Artikel im September 2008

Primitive Krawallmacher gegen Sitzpisser

In Stenkelfeld wird musiziert. Um die Emotionen der rivalisierenden Fangruppen auf dem Rudolf-Heß-Sportfeld zu Struchtrup zu kanalisieren, soll ein gemeinsames Vereinslied entstehen. Man sucht noch.

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Der Überflieger: 1. FC Köln – Schalke 04

Freitagsspiele enden spät und der Samstag bot mit der nächsten Bayern-Niederlage und dem 5:4 in Bremen genügend Stoff, sich nicht mehr mit dilettantischen Schalkern abgeben zu müssen. Wirklich zerrissen wurden die Königsblauen in den Medien eigentlich nicht.

Hier ein paar Meinungen zum Spiel, zum hier an- und dort weiterlesen. Vielleicht meinungsbildend, vielleicht als Diskussionsgrundlage. Stoff für spannenden Gespräche in Bus und Bahn oder um dem Arbeitskollegen die Welt zu erklären. (mehr …)

Von Özil, Effenberg und weniger Funktionierendem

Infokasten kurtspaeterEs passiert selten, das der Verfasser Fußballspiele betrachtet, noch dazu von der eigenen Couch aus, und nassgeschwitzt und aufgeregt hin und her wandert, bei jedem Pass, bei jedem Schuss, bei jedem Zweikampf mitgehend. Das Achtelfinalrückspiel Porto-Schalke war z.B. so ein Spiel, wenn nicht gar das letzte Spiel, bei dem Trikottausch auch im Wohnzimmer angesagt war.
Sind wir ehrlich, die Spannung wie in Porto gibts eben nur in sparsamer Dosierung und ansonsten spielt Schalke zwar auch desöfteren einen guten Ball, bei dem man naturgemäß emotional mitgeht, aber einen Weltkick wie Werder Bremen – 1899 Hoffenheim, ein Offensivspektakel ohne Zeit zum Luftholen, das bekommt man von Schalke eigentlich nie zu sehen. Was diese beiden Mannschaften im Angriff auf den Rasen zauberten, habe ich in dieser Form in der Bundesliga oder international seit geraumer Zeit nicht mehr erlebt.

Und ich bin wehmütig geworden. Wehmütig, weil im Auge des Sturms ein Schalker Akzente setzt. Wie schon letzte Woche beim nicht minder (zumindest ergebnismäßig) spektakulären 5:2 in München war Mesut Özil der Bremer Matchwinner. Eine Eruption seiner Leistung wie in Bremen haben wir auf Schalke von ihm leider nicht erleben dürfen, aber man konnte sein Potential auch vor einem Jahr schon wahrnehmen und es ist einfach bitter, das sich beide Seiten im Winter nicht einigen konnten.
Ähnliches kann man bei der Berliner Hertha über Sejad Salihovic berichten. Ein genialer linker Fuß, ein einzigartiger Freistoßschütze und Motor des Hoffenheimer Angriffswirbels ist bei der Hertha nie über den Status des rebellischen Ergänzungsjugendlichen hinausgekommen. In Hoffenheim wissen sie diese Fehleinschätzung sehr zu schätzen und lachen sich ins Fäustchen.

