Schalke stibitzt einen Punkt in London

Trotz einer Abwehrkette, die so noch nie zusammengespielt hat, kommt Schalke 04 beim FC Chelsea zu einem 1:1 und entführt einen Champions League-Punkt. Dabei lieferten die Blauen ein packendes Spiel und bewiesen, dass eine zur Situation passende Einstellung mehr wert sein kann als das individuelle Können einzelner Spieler.

Jens Keller hatte aus dem Spiel in Gladbach gelernt, dass seine derzeit schlecht aufeinander abgestimmte Defensive besser keine Bälle in den Rückraum zulässt, und stellte die Mannschaft entsprechend tief auf. Das alleine ergibt noch kein stabiles Gebilde, und gerade in der ersten halben Stunde kam Chelsea zu einigen aussichtsreichen Situationen. Vor allem Schalkes rechte Abwehrseite mit Marco Höger und Kaan Ayhan war mehrmals überfordert und kam mit dem heranstürmenden Eden Hazard nicht zurecht. Doch auch daraus lernte Schalke, in der zweiten Hälfte wurde Hazard früher gestellt und die Gefahr durch ihn wurde minimiert.

Schalke blieb stets kompakt, verlor nur selten die Ordnung und führte seine Offensivaktionen nur mit wenigen Spielern aus. Was im Normalfall als Schissertaktik gelten muss, war in der aktuellen Situation das geeignete Mittel zum Zweck. Besonders gut gefielen mir dabei Sidney Sam und Prince. Sidney Sam war mindestens so oft im Abwehrdrittel aktiv wie in des Gegners Hälfte. Eine derart gute Unterstützung der Defensive hatte ich ihm nicht zugetraut. Prince war nach den schwachen Auftritten in den ersten Pflichtspielen nicht wiederzuerkennen. Mit großer Präsenz war er der Dreh- und Angelpunkt im Spiel der Schalker, eben so, wie man es aus einigen Spielen der letzten Saison kannte und wie man es sich immer wünscht.

Leider war Schalkes Offensive sehr unpräzise, sonst wäre tatsächlich auch ein Sieg drin gewesen. Zwar folgte nach Ballgewinnen häufig ein schneller Vorstoß, doch meistens wurde dabei der Ball vertändelt. Gerade Max Meyer gelang wenig, als 10er wäre er bei solchen Vorstößen eigentlich die wichtigste Schaltstelle gewesen. So kam es vor allem dann zu aussichtsreichen Situationen, wenn ein Spieler möglichst weit alleine ohne Abspiel vorstoßen konnte. Meistens war das Julian Draxler. Wie auch in der Situation, die zum Ausgleich führte.

Natürlich hatte Schalke auch Glück, das braucht es immer, wenn in Spielen, in denen die Favoritenrolle so klar vergeben ist, der Underdog erfolgreich sein soll. Trotzdem brachte mehr als nur Glück und „toller Kampf“ Schalke die Möglichkeit zum Punktgewinn. Vielmehr hatte Jens Keller diesmal alles richtig gemacht. Die defensive Einstellung, das zurückbeordern der offensiven Außen, der Prince in der Zentrale und sogar die Aufstellung Roman Neustädters in der Innenverteidigung zahlten sich aus. Zweifellos war dies der bislang gelungenste Tag in dieser bis dato tristen Saison.



Foto: Russel Trebor

Irgendwiemismus

„Und, wie ist Dein Gefühl?“ Eine Frage die mir vor Spielen stets wieder gestellt wird. Vielleicht nur rhetorisch, um überhaupt eine Unterhaltung zu beginnen. Andere reden übers Wetter, mir kommt man mit Schalke. Das hat sich so ergeben, über die Jahre. Und doch habe ich keine Standardantwort parat. Mein Gefühl ist komisch, war es schon immer.

Ich bin kein Pessimist, wenn Pessimist sein meint, dass ich nie Gutes erwarte. Aber mir ist trotzdem klar, dass es immer auch schlecht ausgehen kann. Niemals bin ich mir in einem Pflichtspiel eines Sieges der Blauen sicher. Egal wie niederklassig oder außer Form der Gegner auch sein mag, ich halte es stets für möglich, dass sich Schalke blamiert. Schalke hat mich so gemacht.

