Von Özil, Effenberg und weniger Funktionierendem

Infokasten kurtspaeterEs passiert selten, das der Verfasser Fußballspiele betrachtet, noch dazu von der eigenen Couch aus, und nassgeschwitzt und aufgeregt hin und her wandert, bei jedem Pass, bei jedem Schuss, bei jedem Zweikampf mitgehend. Das Achtelfinalrückspiel Porto-Schalke war z.B. so ein Spiel, wenn nicht gar das letzte Spiel, bei dem Trikottausch auch im Wohnzimmer angesagt war.
Sind wir ehrlich, die Spannung wie in Porto gibts eben nur in sparsamer Dosierung und ansonsten spielt Schalke zwar auch desöfteren einen guten Ball, bei dem man naturgemäß emotional mitgeht, aber einen Weltkick wie Werder Bremen – 1899 Hoffenheim, ein Offensivspektakel ohne Zeit zum Luftholen, das bekommt man von Schalke eigentlich nie zu sehen. Was diese beiden Mannschaften im Angriff auf den Rasen zauberten, habe ich in dieser Form in der Bundesliga oder international seit geraumer Zeit nicht mehr erlebt.

Und ich bin wehmütig geworden. Wehmütig, weil im Auge des Sturms ein Schalker Akzente setzt. Wie schon letzte Woche beim nicht minder (zumindest ergebnismäßig) spektakulären 5:2 in München war Mesut Özil der Bremer Matchwinner. Eine Eruption seiner Leistung wie in Bremen haben wir auf Schalke von ihm leider nicht erleben dürfen, aber man konnte sein Potential auch vor einem Jahr schon wahrnehmen und es ist einfach bitter, das sich beide Seiten im Winter nicht einigen konnten.
Ähnliches kann man bei der Berliner Hertha über Sejad Salihovic berichten. Ein genialer linker Fuß, ein einzigartiger Freistoßschütze und Motor des Hoffenheimer Angriffswirbels ist bei der Hertha nie über den Status des rebellischen Ergänzungsjugendlichen hinausgekommen. In Hoffenheim wissen sie diese Fehleinschätzung sehr zu schätzen und lachen sich ins Fäustchen.

Stefan Effenberg ist ein einfacher Mensch. Der von mir inzwischen als Experte am Mikrofon sehr geschätzt wird. Neben Matthias Sammer ist Effenberg in meinen Augen der Kopf, bei dem ich bei Analysen und Meinungen am meisten Übereinstimmung mit mir selber finde. Und vorallem, und deswegen schätze ich ihn, redet der Mann nicht um den heißen Brei herum.
Stefan Effenberg wünschte Jürgen Klinsmann ungewöhnlich humorig beim Weiterführen der Rotation in Zukunft viel Glück. Und ich glaube, das Klinsmann begonnen hat, sein eigenes Bayern-Trainer-Grab auszuheben. Dabei haben der Stefan und ich den gleichen Ansatz.
Entscheidend in einem Mannschaftsgebilde ist schon immer, (erstmalig wurde mir dies übrigens von meinem Jugendtrainer Schneider beim SUS Niederschelden eingebleut, das war ein guter Trainer, der Herr Schneider) das die Achse stimmt.
Torhüter, Innenverteidigung, zentraler Mittelfeldspieler, Stürmer. Dort stehen und spielen die bestimmenden Personen, dort muss alles passen, dort sind die Spieler, an denen sich eine Mannschaft orientiert. Bei Bayern hat man Rensing und Toni/Klose. Die Innenverteidigung und das zentrale Mittelfeld wird scheinbar willkürlich besetzt und damit der gesamten Mannschaft der Rhythmus und die Gewissheit genommen. Bereits unter Hitzfeld rotierte der FC Bayern in Hülle und Fülle, aber wenn man sich erinnert, abgesehen von Verletzungen spielten Kahn, Linke, Effenberg und Elber oder im letzten Jahr Kahn, Lucio/Demichelis, van Bommel und Toni/Klose so gut wie immer. Wenn Klinsmann nicht schnellstens die Rotation in der Zentrale beendet, dann glaube ich nicht an ein zweites Jahr beim FC Bayern, dafür aber an eine große Meisterschaftschance für Werder Bremen, Schalke 04, den HSV, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim in diesem Jahr.

