gut gespielt, das kann ich so einschätzen, auch unabhängig vom Resultat. Unabhängig vom Spiel freue ich mich aber auch immer über das richtige Ergebnis.

Das ist es, was bleibt. Ein aufregender Abend, drei Punkte und der vorläufige Platz 2 in Champions League-Gruppe G.

Das „Naja-Erstmal-Aber“-Debüt

Beim Debüt von Trainer Roberto Di Matteo gewinnt Schalke 04 gegen Hertha BSC mit 2:0. Ein tolles Ergebnis nach einem eher langweiligen Spiel. Im Stadion war man sich sowohl darin einig, gute Ansätze gesehen zu haben, als auch in der Hoffnung, dass es wirklich nur Ansätze waren.

Da war er nun, der neue Coach, und das Schalker Volk war neugierig und interpretationswütig. Schon als er den Arena-Innenraum betrat. Anzug oder Trainingsklamotten? Anzug, aber ohne Schlips! Ein Mann schwacher Kompromisse, dieser Di Matteo? Ein Trainer für Chelsea-Champions League-Gemauer? Mehr Taktikriese als Jens Keller? Kommunikator, Motivator oder doch nur Moderator?

Es ließ sich gut an, in der Anfangsphase. Schalke öffnete wiederholt mit Diagonalpässen das Feld, erspielte sich gute Chancen. Um mich herum machte sich Zufriedenheit breit. Schalke ging in Führung, Coach Di Matteo zuckte nur kurz mit den Fäusten und ordnete gleich wieder seine Mannschaft. Überhaupt, dass er fast 90 Minuten am Rand seiner Coaching-Box stand und dirigierte, mochte man um mich herum.

Dass er im Verlauf des Spiels vor allem die Defensive dirigierte, forderte allerdings flott das eine oder andere „Naja“ heraus. Man wollte ja nicht moppern, erst recht nicht nach dem 2:0, aber schön war das nicht, bemerkten nicht wenige. Gut, er trägt Anzug, aber wenn Schalke nun immer so spielen würde, dann wäre das ja wohl auch nix.

Tatsächlich tat Roberto Di Matteo lediglich wie angekündigt. Schon in der ersten Pressekonferenz sagte er, dass man zunächst die Probleme in der Defensive angehen müsse. Schalkes große Schwäche in der bisherigen Saison war das Umschalten in die Defensive nach Ballverlust. Gegen Hertha kam Schalke stets schnell hinter den Ball. Man formierte sich in zwei Viererketten, ähnlich wie unter Jens Keller, aber enger gestaffelt. Benni Höwedes zeigte sich als Abwehrchef und hielt seine Nebenleute wiederholt zum Aufrücken an, sorgte dafür, dass Lücken geschlossen wurden.

Dieser Kompaktheit wurde das Offensivspiel untergeordnet. Nach guter Anfangsphase war Schalke den Großteil der Spielzeit mit der defensiver Kontrolle des Spiels beschäftigt. Sehr erfolgreich. Zwar schoss Berlin noch einige Male aufs Schalker Tor, in der Regel aber aus der Distanz. Die Qualität dieser Herthaner „Chancen“ war niedrig, Schalke lies dem Gegner im eigenen Abwehrdrittel keinen Raum.

Dass das Spiel nicht „spektakulär“ war, dass die Spielweise noch verbessert werden kann, räumte Roberto Di Matteo nach Abpfiff selbst ein. Dass er sich und seine Mannschaft für diesen ersten Erfolg nicht vorbehaltlos bejubelte ist schön und macht Hoffnung. Nach der 1:4 Niederlage gegen Mönchengladbach bemerkte Eric Maxim Choupo-Moting, dass man die vorhandene Qualität nicht auf den Platz bekäme, dass man „bei den Basics anfangen“ müsse. Damit hat Roberto Di Matteo nun begonnen. Wohin das führt bleibt abzuwarten.

Tönnies setzt auf Gewöhnungseffekt

Clemens Tönnies gibt sich gerne hemdsärmelig, manchmal polternd. Einer, dem man seine Leidenschaft für die Dinge durchaus abnimmt, dessen Art stets ein Basta impliziert und der am Ende gerne selbst „die Kuh vom Eis holt“. Es wäre falsch, zu glauben, dass dieser Mann irgendwas aus Versehen tut oder sagt.

