Das Hymen des Fußballs bleibt unverletzt

Ja, bei der nächsten spielentscheidenden Fehlentscheidung gegen die Blauen werde ich mich natürlich ärgern. Und sicherlich gibt es viele Argumente für einen Chip-Ball oder eine Linienüberwachung: Alleine das Geoff Hursts Nicht-Tor mit dieser Technik als solches erkannt worden wäre, lässt meine linke Gehirnhälfte einen Nick-Reiz auslösen. Aber Trotzdem: Wenn ich in mich hineinfühle bin ich froh, dass das International Football Asscociation Board die Einführung technischer Neuerungen abgelehnt hat.

Ja, der Fußball ist modern geworden, und erfolgreich ist er auch. Um bei Schalke 04 an Karten zu kommen muss man eine Dauerkarte erben oder zumindest Mitglied sein. Um sein Bier zu bezahlen bedarf es einer Chipkarte. Sowohl das Vereinslied als auch das Steigerlied braucht man nicht mehr zu singen, das bloße hochhalten des Schals reicht, denn bei der Lautstärke der Musikeinspielung hört den Gesang eh nur der Nachbar. In der Halbzeit dreht ein mit Werbung beschrifteter Blimp seine Kreise und jeder Freistoß, jede Ecke wird von einer Partnerfirma am Videowürfel präsentiert.

Fans stricken Schals nicht mehr selbst sondern kaufen sich die immer 150 x 17 cm großen Wegwerfprodukte, von denen es zu jedem vermeintlich wichtigem Spiel neue Versionen gibt. Die Arenen sind entweder beheizt oder voll genug, dass es keine Parka mehr braucht um einen warmen Rücken zu haben, also spannt sich ein teuer gekauftes Trikot über die Bierplauze; mit dem eigenen Namen versehen, denn schließlich tragen die Spieler unser Trikot … In jedem Stadion gibt es eine Gruppe Jugendliche, deren Ziel es ist 90 Minuten durchzusingen, die Plakate malen und hübsche Choreographien entwerfen; die sich interessanter Weise als Kämpfer gegen den modernen Fußball verstehen und die doch eigentlich genau diesem dienen, in dem sie den Logenbesuchern die Beschallung und den Fernsehkameras die Bilder liefern.

Der Blick aufs Feld bietet eine Flucht aus der ganzen modernen Scheiße.

Die auffälligste Änderung der letzten 50 Jahre ist die Schienbeinschonerpflicht, die zur Folge hatte, dass kein Spieler mehr mit herunterbammelnden Stützen über den Platz schlufft.

Ist es nicht großartig, dass die Tore noch so groß sind wie eh und je?
Ist nicht jedem klar, dass eine Abschaffung oder gravierende Änderung an der Abseitsregel das Spiel grundlegend verändern – ich würde meinen: zerstören – würde, und dass wir froh sein können, dass sich die Reformer in dieser Frage nie durchsetzen konnten?
Im Prinzip ist es doch romantisch, dass ein gefoulter Spieler auf den Boden fallen muss um einen Freistoß zu bekommen, und dass es einen Strafstoß, wie vor 100 Jahren, nur bei einem Foul im 16er gibt, wo doch die gefährliche Zone heutzutage viel größer ist.

Alle tollen High-Tech-Schuhe haben in der Geschichte des Fußballs keine Spuren hinterlassen und ich finde es großartig, dass das Geschehen auf dem Rasen – bei allem Mist, der um den Platz herum bereits passiert – so erhalten bleibt, wie es seit fast 100 Jahren bestand hat. Ich finde es gut, dass das Spiel der Amateure drei Straßen von hier das gleiche Spiel ist, wie das des Champions League Finale in Moskau. Und ich finde es gut, dass das Finale der WM in Südafrika zumindest insofern mit dem Finale 1956 1954 in Bern vergleichbar ist, da es sich um das gleiche Spiel unter den gleichen Regeln handelt.

Fußball eben. Kein Tennis und kein Cyberball.



18 Kommentare zu “Das Hymen des Fußballs bleibt unverletzt”

  1. Sam sagt:

    Außer mit dem WM-Finale. Das war 1954.
    Aber wie gesagt: wichtige Argumente und noch eine schöne Pointe.
    Glück auf!

