Artikel im Mai 2009

Netto statt Brutto?

Vor knapp 3 Wochen haben wir hier darüber diskutiert, wie man im Fußball mit den vielen Verletzungsunterbrechungen gegen Ende eines Spiels so umgehen kann, dass sie den Spielfluss möglichst wenig beeinträchtigen. Vor zwei Tagen wurde bei Spiegel Online ein Text von Jens Jeep veröffentlicht, in dem es um genau dasselbe geht. Unter der Überschrift „Per Stoppuhr gegen Zeitschinder“ schlägt Jens Jeep folgende Regel vor:

Die letzte Viertelstunde des Spiels ist eine Netto-Spielzeit. Jede Unterbrechung führt zum Anhalten der Zeitmessung. Das Spiel endet mit Ablauf der 90 Minuten.

Damit soll die Nachspielzeit im herkömmlichen Sinne abgeschafft werden. Stattdessen erfolgt in den letzten 15 Minuten des Spiels – und nur in diesen – eine Zeitmessung wie beispielsweise im Eishockey.

Ganz instinktiv reagiere ich ablehnend auf eine solch schwerwiegende Änderung. Ein Spiel dauert 90 Minuten und die Uhr läuft fort, so war es immer und das Spiel ist gut. Ich bin für den Erhalt dieser grundsätzlichen Regeln, ich will auch nicht, dass die Größe der Tore geändert wird weil irgendeinem Funktionär zu wenige Treffer fallen, und ich will auch nicht, dass beliebig oft fliegend gewechselt werden kann, weil Fußball eben 11 gegen 11 und nicht 30 gegen 27 gespielt wird. Ich muss mein Gewissen auch nicht verbiegen, um trotzdem eine Veränderung bei der Ausführung des Schiedsrichter-Balls oder die Einführung der Rückpassregel für gut zu erachten. Solche Kleinigkeiten verändern das Spiel zwar auch, aber eben in seiner Ausführung und nicht in seiner Art.

Doch wenn ich länger über die Idee von Jens Jeep nachdenke, wenn ich den VfB Stuttgart am 13.05.09 in Gelsenkirchen ertragen muss, wenn man sich eben gerade über die perfekte Ausführung dieser offiziell zu duldenden Spielzerstörung ärgert (übrigens nutz Spiegel Online für Jeeps Beitrag ein Symbolbild mit Mario Gomez und Trainer Babbel …), dann gewinnt diese Regel an Charme. Ein Spiel dauert heute nicht mehr 90 Minuten, nicht mal grundsätzlich! Grundsätzlich dauert ein Spiel heute 93 Minuten, und so gut wie nie passen diese 3 Minuten mit der „verlorengegangenen Zeit“ überein.
Jens Jeep trifft mit den Argumenten ins Schwarze, mit denen er seinen Regelvorschlag anpreist:

Der Torhüter könnte sich beim Abstoß Zeit lassen, aber dies würde ihm nichts nützen, weil die Zeit noch gar nicht liefe. Wo kein Foul ist, müsste man auch nicht mehr umfallen.
In den ersten 75 Minuten hingegen gibt es normalerweise für keine Mannschaft einen Grund zum Zeitspiel – und wenn doch, dann gehört der Schuldige verwarnt.
Zugleich verhindert eine Beschränkung auf die letzten 15 Minuten, dass die Spiele unplanbar lang werden.

Andererseits entstehen Spielunterbrechungen natürlich nicht nur durch absichtliches Zeitschinden. Passiert etwas Unvorhergesehenes, beispielsweise ein Unfall nach welchem ein Spieler ausdauernd behandelt werden muss, wäre diese Zeit unter der neuen Regel verloren. Und wenn Herr Jeep in seinem Text bereits das „laute Herunterzählen des Countdowns“ durch die Fans beschreibt, bilden sich Pusteln auf meiner Haut und im Hals beginnt’s zu kratzen.

Ich bin hin und her gerissen. Der Nachdenker in mir sieht in diesem Vorschlag tatsächlich die Lösung einiger Probleme, die seit langem lästig sind und denen schwer Herr zu werden ist. Der Traditionalist in mir findet den Nachdenker schon im Ansatz scheiße, immer in der Angst, dass da was einreißen würde was nie mehr zu flicken wäre. Er sieht vor seinem geistigen Auge bereits die Werbespots in den Zeitunterbrechungen und argumentiert, dass man das wohl erfolgreichste Spiel der Erde nicht in seinen Grundfesten erschüttern darf.

Ich beschäftige mich also noch eine Weile mit mir selbst.
Input ist sehr willkommen.

