Franz Beckenbauer hat heut’ wieder völlig ungefragt,
das Gegenteil von dem, was er noch gestern sprach gesagt.
Gut informierte Kreise rechnen jedoch stark damit,
dass er schon morgenfrüh den Standpunkt von vorgestern vertritt.
Artikel im April 2009
Der Kolumpräkai
Kein Handschlag oder kein Handschlag
Es gibt Spieler und Trainer, die sind interessant genug, um eine Geschichte zu stricken. Und es gibt Spieler und Trainer, die sind nicht interessant genug, um eine Geschichte zu stricken. Sowohl als Einzelpersonen als auch in ihrer Beziehung zueinander. Teilweise sind sie sogar Einzeln interessant, ihre Beziehung aber nicht spannend genug. So funktionieren eben die Medien.
Die Geschichte dazu: Am 5.März 2008 besiegte Schalke 04 Manuel Neuer im CL-Achtelfinale den FC Porto. Welcher Schalker erinnert sich nicht begeistert an diesen, für jeden Torhüter der Welt wohl einmaligen Abend. Die Schlagzeilen bestimmten die Tage danach aber zwei andere. Mirko Slomka und Kevin Kuranyi. Von Affront war die Rede, als charakterlos wurde Kuranyi bezeichnet. Tagelang kam der Blätterwald nicht zur Ruhe. Ein weiterer Tropfen auf den eh schon stark gehöhlten Stein in der Slomka-Demontage und eine weitere Möglichkeit, Kevin Kuranyi so dumm und unerzogen wie es geht dastehen zu lassen.
Am 3. April 2009 besiegt Schalke 04 am 26.Spieltag der Bundesliga Arminia Bielefeld. Die Krise ist vorerst gestoppt. Mit neuem Trainerteam, einem echten und damit unantastbaren Schalkerlegendentrupp. Einem Eurofighterduo und dem Torhüter, der vom Pannen-Olli zum Herzchenmeister wurde. Und denen pinkelt man mitnichten so schnell an die Karre. Von wegen Autoritätsverlust oder so. Außerdem geht es um den letzten verbliebenen Uru im Kader. Sanchez heißt der und in Deutschland kennt den außer auf Schalke wahrscheinlich keine Sau. Also kein Grund, dass gleiche „Vergehen“ auch nur annähernd so verurteilend, so aufrührerisch und so niederträchtig anzusehen wie ein Jahr zuvor. Und schon gar nicht so laut.
Die Welt bringt es auf den Punkt:
… im letzten Moment hat der kochende Schalker Sanchez bei seiner Auswechslung in Bielefeld nur den Handschlag verweigert, statt seinen drei Trainern eine zu kleben – was aber auch wieder irgendwie passte: An diesem Spieltag war nichts mehr normal, nicht einmal das Chaos auf Schalke.
Sanchez hat NUR NUR NUR NUR NUR den Handschlag verweigert. Der Flaschenwurf (ja,auch das hat er gemacht) wird gleich weggelassen.
Bevor jemand glaubt, dass ich jetzt fordern würde den Skandal herbeizuschreiben sei gesagt, mich interessiert es nicht die Bohne, ob Sanchez seine Eier krault, Büskens, Mulder, Reck, dem vierten Offiziellen oder dem Stadionsprecher die Hand gibt oder nicht. Mir persönlich hat die Geschichte nur wieder klargemacht, dass Geschichten zwar ausgelöst werden können, die Größe der Geschichte aber gesteuert wird.
Ein Sieg für die Ruhe
Vielleicht. Jedenfalls war Ruhe das, was sich Mike Büskens vor dem Spiel wünschte, was er mit einem Sieg in Bielefeld erreichen wollte. Ob dem Sieg die Ruhe folgt, wird man sehen. Zunächst mal gibt es nun ein paar positive Geschichten in den Medien zu hören und zu lesen, obwohl in dem Spiel an sich gar nicht soviel anders war als zuvor.
Ein Mehr an Spielanteilen bei Problemen gute Chancen herauszuspielen sind nichts neues. Die doch noch zustande gekommenen Chancen zu vergeben, Pfostenschüsse, auch Freitag wie immer. Auch in Bielefeld hatte der Gegner kurz vor Schluss wieder eine gute Möglichkeit noch auszugleichen, als Sadik seinen Kopfball aus sechs Metern glücklicherweise über die Latte setzte.