  2. verschwender sagt:
  3. moritz sagt:

    naja.. was ist mit der rückpassregel zum torhüter? was mit dem passiven abseits? was damit, dass es erst seit knapp 20 jahren die gelb-rote karte gibt? das sind enorme eingriffe ins spiel, und zumindest zwei davon haben dem spiel wirklich gut getan.

  4. Nick sagt:

    So isses. Fußball ist schon perfekte Unterhaltung, auch, oder gerade weil man manchmal am Spielverlauf verzweifelt. Das ganze Drumherum brauchen wir genauso wenig wie Regeländerungen.

  5. Jo sagt:

    Sicherlich gibt es einige bedenkliche Entwicklungen im Profi-Fußball, aber ich finde es immer bizarr den „früheren Fußball“ in den Himmel zu loben. Gerne vergleichen Schalker die Stimmung in der Arena mit dem Parkstadion, wo angeblich alles so viel besser war – komischerweise können sich aber die Leute, die damals im Stadion waren, nicht an den angeblichen 90-minütigen Dauersupport bei jedem Spiel erinnern….

    Und: Ich habe zwar vielleicht nur die Hälfte der aktuellen Bundesliga-Stadien von innen gesehen, aber beheizt waren davon nur sehr wenige und wenn, dann nur mit sehr rudimentären Heizstrahlern.

    Ansonsten kann ich dem Artikel zustimmen. ;-)

  6. verschwender sagt:

    REPLY:
    aber ne Ecke entspannter…

  7. Adi sagt:

    Moin!

    High-Tech Schuhe haben uns den WM-Titel beschert. Ohne Stollen wär da nix gegangen…;-)

    Lieben Gruß und Glück Auf

  8. nolookpass sagt:

    Eins vorweg: Chip im Ball nein, Torkamera ja. Meine Meinung.

    Aber weder ist das WM-Finale 54 ist das gleiche Spiel mit den gleichen Regeln wie das 2010, noch ist die Kreisliga mit der Champions-League zu vergleichen. Weder vom Spiel her als von den Regelauslegungen.

    Der Blick aufs Feld bietet nur dann eine Flucht aus der ganzen modernen Scheiße (an denen im übrigen alle „Schuld“ haben, die ins Stadion gehen), wenn es sich eben nicht um den Schlafwagenfußball der ach so gloriosen 70er Jahre handelt, sondern um modernen Fußball, der nur durch Rückpassregel, Gelb-Roten Karten, anderem Training, anderer Taktik, professionelleren Bedingungen, Dreipunkteregel uswusf. so geworden ist, wie er jetzt ist.

    Ich möchte in 30 Jahren nicht mehr den gleichen Fußball mit exakt denselben Regeln wie heute. Denn die Menschen ändern sich, das Umfeld professionellen Sports ändert sich, die Beweggründe der Fans, sich dafür zu begeistern ändern sich. Also wird und muss sich der Sport ebenso ändern.

    Es ist keine Frage des ob, sondern des wie. Viele wollen die Torkamera, darunter ein ganzer Haufen fußballverrückter Sportliebhaber. Die Schiedsrichter rennen mit headsets über den Platz, dürfen aber über keine Torkamera verfügen. Fußballromantik hat hier meiner Ansicht nach ein Logikproblem. Ich finde, dass die hohen Herren nur Angst haben, die Kontrolle über die Entwicklung zu verlieren, sonst hätten sie nicht so konsequent Nein gesagt.

    Bonuspunkt: „Das Hymen“ :)

  9. nolookpass sagt:

    REPLY:
    … da fehlt noch so ein /a, sorry.

  10. Trainer Baade sagt:

    Diesen Beitrag wollte ich so ähnlich auch schon längst geschrieben haben. Ich sage jetzt aus Stirnhöhlenentzündungsgründen (aua) nix Differenziertes zu den sinnvollen Änderungen wie der Rückpassregel und auch nix zu den sinnentstellenden Änderungen wie der neuen Auslegung des passiven Abseits, stimme aber auf jeden Fall und unbedingt grundsätzlich in vollem Umfange zu. Besonders der Aspekt, dass das Spiel in der Kreisliga (bis auf die Balljungen) das Gleiche ist wie in der Champions League, hat es mir angetan und das ist auch einer der Schlüssel des Erfolgs.

