Der Zeigefinger des „kicker“

… ist wenig gerade.

In einem Text über „Avdijajs Absturz“ bemerkt Thiemo Müller, dass auch der FC Schalke 04 eine Mitschuld an der zuletzt eher enttäuschenden Entwicklung des königsblauen Talents habe. Die bestätigte 49 Millionen Euro-Ausstiegsklausel hätte den Jungen in Boulevardzeitungen zum „49-Millionen-Bubi“ werden lassen, hätte ihn als „wertvoller als Julian Draxler“ markiert und einen Hype geschürt, der letztlich zur Last geworden sei.

Man kann durchaus der Meinung sein, dass Thiemo Müller damit Recht hat. Dass aber nur einen Zentimeter unter Müllers Text ein Video zu Donis Avdijaj mit dem Titel „Der Unfall des 49-Millionen-Mannes“ angepriesen wird zeigt, dass auch bei kicker genommen wird was kommt, um irgendwie Content zu produzieren, dass man sich jeglichen moralischen Unterton sparen und auf die Abgrenzung zu „dem Boulevard“ getrost verzichten kann.


Zu Gast im 19Uhr4-Hangcast

In der Regel einmal wöchentlich tauscht sich eine wechselnde Besetzung über das Geschehen auf Schalke aus, nimmt sich dabei auf, sendet es zunächst live ins Internet und stellt es später auf einer eigenen Webseits zum Nachsehen oder auch nur Nachhören zur Verfügung. „19Uhr4, der Schalke Hangcast“ nennt sich das Ganze. Gestern durfte ich erstmals als Gast dabei sein.

Dabei ging es – wen wundert’s – vor allem um die Niederlage in Leverkusen. Wer hier in meinem Blog Texte und Kommentare mitliest hat von mir wohl nichts Überraschendes zu hören bekommen. Aber gerade Tobi, neben Max der andere zur regelmäßigen Besetzung gehörende Mann im gestrigen Trio, ließ sich nicht von meiner Nüchternheit einfangen, war einfach zu enttäuscht vom Schalker Spiel.
 
 

 
Lieber nur hören statt mit Gesichtern?

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Weitere Links:

Die Webseite zum Hangcast ist unter 19uhr4.de zu finden.
Die Audioversionen der 19Uhr4-Reihe lassen sich als Podcast-Feed abonnieren, hier.
Tobi ist bei Twitter, hier.
Max ist natürlich auch bei Twitter, hier.
Der von mir zu Beginn erwähnte, formidable Leverkusen-Podcast „Neverkusen“ ist hier zu finden.
Und das von mir dabei getrunkene „Beer Of The World“ war übrigens ein Laguna IPA von BrauKunstKeller, während sich Tobi und Max clubsponsorengerecht an Veltins hielten.

Schalke ist jetzt anders nicht komplett

Schalke 04 verliert in Leverkusen 1:0. Für alle Schalke-Fans ein enttäuschendes Spiel, weil die Blauen nur defensiv und somit eben eindimensional auftraten – auch noch nach dem Rückstand.

Bis zur Halbzeit ging es mir mit diesem Spiel eigentlich noch recht gut. Schalkes Abwehr funktionierte, Leverkusen kam lediglich nach einem Fehlpass Draxlers zu einem gefährlichen Abschluss. Ein Abschluss mehr, als Schalke zu verbuchen hatte, trotzdem gab es einige Situationen, die, besser ausgespielt, zu Chancen hätten werden können. Man sah wie es hätte gehen könnte.

Letztlich war es ein unnötiges Foul von Kaan Ayhan, das zu dem entscheidenden Freistoß zum 1:0 für Bayer führte. Aber das Ergebnis darauf zu reduzieren wird dem Spielverlauf nicht gerecht. Leverkusen war im Kleinen besser und im großen Ganzen kompletter.

Dass Schalke mit dem extremen Pressing Leverkusens Schwierigkeiten haben würde, war seit Saisonbeginn klar. Schalke tut sich mit dem Spielaufbau aus der Abwehr seit langem schwer, erst recht wenn Joel Matip nicht auf dem Platz steht. Leverkusen setzte jeden ballführenden Schalker sofort unter Druck. Diesem Druck hielt der jeweilige Schalker selten stand und die Unterstützung war nicht gut organisiert. Es fehlte an Präzision und die Offensivspieler waren häufig allein auf weiter Flur.

Dass Schalkes Spiel nicht komplett sei, dass Schalke nur 50% gut könne, formulierte ich bereits nach dem letzten Spiel unter Jens Keller. Daran konnte sich in 18 Tagen seit dem Trainerwechsel nichts Grundlegendes ändern. Roberto Di Matteo hat bislang lediglich die Prioritäten verschoben. Jens Keller bemühte sich stets um das Offensivspiel und bekam nie die Probleme in den Griff, die seine Mannschaft beim Umschalten in die Defensive nach Ballverlusten hatte. Roberto Di Matteo konnte das sofort verbessern. Ob er darauf aufbauend auch ein gutes Offensivspiel entwickeln kann, ob Schalke also demnächst wieder „komplett spielen wird“, bleibt abzuwarten. Leverkusen war Schalke in der Entwicklung zu gutem Fußball jedenfalls um einiges voraus.