Ich bin kein Optimist, wenn Optimist sein meint, dass ich stets davon ausgehe, dass Schalke siegt. Ich glaube aber immer daran, dass es gut werden kann, dass ich nach Abpfiff zufrieden sein werde. Selbst vor Spielen wie heute. Natürlich wäre Chelsea selbst dann Favorit, wenn Schalke in Bestbesetzung und guter Form antreten würde. Beides ist nicht der Fall. Aber vielleicht lässt sich der Trainer was einfallen, vielleicht agiert Schalke mit einer weniger offensiven Formation wie üblich. Vielleicht reißt sich die Mannschaft zusammen, vielleicht will sie sich beweisen, auf der großen Bühne Champions League, lässt es nicht einfach laufen, wie noch in Gladbach. Wenn am Ende das Gefühl bleibt, dass sich die Mannschaft nicht ergeben hat, dass alles getan wurde, um irgendwie einen Punkt aus London mitzunehmen, dann ginge es mir selbst bei einer Niederlage noch gut. Dass es so kommen kann, daran glaube ich immer.

Schattentrainer Tuchel

Schalke ist schlecht in die Saison gestartet und nicht nur die Ergebnisse, auch das Spiel der Blauen enttäuscht. Viele Fans fordern die sofortige Ablösung von Trainer Jens Keller, auch deshalb, weil sie Jens Keller mit Thomas Tuchel vergleichen. Dieser ist derzeit ohne Job und spätestens seit bekannt wurde, dass sich Horst Heldt bereits in der letzten Saison mit ihm beschäftigte, schwebt er als Schalkes Quasi-Zukunfstrainer über dem Berger Feld; zumindest in den Köpfen der Fans. Aber was ist, wenn er es nie wird?

Keine Frage: Auch ich sehe Jens Keller kritisch und auch ich halte Thomas Tuchel für einen sehr guten Trainer, den ich mir bestens auf Schalke vorstellen könnte. Jens Keller ist nun seit mehr als anderthalb Spielzeiten Trainer auf Schalke und machte nie den Eindruck als sei er Herr der Lage, als führe er diesen Club, als wäre er es, der die Richtung vorgibt. Von Beginn an wirkte er getrieben und fehl am Platz, auf der großen Bühne, die Schalke 04 nun mal ist. Mittlerweile wurden unter Jens Keller vier Vorbereitungszeiten absolviert. Dreimal startete Schalke danach schwach in die nächste Runde. An Formation oder Spielstil hat sich nie Entscheidendes geändert, lediglich das Personal wechselte in dem von Manager Heldt vorgebenen Rahmen. Jens Keller war Interim-Trainer und ist es bis heute, auch wenn Schalke es verpasste, ihn nach einem halben Jahr abzulösen.

Thomas Tuchel hat bereits bewiesen, dass er sogar einem eher durchschnittlichen Kader eine bemerkenswerte taktische Flexibilität beibringen kann. Er hat gezeigt, dass er während Spielen schnell reagieren und Einfluss nehmen kann. Gemessen an den Möglichkeiten des FSV Mainz 05 war Thomas Tuchel bereits über Jahre ein erfolgreicher Bundesliga-Trainer. Für ihn würde ein Club wie Schalke 04 einen passenden Schritt in der Karriere darstellen. Zudem ist er auch in der Disziplin Öffentlichkeitsarbeit gut, einer, der diesen Club gut darstellen und eine gewisse Euphorie entfachen kann. Thomas Tuchel verkörpert Ehrgeiz, so wie ich es mir wünschen würde von demjenigen, der die Profimannschaft meines Clubs zu führen hat.

