Trinken wir auf den Unterschied

Aber auf welchen genau?

Zwei dem MSV Duisburg zugetane Blogs bemühen sich gerade zu eruieren, wieso es der MSV so schwer hat, sein Stadion voll zu bekommen. Dem VfL Bochum geht es mit seiner Anhängerschaft kaum besser, während Borussia Dortmund und Schalke 04 als Gegenbeispiele dienen. Wieso aber unterscheidet unsereins zwischen Derby und kleinem Derby? Wieso haben MSV und VfL Probleme, die Fans in der eigenen Stadt zu mobilisieren, während sich an Spieltagen Züge aus Düsseldorf und Münster Richtung Gelsenkirchen von Bahnhof zu Bahnhof mit immer mehr Königsblauen füllen?

An den Städten an sich kann es kaum liegen. Gelsenkirchen ist kleiner als Bochum, das wiederum kleiner als Duisburg ist. Dass man in der einen Stadt kritischer oder die Leute anders wären als in der anderen, halte ich auch für absurd. Nein, in Derbys findet man die auf der anderen Seite deswegen so besonders scheiße, weil sie einem so verdammt ähnlich sind.

Mein persönlicher Ansatz wäre der der Tradition. Genauer: Der Erfolgstradition. Mag schwülstig und pathetisch klingen. Dennoch.

In Meiderich wird schon lange Fußball gespielt und in Bochum schon seit 1848 geturnt. Gegen Schalke, Borussia und auch Rot-Weiss Essen, dem ich ebenfalls bei (relativem) Erfolg ein riesiges Fanpotenzial zuschreibe, wiegt das nichts. Borussia und RWE waren vor allem ab den 50ern und bis zur Gründung der Bundesliga deutsche Spitzenclubs. Schalke 04 wurde 1958 zum siebten Mal Deutscher Meister und hievte einst den Fußball mit seinem Kreisel auf ein neues Niveau.

Das mag alles ewig her sein, entscheidend scheint mir aber, dass die großen Zeiten dieser Clubs in die starken Jahre des Ruhrgebiets fielen. In die Jahre, in denen das Ruhrgebiet mit Kohle und Stahl den Aufschwung befeuerte, mit Wirtschaftskraft und Stärke verbunden wurde. In denen entstand, was noch heute die Klischees bedient, womit manch einer nach wie vor gerne die Seinen beschreibt und was Andere vergeblich abzustreifen versuchen. Die Identität des Ruhrgebiets, zur der Schalke 04 und Borussia Dortmund gehören, vielmehr als andere Clubs.

Damals entstand so was wie die „Marken“ Schalke 04 und Borussia Dortmund, ein Bild, ein Gefühl wie ein „Traditionsverein“ zu sein hat. Und so was wäscht sich nicht aus, solange es regelmäßig durch emotionale Ereignisse befeuert wird. In günstigsten Fällen handelt es sich dabei um UEFA- oder DFB-Pokalsiege. Aber selbst knapp verpasste Erfolge, Skandale oder eben noch entronnenen Abstiege schüren große Emotionen. Und die Emotionen rissen nie ab, bis heute nicht, wo es auf Schalke kaum eine Nachricht wert ist, dass der Kapitän sein Amt niederlegt, weil das nun wirklich das kleinste Problem im großen Tohuwabohu dieses Clubs ist.

Nur mein Ansatz, wie gesagt, und sicherlich nicht alleine entscheidend. Bar jeder Häme und, aus Sicht eines Schalke-Fans froh darum, dass es so ist wie es ist, kann vielleicht von dieser Seite aus ein wenig zur Lösungsfindung beigetragen werden. Es mag andere, bessere, überzeugendere Ansätze geben. Über deren Darstellung in den Kommentaren würde ich mich freuen.



 
Hier die Links zu den angesprochenen MSV-Blogs:
Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus: Der MSV und sein Publikum
Ein Zebra in der Achterbahn: Was ist an Duisburg eigentlich anders



11 Kommentare zu “Trinken wir auf den Unterschied”

  1. Andy sagt:

    Nicht zu unterschätzen: Geografische Lage. Während Gelsenkirchen und Dortmund im Norden und Westen bzw. Osten freien Einzug haben, sind Bochum und Duisburg von anderen Klubs eingekesselt. Zumindest historisch betrachtet. (Ürdingen, Wuppertal, Düsseldorf, Oberhausen, Essen und eben Schalke und Dortmund) Und ist ein Klub erstmal gross, Ziehen sie auch aus den anderen „Vereinsstädten“.

