Die Bayern-Schablone

Schalke 04 sucht einen Manager für den sportlichen Bereich, der gleichzeitig auch Sportlicher Leiter sein soll. Schalke 04 fehlt es an Fußballsachverstand in der Vereinsführung. Das Erste wird als normal, das Zweite als fatal erachtet. Es ist das Abbild des erfolgreichen FC Bayern, das sich über Jahre in die Köpfe der deutschen Fußballfans gebrannt hat. So stark, dass um andere Organisationsformen bisweilen ein riesiges Tamtam gemacht wird.

Uli Hoeneß war nicht der erste Manager im deutschen Fußball, aber er war der erste Fußballer, der als Manager die sportliche Führung eines Vereins übernahm. Fortan gab es beim FC Bayern über dem Trainer eine höhere Instanz, die bei der Zusammenstellung der Mannschaft entscheidend mitsprach. Clubs, in denen der Trainer alleine über die sportliche Philosophie und die Zusammensetzung des Kaders entscheidet, haben immer dann ein Problem, wenn sie ihren Trainer wegen Erfolglosigkeit entlassen. Im Hoeneß-Modell musste immer nur ein Trainer zum Kader gefunden werden, mit der Ausrichtung des Clubs hatte der jeweils neue Mann nie etwas zu tun (Auch einer der Gründe, weshalb der „Revolutionär“ Klinsmann heute ein normaler Bayern-Trainer ist.).

Es gab in der Bundesliga sehr erfolgreiche Vertreter des Starker-Trainer-Modells. Rehhagel in Bremen zum Beispiel, oder Volker Finke in Freiburg. In anderen Ländern ist es durchaus Gang und Gäbe, dass der Trainer der „Sportchef“ ist. Fred Rutten war es beispielsweise bei Twente Enschede und nicht ganz zu unrecht wird bezüglich solcher Positionen häufig von „Teamchefs nach englischem Vorbild“ gesprochen. In der Bundesliga allerdings werden den Trainern bei 14 Clubs ehemalige Fußballer als Manager, Sportdirektoren oder Sportliche Leiter vorgesetzt! Jeder meint das müsste so sein, und wenn ein Felix Magath in Wolfsburg alles alleine entscheiden darf, bekommt er dafür quasi eine ganze Sendung des Aktuellen Sportstudios gewidmet.

Ob nur in der Trainerposition oder zusätzlich in einem weiteren Amt: Jeder Fußballclub braucht Fachkompetenz. Und wieder mag manch einer gen Süden schauen, wo Beckenbauer Präsident und Rummenigge Vorstandsvorsitzender ist. Trotzdem: Dass aktuell Schalkes Aufsichtsratsvorsitzendem Clemens Tönnies vorgeworfen wird, dass er keine Fachkompetenz habe, halte ich für falsch.
Die besten Clubs Europas und wohl auch die meisten Proficlubs überhaupt werden von Geschäftsleuten in oberster Position geleitet. Sei es, dass sie sie nur leiten, dass sie sie gar besitzen, oder dass sie ihnen als reiche Onkel vorstehen. Clemens Tönnies ist vorzuwerfen, dass er sich offenbar nicht der Öffentlichkeit seines Handelns und der Ernsthaftigkeit, mit der seine laxen Sprüche verfolgt werden, bewusst ist. Man mag ihm auch eine schlechte Organisation bei der Suche nach einem Sportchef oder bei der Trainerentlassung vorwerfen. Dass er aber Unternehmer und kein Fußballer ist, ist keinen Vorwurf wert. Tönnies muss die Fachkompetenz nicht haben, er muss sie finden.
Wird Zeit.



8 Kommentare zu “Die Bayern-Schablone”

  1. hellwach sagt:

    Danke Torsten,

    bei all dem Geplapper auf Papier und auf dem Monitor ist es wirklich wohltuend, deine klaren analytischen Reflexionen und Kommentare zu lesen. Wie bei deinen Abschiedsworten zu Müller und Rutten. Und zum Beispiel deiner Horrorvision vom 7. März, die in meiner Wahrnehmung von der Wirklichkeit inzwischen getoppt wurde.

    Auch in der Beurteilung Tönnies stimme ich völlig mit dir überein.

    PS: Fehlt im vorletzten Absatz vor Fachkompetenz ein “keine”?

  2. Manfred sagt:

    Yo, fiel mir auch auf: Das(s) aktuell Schalkes Aufsichtsratsvorsitzendem Clemens Tönnies vorgeworfen wird, dass er KEINE Fachkompetenz habe, halte ich für falsch.
    So meintest du das, oder?
    Wäre sonst auch ein absurder Vorwurf…
    Davon ab: es spricht ja nichts gegen einen ehemaligen Fußballer als Manager, wenn er es denn gelernt hat, sei es via Studium oder eben mittels mehrjähriger Erfahrung, die er sich anderweitig angeeignet hat. Das kann auch bei einem unterklassigen Verein passiert sein, wenn es denn erfolgreich war. Aber einem wie Kahn auf Schalke einen Ausbildungsplatz anzubieten-no way.

