Gespielter Patriotismus

Man kann nur ablehnen, was einem angeboten wird. Und wenn einem etwas entzogen wird, muss man sich nur darüber ärgern, wenn man es auch haben wollte.

Jermaine Jones wurde von Bundestrainer Löw längst aussortiert. Er war nicht mal mehr das fünfte Rad am Wagen, durfte nicht mal dabei sein, als kaum noch jemand zur Verfügung stand. Deshalb ist es Mumpitz, Jones’ Umorientierung einen „Rücktritt“ zu nennen. Und deshalb war das kühle und knappe Statement des Bundestrainers völlig angemessen. Was Jermaine Jones tut oder lässt, kann ihm völlig egal sein.

Aber es gibt da ja noch einen, der knapp nicht kann, der dazu da ist, was darzustellen. Oliver Bierhoff.

„Wir haben mehrfach betont, wie sehr wir uns darüber freuen, dass wir mehrere Spieler mit Migrationshintergrund in den Reihen der deutschen Nationalmannschaft haben. Dies entspricht der gesellschaftlichen Entwicklung in unserem Land, und das spiegelt auch unsere Nationalmannschaft wider. Wir haben aber immer wieder darauf hingewiesen, dass jemand, der das DFB-Trikot trägt, sich klar zur Nationalmannschaft und Deutschland bekennt. Wenn ein Spieler das nicht so sieht, ist das seine Entscheidung, die wir respektieren.“

Aufgeteilt in zwei Teile kommt der Kommentar des Oliver Bierhoff falsch und verspätet, irgendwie „falschrum“ daher.

Zunächst sei festgestellt, dass Jermaine Jones keinen Migrationshintergrund hat. Sein Vater war als Soldat in Deutschland stationiert. Heute lebt er wieder in den USA, ein Immigrant war er nie. Lukas Podolski hat Mirgrationshintergund und möchte vermutlich gar nicht, dass sich Bierhoff darüber freut, selbst wenn er es wissen sollte. Sicher reicht ihm, wenn man sich an seinen Toren freut. Auch Claudemir Jeronimo Barreto (genannt Cacau – selbst eingewandert, mit völlig normalem Hintergrund) will bestimmt nur einer unter Guten sein, und nicht der Farbtupfer zu Bierhoffs Anspruch an Vielseitigkeit.

Der zweite Teil Bierhoffs Aussagen erweckt den Anschein, verspätet zu erscheinen. Hat sich Jermaine Jones etwa als deutscher Nationalspieler nicht zum DFB-Trikot bekannt? Hat er zuvor schon Zweifel geäußert, ist dies der wahre Grund für seine Nichtnominierung?
Nein. Die Idee ist Jones erst gekommen, als man ihn nicht mitspielen ließ. Trotz Bekenntnis zum DFB-Trikot. Trotz guter Leistungen. Trotz Migrationshintergrund nach Bierhoff.

Meines Erachtens dürfte ein Wechsel zwischen Verbandsauswahlmannschaften nicht erlaubt sein. Wer irgendwann, egal in welchem Alter, einmal für eine Verbandsauswahl gespielt hat, sollte niemals mehr für eine andere Verbandsauswahl spielen dürfen. Der junge Mann, der mit zwei Staatsangehörigkeiten geboren wurde und dessen Eltern zu Zeiten seiner jungen Jahre die Entscheidung fürs „falsche Land“ getroffen haben, hat eben Pech. Hier geht es nicht um Wahlmöglichkeiten. Pech hat schließlich auch der talentierte Junge, der ohne doppelte Staatsbürgerschaft auf Malta geboren wurde.

Aber nach mir geht es nicht. Die FIFA hat die Wechselmöglichkeit erfunden, da kann ich Jermaine Jones nicht übel nehmen, wenn er diese Möglichkeit nutzt. Mit Bierhoff als Moralapostel tue ich mich in dieser Situation schwer. Mag sein, dass er nicht um des dabei Seins willen den Verband wechseln würde. Aber falls die Firma Nike glauben würde, zum Aufbau eines schlagkräftigen „Team USA“ bräuchte man unbedingt Oliver Bierhoff; ich würde nicht drauf wetten.



9 Kommentare zu “Gespielter Patriotismus”

  1. Kid Klappergass sagt:

    Ich stehe kaum im Verdacht, ein Fan von Jermaine Jones zu sein, auch wenn ich ihn als Spieler schätze. Aber wenn Bierhoff hier Dinge durcheinander bringt, ist es nur konsequent, wenn sie wieder richtig gestellt werden. Du beschreibst fast exakt meine Gedanken beim Lesen der Bierhoff-Äußerung.