Und doch ist man froh für jeden Hoffnungsschimmer. Also gab es zu bemerken, dass Christian Pander überhaupt wieder spielen durfte, nachdem Fred Rutten mit Blick auf die Defensive zuletzt Kobiashvili den Vorzug gab. Und man konnte sehen, dass Schalke nach der Führung zur Halbzeit mit dem Ziel, ein zweites Tor zu erzielen aus der Kabine kam.
Es fühlte sich nach einer kämpferischeren Einstellung, es fühlte sich nach „mehr Betrieb Richtung Tor“ an. Nur ein Gefühl, vielleicht. Aber in dieser Phase, zwischen enttäuschendem Saisonverlauf und neuen Zielen ist das Erzeugen von positiven Gefühlen, von einer wieder etwas optimistischeren Stimmung, sehr wichtig. Ebenso wie Ruhe.
Bliebe noch der Nebenschauplatz, der Fanblock.
Ich war nicht vor Ort, habe nur die Kameraperspektive der Dinge. Nachdem was ich mitbekommen habe gab es die Stimmung, den Pyro-Wurf, die Sprechblasen- und sonstige den Vorstand und Aufsichtsrat kritisierende Transparente, „Tönnies raus“-Rufe, seinen Besuch in der Kurve und seinen Abgang von dort, beschimpft und bespuckt.
Die Unterstützung der Mannschaft war großartig, das war auch im TV deutlich mitzubekommen. Das der Feuerwerks-Werfer von den Fans (unter „Meinungskundgebungen“) aus dem Block geworfen wurde, las ich in Foren und finde ich gut. Die Sprechblasen-Plakate fand ich kreativ und angemessen, wie Vorstand und Aufsichtsrat unseren Club darstellen ist unterirdisch und gehört kritisiert.
Das Tönnies in die Kurve ging mag man als anbiedernd oder mutig empfinden, einen Mann des eigenen Clubs zu bespucken, ob Frittenverkäufer, Spieler oder Aufsichtsratschef, finde ich in jedem Fall hochnotpeinlich! Und die ewigen Raus-Rufe zum jeweiligen Arsch der Woche kotzen mich ebenfalls an.
Ma’kucken, wie’s weitergeht. Es bleibt spannend.
[Bilder vom den Sprechblasen-Transparenten der UGE: 1, 2, 3, 4, 5, 6 ... 110 Bilder aus Bielefeld, auch von Clemens Tönnies’ Ausflug in den Fan-Block, gibt es (wie immer) bei Auswärtssieg, dem (stets empfehlenswerten) Blog von Matthias Berghöfer]
11 Freunde sollt ihr sein
– oder besser noch ein paar mehr.
Probek zum Thema Blogger-Verbund, der längst überfällig ist.
[Dieser Beitrag ist 1:1 von Trainer Baade geklaut. Ich gehe davon aus, dass er mich nicht verklagt.]
Bielefelds Nachlass
Bielefeld … Bielefeld … etwas über Bielefeld … hmm.
Gut, natürlich … aber da reden wir nicht mehr drüber.
Fahrstuhlmannschaft? Wikipedia führt unter diesem Stichwort die Arminia mit ihren insgesamt 15 Auf- und Abstiegen als Erstes auf. Aber originell ist das nicht, weiß doch jeder. Außerdem halten sie sich jetzt ja. In diesem Jahr bestimmt auch.
Spieler? Das Stefan Kuntz da mal gespielt hat hatte ich irgendwie vergessen. Ewald Lienen verbinde ich mit Arminia Bielefeld, und besonders Wolfgang Kneib, den bärtigen Riesen.
Ansonsten stößt mir Bielefeld immer nur dann auf, wenn Philipp Köster und Jens Kirschneck von „11 Freunde“ über ihren Club reden. Das irgendjemand natürlich auch die Arminia lieb haben muss, ist mir völlig klar. Das die Keimzelle des Magazins „11 Freunde“ aber das Arminia-Fanzine „Um 15:30 Uhr war die Welt noch in Ordnung“ gewesen ist, war mir nicht bewusst.
Das und noch viel mehr hat das großartige Schalker Fanzine „Schalke Unser“ in Erfahrung gebracht, als sie für die letzte Ausgabe eben die beiden Herren Köster und Kirschneck interviewten. Dieses Interview gibt es hier nachzulesen. Äußerst lesenswert, wie auch das „Schalke Unser“ stets kaufenswert ist.
Fußball zählen?