[Foto: William Warby]

Nichts als Ärger

Man weiß, dass es nichts mehr zu gewinnen gibt, man geht ins Stadion und ärgert sich trotzdem.

Über den Gegner, der – bei aller Anerkennung für die Gabe zum schnellen und präzisen Offensivspiel – vor allem das Zeitschinden meisterlich beherrscht. In der zweiten Halbzeit hatte man den Eindruck, dass die ärztlichen Betreuer des VfB die Stuttgarter mit dem höchsten Laufpensum waren, wodurch deren fliederfarbenen Jogginganzüge im 80er-Jahre-Stil zu den heimlichen Stars des Abends mutierten.

Über den Schiedsrichter, der statt der anstehenden sechs nur die üblichen drei Minuten nachspielen ließ.

Vor allem aber über die eigene Mannschaft. Über die peinliche Tatsache, dass es die erfolgreichste Taktik gegen Schalke 04 ist, wenn man die königsblaue Mannschaft sich selbst überlässt.
In dieser scheiß Saison 08/09 hätte Schalke auch ganz ohne Gegner regelmäßig 0:0 gespielt. Weil Halil Altintop auch auf des Gegners Torlinie noch nach hinten ablegt. Weil Orlando Engelaar einen Großteil seiner Spielzeit damit verbringt, den Ball zwischen seinen langen Beinen zu suchen. Weil Ivan Rakitic nur dann ein kreativer Offensivspieler ist, wenn sich alle Akteure zuvor darauf einigen, sich nicht zu hektisch zu bewegen. Weil diese Mannschaft zwar gut stehen und ordentlich kämpfen, aber eben überhaupt nicht spielen kann.
Auch ganz ohne Gegner gewinnt Schalke nur dann 1:0, wenn zumindest eine Schiedsrichter anwesend ist, der – warum auch immer – irgendwann mal einen Freistoß gibt. Fußball geht meines Erachtens irgendwie anders.

Finale in Bochum

Nein, führ Schalke gibt es in dieser Saison nichts mehr zu feiern. Und überhaupt, in Bochum erst recht nicht, da ging zuletzt immer alles schief. Aber darum geht’s auch gar nicht. Eher um die Rettung des schönen Teils einer verkorksten Wette.

Noch in der Euphorie des Siegs gegen die Bayern semmelte ich bei Welt Hertha Linke das Angebot in einen Kommentar, dass sich Hausherr Enno doch mal überlegen möge um was er Wetten wolle, falls er meine Überzeugung, dass Schalke 04 in Berlin nicht verlieren wird, nicht teile. Er teilte sie nicht, die Überzeugung, und bot an das Spiel gemeinsam zu schauen, auf das der Verlierer den Deckel bezahle.
Gute Idee, leider musste ich zurückziehen, weil ich ausgerechnet an diesem Tag einen Termin habe, dieses Spiel nicht mal alleine live werde sehen können.

Aber das mit dem „mal treffen“ wollte ich nicht fallen lassen. Und so entstand die Idee, sich zum DFB-Pokalfinale zu treffen! Und dass Bochum doch ziemlich mittig liegt. Und dass vielleicht ja noch ein paar Andere ähnlich spontan sein können und die Idee auch nicht schlecht finden.

Spontanes Treffen zum DFB-Pokalfinale

Also:
Enno und ich schauen das Pokalfinale gemeinsam in Bochum.
Ausgesucht haben wir uns dazu die Kneipe „Freibeuter“.
Treffen wollen wir uns gegen 17:30 Uhr, man will sich schließlich auch noch unterhalten.

Und gerne wären wir noch ein paar mehr!

Wer also zum Pokalfinale nicht nur virtuell kommunizieren möchte, wer Lust und die Möglichkeit hat nach Bochum zu kommen, der sollte sich flott entschließen dabei zu sein und bis spätestens nächsten Mittwoch, den 20.05. eine Mail an finale-in-bochum@koenigsblog.net schreiben.

Nein, wir verkaufen keine Mailadressen und wir organisieren nicht mal besonders viel. Wir möchten eigentlich nur wissen, wie viele Leute wir sein werden, um sichergehen zu können, dass wir am Finaltag in einem passenden Lokal landen. Ansonsten möchten wir vor allem einen schönen Pokalabend haben, mit Leuten die man immer schon mal (wieder-)sehen wollte. Also, komma’ auch.

