Nach der Pause zurück in die Spur

Schalke gewinnt sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt mit 2:0. Nach einer eher mauen ersten Hälfe brachten die zweiten 45 Minuten viel Trubel, eine starke Schalker Phase und den dadurch verdienten Sieg.

An vergebene Strafstöße Klaas-Jan Huntelaars hat man sich ja fast schon gewöhnt. Gleich nach dem Pfiff kam Sead Koalsinac von ganz hinten nach ganz vorne gerannt, hätte wohl gerne die Verantwortung übernommen. Aber Ober sticht Unter, und wenn der Star will, bleibt vom Junior nur ein aufmunternder Klaps. Für mehr Aufregung führte das vom Schiedsrichtergespann zurückgepfiffene Draxler-Tor, nach mehr als einer Minute Jubel, nachdem der Schiedsrichter erst auf Tor entschied und der Assistent die Fahne unten lies. Aber Abseits bleibt Abseits.

Es lief nicht alles Rund für die Blauen. Verdient war der Sieg trotzdem, denn zur Halbzeit entschied sich Jens Keller für das Risiko und wurde belohnt. In der Anfangsviertelstunde der zweiten Hälfte blieb Schalke auch bei Frankfurter Ballbesitz kompakt in des Gegners Hälfte. Die Abwehrreihe blieb sehr kurz hinter dem Mittelfeld, für Frankfurt gab es keine Pressingfreie Zone. Diese Druckphase führte zum 1:0 und schubste das Spiel in die richtige Richtung.

Dass Schalke nicht von Beginn an so agierte hatte durchaus gute Gründe. Gerade das Spiel über die Außenpositionen ist Frankfurts Stärke. Entsprechend agierten Sead Kolasinac und Tim Hoogland in der ersten Hälfte so, dass sie ihre Seiten nicht vollends entblößten. So aber reichten Schalkes Offensivbemühungen nur zu viel Ballbesitz. Zu Chancen kam man nur selten, in der ersten Hälfte hatte die Verteidigung der Eintracht das letzte Spielfelddrittel gut im Griff.

Nach der starken Anfangsphase der Schalker in Halbzeit 2, nach der Führung und nach der Szene um Draxlers aberkanntes Tor, hatte Eintracht Frankfurt die große Chance, das Spiel zu drehen. Als sich noch das halbe Stadion über die späte Reaktion des Schiedsrichtergespanns ärgerte lief Joselu plötzlich alleine auf Ralf Fährmann zu. Ein Treffer zu diesem Zeitpunkt hätte das Momentum für die Eintracht bedeuten können. Doch einmal mehr entschied Fährmann eine 1:1 Situation für sich, rettete Schalke die Führung, vielleicht den Sieg.

Und dann war da noch der Freistoß in der 90. Minute, zu dem sich Kaan Ayhan und Jefferson Farfán an den Ball stellten. „Lass Ayhan schießen, der kann das“ sagte ich. „Farfán kann das auch“ sagte Herbert links neben mir. „Schon länger nicht mehr“ sagte ich. Farfán schoss. „Siehste“ sagte Herbert.

Noch 4 Spiele. Im schlechtesten Fall braucht Schalke noch 6 Punkte.

Day of the Schalker Jugendarbeit

Schalkes U19 steht im Halbfinale der „UEFA Youth League“, der Jugend-Champions League, und trifft heute Abend in Nyon auf den FC Barcelona. Kaum zwei Stunden später spielt Schalkes erste Mannschaft ihre Bundesligapartie gegen Eintracht Frankfurt. Dabei werden, mit Ralf Fährmann, Tim Hoogland, Kaan Ayhan, Joel Matip, Sead Kolasinac, Julian Draxler und Max Meyer, sieben Spieler aus der eigenen Jugend in der Startaufstellung erwartet; eventuell sitzen noch ein oder zwei weitere auf der Bank. Mehr eigener Nachwuchs, für den eigenen Verein, auf derart hohem Niveau, gab es wohl noch nie!

Anschauen und staunen.