Gut so, denn nicht gewinnen ist auch Kappes

Guten Güte, welch ein Spiel! Schalke schlägt Sporting Lissabon im so wichtigen dritten Champions League-Spiel mit 4:3. Nach 1:0 Rückstand, nach 3:1 Führung, nach 3:3 Ausgleich, am Ende mit mehr Glück als Verstand. Ich jubelte letztlich trotzdem laut und erlöst.

Über die ganze Spieldauer war Schalkes Defensive wackelig. Roman Neustädter hatte einen furchtbaren Tag erwischt und auch Marco Höger bügelte wenig aus. Ohne ihre Hilfe sah auch die Innenverteidigung schlecht aus. Was gegen Hertha am besten funktionierte, die Absicherung des Zentrums, funktionierte in diesem Spiel überhaupt nicht.

Trotzdem: Nachdem sich Schalke nach dem 0:1 Rückstand sofort einige Chancen erspielte, war ich eigentlich schnell der Überzeugung, dass Schalke das Spiel gewinnen würde. Man agierte mit hohen Diagonalpässen und machte das Spiel breit. Das war ein geeignetes Mittel gegen die eng gestaffelte Abwehr, das sorgte gleich mehrmals für Raum, der zu Abschlüssen genutzt werden konnte. Der Platzverweis spielte Schalke dazu in die Karten, die Tore fielen, das Spiel hätte ein souveränes Ende haben sollen …

Aber Schalke spielte schon vor der eigenen Führung nicht mehr gut. Zum einen waren die eigenen Aktionen zu langsam, zum anderen ließ man dem Gegner nach Ballverlust zu viel Raum.
Diagonalpässe sollen das Spiel schnell verlagern. Wenn zuvor aber ein ballführender Spieler in die entsprechende Richtung läuft, in die gleiche Richtung einen Kurzpass spielt und erst der zweite Spieler den Ball lang macht, hat das keinen Witz mehr. So hätte Sporting auch noch rechtzeitig verschoben, wenn sie nur mit 7 Spielern auf dem Platz gestanden hätten. Ging der Ball verloren, zog sich Schalke schnell zurück. Sich nicht auskontern lassen war wohl die Maxime, aber so bot man Sportling viel Luft, verpasste es, Druck aufzubauen.

Ein 3:1 sollte man verteidigen können, erst recht gegen 10 Mann. Das Abwehrverhalten nach dem Anschlusstreffer durch Elfmeter war allerdings pures Chaos. Wie Uchida beim Ausgleich der Ball auf der Linie in Zeitlupe durch die Beine rutschte: Es hätte kein symbolischeres Bild geben können.
Dass Schalke danach nicht blindlings nach vorne stürmte war sicher richtig. Noch war eine Viertelstunde Zeit, außerdem hatte man ja tatsächlich beim Stand von 3:3 noch einen Punkt zu verlieren. Wie Schalke dann aber die letzten vielversprechenden Situationen ausspielte war schon übel. Wie ein Eckball, als vermeintlich letzte Chance des Spiels, halbhoch auf den Gegner gepöhlt wurde, war grausam anzuschauen.

Aber dann dieser Ball im Strafraum. Der Schiedrichter ließ weiterspielen, das Stadion schrie. Dann doch noch der Pfiff, der ausgestreckte Arm Richtung Punkt. Mein Platz war am anderen Ende des Feldes. Später hörte ich im Radio, dass es kein Handspiel gewesen sei. Mir ist es egal. Nach dem Hin und Her dieses Spiels war diese Entscheidung, der verwandelte Elfmeter, eine Erlösung! Ja, Schalke hat nicht gut gespielt, das kann ich so einschätzen, auch unabhängig vom Resultat. Unabhängig vom Spiel freue ich mich aber auch immer über das richtige Ergebnis.

Das ist es, was bleibt. Ein aufregender Abend, drei Punkte und der vorläufige Platz 2 in Champions League-Gruppe G.

Das „Naja-Erstmal-Aber“-Debüt

Beim Debüt von Trainer Roberto Di Matteo gewinnt Schalke 04 gegen Hertha BSC mit 2:0. Ein tolles Ergebnis nach einem eher langweiligen Spiel. Im Stadion war man sich sowohl darin einig, gute Ansätze gesehen zu haben, als auch in der Hoffnung, dass es wirklich nur Ansätze waren.

Da war er nun, der neue Coach, und das Schalker Volk war neugierig und interpretationswütig. Schon als er den Arena-Innenraum betrat. Anzug oder Trainingsklamotten? Anzug, aber ohne Schlips! Ein Mann schwacher Kompromisse, dieser Di Matteo? Ein Trainer für Chelsea-Champions League-Gemauer? Mehr Taktikriese als Jens Keller? Kommunikator, Motivator oder doch nur Moderator?