Aber Horst Heldt scheiterte bereits im Frühjahr 2013 daran, einen „Wunschtrainer“ zu verpflichten. Was, wenn auch auf Jens Keller nur die nächste Notlösung folgt? Schwebt Thomas Tuchel mittlerweile nicht derart hoch über allem, dass jede andere zukünftige Trainerverpflichtung enttäuschend wäre?
Hiermit fordere ich von jedem „Keller-Raus“-Fan ein Selfie, falls plötzlich Markus Babbel auf Schalkes Bank sitzt …

Viel fehlte, nicht nur die Fehlenden

Schalke verliert mit 4:1 in Gladbach und war damit noch gut bedient. Die Schwächen Jens Kellers Mannschaft wurden vom Gegner bestens herausgearbeitet, in der zweiten Halbzeit fiel Schalke förmlich auseinander. Vorne fehlte die Präzision, hinten fehlte es an kompaktem Stellungsspiel. Zwischendurch fehlte es an Glauben und überall fehlte die gegenseitige Unterstützung. Viel fehlte den Blauen im Borussiapark, nicht nur die Fehlenden. Eine Vorstellung die sich nicht alleine durch verletzungsbedingte Ausfälle erklären lässt.

Das Umschalten von Ballbesitz auf Defensive funktionierte in keiner Phase des Spiels. Mit Ball konnte man zu Spielbeginn noch Druck ausüben und kam zu immerhin einer guten Torchance. Sobald aber der Ball verloren wurde agierte Schalke chaotisch. Beide Außenbahnen konnten defensiv nicht bestehen. Zwischen defensive Mittelfeld und Innenverteidigung gab es keinen Zusammenhalt. Spieler wie Prince und Sam beteiligten sich nicht an defensiven Aufgaben. So war Schalke ein dankbares Opfer für eine Gladbacher Mannschaft, die eben gerade im Umschaltspiel ihre große Stärke hat.

Natürlich ging Schalke geschwächt in dieses Spiel. Christian Clemens wurde zwar in der Vorbereitung auf der Position des Rechtverteidigers geschult, trotzdem war er eine Notlösung. Christian Fuchs versprach als gelernter Verteidiger eigentlich ein Plus an Defensive, und mit Tranquillo Barnetta stand ein nomineller offensiver Außenbahnspieler parat, trotzdem hätte man sich einen fitten Julian Draxler von Beginn an gewünscht. Kaan Ayhan ist unerfahren, auch wenn er bereits ein Derby in Dortmund bestanden hat. Aber mit allen Beschwerden über fehlendes Personal lässt sich nicht erklären, weshalb die anwesenden Spieler so schlecht agierten. Die Abwehrkette rückte kaum auf und ließ riesige Räume hinter dem Mittelfeld. Die defensiven Mittelfeldspieler Neustädter und Höger schwammen wie im offenen Meer umher, wirkten träge, hoffnungslos. Prince verlor 15 seiner 18 Zweikämpfe, gerade der Spieler, von dem man Präsenz, Ballbehauptungen und Durchsetzungskraft erwartet.

Dieses Spiel war ein Laufenlassen. Zwar wusste man um die Konterstärke der Borussen, trotzdem versuchte man es mit Ballbesitzspiel im Angriffsdrittel. Man wusste um die unzureichend besetzten Außenbahnen, trotzdem unterstützten die Offensivspieler die Defensive nicht. Man ahnte, dass man, wie schon gegen die Bayern, vor allem Kampfkraft in die Waagschale zu werfen hat, aber man wirkte schon nach dem 1:0 müde und richtiggehend enttäuscht, von dem, was alles nicht funktionierte.

Wenn Schalke so spielt, wird man immer Probleme haben. Mit jedem Personal und gegen jeden Gegner.

7

Wie Libuda, Abramczik und Raul (’tschuldigung Max Meyer, in ein paar Jahren vielleicht).
Mal 3 sind’s 21. Nach Transferschluss und Länderspielpause, nach Saisonstartpleiten wegen ungünstiger Vorbereitungsbedingungen geht es nun richtig los. Keine Zeit mehr für Ausreden. Schalke 04 bestreitet in den nächsten 21 Tagen 7 Pflichtspiele.

