Artikel im September 2009

Mal auswärts die Welle machen

„La Ola“, die Welle, schwappte einst durch ein mexikanisches Tennisstadion. Boris Becker und die Vergessenen hatten dort im Davis-Cup anzutreten, und diese Stimmung war etwas Besonderes. Wenn diese Welle heutzutage durch Fußballstadien rollt, mag das der Stimmung von ansonsten gelangweilten Sitzplatzbesetzern zuträglich sein. Wer interessiert und gespannt ein Spiel verfolgt, wer wert auf spielbezogene Emotionen legt, der hat eigentlich keinen Bedarf für solche Hampelei im Halbminutentakt.

Trotzdem ist der Ausdruck „La Ola“ natürlich positiv besetzt, kombiniert mir Deutschlandfarben erinnert er an den Sommer 2006, an gute Laune, Spaß – und eben Fußball. So präsentiert sich mylaola.de, die „Community für Fussball-Fans und Profispieler“, bei der Schalke 04 in der Rangliste der beliebtesten Vereine den ersten Platz belegt! Dort wurden nun „Schalke-Wochen“ ausgerufen, es wurde ein Exklusiv-Interview mit Manuel Neuer angekündigt und gleich zu Beginn wurde ein Interview mit … nunja, mir … veröffentlicht.

Dabei ging es natürlich um Schalke 04, aber auch um dieses Blog. Das Interview erschien in der Reihe „Fussi-Blog des Monats“, in der bereits schöne Interviews mit Trainer Baade und Jens Peters von Catenaccio geführt wurden.

Hat viel Spaß gemacht!
Zu meinem Auswärtsspiel: Bitte hier entlang …

Sie nennen ihn Kies

Ob sie auch Weste sagen weiß ich nicht, aber über Weide habe ich sie schon sprechen hören, über Metze und Merte sowieso. Mir will einfach nicht gelingen, mir solche plumpen „Spitznamensfindungen“ vorzustellen. Ich kann mir nicht erklären, wieso derart häufig auf jede Kreativität und jeden Witz verzichtet wird.

Und es ist ja nicht so, dass diese Kürzel lediglich in der Intimität des mannschaftlichen Miteinanders den bewegungsfaulen Fußballerzungen dienen soll. Der Bundestrainer sprach sogar in Interviews nach Länderspielen über seine Spieler als Metze oder Merte! Nur bei sich und seinem Team ist er auf die Aussprache des unverschandelten Namens bedacht, Jogi, Olli oder Hansi wollte man nicht mehr genannt werden. Inkonsequent einerseits, andererseits gilt das Team um Lö und Bier ehedem nur in ihrer Inkonsequenz als konsequent.

Magie der Armut: Prophezeiung 2 in 1

Mittlerweile wird die Geldknappheit nicht mehr geleugnet. Nur das Ausmaß der Probleme ist fraglich, dass gespart werden muss, dass keine teuren Spieler verpflichtet werden können steht fest. Dass Leistungsträger verkauft werden müssen ist möglich, es dürfe keine Tabus geben, bestätigte Felix Magath jüngst in einem Interview.

Seit kurzem wird auch die Unzufriedenheit der Fans von Vereinsseite thematisiert. Die Kommunikation sei schlecht gewesen, in letzter Zeit. So formuliert um keine Diskussion um das Warum anzuheizen, weil es das nicht mehr braucht. So formuliert um ein Ende für einen neuen Anfang zu setzen.

Wenn erst jeder sieht, wie arg der Neuaufbau dieses Clubs ausfällt, wenn der Aufbau als einer auf Ebene 0 erfahren und nichts mehr an diesem Kader als ein Überbleibsel, als die Basis einer ehemaligen Champions League-Teilnehmermannschaft erachtet wird, wenn jeder aufgestellte Spieler seinen Einsatz als Chance begreift und sich im Mittelpunkt eines Clubs wähnen darf, für den der Fußball wichtiger ist als die Entwicklung zur Entertainment-Company, dann wird gesund wachsen können was fachmännisch gesät wurde, dann werden sich diejenigen, die nicht des Fußballs, sondern des Feierns oder schlicht des Trends wegen ins Stadion kommen, abwenden, dann wird man guten Gewissens von „wir“ reden und damit vom Kapitän über alle Stadiontribünen bis zum im Trikot zu Bett gehenden Jungen alle meinen können, dann wird man „wir“ leben, dann wird es uns gut gehen.

