Artikel im April 2009

Wettstreit der Chöre

Das Streiflicht ist die wohl berühmteste Glosse Deutschlands. Ein tägliches Highlight auf der ersten Seite der Süddeutschen Zeitung. Gestern ging’s im Streiflicht mal wieder um Fußball, man nahm sich noch mal des Schalker Siegs vom vergangenen Samstag an.

Um Chöre geht es, womit zunächst die Fanchöre gemeint sind. Aber wie für ein Streiflicht üblich, wird ein großer Bogen ausgeleuchtet, geht es aus der „Fröttmaninger Arena“ in die Oper, um später wieder zu Jürgen Klinsmann zurückzukommen. Dargebracht wie immer, in schöner und beispielhafter Sprache.

Das Streiflicht gibt es jetzt auch als Podcast. Absolut empfehlenswert.


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(2:38 Min)
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Ich glaub’s nicht

Oh, ich fände es klasse, keine Frage. Ich finde Felix Magath richtig gut. Aber ich glaube es trotzdem nicht.

Über Schalke wurde nun schon länger nichts mehr geschrieben, und es ist die genau passende Zeit, um mit solchen Meldungen den zuletzt immer weniger souveränen Wolfsburgern zusätzliches Feuer unterm Dach zu machen. Die Quasi-Nachrichtensperre des FC Schalke 04 zum Thema ist der perfekte Nährboden für Spekulationen aller Art, und von Felix Magath lassen sich in jede Richtung zu interpretierende Aussagen finden.

Eine subtile Bestätigung des Gerüchts wäre es allerdings, falls Schalke 04 in den nächsten Tagen verkündet, entgültig auf den Totalabriss des Parkstadions verzichten zu wollen. Gegen die Treppen im Parkstadion sind die künstlich angelegten Stufenhügel des VfL-Trainingsgeländes lediglich Stolperfallen.

FC Bayern sagt Zukunft erstmal ab

„Jürgen war eigentlich nur dafür angestellt, unsere Mannschaft auf dem Platz zu trainieren und musste sonst keine Aufgaben darüber hinaus übernehmen.“

Hätte Uli Hoeneß das doch vor rund 300 Tagen in dieser Deutlichkeit gesagt, es hätte die ganze Aufregung um Jürgen Klinsmann nicht gebraucht!

Nein, dass er nur die Mannschaft trainieren sollte, der Jürgen, daran hat damals niemand gedacht. Er sollte den Weg der Modernisierung des FC Bayern fortführen und dem Boulevard den Gar aus machen. Er sollte frischen Wind bringen in diesen Club, der sich in seiner Privatzone zwischen Bundesliga und Champions League zu langweilen schien. Das hatten Bayern-Fans gehofft. Das hatten manche Fans anderer Mannschaften befürchtet. Ich zum Beispiel.

Abwegig waren die Gedanken nicht. Als „Bundes-Klinsi“ erwarb er sich nicht den Ruf des Taktikfuchses sondern den eines Reformers, der sich gegen Widerstände behaupten konnte, der neue Wege suchte und beschritt. So einen hätte der FC Bayern gut gebrauchen können. Vielleicht traf Klinsmann nur die falsche Entscheidung bei der Wahl seines Co-Trainers. Vielleicht hätte er, wie 2006, auf einen bundesligaerfahrenen „Fußballlehrer“ setzten sollen. Vielleicht auf Jupp Heynckes …

Nein. Der FC Bayern ist ein von Grund auf biederer Verein, bei dem seit 20 Jahren alles gleich läuft. Wirtschaftlich ragt er in Deutschland derart heraus, dass er selbst in schwachen Jahren noch regelmäßig Deutscher Meister wird. Den stärksten Kader kann man den Bayern jede Saison attestieren. Vom besten System ist seit einer Ewigkeit nicht mehr die Rede.

Seit nunmehr acht Jahren ist der Club hin und hergerissen zwischen Rundumerneuerung und Bewahrung des Status Quo, und immer scheint das eine das Gegenargument zum anderen zu sein. Beim FC Bayern möchte man eine Revolution von oben herab.
Ob so was geht? Einen starken, alles in Frage stellenden, sich durchsetzenden Trainer zu haben und gleichzeitig das bewährte Bayern-Modell zu fahren? Ich kann mir das nicht vorstellen.