Die erste Mannschaft gibt’s, wie gehabt, im Stadion, über Sky auf der Couch oder in der Kneipe des Vertrauens. Das Spiel der U19 ist live bei Eurosport zu sehen, Anstoß ist um 16:30 Uhr. Dabei ist Schalkes U19 Außenseiter, Trainer Norbert Elgert hält Barcelona für das derzeit beste Jugendteam überhaupt. Aber Außenseiter war man in den vorherigen Runden auch gegen Real Sociedad und Chelsea, trotzdem steht man nun im Halbfinale.

Zur Einstimmung gibt es bei S04.tv einen kurzen Vorbericht zum U19-Spiel und die Pressekonferenz zum Spiel gegen Eintracht Frankfurt zu sehen. Beides gratis, auch für Nicht-Abonnenten. Bitte hier entlang …
 
 




PS: Ja, ich kann auch doofe Titel. Aber die UEFA hat schließlich angefangen.

Totale Entspannung

Selten war man vor einem Spiel in Frankfurt entspannter als vor dem gegen den FC Schalke 04 am kommenden Freitag.

… schrieb Stefan Krieger am Dienstag im Blog-G. Auch die Woche der Blauen ist die pure Entspannung. Dass es für Schalke noch richtig viel zu gewinnen gibt, merkt man gerade irgendwie nicht.

Das eher schwache Spiel in Bremen hat zu keinem Zweifeln geführt. Das Übergehen des Trainers bei der Umgestaltung der Mannschaft blieb eine Randnotiz. Selbst Trainingsabbrüche von Klaas-Jan Huntelaar und Julian Draxler sorgten nicht für Sorgen: Wird schon gehen, irgendwer ist eh immer verletzt.

Diese Ruhe haben sich Jens Keller und die Mannschaft verdient, sie ist der Lohn für die guten Ergebnisse seit Rückrundenbeginn. Ich hoffe nur inständig, dass derweil nichts und niemand einschläft. Schalke hat noch 5 Spiele, und Eintracht Frankfurt ist davon der einzige Club, für den es um nichts mehr geht. Um Platz 3 zu sichern braucht Schalke noch 9 Punkte. Es ist ein ganz wichtiges Spiel, das Ding am Freitag, trotz Tiefenentspannung.

Nach halbem Aufwand nur halber Ertrag

Schalke 04 kommt in Bremen nicht über ein 1:1 hinaus. Es wäre mehr drin gewesen, für die Blauen. Doch Schalke schien zur Halbzeit mit einem Punkt zufrieden, lies Werder gewähren und hätte beinahe noch verloren.

Hätte Werder Bremen den Aufwand der ersten 20 Minuten durchgehalten, dieses Spiel wäre zu einer eindeutigen Angelegenheit für die Grün-Weißen geworden. In dieser Anfangsphase hatte Werder auf dem gesamten Feld Vorteile. Sie attackierten Schalke früh und kamen nach Ballgewinnen immer wieder über ihre linke Seite. Tim Hoogland und Kaan Ayhan wussten einige Male kaum, wie ihnen geschah. Vor allem Eljero Elia war für Schalke oft einfach zu schnell.

Mit der Führung im Rücken und nach einer weiteren Großchance zog sich Werder allerdings zurück und setzte auf schnelle Gegenstöße. Ab diesem Moment war ich zuversichtlich, dass Schalke das Spiel drehen kann. Zumal da Schalke umstellte, auf Anweisung des Princen selbst, wie ich später lernte. Auf der 10er-Position hing er zuvor in der Luft, also verwies er Leon Goretzka nach links, Julian Draxler in die Offensivzentrale und übernahm den Platz neben Roman Neustädter. Selbstverständlich wäre es eigentlich an Jens Keller gewesen, Leon Goretzkas Probleme mit- und Prince‘ Probleme ohne Gegner zu erkennen und zu handeln. Aber darauf wollte Schalkes erklärter Führungsspieler offensichtlich nicht warten.

Es war Werders Fehler, Schalke ab Mitte der ersten Halbzeit zu viel Raum zu lassen, und der Rest der Halbzeit lief entsprechend. Das Spiel gestaltete sich ausgeglichener, Schalke kam gut aus der Abwehr heraus, bekam den Ball häufiger im Offensivdrittel unter Kontrolle. Fast zwangsläufig kam Schalke zu Chancen und zum Ausgleich, fast als sei es nur eine Frage der Zeit gewesen.

