Der Weihnachtsmann ist hoffentlich wirklich nicht der Osterhase

Das war sie nun, die Schalker Hinrunde der Saison 07/08. Sie wurde fehleingeschätzt, misslang, und doch geriet der Schaden geringer als befürchtet. Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

Angriff

Die schlechte Chancenauswertung zog sich wie ein roter Faden durch die Saison. In den ersten Wochen erspielte sich Schalke noch Chancen zu Hauf, da war’s ärgerlich. Als das Offensivspiel erst richtig ins Stocken geriet, wurde es tragisch.
Sören Larsen schleppt sich weiter von Verletzung zu Verletzung. Halil Altintop verdiente sich häufig die Bewertung „bemüht“, solange er aber weiterhin regelmäßig Großchancen vergeigt, wird er es nicht zum Publikumsliebling schaffen können. Publikumsliebling Gerald Asamoah trifft zwar auch nicht öfter, aber von ihm scheint es kurioserweise auch niemand zu erwarten.
Peter Lövenkrands ist wohl der Spieler mit dem schlimmsten Leistungsabfall, im Vergleich zur vergangenen Saison. Keine Verteidigung konnte sich leisten, ihn aus den Augen zu lassen, pfeilschnell, mitspielend, ab und an ein Tor schießend, Mr. 4-3-3 in Slomkas Idee von Fußball; bis zur Verletzung in Wolfsburg. Bis heute ist er seit dem ein Schatten seiner selbst.
Und Kuranyi?
Der bleibt das Gesicht des FC Schalke 04. Ab und an tritt er in Uli-Stielike-Gedächtnisklamotten auf und auch er vergibt beste Chancen. Aber er gibt auf dem Platz den Rhytmus vor, setzt die Ziele, die später vom Trainer übernommen werden. Er hat Luft nach oben und bei ihm weiß man sicher, dass es so ist. Auch er ist ein Stück weit von der Spitze entfernt, aber in der entscheidenden Situation ist dennoch er der Schalker, den ich mir am Ball wünsche.

Mittelfeld

Azaouagh galt als Gewinner der Vorbereitung und wurde dann doch selbst in der größten Not nicht eingesetzt. Kobiashvili verletzte sich bei einem Länderspiel und war der erste Fall für die neue Informationspolitik des FC Schalke bezüglich Verletzungen: Mit Bezug auf die ärztliche Schweigepflicht gab der Club keine Auskunft über seine Verletzung. Kobiashvili brachte es nur auf vier Einsätze. Das mit der neuen Informationspolitik hatte sich schneller erledigt.
Grossmüller war ein Schnellschuss. Ursprünglich sollte er erst 2008 kommen. In seinem letzten Einsatz gegen Trondheim fiel er das erste mal positiv auf. Wo auf dem Platz seine Zukunft liegen soll, weiß ich noch nicht.
Bajramovic, Ernst und Jones teilten sich das defensive Mittelfeld. Ernst spielte zu Saisonbeginn stark, wurde später unauffälliger. Ähnlich ist es mit Jones, der sich mit seinem kraftvollen Spiel schnell einen hohen Status bei den Fans erarbeitet hat. Bajramovic kann alles genauso gut wie Ernst und Jones, ist aber der unbeständigste in diesem Trio.
Hauptproblem neben der Chancenverwertung ist das offensive Mittelfeld.
Rakitic, Grossmüller und Özil durften alle mal hinter den Spitzen spielen. Rakitic sah dort noch am Besten aus. Seit dem Heimspiel gegen Chelsea spielten Rakitic und Özil meistens gemeinsam. Egal wie: Keine Lösung erwies sich als für die Ziele des FC Schalke ausreichend.
Und je schwächer die nominell offensiven Mittelfeldspieler agierten, je mehr Ernst und Jones für die Gestaltung des Angriffspiels tun mussten, desto schwächer wurde der einst so starke Devensivverbund.

Abwehr

Der starke Pander fehlte. Auch wenn er mitspielte, fehlte der starke Pander, der auf links für Druck sorgen konnte. Meistens brachten nur seine Freistöße Gefahr. Viel zu oft spielte er aber gar nicht mit. Rafinha spielte immer mit. Sein flottes Fallen und ständiges Meckern geht mir auf den Sack. Dennoch kann ich einen Häkchen hinter seinem Namen vertreten.
Mladen Krstajic fehlte auch viel zu lange. Zum Glück konnte Schalke Heiko Westermann bereits zu dieser Saison verpflichten. Zuerst vertrat er Krstajic, und wusste neben Bordon zu gefallen. Dann ersetzte er Pander auf der linken Außenbahn und beackerte diese unermüdlich. Zudem scheint er lernfähig: Anfangs gab er den Lucio, versuchte durchzukommen und zu schießen. Mittlerweile spielt er mehr mit und ihm gelingen ab und an ordentliche Flanken. Für mich ist Westermann der bislang beste Neuzugang des FC Schalke 04.
Marcelo Bordon begann schwach. Und wenn es nicht gut lief, wurde gemeckert; Gelb. Oder er kam zu spät; Gelb. Er leistete sich unter Druck den einen oder anderen Bock. Zuletzt wurde er wieder besser. Gegen Nürnberg war er stark. Es gibt so Phasen, nur war man sie von Bordon eben nicht gewohnt.

