Die schrecklichen Drei: Zwischen Leistung und Wahn

Das nächste Spiel, das hätte gewonnen werden können. Die nächsten Punkte, die durch Selbstverschulden weggeschenkt wurden. Hoffenheim zeigte nicht das Feuerwerk, das man erwartet hatte. Hoffenheim spielte seine Stürmer drei oder viermal frei, der Rest waren Fernschüsse jeglicher Art. Sowas lässt sich relativ leicht verteidigen. Eigentlich.

Fred Rutten lege wert auf Disziplin, erzählt Andreas Müller in jedem Interview. Wie hält es der Mann mit diesem Kader nur aus? Gibt es eine andere Mannschaft in der Liga, dass es an Diziplinlosigkeit mit dieser Mannschaft des FC Schalke 04 aufnehmen kann?

Man kann es wohl an den Frisuren festmachen. Je weniger auf dem Haupt wächst, desto weniger halt scheint es in Extremsituationen auch im Kopf zu geben. Dann löst sich etwas, oder es knallt durch, wie auch immer. Jones hat wenig. Engelaar hat weniger. Ernst hat nichts.

Jermaine Jones spielt immer überdreht. Bei ihm ist es immer nur ein kleiner Schritt vom großen Einsatz bis zu großen Dummheiten, bei denen er an der Mittellinie jemanden umsenst, dem Gegner im Luftkampf einen mitgibt oder auf den Schiedsrichter zurennt als wolle er ihn verprügeln. Erstaunlich, wie viele Schiedsrichter das mit sich machen lassen. Noch erstaunlicher, dass es auf Schalke niemanden gibt, der ihn im entscheidenden Moment zurückhält, ihn vor sich selbst schützt.

Orlando Engelaar ist das Gegenteil von Jones, denn ihn hat man noch nie auch nur ansatzweise irgendwie aufgeregt, geschweige denn aufregend gesehen. Er foult seinen Gegner – obwohl bereits verwarnt – mit der gleichen Lässigkeit einen Meter vor dem Schiedsrichter, mit der er auch seinen fünften oder sechsten Fehlpass spielt. Als ginge ihn das alles nichts an, dann schleicht er eben raus. Ab und an spielt er einen tollen Pass. Aber das kann den Mist, den er sonst spielt, eben leider nicht aufwiegen.

Und dann ist da noch Fabian Ernst. Das heutige Spiel war sein 305. Bundesligaeinsatz, in Abwesenheit von Marcelo Bordon trug er die Kapitänsbinde. Er spielte seine Position hervorragend, fing immer wieder Hoffenheimer Pässe in die Tiefe ab, stopfte Löcher über die gesamte Spielfeldbreite, und war doch wieder in der entscheidenden Szene der falsche Mann. Wie schon in Dortmund war er eben nicht der ruhende Pol, das, was man von einem Spieler seiner Erfahrung erwarten könnte. Sondern es war wieder Fabian Ernst, der das Foul zum Gegentor beging, der dabei eigentlich auch mit Rot vom Platz gestellt hätte werden müssen.

So ist es ganz schwer zu siegen.
Sicher war noch ein guter Freistoß nötig.
Sicher sah auch Manuel Neuer bei dem Gegentor wieder nicht völlig unschuldig aus. Nicht an solch einen Schuss heranzukommen ist das eine, mit der vollen Hand da zu sein, den Ball dann aber trotzdem reinzulassen ist das andere. Es bleibt dabei, dass man zwar weiß, welche grandiosen Sachen Manuel Neuer leisten kann, man sich aber dennoch nie so richtig sicher fühlt.
Sicher hat sich Hoffenheim diesen Punkt auch verdient.

Trotzdem glaube ich, dass Hoffenheim dieses Spiel „aus eigener Kraft“, gegen eine diszipliniertere Schalker Mannschaft, ohne Geschenke nicht mehr hätte ausgleichen können.

Ein Jammer.