  2. Ein wenig Fachliteratur über das Fußballpublikum « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus sagt:

    […] Tina die Frage auch noch mit Bezug auf Schalke und dem BVB aufgegriffen hat, finden sich auch auf Schalker Seite Gedanken zum unterschiedlichen […]

  3. Martin sagt:

    Ich kann mich da Andy nur anschließen. Schalke gehört ja praktisch alles nördlich von Recklinghausen und Dortmund das ganze Sauerland.

    Als ich so in der 5. Klasse war (das war 1990), war ich in der ganzen Schule der einzige, der mit nem VfL-Schal rumgelaufen ist (Gymnasium in Wanne-Eickel). Drei, vier Jahre später sah das schon anders aus, immernoch Schalke-dominiert, aber ich war nicht alleine.

    Die Bochumer Fan-Szene ist allerdings auch ein wenig träge. Wenn zu Spielen in DO oder GE noch nicht einmal das komplette Kontingent an Karten verkauft wird, kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

    Es wird ja noch nicht einmal das Potential in der eigenen Stadt abgerufen. Gibt es Autos mit „GE“ oder „DO“ im Nummernschild, die Fanutensilien von anderen Vereinen zieren? Ich Bochum ist das leider Gang und Gäbe…

  4. Ein Zebra in der Achterbahn sagt:

    Was ist an Duisburg eigentlich anders?…

      Immerhin. Gegen den Tabellenführer sind am Sonntag 18.100 in die MSV-Arena gekommen. Gegen Nürnberg waren es 15.100. Gegen Wiesbaden 12.100. Wobei mich interessieren würde, woher eigentlich immer diese 100 kommen? Der MSV belegt damit in…

  5. eisenschleuder sagt:

    man muss natürlich auch sagen: wer erstmal etabliert ist der hats bei der nachwuchsgewinnung deutlich leichter…
    mich würde auch mal interessieren, warum schalke und dortmund das ganze sauerland und owl kassieren konnten. diese attraktivität für fans aus der provinz schlägt sich ja sogar in den führungsgremien der vereine nieder. man denke an die vertreter aus rheda-wiedenbrück und erlinghausen.

  6. Schiko sagt:

    Nein, weder der traditionelle noch der geografische Ansatz überzeugen vollkommen. Als ich ab 1974 auf das Gymnasium in Herzogenrath (nähe Aachen) ging, war ich unter ca. 900 Schülern der einzige Schalkefan. Es gab Borussia- (die richtige …) , FC Kölle- und (stark wachsend) Bayernanhänger.

    Mittlerweile gibt es nach meinem Wissen einige Fanclubs in Ostbelgien (!!) und die Gegend um Aachen, Heinsberg und Düren weisen viele königsblaue Fans und Fanclubs auf (MG und K natürlich immer noch führend).

    Am Erfolg (Bayern)kann es ja auch nicht so ganz liegen, außerdem war Schalke wie DU und BO auch Fahrstuhlmannschaft. Dortmund hatte vor den Meisterschaften auch lange Jahre des Durstes zu überstehen, obwohl hier die Anhängerschaft sicherlich durch die Titel in den letzten 10 Jahren noch einen enormen Schub bekommen hat.

    Gerade in dieser Saison und Situation um den Club wird Schalke in den Medien wieder mit den Begriffen „Religion“, „Droge“ und „Virus“ in Verbindung gebracht. In Bezug auf Schalke verhalte ich mich jedenfalls häufig völlig irrational.

  7. Nick sagt:

    Ich glaube schon, dass Torsten die wesentlichen Gründe genannt hat. In der Hoch-Zeit des Ruhrgebiets waren der BVB und der S04 eben die erfolgreichsten Klubs (man denke auch an den Europapokal) und während der Durststrecken von schwarz-gelb und blau-weiß konnten Bochumer oder Duisburger diesen Vorsprung nicht durch dauerhafte, außergewöhnliche Leistungen aufholen.

    Je länger der Vorsprung bestehen bleibt, desto unwahrscheinlicher wird es zudem, dass ihn andere Ruhrpott-Klubs noch mal aufholen. Denn die neuen Fans zieht doch gerade auch diese besondere Atmosphäre, dieses große Fanpotenzial an.

