Artikel im Februar 2009

Bank? Welche Bank?

Wenn es im Spiel schlecht läuft, wenn man unbedingt noch ein Tor braucht, wenn man einen Rückstand aufzuholen hat, dann braucht es eine Einwechslung. Dann braucht es eine Alternative, einen Spieler der von seiner Anlage her anders ist als diejenigen, die gerade auf dem Platz nicht mehr weiter wissen. Oder es braucht einen Joker, einen, der seine Kraft auf 20 oder 30 Minuten konzentriert, der nochmal der Funke zu einer letzten Explosion sein kann. Beides steht Rutten nicht zur Verfügung. Schalkes Bank ist leer.

Natürlich hätte das gestrige Spiel gegen Bochum trotzdem gewonnen werden müssen. Schalke hatte das rechte Mittel bereits gefunden, war in der Anfangsphase die bessere Mannschaft und hatte die für Königsblau stets höchste Hürde, das Toreschießen, auch schon einmal überwunden. Ob es dann eine Anweisung gab, ob am VfL Bochum „Spielkontrolle“ geübt werden sollte, oder ob es ein Geheimnis um die Köpfe von Spielern im Schalke-Trikot gibt, ich weiß es nicht. Man kontrollierte fortan jedenfalls lediglich auf Höhe der Mittellinie und es geschah, was Luis Reichert treffend in einem Satz beschreibt: Schalke stellte das anfängliche Pressing ein und der VfL biss sich in dieses Spiel.

Und so taumelte Schalke durch dieses Spiel. Beim Stand von 1:1 in gleicher Weise wie nach dem Gegentor zum 1:2 in der 57. Minute. Chancen entstanden nur durch die individuelle Klasse der beiden besten Schalker, Rafinha und Jefferson Farfán. Orlando Engelaar nahm, wie immer, jedes Tempo aus dem Spiel. Ivan Rakitic agierte, wie immer, langsam und ängstlich. Wie immer fehlte jemand, der Stürmer in Szene setzen kann. Gegen kämpferisch starke Bochumer wirkte Schalke spielerisch völlig planlos. Es war Mladen Krstajic(!), der die meisten Schalker „Angriffe“ einleitete … Schalke köchelte im eigenen Sud. Keine Hilfe in Sicht.

Der einzige Offensivspieler auf der Schalker Bank war gestern Vicente Sánchez. Dieser ist seit gut einem Jahr auf Schalke und bislang nicht mehr als ein sympathischer Mitläufer. Alle anderen Schalker, die mit gutem Willen mit dem Attribut „Offensivspieler“ versehen werden können, standen gestern in der Startformation. Damit überhaupt mal etwas variiert, werden diese Spieler von hier nach da, nach dort und wieder zurück verschoben. Altintop ist mal Stoß- , mal Außenstürmer, mal spielt er im offensiven Mittelfeld. Rakitic spielt mal zentral, mal links. Asamoah und Farfán spielen beide in jedem Spiel auf allen drei Sturmpositionen. Und gestern startete Kevin Kuranyi als linker Flügelstürmer. In einer funktionierenden Offensive würde man von Flexibilität sprechen. Bei Schalke wirkt es wie das hundertste Ausprobieren von Nichtfunktionierendem.
Wenn Fred Rutten etwas für die Offensive tun möchte wechselt er einen Defensivspieler ein, um Heiko Westermann hinten zu ersetzen, der dann ins Mittelfeld aufrückt. Diese Notlösung als Methode für eine halbe Saison ist schlicht erbärmlich.