11 Kommentare zu “Die schrecklichen Drei: Zwischen Leistung und Wahn”

  1. Matthias sagt:

    57. Minute gestern: Jones spielt beim seinem Tackling im Mittelfeld ausschließlich den Ball. In der Zeitlupe sieht man sogar, wie er das Bein nach dem spielen des Balles vom Gegner wegzieht und nicht das branchenübliche „Ich habe den Ball touchiert, also darf ich im jetzt auch den Unterschenkel brechen“-Spielchen spielt. Er sieht dafür die gelbe Karte. Es ist die zweite, also fliegt er vom Platz. Eine Fehlentscheidung. Orlando Engelaar echauffiert sich ob dieser Fehlentscheidung beim Schiedsrichter und sieht dafür eine gelbe Karte. 20 Minuten später fliegt Engelaar, vorbelastet aus dem Tumult der Gagelmannschen Fehlentscheidung, nach einem taktischen Foul mit Mittelfeld vom Platz. Von fünf Platzverweisen in dieser Halbserie stammen vier aus zwei Spielen, in denen der Unparteiische gegen Ende jegliche Linie verlor und ausschließlich nur noch Schalker bestrafte. Auch das ist leider eine Realität dieser Saison.

  2. Hirngabel sagt:

    „Noch erstaunlicher, dass es auf Schalke niemanden gibt, der ihn im entscheidenden Moment zurückhält, ihn vor sich selbst schützt.“

    Das ist wohl wahr. Verstehe nicht, warum Rutten einen Spieler wie Jones, der vor Blutdurst nur so sprühte und nur dank Gagelmanns Gnade (oder Unvermögen) noch auf dem Platz stand, nicht in der Kabine lässt. So wichtig kann ein Spieler gar nicht sein, als dass man als wacher Trainer dieses Risiko eingehen müsste.

    EDIT:@Matthias
    Wenn Du das so aufrechnest, musst Du aber auch sehen, dass Jones schon weitaus früher hätte fliegen müssen, sowie Asamoah und Ernst ebenfalls nur mit Glück kein Gelb-Rot erhalten haben.
    Wie Torsten das schon oben schreibt: Da war ganz viel eigene Blöd- und Undiszipliniertheit mit im Spiel.

  3. Erle72 sagt:

    Schalke hat gegen Hoffenheim durch ein diszipliniertes defensives Stellungsspiel keinen richtigen Gong verpasst bekommen – das ist positiv.

    Schalke kommt durch technische Unzulänglichkeiten und zu träges Denken bei Abwehraktionen, besonders im Mittelfeld, häufig zu spät an den Gegenspieler und befindet sich dadurch zu oft in der gelbroten Zone – das ist negativ.

    Mangelndes Vertrauen in die Mitspieler und diese Mischung aus Übermotivation, zu wenig Selbstvertrauen und nachlassender Kraft sind wohl die Hauptgründe für dieses nur begrenzt intelligente Verhalten.
    Die Schalker Bank bekämpft die aufkeimende emotionale Amokstimmung mit solidarischem Benzin ins Feuer schütten; auch dies ein nur wenig zielführendes Unternehmen.

    Zum Glück ist jetzt Winterpause.

    Das ein oder andere Defizit sollte sich abbauen lassen. Wenn der Trainingsplatz durch Transfers demnächst leerer wird, kommt vielleicht auch wieder mehr Übersicht in das Spiel.

    Hoffen …

  4. Das war der 17. Spieltag | Heimkabine.de sagt:

    […] koenigsblog.net: Die schrecklichen Drei: Zwischen Leistung und Wahn […]

  5. Matthias sagt:

    @Hinrngabel: Vielleicht ist es falsch rübergekommen. Ich rechne nicht auf, sondern schildere nur eine Minute des Spiels. In dieser Minute des Spiels wurden die Weichen für das weitere Geschehen auf dem Rasen gestellt. Jones hatte sich zu diesem Zeitpunkt wieder unter Kontrolle – selbst Marcel Reiff, der ab der 20. Minute vehement eine rote Karte herbeiredete, musste eingestehen, dass Jones sich längst wieder gefangen hatte.