  8. Oliver sagt:

    Es wurden ja schon einige Dinge angesprochen, aber historisch betrachtet ist es gar nicht so schlecht. Wenn wir mal in die Saison 69/70 gucken, stellen wir fest, dass der MSV am 33. Spieltag vor 18000 gegen 1860 gespielt hat, während RWE nur 21000 gegen Schalke hatte, Bayern vor 8000 gegen RWO und der BVB gar nur vor 5000 gegen Stuttgart gespielt hat! Der RWE hatte nie sonderlich viele Zuschauer in der Bundesliga, das ist ein Mythos, der sich aus irgendwelchen Gründen immer hält. Als der MSV 1991 in die Bundesliga aufstieg, hatten wir glaube ich hinter Schalke den zweitbesten Schnitt. Zu dieser Zeit haben Vereine wie Gladbach oder Bremen oftmals nicht mehr als 15000 Zuschauer in der Bundesliga gehabt. Wir hingegen haben auch zu Auswärtsspielen teilweise bis zu 10000 Fans mitgebracht.
    Warum es momentan eher schlecht aussieht, hat sicher viele Gründe, aber die Bommer-Ära hat dazu beigetragen. Wer ewig unattraktiven Fussball geboten bekommt, wird kaum 30 € für einen Platz an der Eckfahne zahlen. Andere Vereine haben eine bessere Preisgestaltung, von der Mitte der Tribüne nach aussen hin wird es günstiger, was völlig nachvollziehbar ist. In Berlin kann man teilweise für unter 10 € sitzen, das reicht in Duisburg, einer Stadt mit sehr hoher Arbeitslosigkeit, nichtmal zum stehen. Ausserdem bin ich der Meinung, dass die Arena eindeutig zu wenig Stehplätze hat, die Gegengerade Unterrang wäre mit Stehplätzen weit besser konzeptioniert und das würde sich, da bin ich ganz sicher, positiv auf die Zuschauerzahlen auswirken.

  9. Jan sagt:

    Interessant ist ja auch warum man Anhänger eines Vereins ist.

    Bei mir definitv väterlich geprägt (wird bei den meisten ebenfalls so sein). Mein Vater nahm mich aus Dormagen (er auch gebürtiger Dormagener, sein Bruder und Vater allerdings Bayernfans (müsste ich mal nachhaken warum er eigentlich Schalker ist- vermute Freundeskreis)) häufig mit auf Schalke.
    Mein Opa väterlicherseits und mein Vater nahmen mich auch oft mit zum VFR Neuss, mit denen verbinde ich allerdings nichts, ausser ein paar Erinnerungen (Erfolgsansatz!)
    Nach meinem Umzug nach Krefeld (mit 11 Jahren) war mein Freundeskreis Anhänger von Uerdingen und auch da war ich häufig bei Spielen. Mit denen widerrum verbindet mich schon eine große Sympathie. (Erfolgsansatz-Widerspruch!!)

    Es ist meiner Meinung nach zu komplex um einen Ansatz als Wahrheit herauszustellen.

  10. Jan sagt:

    @Martin: Als gebürtiger Sauerländer muß ich laut und deutlich widersprechen: Den Borussen gehört mitnichten das ganze Sauerland. Keineswegs.

    Historisch kommt die Verbundenheit der Sauerländer zum S04 vielleicht auch aus dem Umstand, (wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt), daß die 1934er Meistermannschaft ihren Urlaub bzw. ihre nachfolgende Saisonvorbereitung teilweise in einem Sauerländer Dorf namens Freienohl verbracht. Das hinterließ vor Ort natürlich einen Rieseneindruck.

  11. Kees Jaratz sagt:

    Neben dem Gruß in die Schalker-Runde, noch zu etwas ganz anderem. Ich habe zu spät daran gedacht, sonst hätte ich einen Extrahinweis für alle die aufgestellt, die deinem Link zu mir gefolgt sind. Läuft ja im Stadion genauso, wenn die Gästefans kommen; ändert sich das Angebot der fliegenden Händler. Ich weiß ja nicht, ob dieses Kapitel der jüngeren deutschen Filmgeschichte schon längst bei euch Schalkern inventarisiert ist: „Autopiloten“ heißt der Film, ein Schalker Trainer namens Brandner ist eine Hauptfigur und besprochen habe ich den Film auch, abgelegt unter Der Fußball im Film.

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