Muss ich aber auch nicht. So wie’s aussieht bleiben die Bayern berechenbar. Irgendwie auch nett von ihnen.

[Zitat aus der heutigen PK via dogfood]

Schizophren

Den Fan, geboren in Lirich
versteh’n seine Freunde nicht wirklich
Gelb mag seine Frau
Er liebt Königsblau
Ist er er? Ist er sie? Er weiß nich’


Au revoir FC Ribéry

Welch ein Spiel! Welch ein Glücksgefühl! Welch ein Spaß!
Als Schalke zur Halbzeit 1:0 führte schickte ich eine SMS an Freunde:

Cool oder? Boah, wär dat geil. Garnicht wegen Hoffnung auf einen UEFA-Cup-Platz. Einfach für’s Gefühl!

Und so ist es jetzt. Es fühlt sich einfach gut an.

Es fühlt sich gut an, wenn sich die Großkopferten aus München an einem die Zähne ausbeißen. Sicher waren die Roten überlegen. Sicher hat Schalke zum Schluss gemauert. Aber Quid pro quo! Im Hinspiel war Schalke die klar bessere Mannschaft, Bayern machte aus nichts zwei Tore und gewann das Spiel. Diesmal war es eben umgekehrt.

Und es war ja nicht so, als hätten die Bayern zig Großchancen gehabt. Ein paar Weitschüsse. Ein paar Bälle, die unberührt durch den Strafraum segelten. Ein paar sich aufhebende Fehlentscheidungen Fandels, wie der nicht gegebene Strafstoß nach Sanchez’ Handspiel und der nicht gegebene Freistoß nach dem Foul an Neuer zuvor.

Ansonsten hatten die Knappen die Bayern gut im Griff. Und Schalkes Tor fiel natürlich nach einer Pander-Ecke, der einzigen im Spiel. Wären die sonstigen Ecken des FC Schalke 04 nicht allesamt links auszuführen gewesen, man hätte auch noch höher gewonnen. Aber wir wollen zufrieden sein.

Insbesondere auch, weil zu triumphieren dann besonders viel Spaß macht, wenn man 93 Minuten lang parteiisches Geblubber ertragen musste. Was Marcel Reif für Premiere leistet ist ein Hohn. Sein Kommentar ist aller FC Bayern-TV-Ehren wert. Und es ist sicher kein Zufall, dass der Mann in einem Werbefilmchen gemeinsam mit Franz Beckenbauer und Luca Toni herumspaßt. In seinen Augen ist der FC Bayern das Maß aller Dinge, also braucht es einen Kommentar aus Sicht derer. Nun aber wird es Zeit, dass sich Herr Reif einem anderen Leitbild zuwendet. Schalke sei dank.

Gelbe Karte für Pseudo-Fairness!

Dienstag ging’s für Angelos Charisteas daneben. Aber in der Regel funktioniert es, und es tritt die eigentliche Idee des Fair Play mit Füßen:
Im knappen Spiel ist nicht mehr viel Zeit. Die zurückliegende Mannschaft drängt, da wälzt sich auch schon ein Spieler des führenden Teams auf dem Boden herum. Nun wird also der Ball ins Aus gespielt. Es folgt eine Behandlung des sich Wälzenden auf dem Platz. Nach einer Weile geht es dann weiter, und die zurückliegende Mannschaft erhält den Ball zurück, indem dieser von der führenden in die am weitesten entfernte Platzecke gedroschen wird.

Mit einer einzigen Aktion und ohne Aufwand gelingt es so, der zurückliegenden Mannschaft den Spielfluss, einen gehörigen Batzen an Zeit und sehr viel Raum zu nehmen. Und wird der Ball von der zurückliegenden Mannschaft nicht freiwillig ins Aus gespielt, gibt es tatsächlich noch Leute, die sie der Unsportlichkeit bezichtigen. Das ist im höchsten Maße absurd. Meines Erachtens gibt es hier dringenden Handlungsbedarf.

