Artikel im September 2008

Vom Becherinhalt zur Körbchengröße

Welche Rolle spielen die Fans? Bernd Strauß, Sportpsychologe an der Universität Münster, hat schon vor Jahren bewiesen, dass der Heimvorteil nicht am Klatschen liegen kann. Ein Heimpublikum ist zwar besonders laut, enthusiastisch und parteiisch. Im Idealfall verleiht es Flügel, aber mitunter geht der Druck auch nach hinten los, uns das Klatschen führt zur „Klatsche“: Der Applaus macht die Heimmannschaft nervös, und die Spieler rennen schneller, treffen aber nicht besser.

Doch unbeirrt von jeder Statistik glauben die Fans weiter daran, dass sie das Spiel entscheiden. Der „zwölfte Mann“ läuft sich warm, indem er sich volllaufen lässt. Und während der Testosteronspiegel aus dem Rasen steigt, sinkt er auf den Rängen. Denn Bier enthält pflanzliche Hormone, die dummerweise gerade nicht männlicher, sondern weiblicher machen. Die Folge: „Gynäkomastie“ – von den Betroffenen sehr viel populärer „Biertitte“ genannt. Wenn es also huetzutage immer heißt, es kämen mehr Frauen ins Stadion, werde ich skeptisch.



[Auszug aus dem Text „Heimspiel – zu Hause unbesiegt“ aus dem Buch „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ von Eckart v. Hirschhausen]

Nach Schalker Art

Wenn sowas die Ausnahme wäre, man könnte es als aufrüttelndes Ereignis zum richtigen Zeitpunkt abtun. Leider ist es eher die Regel denn die Ausnahme, dass Schalke selbst umwirft, was es zuvor aufgebaut hat. Und das gegen eine erschreckend schwache Borussia.

Mit Arroganz fing es an aufzuhören, das geordnete Schalker Spiel. Dass in der Folge diese keineswegs unerfahrene Mannschaft in der Lage war, derart auseinanderzubrechen, ist ein ernsthafter Grund zur Sorge. In einer solchen Phase muss ein 295-facher Bundesligaprofi wie Fabian Ernst seine Nebenleute zur Ruhen mahnen. Stattdessen reißen irgendwelche Synapsen und er springt mit Anlauf seinem Gegner in die Hacken. Unverständlich. Und unentschuldbar.

Dabei gab es keinen Grund zur Hektik. Was nun mancherorts als Dortmunder Aufholjagd beschrieben wird war in Wirklichkeit keine. Zu einer Jagd gehören Schüsse, Tempo, ein Konzept. Das alles bot Borussia nicht, Schalkes Torwart-Debütant Ralf Fährmann wurde kaum geprüft. Und doch reichte es für Dortmund, weil Schalke darum bettelte, und weil Lutz Wagner ein einsehen hatte.

Einem Sterbehelfer gleich assistierte Lutz Wagner den königsblauen Weg zum Punktverlust. Nach dem Unfall des Abseitstors – was passieren kann und schon passiert ist, selbst in solch deutlichen Situationen – taumelte Schalke, fiel aber nicht. Und Borussia selbst war zum Schubsen zu schwach.
Also gab Wagner den Angezählten den Rest. Er ignorierte das Gebaren seines Assistenten, der, als Krstajic der Ball aus zwei Metern an den angelegten Arm geköpft wurde, tatsächlich zum Weiterspielen aufforderte. Der, obwohl hervorragend postiert, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben schien.
Wagner entschied. Alleine. Und er entschied, dass es damit auch genug zu sein hätte, und pfiff ab. Denn sein ist das Spiel.

Was also bleibt?

Jürgen Klopp reitet die Welle des Enthusiasmus seit er in Dortmund angekommen ist. Das gestrige Ergebnis wird noch mehr Leute diesen Ritt bewundern lassen. Offen bleibt, ob er erkennen will, dass er seinen Mannen noch etwas mehr Fußball beibringen muss, um nicht ähnlich flott zu stranden wie sein Vorgänger.

Fred Rutten versucht Fußball beizubringen, ist bislang aber daran gescheitert das Vertrauen seiner Mannschaft zu gewinnen. Das deutlich schnellere Umschalten auf Angriff, die kürzeren, härteren Pässe, das offensivere Aufrücken funktioniert ab und an schon ganz gut. In Stresssituationen vertrauen die Spieler den neuen Rezepten aber noch nicht und schalten auf das vermeidlich sicherere, defensivere Schema vergangener Tage zurück. Raus kommt nix Halbes und nix Ganzes, Unordnung mit viel Raum für den Gegner.