Ein schönes Ziel. Derweil sollten Forderungen und Ankündigungen zukünftiger Meisterschaften korrekt eingeordnet werden. Sie entsprechen der Forderungen von Arbeiterführern nach Vollbeschäftigung.

Nicht toll, aber interessant!

Auswärtsspiel in Köln, das weckt ganz schlechte Erinnerungen. Diesmal errang Schalke einen bis zum Schluss umzitterten Sieg. Es war kein begeisterndes Spiel der Knappen, aber es war anders als sonst. In neuer Formation bewies die Mannschaft taktisches Verständnis und Disziplin, letztlich der Schlüssel zum Erfolg.

Ohne Rafinha fehlte ein Viertel der Abwehrkette. Ohne Mineiro fehlte der Defensivmann in der Mittelfeldraute. Und so stellte Felix Magath nicht nur um, sondern komplett neu auf: Er beorderte Heiko Westermann in die Zentrale einer 3-Mann-Abwehr zwischen Marcelo Bordon und Carlos Zambrano, und er schuf ein Mittelfeld mit Vasilios Pliatsikas und Christoph Moritz in der Mitte, sowie Levan Kobiashvili und Benedikt Höwedes auf den Außenpositionen. Davor Levan Kenia als offensiver Mittelfeldmann hinter den beiden Spitzen Gerald Asamoah und Jefferson Farfan.
Vor allem das Mittelfeld zeigte sich äußerst variabel. Geriet man unter Druck, rückten Kobiashvili und Höwedes auf die Außenverteidigerpositionen. Spielte man selbst nach vorne, blieb jeweils einer des Duos Pliatsikas / Moritz vor der aufrückenden Abwehr, der andere eilte Levan Kenia zu Hilfe. Dabei machte Vasilios Pliatsikas sein bisher bestes Spiel für Schalke. Es war spannend, die verschiebende Mannschaft agieren zu sehen. Trotzdem ging zwischenzeitlich bei den Königsblauen nicht viel zusammen.

Nach den beiden schnellen Toren wussten die Kölner die Duelle im Mittelfeld immer häufiger für sich zu entscheiden. Schalker Pässe kamen nicht mehr an. Viel zu häufig wurde viel zu schnell der Ball wieder verloren. Einmal mehr konnte man sich über Marcelo Bordon ärgern, der viel zu oft mit langen Bällen stets den Gegner traf. In Halbzeit 2 dagegen wusste Schalke das Geschehen lange Zeit sehr viel besser zu bestimmen. Wirklichen Druck erzeugte der 1. FC Köln eigentlich erst in den letzten 15 Minuten, als Schalke aufhörte für Entlastung zu sorgen.

Die ungewohnte Formation war der Garant für eine ordentlich funktionierende Defensive trotz personeller Engpässe. Sie hätte auch ein gutes Offensivspiel ermöglicht. Die Schalker Tore fielen aber auf Grund von individuellen Lichtblicken. Einmal der Asamoahs, der im Eckentohuwabohu geschickt auf Farfan ablegte, und einmal der Farfans, der mit einem phantastischen Pass, quer durch die rote Zone der Kölner Defensive, Levan Kobiashivili in Szene setzte. Mit dem fälligen Strafstoß in der 56. Minute wäre der Drops gelutscht gewesen, so wurde es am Ende noch mal spannend.

In der letzten Saison verlor an gleicher Stelle ein Haufen Individualisten in Königsblau das Spiel gegen eine toll spielende Kölner Mannschaft. Das heutige Spiel gewann eine nicht allzu gut spielende, aber sehr ordentlich als Mannschaft funktionierende Schalker Truppe. Das ist auf jeden Fall ein Fortschritt der größer ist als drei Punkte.

Foto: TomaszBo

„Albert, Du Hans-Martin!!!“

Albert Streit nimmt nur, was man ihm freiwillig gab. Er ist nur ehrlich, spricht eben nicht nach dem Munde der Fans. Er wäre doch schön doof, würde er sich anders verhalten.
Mit solchen und ähnlichen Sprüchen wird man häufig konfrontiert, wenn man über den „Fall Streit“ diskutiert. Von Leuten, die den Ärger Schalker Fans nicht nachvollziehen können wollen. Gestern haben Millionen von Menschen anhand eigenen Emotionen erfahren können, wie sich in kürzester Zeit Aggressionen gegen jemanden aufbauten, der eigentlich nichts Verbotenes tat, der „nur“ nicht so war, wie es sich „gehört“. Hans-Martin, der Herausforderer in der gestrigen Sendung „Schlag den Raab“ gab sich einfach nur als Arschloch.

