Wenn sowas die Ausnahme wäre, man könnte es als aufrüttelndes Ereignis zum richtigen Zeitpunkt abtun. Leider ist es eher die Regel denn die Ausnahme, dass Schalke selbst umwirft, was es zuvor aufgebaut hat. Und das gegen eine erschreckend schwache Borussia.
Mit Arroganz fing es an aufzuhören, das geordnete Schalker Spiel. Dass in der Folge diese keineswegs unerfahrene Mannschaft in der Lage war, derart auseinanderzubrechen, ist ein ernsthafter Grund zur Sorge. In einer solchen Phase muss ein 295-facher Bundesligaprofi wie Fabian Ernst seine Nebenleute zur Ruhen mahnen. Stattdessen reißen irgendwelche Synapsen und er springt mit Anlauf seinem Gegner in die Hacken. Unverständlich. Und unentschuldbar.
Dabei gab es keinen Grund zur Hektik. Was nun mancherorts als Dortmunder Aufholjagd beschrieben wird war in Wirklichkeit keine. Zu einer Jagd gehören Schüsse, Tempo, ein Konzept. Das alles bot Borussia nicht, Schalkes Torwart-Debütant Ralf Fährmann wurde kaum geprüft. Und doch reichte es für Dortmund, weil Schalke darum bettelte, und weil Lutz Wagner ein einsehen hatte.
Einem Sterbehelfer gleich assistierte Lutz Wagner den königsblauen Weg zum Punktverlust. Nach dem Unfall des Abseitstors – was passieren kann und schon passiert ist, selbst in solch deutlichen Situationen – taumelte Schalke, fiel aber nicht. Und Borussia selbst war zum Schubsen zu schwach.
Also gab Wagner den Angezählten den Rest. Er ignorierte das Gebaren seines Assistenten, der, als Krstajic der Ball aus zwei Metern an den angelegten Arm geköpft wurde, tatsächlich zum Weiterspielen aufforderte. Der, obwohl hervorragend postiert, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben schien.
Wagner entschied. Alleine. Und er entschied, dass es damit auch genug zu sein hätte, und pfiff ab. Denn sein ist das Spiel.
Was also bleibt?
Jürgen Klopp reitet die Welle des Enthusiasmus seit er in Dortmund angekommen ist. Das gestrige Ergebnis wird noch mehr Leute diesen Ritt bewundern lassen. Offen bleibt, ob er erkennen will, dass er seinen Mannen noch etwas mehr Fußball beibringen muss, um nicht ähnlich flott zu stranden wie sein Vorgänger.
Fred Rutten versucht Fußball beizubringen, ist bislang aber daran gescheitert das Vertrauen seiner Mannschaft zu gewinnen. Das deutlich schnellere Umschalten auf Angriff, die kürzeren, härteren Pässe, das offensivere Aufrücken funktioniert ab und an schon ganz gut. In Stresssituationen vertrauen die Spieler den neuen Rezepten aber noch nicht und schalten auf das vermeidlich sicherere, defensivere Schema vergangener Tage zurück. Raus kommt nix Halbes und nix Ganzes, Unordnung mit viel Raum für den Gegner.
Fabian Ernst hat nun freiwillig Platz gemacht für Orlando Engelaar. Nun ist dieser sicher nicht der Heilsbringer, aber der zweite Neuzugang, der Verantwortung übernehmen will. Das Jefferson Farfán Freistöße aus „Pander-Positionen“ schießt, dass er Rafinha den Ball wegnimmt um einen Strafstoß zu verwandeln, mag den einen oder anderen mit Blick auf das „soziale Gefüge Mannschaft“ vielleicht bedenklich stimmen. Andererseits setzt er damit Zeichen, will er sich über Taten auf dem Platz in eine Führungsrolle bringen.
Ob das klappt, ob Farfán und Engelaar tatsächlich so schnell wie geplant in der Hierarchie nach oben kommen können, oder ob dies zu kontraproduktiven Mißtönen in der Mannschaft führt, wird sich zeigen. Neue Hoffnungsträger sind sie allemal. Die alteingesessenen „Leader“ haben einfach in wichtigen Situationen zu oft versagt.