Das selbe Problem schleppt im Übrigen Borussia Mönchengladbach durch die ersten Spiele. Siehe dazu auch Dülp. Und wenn ich mir dann die Nichtaussage Christian Zieges gestern angehört habe, dann verliert Gladbach spätestens nach einer nicht völlig unwahrscheinlichen Niederlage gegen Köln nächste Woche den Trainer. Dabei spielt man tabellarisch eigentlich genau dort, wie das Saisonziel Klassenerhalt vermuten ließ. Gegen den Abstieg, am unteren Ende der Reihenfolge. Eigentlich bin ich gerade deswegen immer gegen solche Schnellschüsse, und 7.Spieltag wäre ein Schnellschuss, aber es ist erschreckend, wie konzeptlos Luhukay Woche für Woche eine Mannschaft auf den Platz schickt. Dabei hatte nicht nur ich letztes Jahr um die gleiche Zeit vom gleichen Mann einen komplett gegenteiligen Eindruck gewonnen.



6 Kommentare zu “Von Özil, Effenberg und weniger Funktionierendem”

  1. Conti sagt:

    Ich find das mit Özil eigentlich ziemlich gut. Ob ich das mit Boenisch auch gut finden soll, bin ich mir noch nicht so ganz schlüssig. Mit seinem Offensivdran und seinen wenig vorhandenen Defensivfähigkeiten passt er eigentlich nicht in unser System, ein offensiver AV wäre bei euch besser ausgehoben (vgl. Rafinha & Pander).

    Aber ein Özil steht wohl jeder Mannschaft gut zu Gesicht. Und da er bald für die deutsche NM spielen wird, sollten wir alle sehr froh sein, dass er in einem Verein spielt, der ihn fördert und zu einem Weltklasse-Spieler machen wird.

    Wie gehts eigentlich Rakitic? ;-)

  2. Conti sagt:

    Nachtrag: Das war vielleicht etwas hart. Aber da ihr uns soviele Spieler weggekauft habt… irgendwo auch berechtigt.

  3. kurtspaeter sagt:

    Leider gehe ich mit Deiner ersten Aussage konform. Werder fördert Özil. Insofern ist er gut aufgehoben. Das gleiche gilt für Boenisch, der zwar Samstag richtig Scheisse war, aber in Gelsenkirchen durfte er nichtmal regelmäßig spielen, als Pander verletzt war. Im Übrigen war die linke Aussenverteidigerposition, egal ob offensiv oder defensiv, in den letzten Jahren nicht wirklich eine Werder Bastion (Stalteri, Schulz, Wome etc). Mit Boenisch hat man eine Zukunftsperspektive, die vorher fehlte.

  4. Torsten Wieland sagt:

    Das Özil-Nachgekarte behagt mir nicht so recht. Es ist immer schade, wenn ein Spieler, den man selbst unter Vertrag hatte, erst woanders sein Potenzial entwickelt. In Fällen von jungen Spielern wird das oft noch überhöht dargestellt, da schwingt immer so was von „Mühe mit der Ausbildung gemacht, und dann …“ mit. Gerade im Fall Özil ist das aber Quatsch, denn ein Eigengewächs wie bspw. Manuel Neuer war er nie, eher im Gegenteil: Obwohl vor der Haustür aufgewachsen, hat Schalke 04 ihn erst entdeckt, als er schon für RWE gespielt hat.