Manuel Neuer

„Ich habe noch nie einen Torhüter erlebt, der nach so einem tollen ersten Jahr ein überragendes zweites hat folgen lassen. […] Irgendwann wollen die Leute nur noch Ergebnisse sehen. Die gestiegene Erwartungshaltung bringt eine ganz neue Drucksituation.“

Jens Lehmann sagte Neuer ein schweres zweites Jahr voraus. Er leistete sich Fehler und muss nun damit leben, dass ihm jeder auch nur theoretisch haltbare Schuss als Fehler angelastet wird. Auch das geht vorbei, und Slomka tut das einzig richtige, in dem er nichts tut, was Neuer von ihm aus überhaupt zu einem Thema werden lassen könnte. Am Ende wird Schalke einen sehr jungen und sehr starken Torwart haben.

Müller, Slomka

Den Abgang Lincolns nicht mit einem erfahrenen Spielern kompensiert zu haben war ein Fehler. Müller glaubte daran, dass es mit dem Haufen Talent, das Rakitic und Özil haben, schon irgendwie gehen würde. Heute weiß er es besser. Mir ging und geht es wie ihm.
Westermann und Jones waren sehr gute Transfers. Auch an Ivan Rakitic glaube ich, wenn auch 5 Mio. Euro für einen 19-Jährigen zukünftigen Star ein ganz schöner Batzen sind. Ob / was aus Grossmüller wird, wird sich zeigen.
Boenisch wurde viel zu überhastet an Werder Bremen verkauft. Nun hat sich Boenisch selbst verletzt und hätte Pander nicht ersetzen können, aber das Problem ist grundsätzlicher. Was Schalke an gelernten Mittelfeldspielern zu viel hat, hat es an gelernten Spielern für die Abwehrkette zu wenig.
Mirko Slomka würde ich mir öfter viel klarer wünschen. Als es in der letzten Saison darum ging, ob Lincoln nach Verletzung wieder in die Mannschaft rücken würde, lies er keine Zweifel aufkommen. Wenn es aktuell um Neuer geht, ist er ebenso deutlich. Ansonsten wirkt er wenig entscheidungsfreudig. In einem Team zu arbeiten, heißt nicht automatisch, das immer nur von „wir“ gesprochen werden muss. Unterstrichen wird das durch die Tatsache, dass sich jeder über alles beschwert. Boenisch hat sich wegbeschwert. Azaouagh wird der nächste sein. Auch Grossmüller und Bajramovic meinten, sich öffentlich beklagen zu müssen, Bordon und Kuranyi wollten den Kader via Zeitung verstärken. Irgendwo rappelt ständig irgendwas. Da fehlt es an Führung.

Ziele und Aussicht

Es soll mindestens der dritte Platz in der Bundesliga und die zweite Runde in der Champions League werden. In der CL ist das erste Ziel erreicht, was folgt ist das Topping. Und obwohl Schalke nur zwei Siege mehr als Rostock, Bielefeld oder Bochum gelangen, ist der dritte Tabellenplatz auch nur 3 Punkte entfernt.
Müller will das Team verstärken. Mit Zé Roberto soll ein spielstarker Offensivspieler kommen, dazu soll noch ein treffsicherer Stürmer geholt werden. Ob auch Streit noch vor der Rückrunde kommt, werden wohl die Ärzte entscheiden.
Um den Kader nicht ins Unendliche anwachsen zu lassen, muss Müller auch Spieler loswerden. Rodriguez und Varela spielten in dieser Saison bislang kaum eine Rolle und ihr Abschied, spätestens zu Saisonende, gilt als abgemacht. Die Verträge mit Asamoah und Bajramovic laufen auch aus. Lövenkrands und Larsen dürften wohl gehen, wenn sich Abnehmer finden ließen – auch der Finanzen wegen, die Dänen sollen dem Vernehmen nach zu den Besserverdienern im Kader gehören.
Solche Transfers lenken den Druck wieder auf Slomka. Schalke will dauerhaft in der Champions League vertreten sein. Dazu braucht es besseren Fußball, als er in der Hinrunde geboten wurde. Und sowohl Zé Roberto, als auch Albert Streit, gelten als schwierig zu führende Spieler.