    Was eine mögliche gelb-rote Karte für Gerald Asamoah angeht, so muss ich jetzt mal kurz laut auflachen. Nicht über dich, sondern ebenfalls über das zweierlei Maß, mit dem in Bezug auf Hoffenheim gemessen wird. Die gelbe Karte gegen Asamoah war vielmehr eine Tätlichkeit an Asamoah (ich glaube sogar vom späteren Torschützen Teber), aus der sich Asamoah befreit hat. Danach stürzen zwei Hoffenheimer auf Asamoah zu und lösen eine „Rudelbildung“ aus, für die es den Regeln nach eigentlich Platzverweise hätte setzten müssen (in der Tat ist Gustavo Varela nach wie vor der einzige Bundesligaspieler, der jemals dafür des Feldes verwiesen wurde).

    Bei einem Allerweltsfoul von Rafinha an der Seitenlinie stürmt plötzlich die komplette Hoffenheimer Auswechselbank auf den Platz (und trampelt dabei sogar noch fast den eigenen Spieler platt). Auf die Tribüne geschickt werden hingegen wenig später die beiden Schalker Co-Trainer. Ich erinnere in diesem Zusammenhang kurz an eine ganz ähnliche Situation beim Spiel Köln vs. Hoffenheim.

    Eine echte Spitzenmannschaft behält auch in derartigen Phasen die Ruhe und spielt ihren Stiefel herunter. Schalke ist derzeit keine echte Spitzenmannschaft, also kann ich es zumindest im Ansatz verstehen, dass die Nerven blank liegen. Wenn dann in einer entscheidenden Phase der Partie auch noch nadelstichartige Fehler des Schiedsrichters hinzu kommen (vom abgepfiffenen Konter Farfans rede ich jetzt nicht einmal) fehlt mir irgendwann einfach die Lust, in einer Art vorauseilender Selbstgeißelung auf die undisziplinierten Schalker zu schimpfen.

  6. kurtspaeter sagt:

    Prinzipiell würde ich einen Spieler wie Jones bei einem anderen Verein richtig Scheisse finden, andererseits spielt der aber bei Schalke und da ist er wichtig. Mit genau der Spielweise, die er nunmal hat. Ein Abräumer, einer der sich nichts gefallen lässt, der auch einmal über die Strenge schlägt. Gestern hätte er in der ersten Halbzeit raus gemusst, ja.
    Insgesamt ist er in einer Mannschaft, in der in dieser Saison Spielertypen a la Engelaar überwiegen, einer der vorangeht und der sich wehrt. Das finde ich gut. Ich ärgere mich viel mehr über anonymes Fügen wie bei Engelaar, wirklich dreckiges Spiel wie bei Rafinha und ständiges Gezeter wie bei unserem Kapitän.

    Das mit der Disziplinfrage ist eine gute Sache. Ich finde es normalerweise Käse, eine Geschichte wie Rafinhas Feierei oder auch nicht, aufgemacht von der Blöd, weiter zu verfolgen. Man muss sich aber in diesem Zusammenhang auf der Zunge zergehen lassen, daß (Achtung, Wutanfall meinerseits) der Lümmel und Varela seit Wochen mehr oder weniger anonym suspendiert sind, weil man es sich sportlich leisten kann, während Rafinha macht was er will, wann er will, wie er will und wo (Remember China) er will, weil man es sich sportlich nicht leisten kann, diesen Idioten (Remember Wutanfall) auf die Tribüne zu hocken. Da hat die komplette Führung inklusive Trainer nicht mal ansatzweise ein klitzekleines Ei in der Hose. Stattdessen stellt sich Müller gestern vorm Spiel hin und grinst dümmlich den sinngemäßen Satz „Stefan und ich waren früher sicher auch nicht immer korrekt und haben mal über die Strenge geschlagen“ in Richtung des ebenfalls dümmlich grinsenden Stefan Effenberg. Das war erneut eine derart dümmliche Aussendarstellung, man könnte meinen, Müller hätte in solchen Momenten den Intellekt eines betrunkenen Vollspinners. Wutanfall beendet.