Sehr geehrter Clemens Tönnies …

Sehr geehrter Clemens Tönnies,

hiermit mache ich schriftlich von meinen bis 14 Tage nach Vertragsabschluß gesetzlich festgeschriebenem Rücktrittsrecht gebrauch. Ich werde kein Engagement in Ihrem Club antreten.

Unsere gemeinsame Idee war es, aus einem bestehendem Stamm an Spielern eine neue, erfolgreiche Mannschaft zusammenzustellen. Ich habe das gestrige Spiel Ihrer Mannschaft gegen Borussia Mönchengladbach verfolgt und dabei erkannt, dass Ihre Mannschaft über keinen Stamm verfügt, der für die Zukunft den Erfolg versprechen könnte, den sie sich von meiner Arbeit erwarten würden. Tatsächlich gibt Ihre Mannschaft nichts her. Garnichts.

Orlando Engelaar, Jermaine Jones, Heiko Westermann, allesamt hochgelobte Nationalspieler, sind nicht in der Lage Dominanz auszuüben, gegen diese nicht minder miserable Borussia, die in 90 Minuten nur dreimal auf Ihr Tor schoss und deren Jahrhunderttalent nur gefährlich wurde, indem er wiederholt leichtfüßig zu Boden ging.
Ich gehe davon aus, dass meine Kollegen Büskens, Mulder und Reck Ihrem Spieler Jefferson Farfán nicht gesagt haben, dass er auch den achten Eckball noch immergleich, genau auf den gegnerischen Torwart schießen soll. Und trotzdem tat er es, als ginge es ihn nichts an.

Es geht nicht darum, dass das Spiel noch verloren ging. Es geht darum, wie es von Ihrer „Mannschaft“ über 90 Minuten geführt wurde!

Spieler wie Vicente Sanchez, Halil Altintop oder Gerald Asamoah rennen wild über den Platz, strengen sich zweifelsohne an und haben doch keine Idee wie ein Offensivspiel funktioniert. Und das, nachdem sie unter den Kollegen Mirko Slomka, Fred Rutten und nun Büskens, Mulder und Reck trainiert haben. Das kann nicht am Training liegen, es kann einfach nicht sein, dass alle diese Trainer Ihren Spielern kein Offensivspiel erklären können!

Sicher, Ihr Torwart Manuel Neuer ist ein großes Talent, vielleicht das größte in unserem Land. Und auch Kevin Kuranyi gibt nie auf. Er sucht auch nach 10 Fehlversuchen noch sein Glück. Ihn merkt man an, dass er zu Beginn seiner Bundesligakarriere die richtige Einstellung beigebracht bekam.
Aber ein Torwart und ein Stürmer alleine sind kein Stamm. Und den Kader komplett auszutauschen, dazu reicht Ihr Geld nicht. Nichtmal wenn ich umsonst arbeiten würde.

Hochachtungsvoll,
Felix Magath

PS: Wer schwitzen will muss sich bewegen. Beim Zähneputzen braucht es keine Heizung, Sie Weichei.

„Edition Ostwestfalen-Idioten“

Footballshirtculture.com hat eins der zwei neuen Schalke-Trikots für die kommende Saison entdeckt. Es geht um das Andere, das neben Heim- und Auswärtstrikot, sie nennen es „Schalke 04 Third 09/10“, offiziell wird es wohl „Ausweichtikot“ genannt werden. Es ist schwarz und es stellt sich die Frage, wann Schalke 04 darauf ausweichen muss.

In der aktuellen Saison kam Schalke 04 mit seinem blauen Heim- und weißen Auswärtsdress in der Bundesliga problemlos klar. Das Ausweichtrikot wurde in den internationalen Spielen verwendet, war also eher eine „Edition Europacup“, in der letzten Saison mehr, in dieser weniger. In der kommenden Saison braucht es eine solche Edition aller Voraussicht nach überhaupt nicht.

Tatsächlich ausweichen musste Schalke in der Vergangenheit allenfalls mal in Auswärtsspielen bei Arminia Bielefeld oder dem MSV Duisburg. Eben dann, wenn das gegnerische Trikot mehr oder weniger 50/50 aus Blau und Weiß bestand. In diesem Fall reichte auch das ebenfalls blaue Europacup-Trikot nicht, weshalb Schalke dann in „Fourth“, nämlich orangefarben antrat.

Der MSV bleibt in Liga 2. Aber vielleicht bleibt Arminia ja in der Ersten, und vielleicht spielt sie nächste Saison wieder in einem „50/50-Trikot“. Ganz sicher aber weil Schalke 04 pro verkauftem Leibchen 70 Euro kassiert, gibt es auch nächste Saison ein „Third“. Konsequenterweise sollte man es „Edition Ostwestfalen-Idioten“ nennen.