Es ließ sich gut an, in der Anfangsphase. Schalke öffnete wiederholt mit Diagonalpässen das Feld, erspielte sich gute Chancen. Um mich herum machte sich Zufriedenheit breit. Schalke ging in Führung, Coach Di Matteo zuckte nur kurz mit den Fäusten und ordnete gleich wieder seine Mannschaft. Überhaupt, dass er fast 90 Minuten am Rand seiner Coaching-Box stand und dirigierte, mochte man um mich herum.

Dass er im Verlauf des Spiels vor allem die Defensive dirigierte, forderte allerdings flott das eine oder andere „Naja“ heraus. Man wollte ja nicht moppern, erst recht nicht nach dem 2:0, aber schön war das nicht, bemerkten nicht wenige. Gut, er trägt Anzug, aber wenn Schalke nun immer so spielen würde, dann wäre das ja wohl auch nix.

Tatsächlich tat Roberto Di Matteo lediglich wie angekündigt. Schon in der ersten Pressekonferenz sagte er, dass man zunächst die Probleme in der Defensive angehen müsse. Schalkes große Schwäche in der bisherigen Saison war das Umschalten in die Defensive nach Ballverlust. Gegen Hertha kam Schalke stets schnell hinter den Ball. Man formierte sich in zwei Viererketten, ähnlich wie unter Jens Keller, aber enger gestaffelt. Benni Höwedes zeigte sich als Abwehrchef und hielt seine Nebenleute wiederholt zum Aufrücken an, sorgte dafür, dass Lücken geschlossen wurden.

Dieser Kompaktheit wurde das Offensivspiel untergeordnet. Nach guter Anfangsphase war Schalke den Großteil der Spielzeit mit der defensiver Kontrolle des Spiels beschäftigt. Sehr erfolgreich. Zwar schoss Berlin noch einige Male aufs Schalker Tor, in der Regel aber aus der Distanz. Die Qualität dieser Herthaner „Chancen“ war niedrig, Schalke lies dem Gegner im eigenen Abwehrdrittel keinen Raum.

Dass das Spiel nicht „spektakulär“ war, dass die Spielweise noch verbessert werden kann, räumte Roberto Di Matteo nach Abpfiff selbst ein. Dass er sich und seine Mannschaft für diesen ersten Erfolg nicht vorbehaltlos bejubelte ist schön und macht Hoffnung. Nach der 1:4 Niederlage gegen Mönchengladbach bemerkte Eric Maxim Choupo-Moting, dass man die vorhandene Qualität nicht auf den Platz bekäme, dass man „bei den Basics anfangen“ müsse. Damit hat Roberto Di Matteo nun begonnen. Wohin das führt bleibt abzuwarten.

Tönnies setzt auf Gewöhnungseffekt

Clemens Tönnies gibt sich gerne hemdsärmelig, manchmal polternd. Einer, dem man seine Leidenschaft für die Dinge durchaus abnimmt, dessen Art stets ein Basta impliziert und der am Ende gerne selbst „die Kuh vom Eis holt“. Es wäre falsch, zu glauben, dass dieser Mann irgendwas aus Versehen tut oder sagt.

Nun gab er Sportbild ein Interview. Die Liga verändere sich, stellt er dabei mit Verweis auf von Investoren unterstützte Clubs fest. Man müsse beobachten, ob sich daraus Handlungsdruck für Schalke 04 ergäbe. Selbstverständlich müssten dies am Ende die Mitglieder entscheiden. Er liebe Schalke wie es ist. Ausdrücklich und als Aufsichtsratsvorsitzender ganz offiziell schloss er damit eine Veränderung der Rechtsform des eingetragenen Vereins Schalke 04 nicht mehr aus.

Auch die Irritationen, für die er damit beim Anhang des Clubs sorgte, waren sicher kein Versehen, sind letztlich zielführend. Sie sorgen für Diskussionen um ein Schalker Tabuthema und gleichzeitig für einen Gewöhnungseffekt. Diese Diskussionen wird es in Zukunft noch häufiger geben. Basta.

Die Stadt der großen Dramen

Heute spielt die Nationalmannschaft in Gelsenkirchen. Deutschland schaut auf Schalke. Aber auch wenn Gelsenkirchen so sehr mit Schalkes Fußball verbunden ist wie es eine Stadt nur sein kann, ist Gelsenkirchen eben doch noch mehr als Fußball.

Am vergangenen Freitag gab es im WDR-Fernsehen den Film „Heimatabend Gelsenkirchen: Die Stadt der großen Dramen“ zu sehen. In knapp 45 Minuten wird der Bogen gespannt, von den Blütezeiten dieser Stadt, vor dem Krieg und nach dem Wiederaufbau, bis in unsere Zeit. Meines Erachtens sollte man diesen Film gesehen haben. Noch 3 Tage lang gibt es ihn online anzuschauen. Hier.