Es wird wohl nicht ruhiger werden, auf Schalke. Aber irgendwie ist es ja auch genau das. Ma’kucken.



5 Kommentare zu “Der Weihnachtsmann ist hoffentlich wirklich nicht der Osterhase”

  1. kurtspaeter sagt:

    Haben wir nicht vor einiger Zeit im Lokal beschlossen, daß man manchmal einfach nicht mehr sagen kann, weil alles gesagt worden ist und man nichtmal Kontra geben kann?

  2. Herr Wieland sagt:

    REPLY:

  3. kurtspaeter sagt:

    REPLY:
    Na, ich kann dem nichts hinzufügen und auch nicht wirklich kritisieren. Weil ichs gut finde.

  4. Matthias sagt:

    Im Grunde genommen sehen wir vieles sehr ähnlich. In einigen Punkten muss ich dann aber doch meinen Senf loswerden.

    1. Rafinha mag ja ein Spieler sein, der wenn er in einer anderen Mannschaft gegen Schalke spielte, ein Riesenarsch wäre. Aber das war Christian Poulsen auch. Wie Poulsen damals sehe ich heute Rafinha als einen der wichtigsten Spieler auf Schalke. Und gerade in der letzten Zeit hat er ja auch wieder gelernt, wo die Grundlinie ist.

    2. Mir kommt Fabian Ernst bei dir etwas zu schlecht weg. Gerade in der zweiten Hinrundenhälfte wurde er konstanter, besser und wichtiger. Derzeit ist er als Abräumer unverzichtbar. Klar, er hat noch Luft nach oben, aber nur im offensiven Bereich. Defensiv ist er für mich eine Macht. Ist halt nur ne doofe weil unauffällige Position, auf der er spielt. Siehe Christian Poulsen damals.

    3. Rodriguez spielte selten, aber wenn er spielte, war er der mustergültige Mannschaftssoldat. So einen braucht man einfach! Jemand der kein Star sein will und sich den Stammplatz nicht herbeiquatschen möchte. Einfach einer der reinkommt, spielt, solide Leistung bringt und sich dann wieder auf die Bank setzt. Unbedingt halten!

    4. Larsen sofort abgeben – das Experiment ist durch. Lövenkrands hängt davon ab, ob zur Rückrunde ein Spieler kommt, der auch mal den schnellen, feinen Pass schlagen kann. Kommt dieser nicht, muss auch Lövenkrands sofort gehen und Platz im Kader schaffen. Für Halil wird sich derzeit wohl kaum ein Abnehmer finden, also erhält auch er bis zum Saisonende Schonfrist. Kommt er dann aus seinem nun bereits 18 Monate lang andauernden „mentalen Loch“ nicht heraus, schafft er es auf Schalke nie mehr und wird ebenfalls gehen müssen. Ich finde es übrigens zum kotzen, dass sich alle über seine roten Schuhe aufregen. Man darf sich über seine vergebenen Großchancen aufregen (was ich sehr herzlich mache) – aber Kritik a la „Der Fummeltürke mit seinen roten Schuhen“ wie man sie zuletzt öfter im Stadion gehört hat, ist total daneben.

    5. Asamoah unbedingt halten! Nicht nur als Integrationsfigur sondern als sehr wichtigen Spieler. Klar – er ist nicht mehr der schnellste (seine beste Zeit hatte er diesbezüglich vielleicht vor 2 – 3 Jahren), aber er kann Ball und vor allem Gegner binden und ist einer der ganz wenigen Stürmer auf Schalke, die zumindest noch wissen, wo das Tor steht. Warum Müller nicht schon längst verlängert hat ist mir ein Rätsel.

    6. Varela ist sowieso Sportinvalide. Wäre es nicht abartig, ich würde sogar einen nennenswerten Geldbetrag darauf setzen. Den sehen wir leider nie mehr wieder. Sehr, sehr Schade.

    7. Bei Großmüller muss man abwarten, wie er sich jetzt in der Wintervorbereitung integriert. Zumindest wird er bis zum Bayern-Spiel keinen Stammplatz einfordern können. Ein endgültiges Fazit nach noch nicht einmal einem halben Jahr ist mir zu früh.

    8. Neuer sollte ab und an auch mal etwas selbstkritisch sein. Ich werfe ihm nichts vor, aber durch seine manchmal zu selbstsichere und manchmal patzige Art Reportern gegenüber provoziert er geradezu, dass jeder theoretisch haltbare Ball als Fehler ausgelegt wird. Ansonsten entwickelt er sich derzeit einfach weiter – und das ist gut.

