Artikel im Oktober 2008

Kinkerlitzkes

Wie geheim ist eigentlich ein Geheimgespräch, von dem kurz nach dem Stattfinden circa 300 Internetseiten berichten?



Und gibt es eine vernünftige Erklärung dafür, wieso es im kicker einerseits normale, und andererseits altersangabenüberflutete Beiträge gibt?
Da darf Heiko Westermann Fred Rutten wieder zur Verfügung stehen und Klaus Allofs „wie immer“ Klartext sprechen. An anderer Stelle entwickelt sich aber Marcel Schäfer (24) prächtig, wird er von Felix Magath (55) gelobt und hat Joachim Löw (48) sorgen, weil Philipp Lahm (25) wohl ausfällt, es für Marcell Jansen (23) knapp wird und Christian Pander (25) seine Reha gerade nicht durch Mannschaftssport unterbricht.

Licht!

Heute habe ich mich gut gefühlt. Endlich mal wieder!

Man geht ja mit, leidet, wenn das Spiel derjenigen, mit denen man sich verbunden fühlt, schwerfällig ist, wenn sie nicht voran kommen, wenn nichts gelingt. Im umgekehrten Fall aber fühlt man sich stark, kann einem nichts anhaben. Heute saß ich souverän vor dem Fernseher und amüsierte mich über Maik „Der Sack“ Franz.

Dieses Spiel war wohl so was wie der Beweis, dass das, was Fred Rutten spielen lassen will, funktionieren kann. Schalke hatte das gesamte Spiel über das Heft in der Hand, „die Kontrolle“, wie Rutten das, was ihm am wichtigsten ist, ausdrückt. Gleichzeitig spielte Schalke nach vorne. Mit Pausen zwar, nach der Führung zogen sich die Blauen zunächst ein Stück weit zurück, aber generell war der Zug zum Tor über die gesamte Spielzeit zu sehen. Den herausgespielten Chancen nach hätte Schalke noch deutlich höher gewinnen können. Aber das war bei einem 3:0 nicht mehr so wichtig.

Wichtig war, dass das Kurzpassspiel zwischen Mittelfeld und Angriff heute über weite Strecken hervorragend funktionierte. Der KSC hat sich nie aufgegeben, griff immer wieder zu zweit den ballführenden Spieler an. Und doch schaffte es Schalke, mit dem Ball schneller zu sein, gewann zum allergrößten Teil diese Katz und Maus Spiele, machte den KSC mürbe.

Wie Kevin Kuranyi mit diesem flotten Schalker Spiel umzugehen wusste war geradezu grotesk meiner Kritik an ihm gegenüber. Es war fast so als wollte er zeigen: „Zwei oder drei Ballberührungen, stoppen und verwerten, das fällt mir schwer. Aber nur eine Ballberührung, das ist die höhere Kunst!“ Und so stand er im Zentrum und ließ ein ums andere Mal den Ball nur richtig abprallen und brachte seine Mitspieler damit wieder und wieder in beste Schusspositionen. Geplant. Eingeübt. Vorhersehbar und doch kaum zu verteidigen, denn wenn der Abwehrspieler spekuliert, gibt er Kuranyi genügend Raum, dass sogar er ….

Und dann war da noch die Geschichte um Maik „Der Sack“ Franz, der es auf aufopferungsvolle Art und Weise tatsächlich schaffte, bei einem Rückstand von 0:2 seiner Mannschaft und dem Karlsruher Publikum noch mal Leben einzuhauchen.
Aber statt sich an Schalkes Jermaine „Der Sack“ Jones zu halten, was dem Publikum sicher ebenso recht gewesen wäre, ließ er sich, nachdem er gerade erst knapp einer Roten Karte wegen absichtlichem Foulspiels entkam, von der Schalker Bank provozieren, gab das Rumpelstilzchen und verließ den Platz unehrenvoll. 10 Minuten brannte das von ihm gezündete Strohfeuer. Nach dem 0:3 war es wieder ruhig.

Samstag spielt Schalke in Cottbus. Ich hoffe auf die gleiche Startformation, auf die gleiche Passsicherheit, auf den gleichen Zug zum Tor. Ich möchte mich gerne noch mal, würde mich gerne noch eine Weile lang gut fühlen.