Nun gab er Sportbild ein Interview. Die Liga verändere sich, stellt er dabei mit Verweis auf von Investoren unterstützte Clubs fest. Man müsse beobachten, ob sich daraus Handlungsdruck für Schalke 04 ergäbe. Selbstverständlich müssten dies am Ende die Mitglieder entscheiden. Er liebe Schalke wie es ist. Ausdrücklich und als Aufsichtsratsvorsitzender ganz offiziell schloss er damit eine Veränderung der Rechtsform des eingetragenen Vereins Schalke 04 nicht mehr aus.

Auch die Irritationen, für die er damit beim Anhang des Clubs sorgte, waren sicher kein Versehen, sind letztlich zielführend. Sie sorgen für Diskussionen um ein Schalker Tabuthema und gleichzeitig für einen Gewöhnungseffekt. Diese Diskussionen wird es in Zukunft noch häufiger geben. Basta.

Die Stadt der großen Dramen

Heute spielt die Nationalmannschaft in Gelsenkirchen. Deutschland schaut auf Schalke. Aber auch wenn Gelsenkirchen so sehr mit Schalkes Fußball verbunden ist wie es eine Stadt nur sein kann, ist Gelsenkirchen eben doch noch mehr als Fußball.

Am vergangenen Freitag gab es im WDR-Fernsehen den Film „Heimatabend Gelsenkirchen: Die Stadt der großen Dramen“ zu sehen. In knapp 45 Minuten wird der Bogen gespannt, von den Blütezeiten dieser Stadt, vor dem Krieg und nach dem Wiederaufbau, bis in unsere Zeit. Meines Erachtens sollte man diesen Film gesehen haben. Noch 3 Tage lang gibt es ihn online anzuschauen. Hier.


Spielervater

Natürlich kaufte Papa den ersten Fußball, da konnte er kaum laufen. Schon immer ließ er für Fußball alles liegen, und Papa hatte Spaß daran.

Der erste Verein war aus dem Viertel. Schnell war er in seiner Mannschaft der Beste. Er besorgte die Siege, wurde umjubelt, machte Papa stolz. Papa brachte ihn zum Training und half ein bisschen im Verein. Man verbrachte schöne Wochenenden miteinander.

Er war noch keine 10, da meldete sich der beste Club der Stadt. Ob er nicht bei ihnen spielen wolle, er hätte doch Talent, er wäre in seinem Club doch verschenkt. Natürlich hat ihn Papa unterstützt. Er wechselte und fand sich auch in der neuen Mannschaft schnell zurecht. Regelmäßig füllten nun Touren zu Turnieren die Wochenenden komplett aus. Dieser Verein brauchte Papas Hilfe nicht, trotzdem war er meistens dabei. Papa war Fußballfan und er liebte seinen Sohn.

Bei einem dieser Turniere spielte er gegen die Jugendmannschaft des Bundesligaclubs. Er war nun 12. Er spielte gut und fiel auf. Einige Tage später kam der Anruf. Ob man sich mal unterhalten könne. Ob man mal vorbei kommen könne. Es sei seine große Chance, und er war Feuer und Flamme. Papa erkannte, dass er ihm die Gelegenheit nicht verwehren konnte. Mama fand das gar nicht gut.

Von zu Hause bis zum Trainingsgelände waren es rund 40 km, aber darum musste sich Papa nicht kümmern. Sie holte ihn von der Schule ab und brachten ihn nach dem Training wieder nach Hause. An den trainingsfreien Tagen war er müde. Zeitweise ließen seine Leistungen in der Schule nach, aber auch darum kümmerten sie sich. Sie zeigten ihm Ziele auf und erklärten ihre Erwartungen. Papa hätte sich gerne selbst gekümmert, aber Mama gegenüber gab er das nicht zu. Mama war traurig.

Mit 14 nahmen sie ihn in ihr Internat auf. Sein Tagesablauf war nun klar geregelt. Er lernte erwachsen zu handeln, wurde schnell selbstständig. Morgens Schule, mittags Training. Er kam gut klar, wurde immer besser, galt schnell als großes Talent. Sportlich war er in besten Händen, trainierte unter dem Jugendtrainer, der schon so viele Jungs zu Bundesligaspielern gemacht hatte. Daheim war Papa einerseits stolz, andererseits vermisste er seinen Sohn. Mama weinte oft. Er war ihr einziges Kind. Nun war er weg. Sie hatte immer von einer kleinen Familie geträumt. Die Zeit war ihr zu kurz.