    9. Denke ich an Albert Streit, denke ich an Azouagh. Sollte Schalke Streit noch im Winter holen, wäre ich stinksauer. Frankfurt hatte seine Chance im Sommer, ihn für ein angemessenes Entgeld ziehen zu lassen. Wollten sie aber nicht. Warum sollten wir jetzt – wie derzeit in Mainz – Geld für einen Spieler ausgeben, von dem wir gar nicht wissen, ob er direkt bei uns spielen kann. Nee, nee – auch wenn die Ärzte ihn jetzt fitschreiben (was sie damals bei Azouagh ja auch getan haben), der soll noch schön ein halbes Jahr auf der Eintracht-Gehaltsliste stehen bleiben. Wird ohnehin schwer genug, die erwarteen beiden neuen Spieler in der kurzen Vorbereitung einzubauen.

    10. Von Slomka erwarte ich mir jetzt endlich Taten. Er wurschtelt sich von Fast-Entlassung zu Fast-Entlassung. Auch diesmal hatte er blankes Glück. Die spielerische Armut der Hinrunde kreide ich ganz klar nur ihm an. Die Mannschaft entwickelt sich nicht weiter, sondern konstant zurück. Für mich ist er keiner, der Schalke trainieren sollte. Und dabei bleibe ich auch wenn er die CL gewinnt.

    11. Zu den Neuverpflichtungen: Mit dem Ze Roberto werden wir ganz viel „Spaß“ bekommen. Während Lincoln für brasilianische Verhältnisse als beamtenmäßig diszipliniert gilt, ist Ze Roberto bei denen ein absoluter Hallodri (ich beziehe diese Information von einem Freund, der seit vielen Jahren in Brasilien wohnt). Früher oder später macht der Stunk. Wollen wir hoffen, dass er vorher ein oder zwei gute Jahre bei uns spielt. Und dieser neue Uru? Naja, abwarten. In letzter Zeit wurden uns so viele „Topspieler“ vorgegaukelt, dass ich gar nichts mehr glaube, was ich nicht selbst gesehen habe. Ich finde übrigens – und das ist mein voller Ernst und spukt mir bereits seit Saisonbeginn im Kopf herum – dass Podolski zu uns passen würde wie Arsch auf Eimer. Leider ist seit die BILD auf diesen Umstand gekommen ist die Chance eher geringer geworden, dass man ihn von Bayern loseisen könnte.

  5. Herr Wieland sagt:

    REPLY:
    … für den ausführlichen Kommentar!
    Ich denke, dass wir – abgesehen von der Trainerfrage – auch in den Punkten, zu denen Du nun Deinen Senf dazugegeben hast, nicht so weit auseinander liegen.

    Ich sehe Rafinha auch als wichtigen Spieler.
    Das ewige sich fallen lassen und alles beklagen geht mir dennoch gegen den Strich, nicht weil ich der Superfairnessbewahrer bin, sondern weil ich glaube, dass es für das Schalker Spiel schlecht ist. Poulsen ist mit Rafinha da auch nicht zu vergleichen. Der hat hingelangt und eingesteckt, polarisiert. Gegen den ist Rafinha, bei allem Respekt vor seinen fußballerischen Fähigkeiten, ’ne reine Jammerpussy.

    Ernst ist sehr wichtig, sehe ich auch so. Und Slomka wohl auch, denke ich, jedefalls wird an Ernst so wenig gerüttelt wie an Bordon. Mag sein, dass ich da zu wenig individuell auf ihn eingegangen bin.

    Rodriguez stand in Ligaspielen lediglich 183 Minuten auf dem Platz, deshalb gehe ich in diesem „Rückblick“ kaum auf ihn ein. Ja, den könnte man halten, weil alles so ist wie Du schreibst. Aber er will dem Vernehmen nach aus familiären Gründen zurück nach Amerika, und so wird es kommen.

    Und das mit Streit ist auch erledigt, das entscheidet nun Doc Brexendorf, wie ich schon vermutet hatte.

    Asamoah unbedingt halten?
    Ich weiß nicht so recht ob da noch genug Platz für ihn ist, und wenn er dann nicht spielt, kann der schon doof werden; gabs ja schon. Ausserdem wird er auch ganz gut verdienen, bei den letzten Verhandlungen war er noch Nationalspieler, wenn ich mich nicht vertue. Wir werden sehen.

    Achja, und was Podolski angeht, rennst Du bei mir natürlich offene Türen ein!
    Allerdings wird das mit dem loseisen nie was werden, solange Bayern hinter „Kloni“ nur Podolski hat.

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