    Wodurch bekenne ich mich zu einem Land? Ob ich für eine Verbandsauswahl antrete oder nicht, ist für mich kein solches Bekenntnis. Soll ich einem Sportler übel nehmen, dass er eine Möglichkeit nutzt, um sich seine sportlichen Träume zu erfüllen? Nein, das tue ich nicht.

    Handelt ein Verband denn anders? Hat der nicht auch den sportlichen Erfolg im Auge? Ob sich der DFB bei Sean Dundee und Paolo Rink oder nun Cacau gefragt hat, ob sie sich zu Deutschland bekennen?

    Und ich stimme dir auch zu, wenn du die Wechselmöglichkeit kritisierst. Es ist ja – leider – nichts Neues. Die italienische Auswahl wurde beispielsweise 1934 mit drei Spielern Weltmeister, die zuvor für Argentiniens Verband am Ball waren: Luis Monti, Raimundo Orsi und Enrique Guaita. Enrique Guaita – um den Bock fett zu machen – spielte 1937 noch ein Länderspiel für Argentinien, wenn der Wikipedia-Eintrag stimmt.

    Und Ferenc Puskás war für die Auswahl Ungarns und Spaniens am Ball, Alfredo di Stefano gar für drei Auswahlmannschaften: Argentinien, Kolumbien und Spanien.

    Gruß vom Kid

  2. bh sagt:

    Aber es gibt da ja noch einen, der knapp nicht kann, der dazu da ist, was darzustellen. Jermaine Jones.

    http://goal.blogs.nytimes.com/.....r-america/

  3. eisenschleuder sagt:

    schade, dass „der migrationshintergrund“ überhaupt ein thema ist.

    bierhoff sollte dann sagen wie es ist: die deutschen sehen es es als ihre aus der geschichte erwachsene aufgabe an, sich auf internationaler bühne als singendes, sprigendes multi-kulti-volk präsentieren. gerade weil man weiss wie es in wahrheit steht um rassismus in und um den deutschen fussball. (obgleich das im ausland meist nicht viel besser steht)

    dass jones nun für ein anders land spielen will hat damit doch gar nichts zu tun. ich finde es schade weil er ein guter defensiver mittelfeldspieler ist. aber löw hat sich nunmal gegen ihn entschieden und damit wars das.

    dass er die möglichkeit hat für einen anderen verband zu spielen find ich gänzlich unproblematisch. der dfb hatte so zu sagen das vorkaufsrecht und hat es verstreichen lassen.
    ich glaub wenn jemand zwei staatsbürgerschaften hat, können durchaus zwei herzen in seiner brust schlagen. aber um bei einer nationalmannschaft zu spielen brauchen die meisten gar keine patriotischen gefühle.

    da muss man auch mal ehrlich sein: welcher amateur würde sich bitteschön weigern, wenn lichtensteiner verband anriefe, belegen würde, dass die urgroßmutter lichtensteinerin war und man dem verband helfen solle was mit 15k $ entschädigt werden würde? ich nicht.

  4. Johannes sagt:

    Zwei Sachen zu JJ: Ausweislich des NYT-Artikels will JJ in zwei Jahren nach England. Das ist mir neu.

    In freier Übersetzung aus dem Artikel: „Er sagte, er sei noch für zwei Jahre bei S04 unter Vertrag, dann würde er gerne in England spielen.“

    Außerdem beklagt JJ eine latente Abneigung ihm gegenüber, allein aufgrund seines Aussehens, das sich vielleicht in der Tat ein wenig vom Durchschnitt unterscheidet (bloß nicht aus der Masse hervortreten!!), die man, jawohl, als Rassismus-Vorwurf an die „Mehrheitsgesellschaft“ verstehen kann. Das ist harter Tobak. Aber hat JJ damit so Unrecht?

  5. Torsten Wieland sagt:

    Jones hat der Darstellung in der NYT widersprochen.

    Er sagt, er sei missverstanden worden. Wenn man bedenkt, dass in dem Times-Text beschrieben wird, dass Jones selbst sagte, nicht gut englisch zu können, und dass er das Gespräch eigentlich nicht selbst führen wollte, halte ich das für durchaus plausibel.

    dass jones nun für ein anders land spielen will hat damit doch gar nichts zu tun. ich finde es schade weil er ein guter defensiver mittelfeldspieler ist. aber löw hat sich nunmal gegen ihn entschieden und damit wars das.