Fabian Ernst hat nun freiwillig Platz gemacht für Orlando Engelaar. Nun ist dieser sicher nicht der Heilsbringer, aber der zweite Neuzugang, der Verantwortung übernehmen will. Das Jefferson Farfán Freistöße aus „Pander-Positionen“ schießt, dass er Rafinha den Ball wegnimmt um einen Strafstoß zu verwandeln, mag den einen oder anderen mit Blick auf das „soziale Gefüge Mannschaft“ vielleicht bedenklich stimmen. Andererseits setzt er damit Zeichen, will er sich über Taten auf dem Platz in eine Führungsrolle bringen.
Ob das klappt, ob Farfán und Engelaar tatsächlich so schnell wie geplant in der Hierarchie nach oben kommen können, oder ob dies zu kontraproduktiven Mißtönen in der Mannschaft führt, wird sich zeigen. Neue Hoffnungsträger sind sie allemal. Die alteingesessenen „Leader“ haben einfach in wichtigen Situationen zu oft versagt.

Bildhafte Sprache

Herr Hendriock ist heiß aufs Derby und lässt seiner Lust an Provokation freien Lauf:

Es war eine Atmosphäre wie im Bienenstock gestern auf Schalke.

Dieter Heimen und vielleicht Ralf Fährmann

Infokasten kurtspaeterIn der Geschichte des FC Schalke 04 könnte am Samstag Ralf Fährmann der 31.Torhüter sein, der in der ersten und zweiten Liga für unseren Verein in der Kiste steht.

Bei weitem nicht alle der bislang also 30 Torhüter des FC Schalke 04 gaben auch ihr Profidebüt bei den Königsblauen. So haben zum Beispiel Volkmar Groß (Schalke-Debüt mit einem 0:0 bei 1860 in der Saison1977/78), Harald Schumacher (Schalke-Debüt beim 2:5 in Hamburg in der Saison 1987/88) oder zuletzt Oliver Reck (Schalke-Debüt mit einem 2:1 in Frankfurt in der Saison 1998/99) und Frank Rost (Schalke-Debüt mit einem 1:0 gegen Wolfsburg in der Saison 2002/03) ihre ersten Meriten, teilweise auch ihre erfolgreicheren Spiele bei anderen Vereinen absolviert.

Insgesamt liest sich die Bilanz der Torhüter-Einstände positiv. Bis ins Jahre 1978/79, als ein gewisser Peter Sandhofe eine 1:3 Niederlage bei der Frankfurter Eintracht einstecken musste, verlor kein Keeper sein erstes Spiel (Wobei ich dabei unterschlage, das Helmut Pabst 1971/72 beim 1:5 in München eingewechselt wurde, als Schalke bereits zurücklag. Vertraue eben keiner Statistik, die du nicht selbst verfälschst …).
Am Ende stehen 14 Siege (eine Einwechslung), 7 Niederlagen (wobei 3 Keeper bei Niederlagen eingewechselt wurden) und 9 Unentschieden zu Buche. Dragan Mutibaric ist im Übrigen der einzige Torhüter, der bei seinem Schalke-Einstand ausgewechselt wurde, und zwar beim 2:2 in München in der Saison 1975/76.

Um den Kreis zu Ralf Fährmann zu bekommen, er könnte bekanntlich beim Derby in Dortmund debütieren. Dieses Privileg bezeichnet Manuel Neuer im Vorfeld als geile Sache, der abergläubische Schalke-Fan allerdings sieht die Sache kritisch. Denn bislang gab es einmal diese Konstellation.
Dieter Heimen wurde am 19.09.1987 in der 21. Minute für Harald Schumacher eingewechselt. In Dortmund. Damit ist er eigentlich der einzige Torhüter-Debutant in der Schalker-Historie gegen den BVB. Aber da dieses Spiel mit 4:1 verloren ging und es zum Wechsel bereits 1:0 für die Schwarz-Gelben stand, vergessen wir das ganze schnell und behaupten das Gegenteil…

11.852

Wenn am Samstag das Derby in Dortmund angepfiffen wird, ist der Versicherungspark seit 11.852 Tagen ein Bundesligastadion. Möge das jüngste Derby einen ähnlichen Verlauf nehmen wie das erste Bundesligaspiel an dieser Stätte …

Das Stadion wurde zur Weltmeisterschaft 1974 gebaut. Weil der BVB zu diesen Zeiten gerade in der zweiten Liga dümpelte, oblag es Königsblau, dort den ersten Sieg auf höchstem Niveau zu feiern. 4:1 siegte Schalke am 02.04.1976, gegen den VfL Bochum, der nach Dortmund einlud, weil das Stadion an der Castroper Straße gerade zum Ruhrstadion gemacht wurde.

Rinn in Kasten, mit die Kirsche, die Pille, dä Knicker!

Vor nicht allzu langer Zeit bemerkte Indirekter Freistoß, dass Medienleute bei der Beschreibung unseres Lieblingssports gerne Worte benutzen, die im Sprachgebrauch nicht üblich sind. Trainer Baade nahm dies auf und sammelte Beispiele dafür. In beiden Fällen – und auch in den Kommentaren bei Trainer Baade ist das zu bemerken – geht die Kritik in Richtung der Medienleute, nicht ausreichend nah „am Ball zu bleiben“.