So fühlte es sich für mich auch zur Halbzeit an: Als sei es nur eine Frage der Zeit. Schalke war nun im Spiel. Taktisch gestaltete sich die Partie ausgeglichen. Am Ende würde das Plus an individueller Qualität dieses Spiel für Schalke entscheiden, so meine Überzeugung. Aber so kam es doch nicht, denn Schalke lies nach.

In den allermeisten Fällen halte ich es für falsch, wenn nach schlechten Ergebnissen der Vorwurf gemacht wird, die Mannschaft hätte nicht genug gekämpft. Meistens ist das zu simpel gedacht, häufig verpufft der Kampf des Einzelnen in Lücken des mannschaftlichen Getriebe, dann haben die Spieler nicht nicht, sondern nur falsch gekämpft. In dieser zweiten Halbzeit in Bremen sah es für mich aber tatsächlich so aus, als hätte es Schalke an Intensität gefehlt.

Nach einer Woche Pause seit dem letzten Spiel sollte es nicht an fehlender Kraft gelegen haben. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Schalke nach der Niederlage Leverkusens am Freitag mit einem Punkt zufrieden war. Schalke spielte faul und wurde darüber schlecht. Statt ordentlich aufzubauen und nachzurücken wurden lange Bälle geschlagen und man blieb zurückgezogen. Im Grunde spiegelte Schalke den Fehler Bremens aus der ersten Halbzeit und lies dem Gegner zu viel Raum.

Was Schalke fehlte, bot Werder. Mit großem Aufwand und leidenschaftlichem Spielstil machte Bremen Druck, angetrieben von dem Gespür, dass es den Blauen in diesem Spiel doch an einigem fehlte zu einer Spitzenmannschaft, die sie qua Tabelle doch eigentlich sind. Am Ende hätte Werder einen Sieg durchaus verdient gehabt. Mit Mühe und Not verteidigte Schalke aber den einen Punkt.

Es lebe hoch, das Web 0.4!

Am 04.04. vor 04 Jahren erlebte das Web 0.4 seinen Gründungstag! Dieses Datum wurde mir jedenfalls von einem Mitautoren zugetragen. Wie überhaupt solche Daten zugetragen und derart schön sein müssen, passend.

Ob das so vollkommen richtig ist, daran kann man zweifeln, wenn man vergeblich nach einem Text vom 04.04.2010 sucht, andererseits aber ältere Einträge findet. Zu pingelig sollte man da aber nicht sein. Schließlich weiß auch kein Mensch, wann genau einst der FC Schalke 04 als Westfalia Schalke gegründet wurde, der 04. Mai als Geburtstag wurde schließlich nur gut erfunden.

Was ich hingegen noch ziemlich genau weiß ist, dass das Web 0.4 ursprünglich kein Blog, sondern eine Community, ähnlich einem Forum sein sollte. skAndy, der Gründer des Ganzen, lud mich damals ein, dort mitzudiskutieren. Dem kam ich letztendlich nicht nach, weil ich selbst gerade deshalb in die Blog-Szene gefunden habe, weil ich von der Form der Foren die Nase voll hatte. Umso erfreuter war ich, als das Web 0.4 dann doch als Blog erschien.

Heute ist das Web 0.4 auch als Blog längt „Community“, mit verschiedenen Autoren und einer Vielzahl regelmäßiger Kommentatoren, mir Fanshirts und Schals. Und es ist alles das, was mein Königsblog nicht ist: Emotional, witzig und musikalisch. Zum gleichen Thema und doch anders, weshalb es für mich auch nach 04 Jahren noch wichtig und interessant ist. Gäbe es das nicht, skAndy müsste es erfinden.

Herzlichen Glückwunsch, alles Gute, und immer schön dranbleiben, Web 0.4!

Saisonendspurtstartschuss

Nur noch 6 Spiele. Schalke 04 kann sich aus eigener Kraft zum dritten Mal in Folge für die Teilnahme an der Champions League qualifizieren. Wenn es weiter so läuft wie bisher wäre für Jens Kellers Team sogar noch ein Clubrekord möglich.