Ich denke, dass das absichtliche ins Aus Spielen des Balles mit einer Gelben Karte bestraft werden sollte! Das Spiel zu unterbrechen obliegt in jedem Fall dem Schiedsrichter, es ist nicht die Aufgabe des Spielers, das Spiel zu verlangsamen oder sich einer öffentlichen Meinung, was Fairness ist, zu beugen.

Selbstverständlich muss der Schiedsrichter das Spiel unterbrechen, wenn er sieht, dass ein Spieler aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen wird. Dies ist seine Pflicht, da er kein Arzt ist und Verletzungen nicht bewerten darf. Da aber kein Foul vorlag dürfen der ballführenden Mannschaft dadurch nur so wenige Nachteile wie irgend möglich entstehen.
Also muss die Mannschaft an der Stelle weiterspielen dürfen, an der sie bei der Unterbrechung war. Bei einer Verletzung ohne Foulspiel sehen die Regeln einen Schiedsrichter-Ball vor. Hieran dürfen sich aber laut Regeln beliebig viele Spieler beider Mannschaften beteiligen.

Auch hier wäre also eine Regeländerung notwendig, um den Ballbesitz der ansonsten benachteiligten Mannschaft zu gewährleisten. Ein Schiedsrichter-Ball muss für eine Mannschaft ausgesprochen werden können, das heißt der Gegner hat in dieser Situation den üblichen Abstand von 9 Metern einzuhalten.

Eine Freistoß-Situation wäre dies nicht, da mit dem Fallenlassen des Balles sofort Druck vom Gegner aufgebaut werden würde. Trotzdem entfiele so der häufig enorme Raumverlust und es könnte ein Großteil an Zeit gespart werden, welche ansonsten für den Einwurf des Gegners, für das Wegschlagen des Balles und den kompletten Neuaufbau verloren gehen würde. Außerdem würde das Spiel durch ein Verbot, den Ball „freiwillig“ ins Aus zu schießen, ein Stück ehrlicher werden.

Der Unscheinbare im Star-Ensemble

Christian Lell, das ist der, den die Bayern-Fans mittlerweile dahin wünschen wo der Pfeffer wächst, und der ab und an seiner Freundin auf die Fresse haut. Vielleicht ja nicht ganz helle, in jedem Fall unscheinbar, und trotzdem spielt er, während andere sitzen, beim FC Bayern.

Und dann gerät einem solch ein Podcast in den Catcher. Ein ausführliches, fast 40 Minuten langes Interview mit eben diesem Christian Lell. Und der spricht ohne Knoten in der Zunge. Glaubwürdig. Von seiner kranken Schwester, die er jetzt betreut. Von der Stiftung, die er gegründet hat.
Er redet vorsichtig und erklärt, wieso er vorsichtig redet. Immer wieder hält er inne, will das Risiko des offenen Wortes doch nicht eingehen und vermittelt dem Hörer auch damit etwas.

Er erzählt, dass er einst in eine Schule mit Blick auf die Trainingsplätze des FC Bayern an der Säbener Straße ging, dass es immer sein Traum war für diesen Club zu spielen. Ein wenig erinnert das an Manuel Neuer, dem Schalker seit der Krabbelphase. Doch während Spieler wie Neuer oder Höwedes auf Schalke Nordkurven-Schutz genießen und man sich hier eben über vermeintlich teure Einkäufe aufregt, wird in München gerne flott der Kauf eines Stars verlangt, wenn der Unscheinbare aus den eigenen Reihen unangenehm auffällt. Möglicherweise bekommt Christian Lell ja tatsächlich in der kommenden Saison Marcio Rafael Ferreira de Souza vor die Nase gesetzt. Ma’kucken.



Hier nun das Interview mit Christian Lell, aus der Bayern 3 Radiosendung „Mensch Otto!“. Sendetermin war der 02. April, zwei Tage vor dem Auswärtsspiel des FC Bayern in Wolfsburg, und Christian Lell glaubte noch an eine erfolgreiche Champions League Saison. Diese Fehleinschätzung macht das Interview aber grundsätzlich nicht schlechter.

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(37:18 Min)
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