Genau umgekehrt ging dieses Thema bereits vor der EM die Bayern 2-Sendung „Sozusagen!“ an, ein (Zitat) „Magazin für Liebhaber und nicht für Rechthaber der deutschen Sprache“.
Manni Breuckmann war dort zu Gast und entschuldigte sich fast dafür, das er und seine Kollegen häufig wenig phantasievoll formulieren, sich (zu) häufig auf die Grundbegriffe des Fußballs verlassen würden.

Die Sprache der Fußballreporter krankt naturgemäß daran, dass es für bestimmte Aktionen oder Gegenstände, die mit diesem Spiel zu tun haben, gar nicht so viele Begriffe gibt.

Und weil dem so ist, und weil sich die fünfzehnte Wiederholung der immer gleichen Worte doof anhört oder lesen lässt, nutzen Herr Breuckmann und Kollegen eben gerne Formulierungen wie „Schlussmann“ oder „Spielgestalter“.
Das die Worte „Leder“ oder „Spielgerät“ für „Ball“ allerdings falsch bzw. umständlich sind, darüber ist sich Herr Breuckmann mit den Bloggern einig. Immerhin.

Hören:

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Was die Herren Keim, Rynio und Paßlack verbindet und wieso Herr Funkel nur ganz knapp nicht dazu gehört

Welche Herren die Bundesligarekordmeister sind ging schon so häufig durch die Medien, dass das sogar meine Mutter wüsste: Oliver Kahn und Mehmet Scholl, jeweils acht mal, immer mit Bayern München. Dieses Wissen ist nicht sexy, das gibt bei Jauch höchstens 1.000 Euro.
Die Frage nach den Bundesligarekordabsteigern ist da schon interessanter. Andreas Keim, Jürgen Rynio und Stephan Paßlack stiegen jeweils fünf mal ab. Friedhelm Funkel gehörte am Saisonende viermal zu den Traurigen. Dabei hätte er es drauf gehabt, zum Führungstrio aufzuschließen, es sogar zu überflügeln.

Schaut man nicht nur auf den letzten Spieltag sondern zählt man mal durch, wer wie oft in einem Abstiegsjahr für einen jeweiligen Verein tätig war, ist Friedhelm Funkel einsame Spitze. Gleich siebenmal stiegen seine Teams am Saisonende ab! Sechsmal war er dabei als Trainer tätig, und mit Trainern und Abstiegsgefahr ist das so eine Sache, da beginnen oder enden die Engagements schon mal recht plötzlich.

1976 war er noch Spieler und mit 31 Einsätzen für Uerdingen am letzen Tabellenplatz beteiligt. Fünfzehn Jahre später übernahm er den Trainerposten bei Bayer 05, zwei Spieltage vor Saisonende. 12 Tage später stieg er erstmals als Trainer ab, was allerdings bereits feststand als er den Job übernahm. Und es begann das Trainerleben des Fahrstuhl-Funkel.

Uerdingen: Wiederaufstieg, Wiederabstieg 1993. Wiederaufstieg, Wiederabstieg 1996 – diesmal wurde er einen Spieltag vor Saisonschluss entlassen. Duisburg: Aufstieg, drei gute Jahre, Abstieg des MSV im Jahr 2000, Funkel musste nach dem 25. Spieltag gehen.
Köln: Am 23. Spieltag der Saison 2001/2008 wird er dort Trainer – und steigt ab. Wiederaufstieg, Wiederabstieg 2004, diesmal wurde Friedhelm Funkel schon nach dem 10. Spieltag seines Amtes enthoben.

Bei den „Nur-Spielern“ ist alles einfacher, klarer. Stephan Paßlack und Andreas Keim waren fünfmal mittendrin statt nur dabei. Georg Koch könnte theoretisch auch noch mitgezählt werden. Auch er gehörte fünfmal zum Kader eines absteigenden Vereins. Bei Fortuna Düsseldorfs Abstieg 1992 war er aber „nur“ der 20-Jährige Jungtorwart hinter Jörg Schmattke und kam nicht zum Einsatz.
Jürgen Rynio war ebenfalls Torwart und kam in allem fünf Abstiegsjahren zum Einsatz, wenn auch in seiner letzten Saison nur zweimal. Er schaffte die fünf Abstiege mit fünf verschiedenen Vereinen Auch ein Rekord. In seiner letzten Saison, beim letzten Abstieg, war er schon 38 Jahre alt und hatte gerade sechs Zweitligajahre hinter sich. Nach insgesamt 184 Erst- und 269 Zweitligaspielen hätte er sich oder man ihm diese beiden letzten Einsäte ersparen sollen. Die Spiele endeten 0:5 und 0:7