    Naja, und Schalke hat Özil letztes Jahr ziemlich genauso sehr gefördert wie Bremen es letztes Jahr getan hat. Wie es dieses Jahr mit Özil auf Schalke gelaufen wäre, zumal unter einem neuen Trainer, ist nicht mehr rauszubekommen.

  5. Conti sagt:

    Dass Özil bei euch einige Einsätze bekommen hat und die eigentlich nicht wirklich genutzt hat ist schon richtig. Bei uns waren seine ersten SPiele auch nicht so der Hit, allerdings würde ich das mal mehr auf (Lebens-)Situation schieben, in der er sich befand.

    Bemerkenswert ist aber wirklich, dass er bei uns mittlerweile ein gesundes Selbstvertrauen entwickelt hat – und was mich echt verwundert: Guckt man sich mal seine bisherigen Torschüsse an (bspw sein erster Treffer gegen den KSC): Das war doch gar nix!! Und jetzt?

    Das er ein Spiel lesen kann wie kaum ein zweiter (Werder-Spieler) und das er (im Gegensatz zu Diego) ein Spiel schnell machen kann, konnte man auch vorher sehen. Aber das er jetzt selber Torgefährlich wird… so schnell. Wahnsinn.

    Zu Boenisch: Der Junge hat sicherlich Talent und er zeigt jedes Spiel wirklich top Einsatz. Er brentn mehr als zB Özil (wobei sich das deutlich! gebessert hat). Aber wenn man sich mal anguckt, wie anfängerhaft Boenisch in der Defensive agiert… und vorne hat er auch nie wirklich zählbares gemacht. Mal ganz abgesehen davon, dass ich der Meinung bin, dass wir bei dem offensiven MF keine offensiven AVs brauchen – er bringt vorne nicht wirklich was.

    Ich hoffe, dass Petri demnächst auf Links spielen wird, Boenisch sollte einfach mal Pause bekommen, die Fans pfeifen (mir unverständlicher weise!) ihn schon aus. TS sollte ihn erstmal aus der Schusslinie nehmen und an seinen Schwächen arbeiten.

    Was unser allg. LV PRoblem angeht hast du leider recht, liegt mMn da dran, dass einfach zu sehr auf die Offensiv-Qualitäten geguckt wird. Aber dafür gibts dann halt auch mal Spiele wie Samstag ;-)

    Schlussbemerkung: Bremen hat einfach einen entscheidenen Vorteil gegenüber Vereinen wie S04 oder dem FCB. Bei uns ist es (wenn man mal Chaos ALberto abzieht) einfach ruhig. Das ist gut für junge Spieler. Ein Kroos wir bspw. in München mMn noch lange brauchen bis er sein Potential (das mindestens so groß ist wie Özils) entfalten kann, da UH mit jungen Spielern nicht umgehen kann und wenn diese gut spielen sofort zu sehr in den Fokus geraten. In Schlake ist auch immer der Bär los. Das ist – neben alles Qualitäten von KATS – einfach mit ein Grund, warum es bei uns mit jungen Spielern oft so gut läuft.

  6. Torsten Wieland sagt:

    Auch Trainer sind Egoisten und stellen die Spieler auf, von denen sie glauben dass sie sie weiterbringen. Mit Laut oder Leise hat das m.E. wenig zu tun.
    Rafinha hat mit 19 bei Schalke angefangen und von Beginn an immer gespielt. Schalke hat den jungen Neuer in den Kasten gestellt und trotz einiger herber Böcke an ihm festgehalten. Nun ist Rakitic quasi Stammspieler, der gerade ein halbes Jahr älter als Mesut Özil ist. Der nächste in der Pipeline ist Levan Kenia. Ob er sich durchsetzt wird man sehen.

    Ab und an sollte man auch mal den Trainern vertrauen, sogar einem wie Klinsmann ;-) Wenn er davon überzeugt wäre, dass mit Kroos Hannover zu schlagen gewesen wäre, hätte er ihn wohl gebracht.

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