Das Experiment

Diego Armando Maradona ist der neue Nationaltrainer Argentiniens!

Nun wird sich zeigen, ob ein Genie immer gleichzeitig auch das große Ganze versteht. Meine erste Reaktion bezieht sich auf das Bild, das Diego Armando Maradona nach seiner aktiven Zeit in der Öffentlichkeit abgegeben hat: Unzuverlässig, nicht gerade Clever, kein Analytiker, zu sehr von Emotionen gesteuert. Das Gegenteil von dem, wie man sich den idealen Trainer vorstellt.

Aber er ist Diego Armando Maradona, der, der seiner Zeit immer voraus war, der Beste den die Fußballrasen dieser Welt bislang haben spüren dürfen. Wie einst Babe Ruth im Baseball wollte Maradona einen solchen Job, den Posten des Trainers, auf der höchsten Ebene seines Sports. Anders als das Baseballgenie hat das Fußballgenie seinen Willen bekommen.

Nun wird sich zeigen, ob ein Genie immer gleichzeitig auch das große Ganze versteht.

[Foto: Diego Silvestre]

Jobsharing

Nein, ich habe mich nicht abgesichert, bin nicht alle Bundesligastatistiken seit ’62 durchgegangen. Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass es so was noch nicht gab.

Dass die ersten 9 Bundesligapartien eines Clubs der Reihe nach zu gleichen Teilen unter drei Torhütern aufgeteilt wurden. Und dass der „kicker-Notendurchschnitt“ jedes Einzelnen besser ist als der Schnitt des Führenden in der entsprechenden „Torhüter-Top-Spieler-Liste“.

Da hat Schalke mal drei Top-Spieler und kann nur einen einsetzten. Ein Jammer.

Typisch Schalke

Es ist typisch Schalke, eine beträchtlichen Teil des Spiels mit „geduldigem Spiel“ zu vergeuden, und sich am Ende darüber zu ärgern, dass Bielefeld 5 Minuten durch Zeitspiel klaut.
Es ist typisch Schalke, dass nach Spielen gegen solch defensive Gegner in der Sportschau eine Satz wie „Schalke hatte Probleme mit dem Spielaufbau“ zu hören ist.
Und es ist typisch Schalke, dass die Zuschauer einen brauchen, auf den sie ihren Frust abladen können.

Kevin Kuranyi ist nun zum Helden erklärt worden, also brauchte es einen Anderen. Da kam Orlando Engelaar gerade recht. Durch seine Größe wirkt selbst die gelungenste Aktion wenig elegant. Er soll eine recht hohe Ablösesumme gekostet haben, und am Geld erhitzen sich die Gemüter ja gerne. Und ihm werden ungerechte Vorteile anderen Spielern gegenüber nachgesagt, weil er gemeinsam mit dem längst nicht mehr sonderlich beliebten Trainer aus Enschede kam.
Er machte Fehler in der Defensive, und insbesondere der in Hamburg, der zum 0:1 führte, gab das Startsignal. Gestern wurde er schon auf dem Weg zu seiner Einwechslung ausgepfiffen, bevor er überhaupt einen Fuß auf dem Platz hatte.

Dabei bräuchte es noch ein paar Engelaars mehr, um Abwehrbollwerke wie das der Arminia im gestrigen Spiel zu knacken. Einige Reihen hinter mir meckerte ein Herr, der wohl kein Blog schreibt und deshalb seine Meinung von seiner Treppe aus unter das Volk bringt, dass dieser Engelaar keinen Zweikampf annehmen wurde, „der spielt doch immer sofort wieder ab!“.

Eben so sollte es sein. Leider wird im Schalker Spiel der Ball zu oft getragen. Jermaine Jones ist ein Paradebeispiel. Im Vorwärtsgang gibt er sehr häufig den Lucio.