Geld oder Liebe

Wenn die eigenen Fans das Stadion nicht voll kriegen braucht man gegnerische Fans zu einem ausverkauften Spiel. Dies ist derart simpel, dass man feststellen kann:

  • Der VfL Bochum glaubt an genügend eigene Fans fürs Stadion an der Castroper Str.
  • Und der VfL Bochum hält die eigenen Fans für irgendwie langsam und träge; zumindest langsamer als die Fans des FC Schalke 04

Jedenfalls dachten sich die Funktionäre der seit 1848 Turnenden, dass es, abgesehen von dem direkt an den FC Schalke gesandten Pflicht-Ticketanteil, möglichst keine Schalker im Stadion geben sollte. Also legten sie fest, dass Karten für das Spiel Bochum gegen Schalke nur an Dauerkartenkunden, Fanclub- oder Vereinsmitglieder verkauft werden sollten.

Zu allererst führte diese künstliche Verknappung dazu, dass hunderte von Tickets über eBay verschachert wurden. Selbst gestern, zwei Tage vor dem Spiel, herrschte dort noch reger Betrieb. Und weil der gemeine Schalke-Fan, absolut losgelöst von der sportlichen Situation, seine Mannschaft gerne sieht, und weil es starke Bande in der Region gibt, weil es vom Ernst-Kuzorra-Platz bis zur Castroper Straße gerade 21 Kilometer – 16 Autominuten sind, haben viele Schalker ihre Karten dennoch frühzeitig bekommen.

In Foren für Fans des VfL wurde lebhaft darüber diskutiert, ob man als Fan, Mitglied oder Dauerkartenbesitzer noch tragbar ist, wenn man für einen seiner Freunde, Kollegen oder Verwandten Karten besorgt hat, obwohl dieser Schalke-Fan ist. Die harten schrieben, dass es nichts verkommeneres gäbe, als Freunde zu haben, die den Königsblauen zujubeln. Die normalen schrieben, dass sie es gut fänden, dass das Bochumer Stadion mal gefüllt sei.

Aber selbst das, die Bande, das Warten auf den letzten VfL-Fan, reichte nicht. Anfang letzter Woche war das Spiel immer noch nicht aufverkauft. Da es der VfL aber eben auch nötig hat, durfte plötzlich jeder Karten kaufen, unabhängig von Rasse, Religion und Trikot. Jetzt ists voll.

Es scheint, dass Bochums Macher Thomas Ernst mehr als nur die eigenen Fans nicht versteht.

„Schalke feuert Kuranyi“ doch nicht

schalke04.de ist ein offizielles Organ des FC Schalke 04. Die Wichtigkeit der Homepage wurde jüngst von Peter Peters, dem neuen Verantwortlichen für die Pressearbeit, herausgestellt. Heute Abend vermeldete schalke04.de den Rausschmiss von Kevin Kuranyi. bild.de übernahm diese Meldung umgehend.

Das es von Kevin Kuranyi keine „medienwirksamen und für den Verein untragbaren Äußerungen gegen die Mannschaft“ gegeben hat, machte bei bild.de niemanden stutzig. Nachgefragt wurde nicht, schalke04.de scheint – selbst beim größten Mumpitz – als 1. Quelle akzeptiert zu sein. Und eine 2. Quelle hätte zuviel Zeit gekostet, schließlich ist bild.de in der Regel am schnellsten …

Via Twitter meldete Revier Sport das Schalker Dementi. Offensichtlich wurde schalke04.de gehackt. Kuranyi-Fans wie -Gegner dürfen sich wieder hinlegen. In einem Testspiel gegen den Bonner SC erzielte Kuranyi zwei Treffer, und aller Voraussicht nach wird er am Samstag gegen den VfL Bochum zum Einsatz kommen.

[Entdeckt von RealityCheck, via Twitter hier, hier]

Mach’ den Meyer

Wäre doch gelacht, wenn man den nicht ruhig bekäme -> Dort

Wenn die Lupe zum Diffusor wird

Die Bundesliga ist zu langsam, liest man immer wieder. Trotzdem wird im für die Bundesliga zuständigen Fernsehen jeder Schuh, kommt er nun in Werbefarbe daher oder „retro“, jeder Nasenbohrer und jeder fluchende Mund stark verlangsamt und vergrößert gezeigt. Das der Begriff Zeitlupe nicht passt, dass mit dieser Technik häufig eine eigene Wahrheit geschaffen wird, dafür gibt es immer wieder Beispiele. Das jüngste erst gestern.

