TV-Serien gibt es viele. Nicht jeder mag Serien, und auch Leute, die Serien mögen, mögen nicht alle Serien. Was normal und auch gut so ist, schließlich ist es wohl niemandem möglich, alle gezeigten Serien zu verfolgen. Fest steht, dass das Format „Serie“ erfolg hat, das Format des immer gleich Wiederkehrendem.
Auch der Ligafußball folgt diesem Format. In regelmäßigen Abständen wird die Geschichte einer Saison fortgeschrieben, pro Liga 18 x 34 Folgen lang. Jedes Spiel ein in sich abgeschlossener Teil, nach dem der Zuschauer sofort damit beginnt das gesehene zu überdenken und über den Fortgang zu spekulieren. Wie es meiner Mutter mit Helga Beimer geht, geht es mir mit Marcelo Bordon – ich glaube über ihn mehr zu wissen als über viele meiner Nachbarn.
Dirk Blothner ist Psychologe und beschäftigt sich unter anderem mit der Wirkung von Fernsehserien. Als einen Grund dafür, wieso für so viele Menschen Serien wichtig sind, führt er fehlende Rituale im Alltag an.
In unserer modernen, westlichen Kultur leben wir in einer Gesellschaftsform, die sehr viele Rituale, sehr viele wiederkehrende Muster abgeschafft hat. Auch Orientierungsmuster: Im Mittelalter gab es Stände und Zünfte, die Religion hatte enorme Bedeutung. Es gab klare Vorgaben, wie man sein Leben in einen Rhythmus bringt. Das haben wir nicht mehr. Wir lieben die Freiheit und das Individuum und haben die Forderung, dass jeder sein Leben nach seinem eigenen Plan gestaltet. Serien können in ihrer Eigenschaft als wiederkehrende Muster und Orientierungshilfen in diese Lücke stoßen.
Ist das so, und gilt das auch für die Serie „Bundesliga“? Unter diesem Gesichtspunkt Fußball tatsächlich als „Religion fürs Volk“? Legen wir deshalb soviel Wert darauf, dass sich die Darsteller auf dem Platz „fair“ verhalten, nehmen wir sie – wenn auch nur unterbewusst – doch als eine Art Vorbilder wahr?
Machen wir uns nichts vor: Den Ansprüchen an Fairness genügen wir oft genug selbst nicht. Wir verurteilen kartenfordernde Spieler und würden doch selbst am liebsten dem Spinner, der uns gerade die Vorfahrt genommen hat, die Antenne abbrechen. Wir ereifern uns über verbalen Rassismus auf dem Feld, ziehen aber sehr viel großzügigere Grenzen was den Umgang von gegnerischen Fans untereinander angeht.
Projizieren wir vielleicht wirklich soviel in unseren Lieblingssport? Ist uns vielleicht deshalb ein Mindestmaß an „Tradition“ im Fußball so wichtig, möchten wir auch des Rituals wegen möglichst alle Spiele samstags um 15:30 Uhr angepfiffen haben?
Da kann man mal ein bisschen drüber nachdenken.
[Eine „Hallo Ü-Wagen“-Diskussion über Serien ist hier nachzuhören]







Das “projizieren” gibt dem Denken eine kleine Richtung vor, in die ich nicht gehen würde. So als ob es eine andere Wahrheit hinter dem Ritualhafte des Fußballs gibt. Da klingt so was wie Ideologiekritik an, auch wenn das ein Wort aus vergangen Zeiten ist. Du meinst das vielleicht nicht so. Aber das Ritualhafte im Fußball ist echt – im Stadion! Deshalb ist Fußball nur am TV etwas anderes. Und tatsächlich sucht diese Gesellschaft nach einem Sinn. Deshalb ist Fußball für unsere Kultur so wichtig geworden. “Religion fürs Volk” war meiner Meinung nach früher. Heute ist Fußball schichtübergreifend sinnstiftend. Eben weil da ein Vakuum in unserer Gesellschaft entstanden ist.
Ups, sorry dass ich das Antworten bislang verpasst habe. Danke für den Kommentar.
Darf ich fragen welche Rituale Du im Stadionbesuch siehst?
Ich habe „projizieren“ tatsächlich absichtlich formuliert, weil ich denke dass sich das Verhalten im Stadion, dass sich die „Kultur“ des Stadionbesuchs mehr und mehr verändert.
Ich sehe da zwei Ebenen, um über Ritualhaftes zu sprechen. Deine Frage zielt – wie ich sie verstehe – auf die Beschreibung des Geschehens im Stadion. Ich habe da aber eher an den Stadionbesuch als Ganzes gedacht. Und der hat ja tatsächlich durch seinen vorgegebenen Ablauf und durch seine regelmäßige Wiederkehr etwas vom Kirchgang. Wie das Geschehen innerhalb dieses “Kirchgangs” aussieht, darum wird kräftig gerungen. Da gibt es etwa Fundamentalisten und Reformer oder auch Visionäre und Missionare. Dass wir aber daran denken, diesen Stadionbesuch als Kirchgang zu deuten, verweist auf die Leerstellen unseres Alltags. Da fehlt Sinn. Und der Fußball gibt anscheinend immer mehr Menschen im Alltag eine Orientierung – zeitlich, aber auch inhaltlich. Hat bestimmt der ein oder andere Soziologe schon was drüber geschrieben.