    Hat jemand schon mal die Kinder aus der Nachbarschaft mit einem Formel-1-Wagen durch die Gassen brettern sehen, als Nachmittagsbeschäftigung?

  11. Herr Wieland sagt:

    Ich möchte bitte nicht als ‚früher war alles besser-Typ’ verstanden werden, das war nicht meine Absicht. Natürlich ist die Arena besser als das Parkstadion. Und natürlich ist der Fußballsport heute dynamischer, und sportliche Entwicklung wichtig, auch wenn sie sich mal in Richtung eines attraktiveren, mal in die Richtung eines weniger attraktiven Fußball bewegt.

    was damit, dass es erst seit knapp 20 jahren die gelb-rote karte gibt?

    Inwieweit die Rückpassregel das Spiel verändert hat, darüber könnten wir sicher ewig diskutieren. Dass die Gelb-Rote Karte das Spiel so gut wie gar nicht verändert hat, finde ich wesentlich eindeutiger. Der einziger Effekt ist, dass in diesen Fällen das Sportgericht nicht tagen muss, um ein Spiel Sperre zu beschließen.

    Headset und das durch die Linienrichterfahne ausgelöste Zitterband um den Arm des Schiedsrichters sind die Kommunikation unterstützender Schnickschnack. Sie ändern im Prinzip gar nichts, ohne diese Mittel müsste der Schiri zum Linienrichter laufen um mit ihm zu sprechen, bzw. müsste der Linienrichter, wenn der Schiri ihn nicht sofort gesehen hat, lange genug mit erhobener Fahne stehen bleiben.

    noch ist die Kreisliga mit der Champions-League zu vergleichen. Weder vom Spiel her als von den Regelauslegungen

    Eine Frage des Niveaus, der Spieler wie der Schiedsrichter. Die Regeln an sich sind aber die gleichen, und hier wie da ist der Schiedsrichter und dessen Wahrnehmung entscheidend. Es ist so, dass den Schiedsrichtern in der ersten Liga keine zu Entscheidungen führenden Mittel zur Verfügung stehen, die es in einer unteren Liga nicht gibt. Das finde ich gut.

    Ich finde, dass die hohen Herren nur Angst haben, die Kontrolle über die Entwicklung zu verlieren, sonst hätten sie nicht so konsequent Nein gesagt.

    Richtig. Aber zu recht, wie ich finde.

    Zum Stichwort Dauersupport [@ Jo] möchte ich auf das schöne Gleichnis von Trainer Baade verweisen: Hier.

  12. verschwender sagt:

    Torkamera, Chip im Ball, Videobeweis. Das ist doch nur was für Heulsusen oder Gerechtigkeisfanatiker.

  13. Oliver Fritsch sagt:

    Ein Einwurf zum Unterschied zwischen Bundes- und Kreisliga: In der Kreisliga gibt es keine Assistenten. Zumindest bei uns in Hessen erst ab Bezirksoberliga (Herren).

  14. Dan sagt:

    REPLY:
    Schöner Beitrag, stimm ich dir zu und:
    Wo sind all die schönen Schnauzbart und Vokuhila Träger hin?

  15. kurtspaeter sagt:

    Das Niveau ist der Unterschied. Ansonsten sollte das Spiel dasselbe sein. Ergo sollte es nicht mit Neuerungen wie Torkamera, Chip im Ball etc die Exklusivität des Profifußballs herausgestellt werden. Wir brauchen nicht noch mehr Unterbrechungen, keiner kann genau sagen, wo fängt die Regeländerung an, wo soll der Eingriff von außen aufhören. Die NFL zeigt zudem, daß selbst Kameras oftmals nicht aufdröseln können, was geschieht. Und wie oft sitzt man Sonntags beim Frühschoppen und es gibt trotz Kameras zwei unterschiedliche Meinungen, wie die einzelnen Szenen bewertet werden müssten. Dann kann auch alles beim Alten bleiben.

    Andererseits ist Profifußball ein Geschäft geworden. Der Unterschied zwischen Kreis- und Bundesliga ist finanziell immens groß, warum sollte das Milliardengeschäft dann nicht jede technische Neuerung in Anspruch nehmen. Nur weil zu den 180 Kameras im Stadion eine dazu kommt, die möglicherweise zu ein bis zwei Unterbrechungen pro Spiel führt, verändert sich das Spiel nicht. Der Ball wird getreten, möglichst ins Tor, immer noch von 22 Spielern.