Da bewegt sich der Ball im Dortmunder Strafraum auf den völlig freistehenden Ribery zu. Ein Stellungsfehler der Borussenabwehr schafft Ribery eine hervorragende Möglichkeit, wenn der langsam trudelnde Ball nur bis zu ihn kommt. Miroslav Klose sowie Neven Subotic und Kevin-Prince Boateng sind in der Nähe des Balles positioniert und erkennen gleichzeitig die Situation. Klose grätscht, um dem Ball die entscheidende Energie zu geben, um Ribery anzuspielen. Subotic und Boateng hetzen wie die Köter nach der Taube, der Strafraumgrenze, Ribery entgegen. Dabei tritt Boateng auf Kloses Oberschenkel.

Und die Lupe wird gezückt. Und der Kaiser ist erzürnt. Und sicher wird das Volk noch fordern. Und bestimmt wird der DFB noch ermitteln.

Im ewigen Wahn, alle „technischen Hilfsmittel“ ausnutzen zu wollen, geht die eigentliche Spielbeobachtung völlig unter. In dieser kurzen, weniger als 3 Sekunden dauernden Sequenz erfasst Boateng die Situation, spurtet er los, wirft sich ihm Klose in den Weg und kollidiert er fast mit Subotic. Der junge Mann wird häufig als nicht sehr helle dargestellt. Um in dieser Situation zu erfassen dass Klose grätscht, um sich in diesem Bruchteil einer Sekunde für einen absichtlichen Tritt zu entscheiden, genau zu treffen und noch derart schnell („skrupellos!“) bei Ribery anzukommen, dazu gehört nicht nur eine tolle Athletik, dazu wären auch außergewöhnliche, eben über die Maßen außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten vonnöten.

In der Wiederholung wird so freilich nicht gedacht. Da geht es nur um getroffen oder nicht, um möglich oder unmöglich – in der dargestellten Form. Boateng traf, und es tat Klose weh. Ironie der Situation: Wäre Boateng langsamer gewesen, er hätte den Tritt vermeiden können und er wäre ein weniger leichtes Opfer Riberys geworden, der Subotic’ und Boatengs Dynamik ausnutzte und sie gegen ihre Laufrichtung ausspielte, den Ausgleich der Bayern vorbereitete. Dann wäre dieses Tor vielleicht nicht gefallen.

„Hau wech, dat Dingen!“

Der Abpfiff kommt etwas plötzlich. Wäre er, wie es Usus ist, bei einem langen Ball, vielleicht einem Abschlag erfolgt, der Jubel wäre lauter gewesen. So nur Erleichterung allenthalben. Ich drehe mich um, zu O-Jay, der gleich hinter mir steht. „Gut, oder!?“ sagt er. Eine Aussage, keine Frage. „Ja, gut!“ sage ich.

Zuvor hatten wir ein Fußballspiel mit einer fürchterlichen ersten Halbzeit gesehen. Teams denen fast nichts gelang, die sich gegenseitig an Fehlern überboten. Eine Halbzeit nahezu frei von Torraumszenen. Angsthasenfußball zweier Mannschaften, die in der vergangenen Woche von Fans und Medien viel Dresche bezogen haben, denen bewusst war, dass eine Niederlage das alles potenzieren würde. Und kurz nach der Halbzeit erzielte Benni Höwedes das 1:0.

Plötzlich war alles anders. Plötzlich hatte Werder etwas aufzuholen, und Schalke blieb in seiner Angsthasigkeit alleine zurück. Es wurde ein Spiel auf ein Tor, weil Schalke im Mittelfeld jegliche Kontrolle verlor und alle Konterversuche bereits im Ansatz misslangen.