Ab und an ging es gestern aber trotzdem schnell. Wenn Schalke direkt spielte bekam Bielefeld sofort große Probleme. Doch zu häufig gelingen Kombinationen nicht, weil entweder ein Zuspiel nicht klappt oder doch wieder einer meint, selbst losmarschieren zu müssen. Es ist kein Zufall, dass nahezu jeder Schalker Chance, die nicht aus Standards oder Querschlägern entstand sondern selbst erspielt wurde, ein einfacher Doppelpass vorausging – die kleinste Form des Kurzpassspiels.

Vielleicht ist Schalke einfach noch nicht so weit. Vielleicht wollen sie ja, aber schaffen es nicht, über 90 Minuten Richtung gegnerisches Tor zu kombinieren. Vielleicht verfallen sie deshalb in jedem Spiel in diese „geduldigen Phasen“, in denen sie den Ball von rechts nach links und zurück spielen, vergeblich auf das Geschenk einer Lücke hoffend.

Gestern wurde viel versucht, gestern hat sich Schalke einen Sieg verdient. Das es nur ein Punkt wurde lag am guten Bielefelder Torwart Dennis Eilhoff und auch zu einem guten Teil an bloßem Pech. Hätte Schalke 2:0 gewonnen, hätte ich das Spiel insgesamt wohl als Fortschritt empfunden. So ärgere ich mich über das Ergebnis, bin nicht zufrieden und kann jeden Frust über zu große Sorglosigkeit verstehen. Verteufeln will ich die Leistung aber nicht.

[Foto: Jacoplane]

Ungefiltert muss das mal raus

Infokasten kurtspaeter„Der Gegner stand wie erwartet sehr tief und damit haben wir uns schwer getan!“

Die üblichen armseligen Aussagen, die man nach einem torlosen 0:0 eines selbsternannten Favoriten gegen einen Abstiegskandidaten immer wieder hört.

Verdammt nochmal, dann hört endlich auf mit diesem immer gleichen trostlosen Ballgeschiebe der letzten drei Jahre, dann hört endlich auf, immer wieder das Tempo aus dem Spiel zu nehmen, immer wieder Standfußball zu präsentieren.
Die Bundesliga freut sich über viele Tore, über spektakuläre Spiele, über Offensivfußball, nur Schalke eiert mit 12:8 Toren durch die pure Tristesse.

Es ist wahrscheinlich doch eine Frage der Qualität, vielleicht nicht so sehr auf dem Platz, dort wird Woche für Woche einfach nur nachgewiesen, dass Schalke spielt wie es im Moment spielen kann.
Es ist wahrscheinlich eher die Frage, ob Andreas Müller weiß, was er tut, ob er weiß, was die Mannschaft kann und ob er wirklich der richtige Stratege in Schalkes sportlicher Führung ist. Denn die Zusammenstellung des Teams inklusive der Trainerwahl, das ist Müllers Ding. Aber diese Frage lässt sich erst im Verlauf der Saison klären und zur nächsten eventuell korrigieren. Wenn man denn dieses Eisen anpacken will. Meines Erachtens sollte man zumindest offen darüber diskutieren.

Eine Welt ohne Contenance

Englands prominentestes Proll-Pärchen: David Beckham und seine Anziehpuppe Victoria auf dem Flughafen London Heathrow

So lautete tatsächlich eine Bildunterschrift in der „Welt Kompakt“ am gestrigen Donnerstag.

Der Beitrag war keine Glosse, er stand nicht mal in einem Teil mit dem Titel „Panorama“ oder ähnlich, in keinem Zeitungsteil, in dem ansonsten über falsche Brüste und Tierbabys berichtet wird.
Es handelte sich um einen anständigen Sportbetrag mit einem ansprechendem AP-Foto (nicht online), in dem die Nachricht des Wechsels von David Beckham zum AC Mailand verkündet wurde.

Man wird darauf achten müssen, ob das bei „Welt Kompakt“ nun Methode wird. Vielleicht lesen wir demnächst dort auch im Politikteil Untertexte wie „Die Kanzlerin macht im schweinchenrosafarbenen Kostüm von XY eine schlechte Figur“.
Vielleicht erkennt „Welt Kompakt“ aber auch selbst, dass es sich dabei um unverschämte Unprofessionalität handelt und gibt dem Verantwortlichen darüber mal näheren Bescheid.