„Hau wech, dat Dingen!“

Der Abpfiff kommt etwas plötzlich. Wäre er, wie es Usus ist, bei einem langen Ball, vielleicht einem Abschlag erfolgt, der Jubel wäre lauter gewesen. So nur Erleichterung allenthalben. Ich drehe mich um, zu O-Jay, der gleich hinter mir steht. „Gut, oder!?“ sagt er. Eine Aussage, keine Frage. „Ja, gut!“ sage ich.

Zuvor hatten wir ein Fußballspiel mit einer fürchterlichen ersten Halbzeit gesehen. Teams denen fast nichts gelang, die sich gegenseitig an Fehlern überboten. Eine Halbzeit nahezu frei von Torraumszenen. Angsthasenfußball zweier Mannschaften, die in der vergangenen Woche von Fans und Medien viel Dresche bezogen haben, denen bewusst war, dass eine Niederlage das alles potenzieren würde. Und kurz nach der Halbzeit erzielte Benni Höwedes das 1:0.

Plötzlich war alles anders. Plötzlich hatte Werder etwas aufzuholen, und Schalke blieb in seiner Angsthasigkeit alleine zurück. Es wurde ein Spiel auf ein Tor, weil Schalke im Mittelfeld jegliche Kontrolle verlor und alle Konterversuche bereits im Ansatz misslangen.

Werder fehlte es bei allem Engagement ebenfalls an Klarheit. Weniges schien geplant. Ein Özil Trick hier, eine Hereingabe nach eine Freistoß da, Werder kam zu seinen Chancen. Aber von der „Green Machine“, von der besten Offensivmannschaft, die Werder in den letzten Jahren regelmäßig stellte, war nichts zu sehen.

Und trotzdem warf Werder nun alles nach vorne. Und Schalke hielt dagegen. Und plötzlich änderte sich die Stimmung im Stadion.
Wo gerade noch die vom FC Schalke der letzten Monate genervte Zuschauerschaft Fehlpässe begrummelte und strukturloses Spiel kritisierte waren nun unterstützende Fans zu sehen und zu hören. Plötzlich wurde ein auf die Tribüne gedroschener Ball bejubelt. Plötzlich gab es Applaus für Spieler, die sich in einen Pass warfen, auch wenn mit dem eroberte Ball kein ordentlicher Angriff eingeleitet wurde. Plötzlich wurde das Spiel wieder mitgelebt.

Mit Häme könnte man behaupten, dass sich das Schalker Publikum nun wieder an dieses schwache Niveau gewöhnt hätte. Aber das ist Quatsch, ich bin davon überzeugt, dass die allermeisten Fans die heutige schlechte spielerische Leistung sehr wohl einschätzen können, egal wozu dieses Spiel in den Medien oder im Leuchtturm gemacht werden wird. Aber die heutige zweite Halbzeit war nicht die Zeit für Kritik, nicht die Zeit für Liebesentzug oder Erziehungsmaßnahmen, einzelnen Spielern oder Funktionären gegenüber. Es ging nur um diese drei Punkte. Es ging darum, eine Aussicht zu behalten, und darum, den Affen nicht noch mehr Zucker zu geben.

Das hat funktioniert. Mit etwas Geschick, mit viel Einsatz und auch dank Werder.
Es hat funktioniert. Gut.



2 Kommentare zu “„Hau wech, dat Dingen!“”

  1. tumulder sagt:

    Eine ganz dolle Szene war als Rafinha nach einem abgewehrten Angriff Werders beide Fäuste ballte und die anderen Mannschaftsmitglieder anfeuerte. Auch wenn’s weiterhin holpern wird. Feuer ist in der Mannschaft. Ganz klar, und das reicht auf Schalke wenn drei Punkte eingefahren werden. Ich fand’s klasse. Kritik wäre nach diesem Spiel unangebracht und unverdient der Sieg nie im Leben, auch wenn glücklich.

  2. O-Jay sagt:

    Irgendwie erinnerte mich die zweite HZ an längst vergangene Parkstadion-Zeiten, als S04 regelmäßig als Außenseiter agierte. Schön, dass das Publikum in solchen Momenten auch endlich mitgeht und nicht nur nörgelt. Über die 1. HZ jedoch ist jedes verlorene Wort des Guten zuviel.

    Schon kurios: als das 1:0 fiel, starrten viele Fans sich zunächst ungläubig an, bevor sie dem Jubel der Spieler folgten. Nach den Vorkommnissen von Hannover konnte wohl keiner mit der Verbindung Schalke/erzieltes Tor wirklich etwas anfangen.

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