Stefan Effenberg ist ein einfacher Mensch. Der von mir inzwischen als Experte am Mikrofon sehr geschätzt wird. Neben Matthias Sammer ist Effenberg in meinen Augen der Kopf, bei dem ich bei Analysen und Meinungen am meisten Übereinstimmung mit mir selber finde. Und vorallem, und deswegen schätze ich ihn, redet der Mann nicht um den heißen Brei herum.
Stefan Effenberg wünschte Jürgen Klinsmann ungewöhnlich humorig beim Weiterführen der Rotation in Zukunft viel Glück. Und ich glaube, das Klinsmann begonnen hat, sein eigenes Bayern-Trainer-Grab auszuheben. Dabei haben der Stefan und ich den gleichen Ansatz.
Entscheidend in einem Mannschaftsgebilde ist schon immer, (erstmalig wurde mir dies übrigens von meinem Jugendtrainer Schneider beim SUS Niederschelden eingebleut, das war ein guter Trainer, der Herr Schneider) das die Achse stimmt.
Torhüter, Innenverteidigung, zentraler Mittelfeldspieler, Stürmer. Dort stehen und spielen die bestimmenden Personen, dort muss alles passen, dort sind die Spieler, an denen sich eine Mannschaft orientiert. Bei Bayern hat man Rensing und Toni/Klose. Die Innenverteidigung und das zentrale Mittelfeld wird scheinbar willkürlich besetzt und damit der gesamten Mannschaft der Rhythmus und die Gewissheit genommen. Bereits unter Hitzfeld rotierte der FC Bayern in Hülle und Fülle, aber wenn man sich erinnert, abgesehen von Verletzungen spielten Kahn, Linke, Effenberg und Elber oder im letzten Jahr Kahn, Lucio/Demichelis, van Bommel und Toni/Klose so gut wie immer. Wenn Klinsmann nicht schnellstens die Rotation in der Zentrale beendet, dann glaube ich nicht an ein zweites Jahr beim FC Bayern, dafür aber an eine große Meisterschaftschance für Werder Bremen, Schalke 04, den HSV, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim in diesem Jahr.

Das selbe Problem schleppt im Übrigen Borussia Mönchengladbach durch die ersten Spiele. Siehe dazu auch Dülp. Und wenn ich mir dann die Nichtaussage Christian Zieges gestern angehört habe, dann verliert Gladbach spätestens nach einer nicht völlig unwahrscheinlichen Niederlage gegen Köln nächste Woche den Trainer. Dabei spielt man tabellarisch eigentlich genau dort, wie das Saisonziel Klassenerhalt vermuten ließ. Gegen den Abstieg, am unteren Ende der Reihenfolge. Eigentlich bin ich gerade deswegen immer gegen solche Schnellschüsse, und 7.Spieltag wäre ein Schnellschuss, aber es ist erschreckend, wie konzeptlos Luhukay Woche für Woche eine Mannschaft auf den Platz schickt. Dabei hatte nicht nur ich letztes Jahr um die gleiche Zeit vom gleichen Mann einen komplett gegenteiligen Eindruck gewonnen.

An die Wand gespielt

So sieht’s aus, wenn einen Mannschaft gut und eine schlecht spielt.

Köln hat tollen Fußball gespielt. Schnell und direkt, weitestgehend schnörkellos, zweikampfstark. Sehr laufstark und gut aufgeteilt in der Defensive, sich immer gegenseitig helfend, in 1:1 Situationen geschickt. Das war toll anzuschauen und es war zu spüren, wie das Kölner Publikum diese Leistung aufsog, jeden Sturmlauf mitging. Ein hochverdienter Sieg für den 1. FC Köln, und wenn ich nun über Schalke herfalle möchte ich damit die Leistung von Christoph Daums Mannschaft nicht relativieren.

Mein Gott, war Schalke scheiße. So inaktiv über 90 Minuten, das gab es wirklich schon lange nicht mehr. Mal keinen guten Fußball spielen kommt leider immer wieder vor. Heute haben sie gar nicht gespielt, nichtmal nur schwach. Abgesehen vom standhaften Ralf Fährmann im Tor waren heute wirklich ausnahmslos alle Helden grottenschlecht: Bordon und Krstajic bekamen grausam ihre Langsamkeit aufgezeigt, Farfan bekam gegen Womé keinen Stich. Engelaar hatte ständig Beine zwischen den Beinen, ihm schien das alles zu schnell zu gehen. Rakitic und Sanchez verloren einen Ball nach dem anderen, Pander bekam den Knicker kaum in den Strafraum und der Rest der lahmen Truppe war überhaupt nicht zu sehen.

Es schien tatsächlich so zu sein, dass Schalke einzig und alleine darauf vertraute, dass sich schon irgendwie irgendwas ergeben würde. Selbst Trainer Fred Rutten schien zwischendurch gedanklich weit weg, in einer anderen, besseren Welt zu sein. Anders ist es kaum zu erklären dass er den letzten Wechsel erst drei Minuten vor Schluss vornahm. Und tatsächlich hätte Altintop das Ding beinahe noch reingelogen, in der Schlussphase die so verlief wie sich Schlussphasen nach solchen Spielen häufig entwickeln: Wenn die eine Mannschaft nur noch will dass es vorbei ist und plötzlich aufhört weiterzuspielen, und die andere Mannschaft erkennt, dass sich das Übel eines Abpfiffs nicht ewig verdrängen lässt.