„Es wird immer gesagt, wir seien zu langsam und zu alt. Aber wir sind immernoch die beste Abwehr der Liga!“
… sagte Marcelo Bordon, spielte darauf an, dass Schalke 04 bislang die wenigsten Gegentore kassiert hat, und verwechselte dabei Qualität mit Erfolg. Ein Fehler, der im Fußball sehr gerne gemacht wird, weil zum Schluss immer nur Zahlen übrig bleiben, die bewertet werden wollen.
Schalke hat auch deswegen so wenige Gegentore kassiert, weil das Mittelfeld mehr auf das Verhindern als auf das Kreieren von Torchancen ausgerichtet ist. Und weil Manuel Neuer, mal abgesehen von dem Quasi-Eigentor im letzten Spiel gegen den HSV, eine sehr starke Saison spielt.
Nur von der Anzahl der Gegentore auf die Qualität einer Abwehr zu schließen ist genauso falsch wie die Behauptung, eine Mannschaft gehöre zu den acht besten Mannschaften Europas, nur weil sie im Viertelfinale der Champions League steht.
Die Bayern-Schablone
Schalke 04 sucht einen Manager für den sportlichen Bereich, der gleichzeitig auch Sportlicher Leiter sein soll. Schalke 04 fehlt es an Fußballsachverstand in der Vereinsführung. Das Erste wird als normal, das Zweite als fatal erachtet. Es ist das Abbild des erfolgreichen FC Bayern, das sich über Jahre in die Köpfe der deutschen Fußballfans gebrannt hat. So stark, dass um andere Organisationsformen bisweilen ein riesiges Tamtam gemacht wird.
Uli Hoeneß war nicht der erste Manager im deutschen Fußball, aber er war der erste Fußballer, der als Manager die sportliche Führung eines Vereins übernahm. Fortan gab es beim FC Bayern über dem Trainer eine höhere Instanz, die bei der Zusammenstellung der Mannschaft entscheidend mitsprach. Clubs, in denen der Trainer alleine über die sportliche Philosophie und die Zusammensetzung des Kaders entscheidet, haben immer dann ein Problem, wenn sie ihren Trainer wegen Erfolglosigkeit entlassen. Im Hoeneß-Modell musste immer nur ein Trainer zum Kader gefunden werden, mit der Ausrichtung des Clubs hatte der jeweils neue Mann nie etwas zu tun (Auch einer der Gründe, weshalb der „Revolutionär“ Klinsmann heute ein normaler Bayern-Trainer ist.).
Es gab in der Bundesliga sehr erfolgreiche Vertreter des Starker-Trainer-Modells. Rehhagel in Bremen zum Beispiel, oder Volker Finke in Freiburg. In anderen Ländern ist es durchaus Gang und Gäbe, dass der Trainer der „Sportchef“ ist. Fred Rutten war es beispielsweise bei Twente Enschede und nicht ganz zu unrecht wird bezüglich solcher Positionen häufig von „Teamchefs nach englischem Vorbild“ gesprochen. In der Bundesliga allerdings werden den Trainern bei 14 Clubs ehemalige Fußballer als Manager, Sportdirektoren oder Sportliche Leiter vorgesetzt! Jeder meint das müsste so sein, und wenn ein Felix Magath in Wolfsburg alles alleine entscheiden darf, bekommt er dafür quasi eine ganze Sendung des Aktuellen Sportstudios gewidmet.
Ob nur in der Trainerposition oder zusätzlich in einem weiteren Amt: Jeder Fußballclub braucht Fachkompetenz. Und wieder mag manch einer gen Süden schauen, wo Beckenbauer Präsident und Rummenigge Vorstandsvorsitzender ist. Trotzdem: Dass aktuell Schalkes Aufsichtsratsvorsitzendem Clemens Tönnies vorgeworfen wird, dass er keine Fachkompetenz habe, halte ich für falsch.
Die besten Clubs Europas und wohl auch die meisten Proficlubs überhaupt werden von Geschäftsleuten in oberster Position geleitet. Sei es, dass sie sie nur leiten, dass sie sie gar besitzen, oder dass sie ihnen als reiche Onkel vorstehen. Clemens Tönnies ist vorzuwerfen, dass er sich offenbar nicht der Öffentlichkeit seines Handelns und der Ernsthaftigkeit, mit der seine laxen Sprüche verfolgt werden, bewusst ist. Man mag ihm auch eine schlechte Organisation bei der Suche nach einem Sportchef oder bei der Trainerentlassung vorwerfen. Dass er aber Unternehmer und kein Fußballer ist, ist keinen Vorwurf wert. Tönnies muss die Fachkompetenz nicht haben, er muss sie finden.
Wird Zeit.