    Eben, so sehe ich das auch. Deshalb hätte sich Jones zu diesem Thema am besten ebenso kurz gehalten wie der Bundestrainer.

    @bh: Danke für den Link.

  6. Jürgen Kalwa sagt:

    Ich möchte meinen Verdacht loswerden, dass Jones nur zurückgerudert ist. Etwas genauer und ausführlicher habe ich das bei American Arena erläutert. Ich kenne weder Jones noch den Times-Reporter, aber ich weiß, wie US-Journalisten arbeiten. Dass Jack Bell das Gegenteil von dem verstanden hat, was Jones gesagt hat, ist so gut wie ausgeschlossen. Dazu kommt ein weiteres. Wenn Bell den Sachverhalt wichtig gefunden hätte, hätte er damit aufgemacht. Offenener oder versteckter Rassismus ist auch in den USA ein Reizthema. Das Problem von Jones sind die Reaktionen in Deutschland, wo man in der Sauren-Gurken-Zeit in den Medien gerne den entscheidenden Schnipsel aus dem Zusammenhang gerissen hat, um ein existierendes Jones-Klischee zu bedienen. Natürlich muss dann Jones angesichts solcher Reaktionen reagieren. Und was macht man dann am besten so: Nichts erklären oder erläutern, sondern alles bestreiten. Das ist auch besser angesichts der Reaktion von Felix Magath, der gar nichts davon hält, einen US-Nationalspieler in seinem Team zu haben.

  7. Torsten Wieland sagt:

    Dass der Journalist Jones falsch verstanden hat habe ich eigentlich auch nie vermutet, das habe ich im letzten Kommentar wohl schlecht formuliert.

    Eher bin ich davon ausgegangen, dass Jones nicht in der Lage war, klar zum Ausdruck zu bringen, was er meint. Aber ja, das „Beckham-Argument“ sticht.

  8. eisenschleuder sagt:

    ich denke jones gibt vor, es interessiere ihn nicht, was andere über ihn denken, weil er sich schwer damit tut seine gedanken so zu formulieren, dass er nicht missverstanden werden kann. ich glaube in wahrheit ist er kein rebell oder so. er ist ehrgeizig und an seiener arbeitseinstellung gibts allem anschein nach nichts zu kritisieren. er wird immer wieder schlagzeilen machen, weil er im ausdruck derart talentfrei ist. vielleicht versteht er ja irgendwann mal, dass er mit reportern anders sprechen muss als mit kollegen und freunden.

    viel erstaunlicher ist der unprovozierte eiertanz des akademisch gebildeten super-managers oliver bierhoff. von ihm müsste man eigentlich wesentlich gelungenere nichtssagende beiträge erwarten können (ja: etwas konstruktives erwarte ich nicht von dem kasper!). stattdessen muss man sich fürchten, dass der quatschkopf als reminiszenz an MV-zeiten irgendwann nochmal ungefragt ausplaudert, dass dem dfb ohne den verlust der kolonien 1918 der aufbau einer style-mäßig konkurrenzfähigen multi-kulti-truppe viel leichter fallen würde…

  9. ckwon sagt:

    Ich denke auch, dass man Jones‘ Aussage nicht zu sehr auf die Goldwaage legen sollte. Er aht wohl unvorbereitet ein Interview in einer Fremdsprache geführt. Da formuliert man schonmal schlecht.

    Und als Fußballer, der nicht berücksichtigt wird, obwohl man selbst denkt, dass man besser ist, fängt man schonmal an zu denken, dass dem Trainer vielleicht die Frisur des anderen besser gefällt o.ä.

    Wenn man mal die Passage mit dem „blond und blauäugig“ sich wegdenkt, dann hängt er ja selbst mehr an seinen Tattoos auf als an seiner dunkleren Haut.

    Und zumanderen: Für einen Fußballer ist eine WM das Größte. Und: Jones hatte schon immer die Berechtigung für die USA zu spielen. Daher kann man ihm da doch Moralisch gar nix vorwerfen, wenn er sich dann für die „kleinere“ Nationalmannschaft entscheidet. Ich finde die Fälle, der zugezogenen Arbeiter (Cacau, Alex in Japan) da eher komischer, aber auch die haben ja nicht für den Fußball eine besonders schnelle Einbürgerung bekommen, sondern sind den ganz normalen Weg gegangen, der jedem Arbeiter zusteht.

    Und die Regelung, die es jetzt gibt, klingt eigentlich ok: 1 Pflichtspiel für die A-Nationalmannschaft und man ist festgespielt.

    Verhidnert ja zumindest mal das Hopping…

Schreibe einen Kommentar