Schalke verlor dank Ralf Fährmann nur 1:0 statt 4:0. Eine Klatsche war’s trotzdem, das Gesicht konnte Schalke nicht wahren.

Leben gegen Krageninschrift

„Ich bin … !“ Hier setze man den Namen eines aktuellen Fußballprofis ein. Gab es je ein fußballspielendes Kind, dass so was nie gesagt hat?
Profi sein, dabei sein auf der großen Bühne Bundesliga. Mal nur so dahingesagt, mal als Traum ernsthaft verfolgt, ein toller Gedanke allemal. Das Trikot des FC Schalke 04 zu tragen, vor tausenden von Zuschauern, eben nicht als Fan. Nur wenige schaffen das. Und für manche währt das Glück nur kurz.

Ralf Fährmann absolviert heute Abend vermutlich sein drittes Bundesligaspiel für Schalke 04, hinzu kamen je ein Einsatz im DFB-Pokal und im UEFA-Cup. Bislang hat er einen sehr guten Job gemacht, hat keine Nervosität erkennen und sich nichts zu Schulden kommen lassen. Und trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass er heute Abend sein letztes Bundesligaspiel für Schalke bestreitet.

Kommende Woche wird Manuel Neuer wieder das Schalker Tor hüten. Es ist sein Stammplatz, er hat das Talent und die Jugend, diesen Platz die nächsten Jahre zu verteidigen. Mathias Schober wurde als Nummer 2 geholt und hat ebenfalls gezeigt, dass man sich auf ihn verlassen kann. Sein Vertrag gilt noch bis 2011.

So lange wird Ralf Fährmann nicht warten wollen. Es gab Spieler, die nach ihrem kurzem Leben als Königsblaue eine beachtliche Karriere folgen ließen. Christian Herrmann zum Beispiel, der es noch auf 215 Spiele brachte, oder Dieter Burdenski natürlich, des großen Herberts Sohn.
Und es gab Spieler, von denen nach wenigen Spielminuten als Schalker im Profifußball nichts mehr zu sehen war. Auch sie sind Helden, keine Frage, gehören zu der Elite an Fußballern die es überhaupt bis dort geschafft haben. Trotzdem: Wünschen wir Ralf Fährmann, das er in Zukunft zur ersten Gruppe gehören möge.



Es folgt eine Liste aller Spieler mit drei oder weniger Bundesligaeinsätzen für Schalke 04.

Drei Bundesligaeinsätze für Schalke 04 hatten:
Volker Abramczik, Markus Anfang, Dieter Burdenski, Andreas Gaber, Frôde Grodås, Jörg Mielers, Günther Schubert

Zwei Bundesligaeinsätze für Schalke 04 hatten:
Jörg Albracht, Manfred Bär, Alexander Baumjohann, Rainer Borgmeier, Simon Cziommer, Dieter Heimen, Hans-Peter Kirchwehm, Fabijan Komljenovic, Roland Kosien, Karl-Heinz Kuzmierz, Hans-Dieter Mangold, Mike Möllensiep, Dragan Mutibaric, Rudolf Schonhoff, Ulrich Schröder, Ludger Winkel

Lediglich einen Bundesligaeinsatz für Schalke 04 hatten:
Mathias Abel, Til Bettensteadt, Kai Bruckmann, Arnold Dybek, Peter Endrulat, Christian Erwig, Siegfried Grams, Christian Herrmann, Markus Kaya, Timo Kunert, Hans-Georg Lambert, Joseph Laumann, Reinhard Pfeiffer, Andreas Sandt, Kriszitian Szollar

Aus dem aktuellen Kader sind Markus Heppke (1) und Weihnachtstraum Zé Roberto (3) gefährdet.

