Der Überflieger: Atlético Madrid – Schalke 04

Eine derart derbe Klatsche sollte doch genug Stoff für schöne Texte bieten. Tatsächlich sind in den meisten Portalen aber nur recht langweilige Spielablaufbeschreibungen zu lesen. Möglicherweise ist es den Schreibern nach einem Champions League Spiel zu spät, und am nächsten Morgen ist das Adrenalin bereits abgebaut.

Ein paar lesenswerte Beiträge habe ich trotzdem noch gefunden. Wie gehabt: Zum hier an- und dort weiterlesen. Vielleicht meinungsbildend, vielleicht als Diskussionsgrundlage. Stoff für spannenden Gespräche in Bus und Bahn, am Arbeitsplatz oder um die Frau beim Frühstück damit zu nerven.



Dem Spielmacher war als erstes der naheliegende Bezug nicht zu doof. Unter dem Titel „Schalke 0-4!“ schreibt er bei Du Gehst Niemals Allein:

Schalkes Offensive war in der ersten Halbzeit gar nicht, und in der zweiten Halbzeit kaum existent. Kreatives Spiel, platzierte Flanken, brauchbare Torschüsse, Standards – Fehlanzeige. Gegen acht defensiv klug verschiebende Spanier hatte Schalke kein Mittel, um gefährlich vors Tor zu kommen. […] Schalke zerfiel nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Besonders die letzte Viertelstunde Marcelo Bordons sah eher wie die 15. Runde eines übergewichtigen Schwergewichtboxers, als die eines austrainierten Bundesligaspielers aus.

Nach seinem Liveblogging bilanzierte RealityCheck im Sportmedienblog:

Man hat irgendwie den Eindruck, dass – trotz der Fortschritte der letzten Jahre – der deutsche Fußball immer noch taktisch eine Liga unter der europäischen Spitze liegt. Natürlich hat Atlético auch die besseren Einzelspieler. Aber dass der Dritte der letzten Bundesliga-Saison so untergeht, das ist heftig. Farfan war bei Schalke der Schritt in die richtige Richtung. Mal sehen, was Rutten dieser Mannschaft nun taktisch beibringt. Durch Handauflegen ist’s nicht getan.

Andreas Renner hat alles schon vorher gewusst und schreibt bei Spox darüber:

Bitte jetzt alle die Hand heben, die etwas anderes erwartet haben. Ihr da drüben! Ach, Ihr seid Schalke-Fans? Dachte ich mir. Dass die Schalker gegen Atlético wahrscheinlich auf verlorenem Posten stehen würden, das musste jedem klar sein, als die Auslosung zur 3. Runde der Champions League feststand. Denn die Wahrheit lautet: Gegen die besten vier Mannschaften aus England, Spanien und Italien hat bestenfalls der FC Bayern eine vernünftige Chance auf ein Weiterkommen. Und auch der nur vielleicht. […] Die Qualität, die Madrid in der Offensive mit Simao, Agüero und Forlan zu bieten hat, die fehlt bei Schalke. Die Wahrheit ist: Diese Klasse kann sich Schalke nicht leisten. Die kostet nämlich richtig viel Geld. Atlético Madrid kann sie sich im Übrigen auch nicht leisten. Allerdings ist es dort nur eine Randnotiz, wenn ein Fußballklub mit 200 Millionen Euro (oder mehr) verschuldet ist.

Daniel Theweleit bringt es in der taz auf den Punkt:

Wie ein verheerender Tornado hat diese Nacht von Madrid eine Schneise der Zerstörung in den Schalker Plänen hinterlassen. Trost gab es nicht. Sie mussten einfach anerkennen, dass sie an einem Gegner gescheitert sind, der ihnen hoch überlegen war. Atlético, ein Klub, der im vergangenen Sommer rund 80 Millionen Euro in neue Spieler investierte, hatte schlicht die reifere, die leidenschaftlichere und die willensstärkere Mannschaft in das große Spiel geschickt. Und die Verteidigung der Spanier, die verwundbar ist, blieb über weite Strecken unbeschäftigt, weil der Bundesligist keinen guten Stürmer auf dem Spielfeld hatte. Ivan Rakitic blieb blass, Halil Altintop war ohne Bindung zum Spiel und der technisch limitierte Kevin Kuranyi war nicht zum ersten mal überfordert mit dem Tempo und der Enge der Räume auf diesem Niveau.

Frank Nägele muss vor dem Spiel irgendwo Schalker Überheblichkeit ausgemacht haben. Deshalb bläst er im Kölner Stadtanzeiger ordentlich aus:

Es sah sehr lustig aus, wie der deutsche Riese mit aufgeblasenen Backen ins Rückspiel der Champions-League-Qualifikation stapfte, bereit, einen Gegner zu zermalmen, der auch nach dem Hinspiel keine Vorstellung davon haben konnte, was es bedeutet, einem deutschen Riesen gegenüberzutreten. Und dann wurde der deutsche Riese von Atlético in seine Einzelteile zerlegt, aber dabei blieb es nicht. Die Einzelteile wurden in winzig kleine Stückchen geschnitten und zu lustigen neuen Förmchen zusammengebaut, ehe sich Atlético davor legte und einfach alles wegpustete. Nur so zum Spaß.

Und Oliver Müller und Jörg Strohschein sahen Schalke zu offensiv eingestellt, und erinnern in der WELT bereits nach Ruttens erster Niederlage als Schalke-Trainer an Mirko Slomka:

Viel zu offensiv eingestellt sowie zu fahrlässig, was das Verwerten der Torgelegenheiten angeht, hatten es die Schalker den Spaniern leicht gemacht, zu Treffern zu kommen. Im Gegensatz zur erfolgreichen vergangenen Saison in der Champions League, als Ruttens Vorgänger Mirko Slomka im Wissen um die Schalker Schwächen meist eine defensive Grundordnung gewählt hatte und damit bis ins Viertelfinale vorstoßen konnte, setzte der Holländer auf ein System mit nur einem zentralen, defensiven Mittelfeldspieler. Eine Marschroute, die in Madrid scheiterte, weil die technisch limitierten Angreifer Kevin Kuranyi, Halil Altintop und der grippegeschwächte Ivan Rakitic nicht in der Lage waren, die Bälle zu behaupten. Ständige Ballverluste führten dazu, dass die Abwehr oft unter Druck geriet.



1 Kommentar zu “Der Überflieger: Atlético Madrid – Schalke 04”

  1. ChrisW sagt:

    „Frank Nägele muss vor dem Spiel irgendwo Schalker Überheblichkeit ausgemacht haben. Deshalb bläst er im Kölner Stadtanzeiger ordentlich aus:(…)“

    ^Man muß kein Held sein (oder so heißen), um zu verstehen, warum aus Köln in diesem Zeitalter nichts positives mehr zu Schalke kommen wird.

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