Aus den bisherigen 11 Bundesligaspielen dieser Rückrunde holte Schalke 26 Punkte und steht nun mit 54 Zählern auf Rang 3. Der Rückrunden-Schnitt von 2,36 Punkten pro Spiel ist grandios. Auf eine komplette Saison berechnet wäre man mit einem solchen Schnitt in den 18 Jahren seit Einführung der 3-Punkte-Wertung 16 Mal Meister geworden.

Nun geht es aber nicht um die ganze Saison, sondern nur noch um 6 Spiele. Hält Schalke diesen Schnitt, und holt aus den verbleibenden Begegnungen noch 14 Punkte, käme man am Ende auf 68 Zähler: Mehr hat keine andere Schalker Mannschaft seit Einführung der 3 Punkte-Wertung erreicht! Rechnet man die Punkte aus den Jahren vor der Einführung der 3 Punkte-Wertung um, war sogar nur die legendäre Mannschaft von 1972 erfolgreicher.

Solch eine Betrachtung kann einen durchaus zum Ohrenschlackern veranlassen. Auch abseits der Zahlen ist diese Rückrunde ja gut. Sieht man mal von der meines Erachtens allzu devoten Einstellung im Spiel gegen Bayern München ab, und lässt man die Champions League-Begegnungen gegen das übermächtige Real Madrid außen vor, hat Schalke kein einziges Rückrundenspiel wirklich schlecht gespielt.
Diese Wendung zum Guten kam plötzlich und war nicht abzusehen. Die Vorsaison war, trotz Platz 4 auf den letzten Drücker, mit 55 Punkten und sehr schwankenden Leistungen doch recht mau. Auch in der Hinrunde der laufenden Saison bot die Mannschaft noch regelmäßig schwere Kost, selbst noch am letzten Spieltag vor der Winterpause, beim 0:0 in Nürnberg.

Aber man gab Jermaine Jones ab und wertete mit Prince das defensive Mittelfeld auf. Ralf Fährmann wurde zu einem Top-Torwart und Klaas-Jan Huntelaar traf wieder. Um diese drei Pfeiler – Fährmann, Prince und Huntelaar – rankt sich die junge Mannschaft und wächst in rasender Geschwindigkeit. Die individuellen Fehler in der Defensive wurden dramatisch reduziert, Schalkes Spiel wird zusehends besser und statt die Vielzahl verletzter Spieler zu beklagen wird der eigene Nachwuchs gefeiert. Toll!

Nur noch 6 Spiele. Ich freue mich auf jedes einzelne. Das hätte ich Weihnachten nicht für möglich gehalten.

Schalke macht den nächsten Schritt

Obwohl unser Trainer Jens Keller vor dem Spiel nicht weniger als elf Ausfälle verkraften und seine Mannschaft dementsprechend umbauen musste, konnte Schalke 04 mit einer jugendlichen Mannschaft gegen „die alte Dame“ Hertha BSC mit 2:0 den nächsten Heimsieg einfahren.

Vor dem Spiel suchte ich im Regelwerk des DFL schon mal danach, wie viele Spieler noch ausfallen müssten, damit Schalke eine Spielverlegung beantragen kann. Kaan Ayhan, seines Zeichens Nachwuchsspieler mit der Erfahrung zweier Bundesligastartelfeinsätze, konnte aber eben doch auflaufen. Das Verrückte daran ist wohl eher, dass Schalke-Fans in ganz Deutschland ein erleichternder Seufzer über die Lippen ging, als man davon erfuhr. So rückte lediglich Chinedu Obasi in die Startelf und Leon Goretzka konnte zum ersten Mal in einem funktionierenden Team auf seiner Paradeposition im zentralen Mittelfeld spielen.

