Kevin Kuranyi kann köpfen

Aber seine Füße sind keine Freunde des Balles. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Gegen Bochum erinnerte diese Tatsache immer wieder an das schlechte Schalke. Was das Vorhaben, einen guten Eindruck zu hinterlassen, erschwerte.

Das Madridspiel lastete auf Schalke. Nicht nur auf den Schultern der Spieler, allen im Stadion merkte man die Enttäuschung, den Frust an. Bei der Mannschaftsvorstellung wurden die Namen der Spieler von bedeutend weniger Fans gerufen als das sonst der Fall ist. Als Rafinha und Kevin Kuranyi vorgestellt wurden hallten Pfiffe durch die Arena.

Inwieweit es auch an der Stimmung lag oder ob es nur die Folge der „Schmach von Madrid“ war – in vielen Szenen der ersten Hälfte merke man den Spielern eine deutliche Verunsicherung an. Schalke spielte umständlich, brauchte meistens viel zu lange um den Ball aus der Abwehr nach vorne zu bringen. Kurze, auf Sicherheit bedachte Pässe machten das Spiel langsam. Das Gegenteil von umständlichem und langsamen Spiel brachte dann die Führung: Ein öffnender Pass von Bordon auf Rafinha, eine gefühlvolle Hereingabe in den Strafraum, ein Kopfball von Westermann. Tempo und Kopfbälle sind nach wie vor am schwersten zu verteidigen.

In der letzten halbe Stunde konnte sich Schalke spielerisch steigern. Dies hatte zum einen damit zu tun, dass Rutten nun vermehrt auf Flanken setzte, zum anderen mit der Einwechslung von Vicente Sánchez. Dieser lieferte dem Trainer einige Argumente, ihn demnächst Ivan Rakitic als linken Flügelstürmer vorzuziehen. War das, was Sánchez bislang in Blau ablieferte, meist brotlose Kunst, war er gestern äußerst effektiv. Er rannte sich nicht fest, er flanke schneller, spielte häufiger flach in die Mitte auf die nachrückenden Stürmer, oder wurde von den Verteidigern nur auf Kosten einer Ecken gebremst.

Und für das Spiel, in dem Flanken von der Grundlinie in den Strafraum geschlagen werden, hat Schalke 04 einen sehr guten Stürmer. Womit ich bei Kevin Kuranyi wäre.

Gestern hatte er in dieser letzten halben Stunde noch drei Kopfbälle, zwei davon gingen an den Pfosten bzw. an die Latte. Da machte er nicht viel falsch, da war auch Pech dabei, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Kevin Kuranyi nur in solchen Strafraumsituationen ein wirklich guter Stürmer ist.

Bei gradlinigem, bei eben diesem „vertikalen Spiel“, welches so zu nennen gerade modern ist, ist Kevin Kuranyi der falsche Mann in der vordersten Mitte. Dort braucht eine Mannschaft jemanden, der in vollem Lauf den Ball mitnimmt, sich gegen den letzten Verteidiger durchsetzt und dann möglichst platziert, zumindest aber überhaupt aufs Tor schießt. In geschätzten 95% der Versuche stoppt solch ein Vorgang bei Kevin Kuranyi beim der Ballmitnahme.

Nun mag jemand einwenden, dass Schalke dann eben über die Flügel spielen muss. Das versucht und kann es auch. Die Stärke in Standardsituationen, welche in der Regel nichts anderes als Flankenspiel mit ruhendem Ball sind, spricht Bände. Und Schalke ist, bei allen Rückschlägen, mit seiner Spielweise ein recht erfolgreicher Verein.
Aber diese Schwäche des Mittelstürmers limitiert die Schalker Taktik ungemein. Es gibt zahlreiche Mannschaften, die Flankenspiel wesentlich besser verteidigen können als der VfL Bochum. Gegen die muss es auch mal schnell durch die Mitte gehen können. Um es frei nach Beckenbauer zu sagen: In der Mitte steht schließlich das Tor.

Ich mag es nicht, wenn sich Zuschauer auf einen eigenen Spieler einschießen, auch wenn ich der Meinung bin, dass Pfiffe von Fans bei Schlechtleistungen nichts verwerfliches sind. Mir geht es bei der Kritik an Kuranyi um etwas Grundsätzliches, nicht darum ins gleiche Horn zu tuten. Sie wird an Gültigkeit nicht verlieren, wenn Kevin Kuranyi wieder ein paar seiner Kopfbälle versenkt hat und wieder der umjubelte Star ist. Sie verliert erst dann an Gültigkeit, wenn er sein Fußballspiel verbessert hat. Sich verbessern soll ja jetzt gehen. Ich hörte, Jürgen Klinsmann hätte für den Profifußball solch eine Neuerung eingeführt.

[Foto: Ralf Heid]



2 Kommentare zu “Kevin Kuranyi kann köpfen”

  1. berka sagt:

    Neuerdings wortverspielt? Gestern ein Akrodingsda, heute ‚ne Alliteration die nicht mal der Trainer fand… (meinetwegen aber weiter so, ich mag sowas)

  2. Licht! : Königsblog sagt:

    […] Kevin Kuranyi mit diesem flotten Schalker Spiel umzugehen wusste war geradezu grotesk meiner Kritik an ihm gegenüber. Es war fast so als wollte er zeigen: „Zwei oder drei Ballberührungen, […]

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