  3. Kid Klappergass sagt:

    “Tönnies muss die Fachkompetenz nicht haben, er muss sie finden. Wird Zeit.”

    Auf den Punkt gebracht.

    Manfred, so sehe ich das auch. Zum Thema “ehemalige Fußballer als Manager” hat Heribert Bruchhagen dem “kicker” vom 8.1.1998 folgendes gesagt:

    “Wenn in der Öffentlichkeit immer ehemalige Fußballer als Manager gehandelt werden, dann ist das für mich ein K.o.-Schlag.” “Warum”, wollte der “kicker” wissen. “Weil ich daraus ersehe, dass das Anforderungsprofil für einen Manager in der Öffentlichkeit ein anderes ist, als ich es zu bieten habe. Ehemalige Spieler haben doch meistens von Finanzcontrolling, von Geschäftsverbindungen keine Ahnung, können sie auch nicht haben.”

    Guter Mann. Aber den geben wir nicht her. :-)

  4. Torsten Wieland sagt:

    Natürlich muss da ein “keine” hin. Stand im Entwurf anfangs auch, und dann wurde hier … und da … und dann wars schon spät. Danke, korrigiert.

    Nein, natürlich muss das nicht schlecht sein, gerade die Bayern sind damit ja sehr gut gefahren. Trotzdem kann man sich die Frage stellen, wieso so viele Clubs eher schlecht ausgebildeten und erfahrungsarmen Ex-Profis die Macht der sportlichen Führung geben, statt sich damit den meist erfahreneren Trainern anzuvertrauen, und sich für den “bloßen” Organisations- und Wirtschaftsteil einen entsprechend ausgebildeten Wirtschafts- und Analysefuzzi von ausserhalb zu holen.
    Eine mögliche und etwas zynische Antwort: Es lässt sich dann nicht so gut rausschmeissen.

    Und ja, Bruchhagen ist ein guter Mann.

  5. hellwach sagt:

    Die Äußerungen von Bruchhagen lassen sich auf die derzeitige Situation beim S04 nicht übertragen. Auch wenn Sie meines Wissens nicht veröffentlicht ist, so hat der zuletzt amtierende Dreier-Vorstand in den vergangenen Jahren doch offensichtlich eine interne Geschäftsordnung gehabt. Damit ist die Zuständigkeit unter anderem des Finanzcontrollings und Betriebswirtschaft (Schnusenberg) derzeit ebenso wie die Gremienarbeit und Marketing, (Peters) auch im Augenblick mit fachlich versierten und erfahrenen Personen abgedeckt.

    Nicht besetzt ist die Rolle des sportlichen Leiters. Diese und nur diese Funktion gilt es zu definieren, die Schnittstellen zu den übrigen Vorstandsmitgliedern zu beschreiben und daran ein Anforderungsprofil auszurichten.

    Bei einem solchen Vorgehen wird die Anforderung “Betriebswirtschaftliches Studium” kein Muss-Kriterium darstellen.

    Ein Netzwerk benötigt der Kandidat, das ihn mit den Informationen versorgt, die er bei einer Zusammenstellung eines ausgewogenen Kaders benötigt und die ihm Datenbanken nicht liefern können. Danach sicher noch hohe Sozialkompetenz, nämlich eine Portion Menschenkenntnis und Geschick im Umgang mit Spielern und den Berater-Haien. Und dem Trainer-(stab). Denn einen Cheftrainer ohne Stab oder zumindest dezidierte Vorstellungen, wie dieser auszusehen hat, ist heute kaum noch zu bekommen.

    Dazu sind im sportlichen Bereich noch ein paar weitere Aufgaben (z.B. Presse, Medizin, Physio)abzudecken, also schon ein wenig anspruchsvoller als es das kicker-Managerspiel vermuten lässt.

    Da kann Erfahrung in der Bundesliga gewiss nicht schaden. Die eines ausgebildeten Trainers sicher noch weniger als die eines Spielers.

    Ich wünsch mir, dass das auch der Aufsichtsrat weiß.

  6. Spielfeldrand - Das Magazin » Blog Archive » DailySoccer 01/04/2009 sagt:

    [...] Die Bayern-Schablone [...]

  7. Spielfeldrand - Das Magazin » Blog Archive » DailySoccer 01/04/2009 sagt:

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  8. Hey, was geht ab? : Königsblog sagt:

    [...] der Philosophie des Trainers ausrichten. Dieter Hoeneß sollte weg, Hertha auf dem Weg zu einem Starker-Trainer-Modell, mit einem Michael Preetz, der seine Rolle schon finden [...]

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