Die ersten Minuten zeigten direkt, an welche Leistung die „Schalker Rasselbande“ (© Jens Keller) anknüpfen wollte und auch anknüpfte. Wie zuvor im Revierderby presste man aggressiv nach vorne und drückte den Gegner weit in dessen Hälfte. Im Unterschied zum Derby konnte der Gegner allerdings kein Mittel dagegen finden und wurde im Pressing mehr oder weniger erdrückt. Schalke schob dazu weit vorne bereits auf die Gegenspieler. Obasi und Draxler zum Beispiel verfolgten die Außenverteidiger Berlins bis weit in deren Hälfte, auch Hoogland und Kolasinac kannten keine Grenze bei der sie stoppten und deckten ihre Gegenspieler eng. Der entscheidende Punkt war jedoch die Laufbereitschaft aller Beteiligten. Nach jedem Hertha-Pass verschob sich unser Team mit intensiven Läufen um den Ballführenden um seine direkten Anspielstationen unter Druck zu setzen. Insbesondere die offensiven Spieler waren sich nicht zu schade, den Herthanern hinterherzugehen und aus einer weiteren Richtung Druck zu machen. Weil Goretzka und Neustädter zudem eine traumwandlerische Sicherheit bei der Besetzung von kritischen Räumen zeigten, konnten viele Zweikämpfe scheinbar einfach gewonnen und zahlreiche Fehlpässe erzwungen werden.

Leider schien es zunächst so zu sein, als sei man vor lauter Einübung des Pressings noch nicht dazu gekommen, was man mit einer Balleroberung in der gegnerischen Hälfte so anfängt. Man fühlte sich ein wenig an die Anfangsphase der Saison erinnert, wenn man sah wie hilflos das Zusammenspiel vorgetragen wurde. Da wurden Bälle zu lange gehalten, sich zielsicher an die Seitenlinie kombiniert oder der Klassiker „Einer hat den Ball, alle rennen weg“ aufgeführt. Es schien fast so, als spiele die Hälfte der Mannschaft im Kopf einen Konter aus und die andere einen normalen Spielaufbau. Besonders Huntelaar und Meyer schienen den Ball lieber erst noch zwei bis drei Sekunden am Fuß behalten zu wollen bevor sie ihn wieder abgaben. Die Hertha nutzte diese Zeit dagegen um ihre zwei Viererketten wieder aufzubauen. Stand der Gegner erstmal sicher, fiel unserer Mannschaft auch recht wenig ein. Positionswechsel, um den Gegner mal aus der Ordnung zu bringen, wie wir sie gegen Braunschweig noch einige Male gesehen haben, gab es keine.

Aus den zahlreichen Balleroberungen konnte man also in der ersten Halbzeit keinen Profit schlagen, zum Glück gelang dies beim Spiel von hinten heraus in der 16. Minute. Zu dem Zeitpunkt hatte sich Kaan Ayhan bereits einen dicken Bock geleistet als er, Joel Matip und Ralf Fährmann das Spiel von hinten aufbauen wollten. Im Gegensatz zu Timo Hildebrand nach seinem Chelsea-Fauxpas behielten die nun Beteiligten jedoch die Nerven und nutzten fortan eben nicht die „sichere“ Variante des Nach-vorne-Bolzens. Ayhan spielte den Ball sauber zu Ralf Fährmann zurück, dieser umspielte Ramos mit einem Pass auf Matip (ermöglicht dadurch, dass Joel diesen Ball auch haben wollte und sich entsprechend freilief). Zu diesem Standpunkt formierte sich Schalke in der Offensive sehr weit gestreckt und schuf so im Zentrum weite Räume. Die Außenverteidiger agierten enorm hoch und breit, die offensiven Spieler drückten die gegnerische Abwehr weit nach hinten. Die Folge war ein fast schon verwaistes Zentrum in das Joel Matip ungehindert bis zur Mittellinie vorstoßen konnte. Nachdem er deutlich sichtbar mehrere Varianten evaluierte entschied er sich für die öffnende Seitenverlagerung auf Chinedu Obasi. Der nutzte die Unkonzentriertheit der Herthaner dann eiskalt aus und markiert das 1:0.