  7. Torsten Wieland sagt:

    Erstens denke ich, dass Schalke nicht nur keine echte, sondern überhaupt keine Spitzenmannschaft ist. Und zweitens habe ich auch keine Lust auf Selbstgeißelung. Aber mir geht diese selbstdezimierende Scheiße eben gehörig auf den Sack, um es mal deutlich zu schreiben. Und in diesem Spiel wie schon in Dortmund kosten diese Anfälle erneut 2 Punkte.

    Das ist nicht „emotional“, das ist Dummheit der einfachsten Art. Mit nur ganz wenigen Gramm mehr „Kopf“ stünde Schalke nun nur 2 Punkte hinter Platz 3.

  8. Michael Wiemer sagt:

    Schalke verschenkte auch in Hoffenheim den Sieg. Vor dem Spiel war ich der Meinung das Hoffenheim Probleme mit Schalke bekommen wird. Ich traute Schalke sogar mehr wie ein Remis zu. Angriffstärkste Truppe trifft auf Team mit den wenigsten Gegentoren. Zumal Hoffenheim (trotz aller anderen Statements von Rangnick und co.) natürlich Herbstmeister werden wollte. Bei so einer „Drucksituation“ geht das leichtfüßig-spielerische schon Mal bei Hoffenheim verloren.
    Das Schalke mit 9 Spielern das Match beendet stimmt nachdenklich. Das 3:3 in Dortmund sollte eigentlich Lehrgeld genug sein. Ein Wort zum angesprochenen Manuel Neuer. Ich halte ihn für einen guten Torwart. Jedoch noch nicht für einen exzellenten Keeper. So eine Leistung wie damals in Porto und Hoffenheim wäre ohne Punkt in die Winterpause gegangen. In der Vorrunde haben Werder Bremen und Schalke ihr Potential am wenigsten genutzt. Quo vadis Schalke ?

  9. tumulder sagt:

    Wenn Dir das Leben Zitronen schenkt, mache Limonade draus. Tut mir leid lieber Kurtspaeter. Wenn Du immer noch nicht erkannt hast, daß hinter Berichter die Schmierenkampagne der Bildzeitung gegen den Spieler Rafinha, eigentlich gegen alle, die momentan auf Schalke angestellt sind als Schmierenkampagne entlarvt hast, dann sei Dir Dein Wutanfall gegönnt.

  10. kurtspaeter sagt:

    @tumulder:
    Ich drücke es anders aus. Die Bild-Zeitung ist mir dabei herzlich egal. Nicht umsonst, siehe oben, ich bezeichne sowas selber als „Käse“.

    Gestern ist aber vor dem Spiel Andreas Müller vor laufender Kamera zu eben diesem Thema der „Feierei“ und einer damit verbundenen, angeblichen Disziplinlosigkeit befragt worden.
    Die Darstellung Müllers, die nicht einmal eine Leugnung der „Vorfälle“ beinhaltete, war unter aller Kanone und passt in sein abgebendes Bild. Auch die Olympia-Reise ist als Diszplinlosigkeit Rafinhas weitgehend anerkannt und Schalke hat einen Riesen-Aufwasch betrieben, dies auch öffentlich darzustellen. Eine „Bestrafung“ Rafinhas, die in irgendeinem Verhältnis zu dem steht, was er als „Vertragsbruch“ schon im Sommer begangen hat ist aber nicht zu erkennen, spielt er doch seit er wieder da ist immer. Im krassen Gegensatz dazu die Suspendierungen Großmüllers und Varelas, die man sportlich eben nicht gebrauchen kann und die in meinen Augen zu Bauernopfern gemacht werden, um durchzudrücken, daß man Disziplinlosigkeiten nicht duldet. Was bei Rafinha, und das bestätigte Müller gestern, nochmals, vor laufender Kamera, als er meinte, Rafinha habe „bislang tadellos gespielt und man müsse deshalb ein Auge zudrücken können“, defnitiv nicht angewandt wurde. Das finde ich schwach.

  11. Thomas sagt:

    Vielleicht muss man Rutten erstmal Zeit geben. Es ist ja nicht einfach so eine Mannschaft in 6 Monaten zu formen. Nach der Winterpause wird Schalke wieder aufdrehen, da bin ich mir ziemlich sicher.

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