
Vor knapp 3 Wochen haben wir hier darüber diskutiert, wie man im Fußball mit den vielen Verletzungsunterbrechungen gegen Ende eines Spiels so umgehen kann, dass sie den Spielfluss möglichst wenig beeinträchtigen. Vor zwei Tagen wurde bei Spiegel Online ein Text von Jens Jeep veröffentlicht, in dem es um genau dasselbe geht. Unter der Überschrift „Per Stoppuhr gegen Zeitschinder“ schlägt Jens Jeep folgende Regel vor:
Die letzte Viertelstunde des Spiels ist eine Netto-Spielzeit. Jede Unterbrechung führt zum Anhalten der Zeitmessung. Das Spiel endet mit Ablauf der 90 Minuten.
Damit soll die Nachspielzeit im herkömmlichen Sinne abgeschafft werden. Stattdessen erfolgt in den letzten 15 Minuten des Spiels – und nur in diesen – eine Zeitmessung wie beispielsweise im Eishockey.
Ganz instinktiv reagiere ich ablehnend auf eine solch schwerwiegende Änderung. Ein Spiel dauert 90 Minuten und die Uhr läuft fort, so war es immer und das Spiel ist gut. Ich bin für den Erhalt dieser grundsätzlichen Regeln, ich will auch nicht, dass die Größe der Tore geändert wird weil irgendeinem Funktionär zu wenige Treffer fallen, und ich will auch nicht, dass beliebig oft fliegend gewechselt werden kann, weil Fußball eben 11 gegen 11 und nicht 30 gegen 27 gespielt wird. Ich muss mein Gewissen auch nicht verbiegen, um trotzdem eine Veränderung bei der Ausführung des Schiedsrichter-Balls oder die Einführung der Rückpassregel für gut zu erachten. Solche Kleinigkeiten verändern das Spiel zwar auch, aber eben in seiner Ausführung und nicht in seiner Art.
Doch wenn ich länger über die Idee von Jens Jeep nachdenke, wenn ich den VfB Stuttgart am 13.05.09 in Gelsenkirchen ertragen muss, wenn man sich eben gerade über die perfekte Ausführung dieser offiziell zu duldenden Spielzerstörung ärgert (übrigens nutz Spiegel Online für Jeeps Beitrag ein Symbolbild mit Mario Gomez und Trainer Babbel …), dann gewinnt diese Regel an Charme. Ein Spiel dauert heute nicht mehr 90 Minuten, nicht mal grundsätzlich! Grundsätzlich dauert ein Spiel heute 93 Minuten, und so gut wie nie passen diese 3 Minuten mit der „verlorengegangenen Zeit“ überein.
Jens Jeep trifft mit den Argumenten ins Schwarze, mit denen er seinen Regelvorschlag anpreist:
Der Torhüter könnte sich beim Abstoß Zeit lassen, aber dies würde ihm nichts nützen, weil die Zeit noch gar nicht liefe. Wo kein Foul ist, müsste man auch nicht mehr umfallen.
In den ersten 75 Minuten hingegen gibt es normalerweise für keine Mannschaft einen Grund zum Zeitspiel – und wenn doch, dann gehört der Schuldige verwarnt.
Zugleich verhindert eine Beschränkung auf die letzten 15 Minuten, dass die Spiele unplanbar lang werden.
Andererseits entstehen Spielunterbrechungen natürlich nicht nur durch absichtliches Zeitschinden. Passiert etwas Unvorhergesehenes, beispielsweise ein Unfall nach welchem ein Spieler ausdauernd behandelt werden muss, wäre diese Zeit unter der neuen Regel verloren. Und wenn Herr Jeep in seinem Text bereits das „laute Herunterzählen des Countdowns“ durch die Fans beschreibt, bilden sich Pusteln auf meiner Haut und im Hals beginnt’s zu kratzen.
Ich bin hin und her gerissen. Der Nachdenker in mir sieht in diesem Vorschlag tatsächlich die Lösung einiger Probleme, die seit langem lästig sind und denen schwer Herr zu werden ist. Der Traditionalist in mir findet den Nachdenker schon im Ansatz scheiße, immer in der Angst, dass da was einreißen würde was nie mehr zu flicken wäre. Er sieht vor seinem geistigen Auge bereits die Werbespots in den Zeitunterbrechungen und argumentiert, dass man das wohl erfolgreichste Spiel der Erde nicht in seinen Grundfesten erschüttern darf.
Ich beschäftige mich also noch eine Weile mit mir selbst.
Input ist sehr willkommen.
[Foto: William Warby]




Schalke hat wieder ein Alphamännchen. Ein echtes Fußball-Alphamännchen. Und einen Hoffnungsträger dazu.