Leider ließ neben der Intensität des Pressing auch das Aufbauspiel zunehmend nach. Mehr und mehr ließ man die Bälle einfach von Ayhan oder Fährmann nach vorne schlagen und positionierte sich nicht mehr für das Aufbauspiel. Das Spiel verflachte dadurch immer mehr, zusätzlich wurden sehr viele Fouls gespielt, was den Spielfluss vollends zum erliegen brachte. Nachvollziehbar war für mich dabei, dass man diese Form des Pressings nicht über 90 Minuten würde durchhalten können. Weniger nachvollziehbar war, wieso man darauf verzichtete geordnet aufzubauen. Mit Ayhan und Matip standen zwei sehr sichere Passspieler auf dem Feld und auch unser Mittelfeld war offensichtlich in guter Verfassung. Dies gilt umso mehr, da sich die Hertha gut eingestellt zeigte was lange Bälle anging, und es dann schaffte, den Ball auch selbst über mehrere Stationen zu kontrollieren. Folgerichtig hatte Schalke nach dem Tor keinen gefährlichen Abschluss mehr in Halbzeit Eins.

Die Gäste hingegen entschieden sich, wenn sie die Zeit dazu hatten, meist für lange Bälle auf ihre Stürmer. Nachdem Ramos gegen Matip keinen Stich machte (und auch nicht mehr machen sollte) visierten die Berliner zunehmend das Pärchen Ayhan-Wagner an. Dadurch konnte Berlin wenigstens ab und an gefährliche Szenen kreieren, teilweise auch, weil Kolasinac in Strafraumnähe die Bissigkeit, die er beim Pressing an der Mittellinie noch eindrucksvoll unter Beweis stellte, komplett abging, und gar zu passiv zuschaute wie geflankt bzw. geschossen wurde.

Zum Glück schien Jens Keller in der 15-minütigen Halbzeitpause noch eine Sonderlektion „Umschaltspiel nach Ballgewinn“ eingeschoben zu haben. Krankte das Spiel davor noch an zu wenig Direktheit, zeigte man sich danach sehr viel zielstrebiger. Balleroberungen wurden dementsprechend wie Konter gespielt: Ball erobern, Ball behaupten und weiterleiten, Steilpass, Abschluss. So war es bereits nach nicht einmal einer Minute zu sehen: Wieder zog man das Pressing auf, in der Intensität wie zu Beginn des Spiels. Auch wenn Kaan Ayhan den Ball letztendlich erobert, indem er den Gegner bis in die eigene Hälfte verfolgt, hatte doch Leon Goretzka großen Anteil daran, der sich in den Sekunden davor geschickt bewegte, Räume verknappte. Dadurch zwang er die Hertha in die enge Situation, welche die Balleroberung ermöglichte. Danach war er direkt anspielbar und leitet den Ball vertikal auf Chiedu Obasi weiter (und spielt z.B. nicht den überflüssigen Seitenwechsel ganz links raus). Obasi zeigt gutes Timing beim Steilpass, und Huntelaar weiß eben wie man Tore schießt.

Nach dem Treffer spielte Berlin etwas offensiver, was den Schalker Kontern mehr Raum und Zeit gab. Aus taktischer Sicht wurden die Konter richtig gespielt: Das Spiel wurde beschleunigt, Querpässe vermieden und der riskante Steilpass gesucht, um trotz Unterzahl in gefährliche Situationen kommen zu können. Leider versuchten es Max Meyer und Julian Draxler einige Male gar zu offensichtlich, die Gasse zwischen Innen- und Außenverteidiger zu finden.

Individuell schien Obasi neue Batterien eingesetzt bekommen zu haben. Waren seine Dribblings in Hälfte Eins oft noch pomadig anzusehen, zeigte er in Hälfte Zwei wieso wir uns freuen können ihn im Kader zu haben, und wieso er von seinen Fähigkeiten eher auf die Rechtsaußen-Position gehört als Leon Goretzka.

Der Hertha dagegen gelang aus dem Spiel heraus kaum etwas. Bis circa zur 70. Minute gingen die Gäste im Pressing unter, dann ließen die Kräft bei den Königsblauen merklich nach. Das einzige Kapital, was Hertha daraus schlagen konnte, war jedoch der Versuch Standards schon aber der Mittelinie zu „ziehen“. Ohne Vertrauen in den eigenen Spielaufbau wurden lange Bälle in den Strafraum geschlagen, immer auf den „Lucky Punch“ hoffend, der dieses Spiel nochmal hätte spannend werden lassen können. Ironischerweise gelang dies sogar noch. Ich weiß immer noch nicht, was der Schiedsrichter abgepfiffen hat, als er Herthas Treffer in der 81. Minuten die Anerkennung verweigerte. So aber blieb es beim 2:0.

