Zensursula lässt Grüßen

Wir habe doch heute die technische Möglichkeiten. Eine Torkamera macht absolut Sinn, und es geht ja auch nur um solche Entscheidungen. Abseits, Elfmeter, alles andere soll ja so bleiben wie es ist.

So hat es Rudi Völler gesagt, und er ist damit weiß Gott nicht alleine. Nach jeder strittigen Torszene branden Diskussionen um eine Torkamera auf. Dass man dabei nicht das Spiel verändern wolle, dass man aber doch die technischen Möglichkeiten nutzen müsse, wird dabei von nahezu jedem Befürworter erwähnt.

Meines Erachtens sind die Parallelen zur Diskussion um das „Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie im Internet“ unverkennbar. Niemand will Kinderpornografie bewahren, sondern es geht darum die Ausweitung und die Willkür im Umgang mit Internetsperren zu verhindern. Niemand will, dass korrekt erzielte Tore aberkannt werden oder Phantom-Tore zählen, sondern es geht um die Bewahrung des Spiels als solches, mit seinen unmittelbaren Entscheidungen und dem menschlichen Schiedsrichter als höchste Instanz.

Kaum war von Gesetzes wegen die Nutzung der „technischen Möglichkeiten“ in Sachen Internet-Sperren erlaubt, gab es Forderungen diese auch für andere Zwecke einzusetzen. Falls im Fußball die Entscheidung Tor oder kein Tor per Videobeweis hinterfragt werden dürfte: Gibt es tatsächlich wache Geister die bezweifeln, dass in Folge der nächsten strittigen und entscheidenden Frage nach einem Strafstoß nicht wieder nach der Nutzung der technischen Möglichkeiten geschrien würde?

Bezüglich der Internet-Sperren wurde die Öffentlichkeit dank einer wachen Minderheit dazu sensibilisiert, dem Gesetzgeber auf die Finger zu schauen. Wie erfolgreich das sein wird, wird man sehen. Gegenüber Politik, Gesellschaft, Leben ist Fußball vergleichsweise unwichtig, den Granden des Fußballs gibt niemand Kontra. Es fühlt sich schlecht an, aber alles was bleibt ist auf die Starrköpfigkeit der alten Männer der FIFA zu vertrauen. Sie scheinen Geld dafür zu bekommen, das Spiel zu erhalten, anders ist ihr Verhalten gegenüber sonstigen Gepflogenheiten nicht zu erklären.
Ich gönn’s ihnen.



3 Kommentare zu “Zensursula lässt Grüßen”

  1. Matthias sagt:

    Ich kann zwar deinen puristischen Ansatz nachvollziehen, sehe es aber etwas anders: Eine Torkamera müsste, um ihren Zweck zu erfüllen, so ausgerichtet sein, dass sie tatsächlich nur die Torlinie im Blickfeld hat. Für andere strittige Entscheidungen wäre sie nutzlos. Die von dir als Parallele herangezogene absolute Überwachung sämtlicher Aktivitäten auf dem Platz findet indes schon längst statt. Es vergeht mittlerweile kein Spieltag mehr, an dem nicht aufgrund von Fernsehbildern gegen Spieler ermittelt wird. Das ist Wischiwaschi. Entweder man sagt: “In den 90 Minuten auf dem Feld entscheidet einzig und allein nur der Schiedsrichter und alles andere ist Wumpe”, oder man nutzt die technischen Möglichkeiten richtig. Generell bin ich auch eher ein Purist, aber da der Videobeweis sich nach vermeintlichen Tätlichkeiten mittlerweile längst eingenistet hat, wird man das Rad der Geschichte kaum noch zurückdrehen können. Und wenn man nicht gegen die Zeit gehen kann (bzw. gehen will), muss man eben mit ihr gehen. Dann aber auch konsequent.

  2. Stefan sagt:

    Wobei man aber auch sagen muss: Bei diesen Kontrollausschusssachen wie nachträglichen Karten, wenn der Schiedsrichter grad nicht hingesehen hat, wäre es wohl auch nicht praktikabel genug, das Spiel sofort zu unterbrechen. So von der reinen juristik her finde ich die Handhabe in diesem Fall schon ganz sinnig: Der Schiri bleibt im Spiel höchste Instanz, wenn er etwas nicht sieht fällt er kein Urteil – was dann der Ausschuss nachträglich tun kann.
    Sonst müsste man bei jedem weinenden Bodenlieger mit gen Himmel gereckter Hand ja erstmal prüfen, war da überhaupt was. Was machen wir mit ihm wenn er zu Unrecht reklamiert hat. Wollen wir Spielunterbrechungen durch sowas vielleicht dadurch begrenzen, dass man Videobeweise nur 3 Mal pro Spiel fordern kann. Was, wenn eine Mannschaft 6 Tätlichkeiten verübt und die Videobeweise schon für die ersten 3 draufgegangen sind – etc.

    Bei so “kniffeligeren Torgeschichten”, wo man sich als Mensch trotz genauen Hinsehens nicht sicher sein kann, finde ich eine entsprechende Kamera durchaus sinnvoll. Fragt sich nur, wie man ihre Verwendung handhabt. Liegt es im Ermessen des Schiedsrichters, auf den Bildschirm zu gucken? Können die Trainer es fordern? Mit begrenzter Häufigkeit? Pauschal nach jeder Szene dieser Art auf den Schirm gucken? Dann sollte man den Bildschirm für die Torkamera am besten an der Eckfahne aufstellen, bei der der Linienrichter auf seiner Tour ankommt – weniger Lauferei für den Schiri.
    In einer Situation, wo der Tor-Videobeweis zur Anwendung käme, wäre das Spiel ja sowieso schon unterbrochen. Für entweder den Abschlag, oder eben den Anstoß danach.

    Keine Frage, das Internet-Stoppschild ist im Prinzip Mist. Aber der Vergleich zur Torkamera, naja. Bei der Torkamera geht es ja nicht um die Angst vor dem Weg zu Unterdrückung und Beschneidung der Meinungsfreiheit..

    Ganz klar muss bei Videobeweis-Regelungen immer der Spielfluss im Vordergrund stehen. Diesen kann man aber im Falle der Torkamera eigentlich als gegeben betrachten. Gut, problematisch ist der Fall, wenn der Ball eigentlich drin ist, der Schiedsrichter das Tor aber nicht gibt und der Torwart den Konter anlaufen lässt, bevor irgendjemand sagen kann “moooment, guck mal auf den Schirm ebent”.

  3. Torsten Wieland sagt:

    Wie Stefan schon schreibt: Das Spiel wird durch nachträgliche Verfahren nicht beeinträchtigt. Die 90 Minuten laufen wie eh und je und der Schiri ist der alleinige und unmittelbare Entscheider.
    Gibt es ein technisches Hilfsmittel für strittige Torszenen, haben wir ähnliches auch bald für Elfer oder Abseits – inklusive der Werbeunterbrechungen. Dann ist das Spiel als solches demnächst ein völlig anderes.
    Achja, und ich vergleiche nicht die Torkamera mit den Internet-Sperren, sondern die Diskussionen darüber ;-)

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