In Gladbach und in London gegen Chelsea. Gegen Schaafs Eintracht und in Bremen. Gegen Borussia Dortmund und NK Maribor. Zuletzt in Sinsheim, gegen Markus Gisdols TSG. Danach zeigt die Bundesligatabelle den Stand nach 7 Spieltagen an. Dann ist ein Drittel der CL-Gruppenphase gespielt, die Grundlage vor den beiden direkten Duellen mit Sporting Lissabon, dem vermeintlichen Hauptkonkurrenten um Platz 2 in Gruppe G.

Dann wird Zeit sein, um durchzuatmen, um vielleicht einen ersten Blick aufs Ganze zu wagen. Zu erahnen, wohin die Reise gehen könnte. Ich freue mich, dass es endlich „richtig“ los geht. Ich hoffe das bleibt so, während dieser 21 Tage … ma’kucken.

Blau und Weiß sind auch anderer Leute Farben

Blau und Weiß sind unsere Farben,
hoch die Kickers überall.
Die sich Tradition erwarben,
denn sie bleiben stets am Ball.

Heia heia Kickers vor,
heia Kickers noch ein Tor.

Wenn wir auch nicht immer siegen,
unsere Fans sind unsere Kraft.
Denn die Kickers klein zu kriegen,
das hat keiner noch geschafft.

Heia …

Wenn die Kickers auf dem Rasen,
hier daheim und anderswo.
Wie ein Mann zum Angriff blasen,
dann, ihr Leute, klingt das so:

Heia …

Siege kann man nicht befehlen,
aber spielen kann man gut.
Und ein Ruf aus tausend Kehlen
macht der Kickers-Mannschaft Mut.

Heia …



Die Musik zum Kickers-Song komponierte Erwin Lehn, den Text schrieb Joachim Fuchsberger. Fuchsberger war Stadionsprecher während der Eröffnungs- und der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Müchen 1972. Er war ein Star der Fernsehunterhaltung meiner Kindertage. Ich mochte „Auf Los geht’s los“, ich mochte die „Edgar Wallace“-Filme mit ihm als Kommissar und den Lehrer Justus aus „Das fliegende Klassenzimmer“ mochte nicht nur ich, den mögen auch meine Kinder.

Joachim „Blacky“ Fuchsberger ist heute im Alter von 87 Jahren verstorben.

Schalkes Stoßstürmer Huntelaar

Schalke 04 will mit Klaas-Jan Huntelaar verlängern. Vorher sollte man klären, ob man auch im Spiel den Ball zu ihm bringen will. Das sah zuletzt nicht immer so aus.

Klaas-Jan Huntelaar macht Tore. Dazu braucht er den Ball. Klaas-Jan Huntelaar betreibt stets großen Aufwand, damit es am Ende so aussieht, als würde er „immer richtig stehen“. Tatsächlich steht er nicht richtig, sondern er „läuft richtig“, und sehr viel. Regelmäßig gehört er zu den Schalkern, die nach dem Spiel in der Statistik die meisten Laufkilometer aufzuweisen haben.

Klaas-Jan Huntelaar ist Stoßstürmer, und nur das. Er ist keine hängende Spitze, nichts was mancher falsche Neun nennen will und auch kein Konterstürmer. Er ist kein Alleinunterhalter, niemand der sich den Ball selbst holt und er glänzt auch nicht durch Vorlagen. Stellt man Klaas-Jan Huntelaar auf, muss das Spiel auf ihn ausgerichtet werden. Es ist immer gut, wenn auch andere Tore erzielen können. Um Huntelaar herum bekommen andere auch mehr Platz, den der Gegner weiß um des Niederländers Abschlussstärke und achtet stets besonders auf ihn. Aber zuletzt gab es immer wieder Spiele, in denen Schalkes Spiel offensichtlich nicht auf den Stoßstürmer ausgelegt war. Immer dann spielte Schalke quasi mit einem Mann weniger, denn dann sind die Qualitäten des Klaas-Jan Huntelaar nichts wert.

Den Vertrag mit Klaas-Jan Huntelaar zu verlängern ist eine gute Sache, wenn man ihm auf dem Platz die Chance gibt, Tore zu erzielen. Will man anders als mit reinem Stoßstürmer spielen, ist Klaas-Jan Huntelaar keine geeignete Wahl.