Auch wenn Hertha danach noch einen Abschluss von Ramos verzeichnen konnten, waren die spielerischen Offensivbemühungen der Berliner ähnlich harmlos wie die der Braunschweiger. Obwohl Schalke sichtlich erschöpft war und um jeden Meter kämpfen musste, hatte man doch irgendwie das Gefühl, das Spiel klinge in den letzten Minuten so langsam aus. Martin Max als Co-Kommentator war hörbar aufgeregt als sein Filius eingewechselt wurde, und die Mannschaft musste nach dem Abpfiff erstmal mehrere Minuten verschnaufen, bevor man sich zur Nordkurve schleppen konnte.

Eine ganz hervorragende Leistung zeigte für mich Leon Goretzka. Zum ersten Mal konnte ich nachvollziehen, warum um ihn ein solches Tohuwabohu veranstaltet wurde. Im zentralen Mittelfeld verband er ein kluges Stellungsspiel mit aggressiver Zweikampfführung. Obwohl er so erstmals mit Roman Neustädter zusammenspielte, profitierten beide voneinander, dominierten das Zentrum und präsentierten sich in der Abstimmung so stark, als spielten sie seit der U16 zusammen. Nach vorne zeigte er ein gutes Auge für den zu bespielenden Raum und ein paar starke Dribblings. Besonders an den Dribblings stach heraus, wieso er ein zentraler und kein Flügelspieler ist. In Jefferson Farfans Lieblingssituation namens „Wir wissen beide, dass ich gleich ein Dribbling starte“ kommt Leon nicht am Gegenspieler vorbei. Hat er dagegen im Mittelfeld die Option, auch den Pass zu spielen, kann er die die Gegner durch sein Vorbeiziehen überraschen.
Joel Matip spielte Ramos schlicht an die Wand! Gefühlsmäßig waren die einzigen verlorenen Zweikämpfe jene, die der Schiedsrichter unverständlicherweise als Foul abpfiff. Aber da solche Leistungen eher Regel als Ausnahme bei ihm sind, überrascht das ja niemanden mehr.

Alles in allem spielte Schalke ein starkes Pressing, so stark wie ich es bei unserer Mannschaft selten bis nie gesehen habe. Bereits gegen Braunschweig und Dortmund konnte man sich dahingehend verbessert und gut zeigen, ich würde dieses Spiel gegen Hertha allerdings als die definitive Etablierung ansehen. Dabei ist es klar, dass ein solches Pressing nicht über 90 Minuten aufrecht erhalten werden kann. Letztendlich zeigte man in beiden Hälften ein Drittel hochintensives, ein Drittel mittelstarkes und ein Drittel wenig Pressing. Wie man mit den vielen eroberten Bällen denn nun umgehen soll wusste man dagegen (zu) lange nicht. Erst nach der Halbzeit schienen alle Spieler der gleichen Marschroute zu folgen. Dadurch verlor das Spiel zwischendurch immer mal den Faden, und es tat sich längere Zeit nichts in den Strafräumen. Vergleicht man diese Leistung mit dem, was wir in der Hinrunde ansehen (des Öfteren auch ‚ertragen‘) mussten, ist der spielerische und mannschaftstaktische Fortschritt sehr deutlich zu erkennen, und ein großes Lob geht an dieser Stelle an das Trainerteam um Jens Keller. Letztendlich macht Schalke also sowohl auf der taktischen Ebene als auch im Kampf um die Champions League Plätze genau einen, wenn auch großen, Schritt nach vorne. Deshalb bin ich auch guter Dinge, dass bis zum Saisonende die nötige Menge an weiteren Schritten auch noch stattfindet.



PS: Wenn man sich anschaut, welche Spieler von Schalke für die neue Saison als interessant erachtet wurden oder werden (Sam, Firminho, Hahn), fällt auf, dass dies genau solche Hochtempospieler sind, welche in vielen Szenen des Spiels gegen Hertha BSC ihre Stärken hätten ausspielen können …