Artikel im August 2009

Fakt & These zum Spieltag 03/47

Fakt: Ohne Maskottchen Buli-Uli auf der Trainerbank konnte der FC Bayern noch kein Bundesligaspiel gewinnen.

These: Der formschwache Miroslav Klose durfte gegen Mainz lediglich deshalb von Beginn an auflaufen, weil er der einzige Bayern-Spieler war der keine Wiederworte gab, als der Trainer von ihm verlange im zentralen offensiven Mittelfeld zu agieren.

Zensursula lässt Grüßen

Wir habe doch heute die technische Möglichkeiten. Eine Torkamera macht absolut Sinn, und es geht ja auch nur um solche Entscheidungen. Abseits, Elfmeter, alles andere soll ja so bleiben wie es ist.

So hat es Rudi Völler gesagt, und er ist damit weiß Gott nicht alleine. Nach jeder strittigen Torszene branden Diskussionen um eine Torkamera auf. Dass man dabei nicht das Spiel verändern wolle, dass man aber doch die technischen Möglichkeiten nutzen müsse, wird dabei von nahezu jedem Befürworter erwähnt.

Meines Erachtens sind die Parallelen zur Diskussion um das „Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie im Internet“ unverkennbar. Niemand will Kinderpornografie bewahren, sondern es geht darum die Ausweitung und die Willkür im Umgang mit Internetsperren zu verhindern. Niemand will, dass korrekt erzielte Tore aberkannt werden oder Phantom-Tore zählen, sondern es geht um die Bewahrung des Spiels als solches, mit seinen unmittelbaren Entscheidungen und dem menschlichen Schiedsrichter als höchste Instanz.

Kaum war von Gesetzes wegen die Nutzung der „technischen Möglichkeiten“ in Sachen Internet-Sperren erlaubt, gab es Forderungen diese auch für andere Zwecke einzusetzen. Falls im Fußball die Entscheidung Tor oder kein Tor per Videobeweis hinterfragt werden dürfte: Gibt es tatsächlich wache Geister die bezweifeln, dass in Folge der nächsten strittigen und entscheidenden Frage nach einem Strafstoß nicht wieder nach der Nutzung der technischen Möglichkeiten geschrien würde?

Bezüglich der Internet-Sperren wurde die Öffentlichkeit dank einer wachen Minderheit dazu sensibilisiert, dem Gesetzgeber auf die Finger zu schauen. Wie erfolgreich das sein wird, wird man sehen. Gegenüber Politik, Gesellschaft, Leben ist Fußball vergleichsweise unwichtig, den Granden des Fußballs gibt niemand Kontra. Es fühlt sich schlecht an, aber alles was bleibt ist auf die Starrköpfigkeit der alten Männer der FIFA zu vertrauen. Sie scheinen Geld dafür zu bekommen, das Spiel zu erhalten, anders ist ihr Verhalten gegenüber sonstigen Gepflogenheiten nicht zu erklären.
Ich gönn’s ihnen.

Punkt

Die Erwartungshaltung bestimmt das Fazit. Tatsächlich kann man Überschriften finden wie „Schalke holt in Hoffenheim nur einen Zähler“ oder „1899 trotzt Schalke 04“, wie der biedere kicker gestern auf seine Startseite schrieb. Dabei trotzte doch eher Schalke, und so ähnlich war es auch zu erwarten. Ich bin mit einem Punkt aus Hoffenheim zufrieden.

Hoffenheim hat eine spielstarke Mannschaft und hart spielen kann sie auch. Ob sie noch mal so ins Rollen kommt wie in der Hinrunde der letzten Saison bleibt abzuwarten. Das Wissen um das Können dieser Mannschaft ist aber da. Über die neue Schalker Mannschaft lässt sich nur ahnen. Gestern war Hoffenheim nicht toll, spielte aber ordentlich, und Schalke spielte schlecht.
„Hart dagegenhalten“ bei gleichzeitig „schnellem, technisch sauberem Fußball“ ist das höhere Niveau, dass Schalke noch nicht hat. Als Hoffenheim noch nicht richtig im Spiel war und Schalke etwas Luft lies, ging’s noch. Da lief der Ball ganz gut durch die Schalker Reihen. Aber das währte nur eine Viertelstunde. Als Hoffenheim schneller wurde, Schalke in härtere Zweikämpfe zwang, waren die Knappen mit dem Dagegenhalten völlig ausgelastet. Das Spiel verlagerte sich mehr und mehr in Schalkes Hälfte und meist war der Ball nach zwei Schalker Stationen wieder weg. Fortan hingen Farfan und Kuranyi in der Luft, erfuhren keine Unterstützung mehr, fanden keine Abspielmöglichkeiten. Offensivspiel fand nicht mehr statt.