Mit 17 holte ihn der Trainer der Profimannschaft erstmals in den Kader. Es dauerte nicht lange, bis er seine Chance bekam. Er in der Bundesliga, der Debütant. Er machte ein gutes Spiel. Danach kam das Fernsehen. Wieviel er dem Jugendtrainer wohl zu verdanken habe, wurde er gefragt. Alles natürlich, sagte er, ein toller Trainer, er sei ihm wie ein Vater gewesen.

Papa sah das, daheim in seinem Sessel sitzend. Mama sagte nichts.

Wünsch Dir was mit RDM

Ich wünsche mir übrigens neben besserem Fußball – hoffentlich schon in der besten Rückrunde aller Zeiten – dass er vor den Regeln „Soziale Medien“ das Rauchen und Saufen in der Kabine verbietet und nächtliche Disco-Ausflüge mit spürbaren Konsequenzen ahndet.

Das ist legitim. So schrieb es der werte hellwach in seinem letzten Kommentar. Überhaupt gibt es eigentlich keinen geeigneteren Zeitpunkt für Wünsche als diesen. In einen neuen Trainer kann man alle seine Hoffnungen legen. Gerade in einen, den man noch nicht so gut kennt, der noch unbelastet daherkommt.

Naja, und am Wochenende ist eh nur ein Länderspiel. Also bitte, ihr seid dran …



PS: Und wem nur Wünschen zu plump ist, dem empfehle ich einen Abstecher nach Halbfeldflanke. Dort hat Karsten Jahn den Fußball unter Jens Keller noch mal abschließend betrachtet. Lesenswert.

Pluspunkt Darstellung

Gestern wurde Roberto Di Matteo auf Schalke vorgestellt. Seine erste Pressekonferenz dauerte rund eine halbe Stunde. Kurz darauf gab es für ihn in den sozialen Netzwerken Lob im Sekundentakt. Herr Di Matteo wirkte außerordentlich smart. Natürlich saß sein Anzug. Er lächelte viel und wusste den einen oder anderen kleinen Scherz einzubinden. Er hielt durchaus Distanz, blieb die ganze Zeit über sehr ruhig. Aber er antwortete sehr präzise und kam vollkommen ohne Phrasen aus. Wenn er eine Frage nicht beantworten wollte, sagte er das auch so, trotzdem blieb er nichts schuldig. Wenn jemand zuvor keine Meinung zu Roberto Di Matteo hatte und sich diese Pressekonferenz ansah, war er fortan positiv gestimmt. Mehr kann man auf einer Vorstellungs-Pressekonferenz kaum leisten.

Horst Heldt sagte vor anderthalb Jahren mal, dass er es schade finden würde, dass die Öffentlichkeitsarbeit von Trainern so wichtig genommen wird. Es ginge doch eigentlich nur um die Arbeit auf dem Platz. Viele Fans formulieren es ähnlich. Auch in diesem Blog gibt es Kommentare zu finden, in denen manchen Trainern eine Art Schauspielerei vorgeworfen wird. Wichtig sei nur die Einstellung der Mannschaft, die Öffentlichkeitsarbeit sei zu vernachlässigen, heißt es da.

Nein. Man kann es schade oder meinetwegen auch falsch finden, aber man wird es nicht ändern. Ein Trainer ist auch ein Darsteller, nicht im Sinn von Schauspieler, sondern im Sinn des Darstellens, des Präsentierens seiner und seines Clubs. Der Trainer ist „das 1. Gesicht“ eines Clubs. Die Darstellung eines Trainers bedingt das Ansehen und die Stimmung rund um seine Arbeit.
Das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist der Fußball, sind die Ergebnisse, ist das Spiel. Aber es ist eben auch wichtig. Wer souverän auftritt, seine Ansichten vermitteln und mit seiner Art seinen Gegenüber für sich einnehmen kann, hat’s leichter. Auch privat, in einer Führungsposition wie der eines Fußball-Coaches erst recht. Eine gute Darstellung ist ein Pluspunkt.

Diesen hat Roberto Di Matteo bis auf Weiteres schon mal auf seinem Konto.



Die Pressekonferenz zur Vorstellung Roberto Di Matteos kann – auch ohne Abonnement – bei s04.tv nachgeschaut werden:
Hier.