Werder fehlte es bei allem Engagement ebenfalls an Klarheit. Weniges schien geplant. Ein Özil Trick hier, eine Hereingabe nach eine Freistoß da, Werder kam zu seinen Chancen. Aber von der „Green Machine“, von der besten Offensivmannschaft, die Werder in den letzten Jahren regelmäßig stellte, war nichts zu sehen.

Und trotzdem warf Werder nun alles nach vorne. Und Schalke hielt dagegen. Und plötzlich änderte sich die Stimmung im Stadion.
Wo gerade noch die vom FC Schalke der letzten Monate genervte Zuschauerschaft Fehlpässe begrummelte und strukturloses Spiel kritisierte waren nun unterstützende Fans zu sehen und zu hören. Plötzlich wurde ein auf die Tribüne gedroschener Ball bejubelt. Plötzlich gab es Applaus für Spieler, die sich in einen Pass warfen, auch wenn mit dem eroberte Ball kein ordentlicher Angriff eingeleitet wurde. Plötzlich wurde das Spiel wieder mitgelebt.

Mit Häme könnte man behaupten, dass sich das Schalker Publikum nun wieder an dieses schwache Niveau gewöhnt hätte. Aber das ist Quatsch, ich bin davon überzeugt, dass die allermeisten Fans die heutige schlechte spielerische Leistung sehr wohl einschätzen können, egal wozu dieses Spiel in den Medien oder im Leuchtturm gemacht werden wird. Aber die heutige zweite Halbzeit war nicht die Zeit für Kritik, nicht die Zeit für Liebesentzug oder Erziehungsmaßnahmen, einzelnen Spielern oder Funktionären gegenüber. Es ging nur um diese drei Punkte. Es ging darum, eine Aussicht zu behalten, und darum, den Affen nicht noch mehr Zucker zu geben.

Das hat funktioniert. Mit etwas Geschick, mit viel Einsatz und auch dank Werder.
Es hat funktioniert. Gut.

„Der überragende Lincoln zog die Fäden“

Varela, Ernst, Bajramovic – Lincoln – Kuranyi, Lövenkrands. So war Schalke in Mittelfeld und Angriff aufgestellt, als es am 20. Spieltag der vorletzten Spielzeit in Bremen ein hervorragendes Spiel ablieferte. Ziemlich genau vor 2 Jahren, am 04. Februar 2007.

Es war Schalkes starke Phase in dieser Saison, der letzten, auch abgesehen von den Ergebnissen spielerisch starken Phase überhaupt. Schalke brauchte sich nicht auf Standards verlassen. Zwar bestach auch damals vor allem die Defensive, die größte Stärke war die ständige Ordnung. Aber auch die Angriffe wurden ausgespielt. Lövenkrands war mit seiner Schnelligkeit eine Bedrohung für den Gegner. Varela, überall auf dem Platz, zweikampfstark und gedankenschnell. Und Lincoln wirkte in dieser Zeit mit mehr Licht denn Schatten – was ihn immer dann zu einem der besten Mittelfeldspieler der Liga machte. Zu dieser Zeit war Schalke ein völlig verdienter Tabellenführer.

Einige Spieltage später brach Lövenkrands buchstäblich weg und Schalke zusammen. Lövenkrands hat diese Stärke nie mehr erreicht. Nach der Saison waren auch die Schalker Karrieren von Varala und Lincoln vorbei, der eine wechselte in die Türkei und der andere verletzte sich; wieder und wieder und wieder. Alle drei hat Schalke bis heute qualitativ nicht ersetzt.

Nach nur 2 Jahren hat Schalkes Mannschaft mit der von damals nichts mehr zu tun, auch wenn einige Namen noch die selben sind. Neun Tage vor dem besagten Spiel in Bremen schrieb ich meinen ersten Blogbeitrag. Könnte mir jemand einen Zusammenhang beweisen, hoffnungsvoll hörte ich hier umgehend auf und schriebe fortan über weniger Wichtiges. Hoffenheim vielleicht, oder Bayern München.