Defensiv hatte Schalke ebenfalls Probleme. Die Mannschaft rannte und grätschte, bekam in heiklen Situationen sehr oft noch ein Bein dazwischen, Kampfeskraft und –wille waren gegeben. Trotzdem konnte Hoffenheim nicht weit genug vom Tor ferngehalten werden. Einige Male kamen Vedad Ibisevic, Sejad Sahlihovic oder Demba Ba in aussichtsreichen Positionen zum Abschluss. Glücklicherweise waren die allermeisten Hoffenheimer Torschüsse oder Kopfbälle von erstaunlicher Harmlosigkeit.

Achja, und Schiedsrichter Weiner wird vermutlich keine gute kicker-Note erhalten. Er pfiff unstet, mal zu kleinlich, mal gar nicht, und er verteilte seine gelben Karten nach undurchschaubarem Muster. Außerdem verweigerte er Hoffenheim einen klaren Strafstoß.
Es ist, als ob die Herren der FIFA in ihrer „Auslegung der Spielregeln“ zu Regel 12 genau die Szene zwischen Christoph Moritz und Vedad Ibisevic gemeint hätten:

Wenn ein Verteidiger einen Angreifer außerhalb des Strafraums zu halten beginnt, ihn jedoch bis in den Strafraum weiter festhält, entscheidet der Schiedsrichter auf Strafstoß.

Woher die weit verbreitete Meinung stammt, dass ein Freistoß immer dort auszuführen sei wo das „Foul begann“, weiß ich nicht.

Schalke hat schlecht gespielt, Massel gehabt und gepunktet. Dass ist in den letzten Jahren desöfteren vorgekommen, und sehr häufig war ich dann unzufrieden statt mich einfach nur über die Punkte zu freuen. Heute schaffe ich das. Es herrscht die Gewissheit, dass anders, besser gespielt werden soll. Felix Magath hat klar gesagt, dass er das Spiel sehr schlecht fand. Nachdem im der Vergangenheit häufig der Eindruck erweckt wurde, dass das Spiel egal sei solange am Ende nur das Richtige dabei rauskommt, ist der Eindruck derzeit ein völlig anderer. Mit Hoffnung auf Besserung lässt sich eine schlechte Leistung sehr viel leichter akzeptieren.

Erziehungssache?

„Weshalb es in England keine Schwalben gibt, hängt meiner Meinung mit dem Konkurrenzsport Rugby zusammen. Die Fußballspieler wollen dort nicht als Weicheier abgetan werden, die im Vergleich zu den Rugbyspieler gleich umfallen würden. Die würden sonst ausgelacht! Im Rugby sieht man ja wieviel ein Sportler einstecken kann, ohne großes Theater.“

… schrieb User MarcRamone in einem Kommentar unter Manni Breuckmanns Text „Niemand braucht Brutalos“.

Ok, man ersetze „keine“ durch „weniger“. Trotzdem ein interessanter Ansatz. Und tatsächlich: Stets wenn ich ein Rugbyspiel verfolge, was ich zu selten aber gerne tue, ziehe ich auch den Vergleich. Dann denke ich mir, wie schön es doch wäre, würde auch in der Bundesliga stets aufstehen wer aufstehen kann.

Der Ehre wegen

„Egal wann Du mal nach Leverkusen kommst, bei uns im Stadion oder bei uns im Hotel bist Du immer eingeladen.“

… sagte Rudi Völler in der WDR2 Sendung MonTalk über und zu Markus Münch. Weil Markus Münch 1996 mit seinem einzigen Saisontor am letzten Spieltag gegen Kaiserslautern dafür sorgte, dass Bayer 04 Leverkusen nicht in die zweite Liga abstieg. Und Schalke 04 streicht Rudi Assauer die Ehrenkarten.

Jeder, der hier einigermaßen regelmäßig mitliest, weiß, dass ich kein großer Assauer-Fan bin. Meines Erachtens hat er Fehler gemacht die bis heute nachwirken. Mich nervt, dass er den Revolverblättern der Republik regelmäßig dumme Sprüche zu meinem Verein liefert. Mich stört seine Metamorphose vom Fußball-Insider zum B-Promi. Und mich ärgert fast, dass einer, der einst auf dem Pavianhügel mit leuchtend rotem Arsch ganz oben saß, heute nur noch zur Karikatur seiner selbst gereicht.
Aber der Mann war jahrelang das Gesicht des FC Schalke 04. Seine Amtszeit kann zurecht als die „Ära Assauer“ beschrieben werden. Sie umfasst die sportlich erfolgreichste Zeit seit Bundesligagründung, den Aufbruch mit dem Bau der Arena, das Wachsen des Clubs, der heute fast 80.000 Mitglieder zählt.