Ungefähre Definition

Der Trainer vereint und konzentriert in seiner Person die Macht und (im Idealfall) auch die künstlerische Kompetenz der fußballerischen Gestaltungshoheit. Er ist das „Nadelöhr“ zwischen dem ausübenden Spieler und dem, was für den Zuschauer auf dem Platz zu sehen ist. Fußballspiel funktioniert hier nicht mehr über Kommunikationsstrukturen unter den Musikern, sondern durch „Unterordnung“. Aufgrund dieser Kompetenzen entwickelt der Trainer eine starke soziale Stellung, die „Startrainer“ möglich macht.

[Ungefähre Quelle: Wikipedia]

Herman van Veen

Zum EM-Viertelfinalspiel der Niederlande gegen Russland, das er selbst im Sankt-Jacob-Park zu Basel sah:

Marco van Basten ist ein grandioser Trainer, aber ihm fehlt noch die notwendige Erfahrung. Wir haben uns gegen die Russen von einem holländischen Trainer mit Erfahrung packen lassen!
Guus Hiddink wusste genau, was Boulahrouz konnte und nicht konnte, der kannte die Jungs besser als die Jungs sich selbst. Und leider hat Van Basten das Wissen dieses holländischen Trainers nicht antizipiert. Mit offenem Mund hat er da gestanden und wusste überhaupt nicht was zu tun ist um die Russen zu stoppen.

Zu der Frage, ob er dann auch in Oranje …

Nein das geht nicht. Weil die Leute mich kennen. Das ist ihr Ding. Das wäre populistisch auf eine bestimmte Art und Weise, ich kann da nicht mitmachen. Ich bin hellauf begeistert, ich springe höher als die Leute, aber da kann ich nicht mitmachen.
Außerdem muss ich sagen, dass ich eine etwas komplexe Beziehung zu der Farbe Orange habe, weil ich eine Monarchie in einer Demokratie einen Anachronismus finde. Das passt nicht, das gehört nicht zusammen. Natürlich respektiere und akzeptiere ich was die Leute sagen, aber ich finde es eigentlich unpassend.

Wie er denn zum Fußballfan wurde:

Ich wohnte in einer Straße, da wohnten drei Profis vom FC Utrecht. Utrecht hieß damals „DOS“, das stand übersetzt für „Durch Übung stark“ und die waren Meister von Holland! Das war das beste Team, und ich wohnte in dieser Straße wo drei der Helden wohnten!
Ich bin echt für mein Leben lang vergiftet.

Über das Erlebnis, einmal vor einem Spiel die niederländische Hymne gesungen zu haben:

Ja, das war phantastisch! Ich war in Kanada, wo sich 1994 viele Mannschaften auf die WM in den USA vorbereiteten. Wir hatten ein Konzert in Toronto und zufälligerweise war in unserem Hotel auch die Nationalmannschaft. Der damalige Trainer Dick Advocaat und einige Spieler fragten mich dann, ob ich das tuen würde. Also habe ich das Lied gesungen. Und das fand ich so grandios, und mein Sohn war dabei, kannst Du Dir das vorstellen?!
Ich habe einen Sohn der genauso fußballbeknackt ist wie ich. Und der saß da, im Stadion, sein Vater sang die Nationalhymne und alle holländischen Helden standen da. Das war unvergesslich schön.



Und es geht noch weiter. Es geht noch um das Finale ’74, um Bernd Hölzenbein. Es geht noch um das deutsch-holländische Verhältnis. Es geht um das Empfinden von Höhepunkten im Leben, seine Anfänge als Künstler, um den am 04. und 05. Mai stets besoffenen Vater, um die Schönheit Deutschlands, um den Mauerfall und um vieles mehr.

Als ich diesen Podcast zu hören begann hatte ich keinen Schimmer, dass in diesem Gespräch auch noch Fußball zum Thema werden würde. Ich war fast verärgert, dass ich „nur“ ein Fußballblog schreibe, weil mir dieses Gespräch, die Art dieses Mannes von der ersten Minute an so gut gefiel und ich meine Begeisterung dafür unbedingt in die Welt posaunen wollte. Glücklicherweise eröffnete sich mir dieser Podcast doch noch freiwillig, so dass ich meinem Blog-Thema nicht untreu werden, mich nicht verbiegen musste.

Herman van Veen spricht so wunderbare Sätze, dass sie alle es wert sind öfter als einmal gehört zu werden.

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