Irland und die Garnisonssportart

Rugby ist ein Spiel für Raufbolde, das von Gentlemen gespielt wird. Fußball ist ein Spiel für Gentlemen, das von Raufbolden gespielt wird. Gälischer Fußball ist ein Spiel für Raufbolde, das von Raufbolden gespielt wird.

Bis ins 18. Jahrhundert waren Gälischer Fußball und Hurling in Irland weit verbreitet. Als sich der Sport jedoch auf Grund der politischen und ökonomischen Verhältnisse immer mehr zu einer Sache der Oberschicht entwickelte, gingen die Volkssportarten fast völlig unter. Erst im Zuge der nationalen Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein erneuter Aufschwung ein.

1884 gründeten 7 Männer die Gaelic Athletic Association, die GAA, deren Schirmherrschaft von Erzbischof Croke übernommen wurde. Nach ihm ist das Stadion in dem Nord-Dubliner Arbeiterviertel benannt, in dem alle großen Spiele ausgetragen werden. Natürlich nur in den traditionellen Sportarten. Für anderen Sport bleibt der Croke Park verschlossen. Vor allem die englischen Sportarten, Rugby, Fußball, Hockey und Cricket, werden von den Traditionalisten abgrundtief verachtet, hatten aber stets auch ihre Anhänger auf der grünen Insel.

Bis 1971 war es Verbandsmitgliedern streng verboten, sich diese barbarischen Spiele anzusehen, geschweige denn selbst zu spielen. Als der Verband 1993 staatliche Zuschüsse für die Erweiterung des Croke Park beantragte, und man ihm daraufhin nahe legte, die Stadiontore für den immer populärer werdenden Fußball zu öffnen, sagte der Verbandspräsident Michael Lofters entsetzt: „Fußball?! Eine Garnisonssportart in unserem Stadion? Wir haben soviel für die Entwicklung der irischen Gesellschaft getan, dass wir ein Recht auf staatliche Zuschüsse ohne Vorbedingungen haben!“

Für die Garnisonssportart Fußball kam am 12. Juli 1988 der Wendepunkt. An diesem Tag besiegte das irische Team im Stuttgarter Neckarstadion den hohen Favoriten und Erzfeid England mit 1:0. Die erste große Überraschung der Europameisterschaft in der Bundesrepublik war perfekt. Nach dem Abpfiff stieg der durchschnittliche Alkoholspiegel in Irland um mehrere Promille. Die gesamte Nation war zu Anhängern der Boys in Green geworden.

Fußball ist binnen weniger Jahre gesellschaftsfähig geworden. Die Länderspiele sind, selbst wenn es um nichts geht, stets ausverkauft. Zum Leidwesen der Funktionäre fasst das Rugbystadion an der Lansdowne Road, wo die Fußballer mangels Alternative ihre Heimspiele austragen müssen, nur knapp 50.000 Zuschauer. Die Fans sind die besten Europas.

Ihre Begeisterung erinnert an südamerikanische Fußballfeste. Die Anhänger der Gastmannschaften haben in Dublin nicht das geringste zu befürchten, außer vielleicht eine Alkoholvergiftung, wenn sie der irischen Gastfreundschaft zum Opfer fallen.

Bei der WM 1990 wurde die gesamte Nation zu Anhängern der irischen Fußballer, die bis ins Viertelfinale vorstießen. Da es die erste Teilnahme an einer Weltmeisterschaft war setzte ein Massenexodus nach Italien ein. Für die Daheimgebliebenen ließ der Verband in den Ausstellungshallen in Süd-Dublin ein Stadion und ein italienisches Dorf nachbauen. Die Spiele wurden auf vier riesigen Leinwänden übertragen. Sämtliche 6.500 Eintrittskarten waren ausverkauft, trotz des Preises von umgerechnet 25 Euro. Biedere Bankangestellte erschienen in grünen Trikots zur Arbeit, und jedes Wirtshaus auf der Insel hatte für die Dauer des Fußballspektakels großformatige Fernseher aufgestellt. Der Andrang war so gewaltig, dass verschiedene Kneipiers Eintrittskarten an die Stammgäste verteilten. Selbst die Sonntags, zumindest in Dublin, streng gehandhabte Sperrstunde tat der Feier keinen Abbruch. Der Innenminister hatte die Polizei angewiesen beide Augen zuzudrücken. Seine Wiederwahl war damit gesichert.

Die Heimkehr der Mannschaft stellte dann selbst den Papstbesuch und die Visite John F. Kennedys in den Schatten. Eine Millionen Menschen säumten die 10 Kilometer lange Strecke vom Dubliner Flughafen in die Innenstadt. Es war ein Triumphzug: Die Menschen kletterten auf Mauern, Dächer und Bäume um einen Blick auf die Fußballer im offenen Doppeldeckerbus zu erhaschen. Eine alte Dame im Tweedkostüm erklomm gelenkig eine Ampel. Überall tanzten Nonnen auf der Straße. Die Fans winkten mir allem was greifbar war, Fahnen, Hüte, Schals, selbst Kinder und Katzen wurden geschwenkt. Die Spieler heulten vor Rührung wie die Schlosshunde. Die Party zog sich bis in die frühen Morgenstunden hinein.

[Auszüge aus dem (Hör-)Buch „Gebrauchsanweisung für Irland“ von Ralf Sotscheck]

PS:
Regel Nummer 42 der GAA-Statuten verbietet eine Nutzung von GAA-Sportplätzen für ausländische Sportarten. Damit sind vor allem die drei englischen Sportarten Rugby, Fußball und Cricket gemeint, denn in den 1990er Jahren fanden in Croke Park bereits American Football-Spiele statt. Da das Lansdowne Road Stadion bis 2009 komplett umgebaut wird und aus diesem Grund vorübergehend geschlossen bleibt, wurde auf die GAA erheblicher öffentlicher Druck ausgeübt, Croke Park zu öffnen, um dort Spiele der irischen Fußball-Nationalmannschaft und des Rugby-Verbandes zu ermöglichen.

Am 16. April 2005 wurde auf dem Jahreskongress der GAA beschlossen, die Regel 42 temporär auszusetzen und Croke Park für andere Verbände zur Verfügung zu stellen, falls dies von ihnen gewünscht wird. Das Abstimmungsergebnis lag mit 227 gegen 97 Stimmen über der erforderlichen 2/3-Mehrheit. Im Januar 2006 wurde dann bekannt gegeben, dass die GAA eine Übereinkunft mit dem irischen Fußball- bzw. Rugby-Verband über Austragungen ihrer Spiele in Croke Park erzielt hat. Daher werden dort im Jahr 2007 mehrere internationale Fußball- und Rugby-Spiele ausgetragen werden, darunter auch das EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Irland am 13. Oktober 2007.

[Aus dem Wikipedia-Artikel zum Croke Park]



1 Kommentar zu “Irland und die Garnisonssportart”

  1. Trainer Baade sagt:

    Gerade diesen Text zufällig bei den „04 Rückblicken“ entdeckt und gerne gelesen. Dieser Triumphzug in Irland bei der Rückkehr des Teams war mir unbekannt, die Sache mit dem Gälischen Fußball und Hurling nicht. Vielen Dank für diesen schönen Einblick. „Überall tanzten Nonnen auf den Straßen.“

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