Es geht nicht darum, dass einem Mann, der gerne öffentlich meckert, etwas geschenkt werden muss. Ehrenkarten gibt es der Ehre, nicht der Pflicht wegen. Es geht darum, dass sich das, was wir gerne „unseren Verein“ nennen, wie ein Unternehmen gebärdet, das einfach entfernt, was nicht dem Corporate Identity entspricht.

Übel. Und ein bisschen peinlich.

Christoph Moritz

Seinen Namen las ich erstmals am Freitagabend vor dem Saisonauftakt. Als Lewis Holtby twitterte:

die spannung steigt beim fussi gucken. freue mich sehr für meinen aachener kumpel, christoph moritz, der mit im kader für morgen ist. :-)

Viel zu finden war nicht. Aus der U19 von Alemannia Aachen gekommen, für Schalke II geholt. Siebzehn Stunden und fünfundvierzig Minuten später gab Christoph Moritz ein sehr ordentliches Bundesligadebüt. Eine weitere Woche später stand er gegen Bochum die vollen 90 Minuten auf dem Platz, spielte gut, schoss ein schönes Tor. Heute weiß man schon ein bisschen mehr über Christoph Moritz.

Zum Beispiel dass er Phillip Lahn ein bisschen ähnlich sieht, und dass die Schalker Stadionregie peinlicherweise kein Videowürfelfoto von ihm hat. Dass sein Vater Schalke-Fan ist, und dass dieser seinen Sohn einst in der Jugend von Viktoria Arnoldsweiler selbst trainierte. Dass Christoph Moritz später in der Jugend von Alemannia Aachen von Markus Högner trainiert wurde. Dass Markus Högner, der seit Beginn der letzten Saison die zweite Mannschaft des FC Schalke trainierte, Moritz für Schalke empfahl, obwohl er selbst bis zum Transfer schon wieder entlassen wurde. Dass Christoph Moritz zwar einen zehn Jahre alten Golf TDI aber keine Freundin hat, und dass er in einem Möbelhaus weilte, als er erstmals von seiner Berufung in die erste Mannschaft erfuhr.

Solche Sachen liest man, wenn Geschichten über Spieler geschrieben werden wollen, die bislang kaum jemand hat spielen sehen. Oder es wird auf die neue Konkurrenzsituation zwischen eben diesen beiden Kumpel aus Aachen hingewiesen, die sich nun den Platz in der Mannschaft streitig machen – schließlich kam Lewis Holtby gegen Bochum überhaupt nicht zum Einsatz.
Das ist aber nicht ganz korrekt. Lewis Holtby spielte bislang in allen Testspielen auf der linken Seite, Christoph Moritz in beiden Bundesligaspielen rechts. In Nürnberg spielten sie zeitweise gemeinsam und gegen Bochum wurde Lewis Holtbys Wirkungskreis unter Heiko Westermann und Ivan Rakitic aufgeteilt. Eher ist es Jan Moravek, dem Christoph Moritz den Platz in der Aufstellung abspenstig gemacht hat, nachdem Moravek in recht vielen Testspielen im rechten Mittelfeld zum Einsatz kam.

Aber nein. Zu glauben da wäre irgendetwas fest, da wären Plätze „vergeben“, ist dumm. Das ist es doch, was die Einsätze Moritz’ beweisen. Moravek, Holtby, Kenia und eben Moritz werden alle spielen. Und wenn einer eine schlechtere Phase hat, was derart jungen Spielern immer mal zugestanden werden sollte, hat Magath einen anderen.
Das ist es auch, was mich derzeit so gut gelaunt auf die Saison blicken lässt: Mit dem Vertrauen in diese Jungen Spieler hat Felix Magath Alternativen geschaffen. Levan Kenia oder Carlos Zambrano – eigentlich auch ein paar Zeitungsartikel wert – sind nicht mehr nur Statisten auf dem Mannschaftsfoto sondern Bundesligaspieler. Über Holtby und Moritz wird nicht nur spekuliert, sie sind auch zu sehen.

Und wer gesehen hat, wie sich der sich warmlaufende Lewis Holtby darüber gefreut hat, dass eben gerade Christoph Moritz das 1:0 für Schalke erzielte, der ahnt, dass diese Jungen Leute ihre Situation einzuschätzen wissen.

Feststellung des Spieltags 02/47

„Jetzt haben wir 2 von 6 Punkten. Aber es ist noch nichts verloren.“

Mario Gomez, Bayern München. 2. Spieltag.