[Der Dank für den Hinweis geht an Nedo]

Ohne Lachen

Image ist nicht alles, aber viel. Felix Magath begleiten gleich zwei sehr einprägsame Bilder dauerhaft: Das des Schachspielers und das des Schinders.

Ich bin mit sicher, dass die Konditionseinheiten unter anderen Bundesligatrainern keinen Deut weniger hart sind. Und trotzdem gilt Magath als der große Quäler, was ihm Ruhe verschafft, denn Fans wollen so was: „Denen muss man den Arsch aufreißen, wenn die nicht rennen“, „Gras fressen“, „Kämpfen bis zur Kotzgrenze“ usw.usf. …
Auf Schalke ist sich die Fanschar jedenfalls bereits darüber einig, dass Christian Pander, sollte er demnächst nochmal nach einer Auswechslung sein Trikot öffentlichkeitswirksam in die Ecke werfen, bereits auf den Parkstadion-Treppen unterwegs ist, noch bevor das Spiel abgepfiffen wurde.

Jüngst „testete“ Oliver Pocher die Magath’schen Trainingseinheiten. Dabei hat sich vor allem bestätigt, das Schalkes neuer Manager ’ne „coole Sau“ ist.


Felix Magath

Schalke hat wieder ein Alphamännchen. Ein echtes Fußball-Alphamännchen. Und einen Hoffnungsträger dazu.

Nein, ich hab’s wirklich nicht geglaubt. Nach dem ganzen Palaver seit der Entlassung Müllers und mit dem Wissen um die gescheiterten Verhandlungen zwischen Assauer und Magath 2003, mit dem Verdacht, dass dem gerissenen Hund Felix Magath ein erneutes an der Nase herumführen des FC Schalke 04 durchaus zuzutrauen wäre, habe ich täglich auf das Platzen einer Seifenblase gewartet. Es war keine, nichts platzte, ich bin froh.

Mit Magath müsse man Schalke wohl wieder ernst nehmen, schrieb Hertha-Fan und -Blogger Enno Aljets in einem Kommentar. So fühlt es sich auch aus Schalker Sicht an, und es ist das Allerwichtigste. Dieses Gefühl steht jedem Gedanken über die sportliche Zukunft vor. Felix Magath ist zuzutrauen, dass Tuten aus 12 Hörnern abzustellen. Ihm, als für den sportlichen Bereich zuständiges Vorstandsmitglied, ist zuzutrauen, eine klare Linie vorzugeben und gegebenenfalls auch gegen Widerstände durchzusetzen. Und mit einer klaren Linie geht eben alles los.

Sportlich hatte Felix Magath unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen Erfolg. Er führte aus- und rettete vor der 2. Liga. Er baute mit kaum und mit viel Geld erfolgreiche Erstligamannschaften auf. Auf Schalke soll er der verpassten Umbruch nachholen, obwohl der Etat reduziert werden muss. Dies ist zweifelsohne alles möglich. Ob es gelingt, wird man sehen. Engagierter, wenn nicht gar schöner und zumindest mittelfristig erfolgreiche Fußball steht natürlich auch auf dem Wuschzettel. Aber das ist hier eben so wie überall.

Magath wird viel Geld verdienen in Gelsenkirchen. Neben großem Ehrgeiz hat er aber auch einen Hang zur Egozentrik, weshalb es tatsächlich nicht so abwegig ist, dass er auch des komplizierten Clubs wegen auf Schalke kommt. Hier gehen die Scheinwerfer nie aus, wird hingeschaut, auch wenn die Mannschaft auf Platz 12 steht. Schalke 04 ist ein stets nah am Abgrund stehender, schlafender Riese. Felix Magath hält sich mit Sicherheit für fähig ihn zu wecken und in die richtige Richtung zu führen. Im Fall der Fälle winkt ihm die Unsterblichkeit, während es in Wolfsburg vermutlich nicht mal mehr auf eine VW Golf „Limited Edition Felix“ hinausliefe.

Magaths Arbeit wird vom ersten Tag an von einer großen Fangemeinde extrem hoffnungsvoll begleitet werden. Aber selbst wenn Magath alle Hoffnungen erfüllen, selbst wenn er Schalke in den königsblauen Himmel führen sollte: Dieser Mann sollte immer als Profi verstanden werden, verlieben sollte sich Schalke in Magath nie. Es besteht immer die Möglichkeit, dass er genauso professionell-flott wieder weg ist, wie er nun kommt.