    Zusammenfassend bin ich eher nostalgisch, also eher gegen die Einführung technischer Hilfsmittel, gleichzeitig meine ich aber, daß wie bei der Sterbehilfe ein wirkliches „das ist richtig, das ist falsch“ nicht existiert und es durchaus nachvollziehbare Gründe für eine Einführung gibt.

  16. nolookpass sagt:

    REPLY:

    … hier wie da ist der Schiedsrichter und dessen Wahrnehmung entscheidend.

    Richtig. Und genau dort ist ein Riesen-Unterschied. Wir reden von Fußball-Regeln, und die werden auffem Platz nunmal von Schiedsrichtern ausgelegt und durchgesetzt. Oder auch nicht. Jedenfalls verstehe ich nicht, warum top-ausgebildete, bezahlte, fitte und funktechnisch verbundene Profi-Schiris im Viererpack Schnickschnack sind, Torkameras dagegen das gute, alte Fußballspiel mehr als ihm gut tut verändern würde. Das Spiel an sich bliebe doch dasselbe, niemand spielt anders Fußball, nur weil irgendsoein Adlerauge piepst, wenn die Kugel definitiv im Tor war.

    Es ist so, dass den Schiedsrichtern in der ersten Liga keine zu Entscheidungen führenden Mittel zur Verfügung stehen, die es in einer unteren Liga nicht gibt.

    Warum sollte das so gut sein? Es gibt drei Trilliarden Dinge, die es nur in den oberen Ligen gibt, warum keine technische Hilfen für Schiris? Um den Bezug zur Basis nicht zu verlieren? Ich glaube, das ist ein Irrglaube. Jeder verstünde, dass ab einem gewissen Level sowieso schon inoffizielle Torkameras existieren – die der Fernsehstationen nämlich. Warum es so unromantisch sein soll, diesen Status Quo nicht in einem strengen Rahmen zu nutzen, verstehe ich nicht.

  17. Sam sagt:

    REPLY:
    Ob Fußball rommantisch sein muss, weiß ich nicht. Aber meiner Meinung nach gehören (Fehl-)Entscheidungen des Schiris einfach zum Spiel. Ohne sie wäre das Spiel um eine wesentliche Komponente beraubt: Das Aufregen über den Schiri. Außerdem werden sich sowieso nie alle Entscheidungen maschinell regeln lassen.
    Früher gab es den schönen Spruch „Foul/Tor/Abseits ist, wenn der Schiri pfeift.“ Damit ist die Entscheidung nach dem Pfiff eiskalte und klare Realität. Heute scheint die Regel zu sein, dass Schiedsrichterentscheidungen erst nach dem Spiel durch Uli Hoeneß bestätigt werden müssen, um zu gelten.
    Das ist das eigentlich fragliche an der Momentanen Diskussion: Jede Tatsachenentscheidung wird grundsätzlich erstmal in Frage gestellt. Warum nicht einfach: Tor ist, wenn der Schiri pfeift. Punkt.
    Fehlentscheidungen gehören dazu.

  18. Herr Wieland sagt:

    Viele meiner Bedenken spielen sich auf der Gefühlsebene ab. Damit gegen Argumente der Sachebene zu diskutieren führt zu keinem Ergebnis. Wobei sich meines Erachtens die Gefühlsebene und die Sachebene gleichwertig gegenüberstehen.

    Was mir dazu sonst noch einfällt: Wenn es solch ein „magisches Auge“ oder einen Chip im Ball doch jemals geben sollte, würde sich die Welt-Fußball-Gemeinschaft, was die Entscheidungen angeht, umstellen müssen. Denn gerade die Regel, dass ein Ball in vollem Umfang hinter einer Linie sein muss, wird in 99% der Fälle falsch ausgelegt – woran wir gewöhnt sind.

    Und nachdem wir uns hier ja eigentlich auf den Chip oder die Torkamera beschränkt haben, hat auch Fred bei fooligan.de das Thema „technische Neuerungen“ aufgenommen und schreibt über den Videobeweis und die Auswirkungen auf das Spiel durch die Unterbrechungen, die dieser nach sich ziehen würden.

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