Wenn die Lupe zum Diffusor wird

Die Bundesliga ist zu langsam, liest man immer wieder. Trotzdem wird im für die Bundesliga zuständigen Fernsehen jeder Schuh, kommt er nun in Werbefarbe daher oder „retro“, jeder Nasenbohrer und jeder fluchende Mund stark verlangsamt und vergrößert gezeigt. Das der Begriff Zeitlupe nicht passt, dass mit dieser Technik häufig eine eigene Wahrheit geschaffen wird, dafür gibt es immer wieder Beispiele. Das jüngste erst gestern.

Da bewegt sich der Ball im Dortmunder Strafraum auf den völlig freistehenden Ribery zu. Ein Stellungsfehler der Borussenabwehr schafft Ribery eine hervorragende Möglichkeit, wenn der langsam trudelnde Ball nur bis zu ihn kommt. Miroslav Klose sowie Neven Subotic und Kevin-Prince Boateng sind in der Nähe des Balles positioniert und erkennen gleichzeitig die Situation. Klose grätscht, um dem Ball die entscheidende Energie zu geben, um Ribery anzuspielen. Subotic und Boateng hetzen wie die Köter nach der Taube, der Strafraumgrenze, Ribery entgegen. Dabei tritt Boateng auf Kloses Oberschenkel.

Und die Lupe wird gezückt. Und der Kaiser ist erzürnt. Und sicher wird das Volk noch fordern. Und bestimmt wird der DFB noch ermitteln.

Im ewigen Wahn, alle „technischen Hilfsmittel“ ausnutzen zu wollen, geht die eigentliche Spielbeobachtung völlig unter. In dieser kurzen, weniger als 3 Sekunden dauernden Sequenz erfasst Boateng die Situation, spurtet er los, wirft sich ihm Klose in den Weg und kollidiert er fast mit Subotic. Der junge Mann wird häufig als nicht sehr helle dargestellt. Um in dieser Situation zu erfassen dass Klose grätscht, um sich in diesem Bruchteil einer Sekunde für einen absichtlichen Tritt zu entscheiden, genau zu treffen und noch derart schnell („skrupellos!“) bei Ribery anzukommen, dazu gehört nicht nur eine tolle Athletik, dazu wären auch außergewöhnliche, eben über die Maßen außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten vonnöten.

In der Wiederholung wird so freilich nicht gedacht. Da geht es nur um getroffen oder nicht, um möglich oder unmöglich – in der dargestellten Form. Boateng traf, und es tat Klose weh. Ironie der Situation: Wäre Boateng langsamer gewesen, er hätte den Tritt vermeiden können und er wäre ein weniger leichtes Opfer Riberys geworden, der Subotic’ und Boatengs Dynamik ausnutzte und sie gegen ihre Laufrichtung ausspielte, den Ausgleich der Bayern vorbereitete. Dann wäre dieses Tor vielleicht nicht gefallen.



14 Kommentare zu “Wenn die Lupe zum Diffusor wird”

  1. Hirngabel sagt:

    Danke.

  2. Nick sagt:

    Da schließe ich mich Hirngabel an.

  3. Max (Taktikbesprechung) sagt:

    Du sprichst mir aus der Seele.

  4. jens [catenaccio] sagt:

    Ist zwar langweilig, aber dem stimme ich auch zu. Immerhin ermittelt der DFB nicht. Vielleicht hat man die IQ-Tests von Boateng zur Hilfe genommen oder die neue Datenbank vom Hopp.

  5. erz sagt:

    Wenn doch nur mehr so deutlich würden wie der Klopp im Interview: Leute, die keine Ahnung haben, befeuern noch unsägliche Scheindebatten, die von einer Qualitätskontrolle des Produktes ablenken. So hat halt jede Liga die Berichterstattung, die sie verdient.

  6. Conti sagt:

    jo!

  7. TheBigEasy sagt:

    Sehr guter Beitrag. Im Stadion habe ich diese Szene schon nicht als böse Absicht eingestuft und nachdem ich mir heute noch einen Videoausschnitt davon angesehen habe, bin ich der Meinung, dass man Boateng hier in keinster Weise Absicht unterstellen kann. Mei, des is hoit des Problem mit dem Franz …

  8. probek sagt:

    Falsch. Dieser Ausgleich wäre nicht gefallen, wenn die Schiedsrichter ihren Job besser gemacht hätten.

    Und die Szene, so sehr es zumindest das hier versammelte Volk — nicht sonderlich überraschenderweise — offenbar eben gerade nicht fordert, wurde nicht nur von Franz B. so beurteilt, sondern auch vom Betretenen selbst. Übrigens durchaus nachvollziehbar, denn auch nach Ansicht diverser Zeitlupen kann man immer noch vermuten, dass Boateng wusste, was er trat und sich nicht wirklich bemühte, den Tritt zu vermeiden. Die Bilder werden das aber nicht aufklären können. Aber selbst die kognitiven Fähigkeiten Boatengs könnten dafür ausreichen, ein weiß-rotes von einem gelben Bein zu unterscheiden.

    Dennoch Schwamm drüber, Prinz, ist ja gut gegangen. Und um die Schuldfrage ging es dem Blogautor auch nur am Rande, aber das ging im kollektiven Firlefranz-Bashing irgendwie unter.

  9. Nick sagt:

    @Probek: Na, wenn der Klose das so beurteilt, dann liegen wir hier natürlich alle falsch und der Kontrollausschuss obendrein.

    Übrigens ging es nicht darum ein “weiß-rotes von einem gelben Bein zu unterscheiden”, sondern in Sekundenbruchteilen einen unheimlich schnellen Bewegungsablauf neu koordinieren zu müssen.

  10. probek sagt:

    Könnte nie sein, dass hier alle (?) falsch lägen. Wo kämen wir da hin, bei so viel geballtem Zeitlupenguckerwissen. Und den Vorgang selbst kann der unmittelbar Betroffene natürlich nicht so gut beurteilen, das können Außenstehende selbstverständlich besser.

    Übrigens ging es letztlich nicht darum, ein “weiß-rotes von einem gelben Bein zu unterscheiden” oder einen “unheimlich schnellen Bewegungsablauf neu koordinieren zu müssen”, sondern darum, ob sich aus den TV-Bildern objektiv herleiten lässt, dass Boateng den Tritt gar nicht verhindern konnte (was hier versucht wurde). Oder ob die Bilder genau das nicht hergeben, es letztlich eine Glaubenssache bleibt und es eben nicht verifizierbar ist. Ich glaube letzteres.

  11. Hirngabel sagt:

    -Edit: Hatte das letzte Posting von probek noch nicht gesehen-

    Es erscheint mir als hätte der gute probek das Posting hier nicht wirklich verstanden.

    Es geht doch dabei eben genau darum, dass in dieser Situation die *Schuldfrage* überhaupt nur deshalb gestellt wird, weil die ständigen Zeitlupenwiederholungen unsere Wahrnehmung der Realitäten auf dem Spielfeld völlig verzerren. Das sind eben Sekundenbruchteile, in denen man sich kaum bewusst dazu *entscheiden* kann die Bewegungsrichtung zu ändern, um einen Gegenspieler absichtlich zu verletzen.

    Und dass Klose sich aufregt, ist ja auch irgendwo verständlich. Dessen Knie war schließlich vorher angeschlagen und dementsprechend war er da sehr empfindlich. Wenngleich ich durchaus recht gebe, dass die Intensität seiner Aussagen und Vorwürfe schon recht erstaunlich war und ungewöhnlich für ihn.

    Aber das ist für mich kein Argument, zumal er mit ziemlicher Sicherheit von der Situation selbst nur mitbekommen hat, dass ihm jemand auf den Oberschenkel trat.

  12. Torsten Wieland sagt:

    Es geht doch dabei eben genau darum, dass in dieser Situation die *Schuldfrage* überhaupt nur deshalb gestellt wird, weil die ständigen Zeitlupenwiederholungen unsere Wahrnehmung der Realitäten auf dem Spielfeld völlig verzerren.

    Eben.

    Im Übrigen sind mir die Protagonisten in diesem Falle herzlich egal. Ich denke sowieso, dass Boateng und Van Bommel grundsätzlich mit einer Default-Gelben Karte in jedes Spiel starten sollten, wärend für Jermaine Jones eine generelle Unschuldsvermutung festgeschrieben werden müsste. Werde ich Peter Peters (schräge Eltern, keine Frage) mal vorschlagen. Der hat ja was zu sagen bei der DFL, muss er sich halt mal durchsetzen, gegen die Bayern-Mafia.

  13. Neues aus dem Fanblog (1) | MAUERTAKTIK | Fußball-Satire & Bundesliga-Liveticker sagt:

    [...] vs. Klose beim Spiel Bayern – BVB widmet sich der “Königsblog” und kommt zu einem Ergebnis, das Mauertaktik-Ultra Feivelinho Grimm freuen [...]

  14. Links der Woche vom 6.2.-12.2.2009 - LetzterMannHält sagt:

    [...] Königsblog: Wenn die Lupe zum Diffusor wird Die Bundesliga ist zu langsam, liest man immer wieder. Trotzdem wird im für die Bundesliga zuständigen Fernsehen jeder Schuh, kommt er nun in Werbefarbe daher oder „retro”, jeder Nasenbohrer und jeder fluchende Mund stark verlangsamt und vergrößert gezeigt. Das der Begriff Zeitlupe nicht passt, dass mit dieser Technik häufig eine eigene Wahrheit geschaffen wird, dafür gibt es immer wieder Beispiele. Das jüngste erst gestern. [...]

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