In der Regel hält man in dieser Sendung zum Kandidaten. Man bekommt mancherlei aus seinem Privatleben dargestellt, wählt ihn unter 5 möglichen Kadidaten aus, macht ihn zu seinem eigenen Herausforderer. Auch Hans-Martin wurde gewählt, schien sympathischer, erfolgsversprechender als die anderen Kandidaten. Doch kaum liefen die ersten Spiele, kippte die Stimmung. Er wirkte übertrieben Selbstsicher. Statt Charme oder Witz bot er Aggressivität. Statt mit dem Moderator oder Raab sprach er mit sich selbst. Psychospielchen, die Raab gerne mit seinen Gegnern spielt, die bei Raab aber leicht und wie mit einem Augenzwinkern wirken, wollte auch Hans-Martin spielen, bei ihm wirkten sie aber von oben herab, hart, einer Spielshow unangemessen. Als es letztlich um den Sieg ging, als lange klar war, dass das Studiopublikum komplett hinter Raab stand, bemerkte er mit streit’scher Offenheit, dass er da sei um das Geld zu gewinnen, nicht um Raabs Freund zu werden.

Nicht nur das ihn ausbuhende Saalpublikum, auch die twitternde TV-Zuschauerschaft bracht Hans-Martin gegen sich auf. Wie üblich wurde anfangs nur kommentiert. Dann wurde gewitzelt. Hernach wurde gedisst. Als es Spitz auf Knopf stand, und als Hans-Martin letztendlich gewann, kam das Wort „Hass“ in ungefähr jedem zweiten Tweet vor.

Über Schalke-Fans werden mittlerweile sid-Texte verfasst, wenn sie Albert Streit das Wort „Arschloch“ zurufen. Demnächst sollte mal Albert Streit einen „Hans-Martin“ nennen. Das ist mindestens so despektierlich, und die sid-Journalisten wenden sich vielleicht den Arschloch-Rufern in einem aller anderen Stadien zu.



Lesenswertes zum Thema Hans-Martin:
„Hat die Schwarmintelligenz versagt?“
„Wie man eine halbe Million er- und alle Sympathien verspielt“



This Week in Gelsenkirchen

Da hat man sich gerade mal drei Spieltage lang über die richtigen Ergebnisse und zeitweise verbesserten Fußball gefreut, fällt einem nach dem ersten falschen Spiel auch schon wieder der Himmel auf den Kopf.

Beim morgendlichen Training am Dienstag verletzte sich Mineiro beim Passspiel, nahm nicht mehr weiter am Mannschaftstraining teil, dehnte aber noch seine Muskeln und lief aus. Mittwoch sagte Felix Magath es sähe schlecht aus. Gestern wurde er schon am Meniskus operiert und wird vermutlich 3 bis 4 Wochen ausfallen. Weil Jermaine Jones nach seiner eigenen Verletzung noch nicht wieder fit genug ist, wird es größere Verschiebungen im Mittelfeld geben müssen.

Gestern ist Rafinha nicht aus Brasilien zurückgekehrt. Nach dem Ärger um die kicker-Falschmeldung während des Spiels gegen Freiburg wurde er von Felix Magath in Sonderurlaub geschickt. Zusammen mit den über die Woche abgestellten Nationalspielern hätte er gestern um 16 Uhr zurück sein sollen. War er aber nicht. Ersten Reaktionen Magaths zu Folge fehlte er unentschuldigt. Mittlerweile hat Magath ihm aber erlaubt, noch länger in Brasilien zu bleiben, um „seine Angelegenheiten regeln“ zu können. Neben dem Mittelfeld wird also auch die Abwehrkette mit neuem Personal aufgestellt werden müssen.

Felix Magath kündigte an, ein Kennenlerngespräch mit Vertretern der Schalker Fangruppen führen zu wollen. Dies sei „wegen der jüngsten Ereignisse in den Medien ein wenig hochgekocht“ er erwarte aber „einen konstruktiven und vernünftigen Dialog der Fans mit den sportlich Verantwortlichen“, wird er bei Welt Online zitiert.
Das Palaver um Albert Streit ist mittlerweile zur „Hetzjagd“ aufgestiegen.
Und dann war da noch der neue Text zu den Schalker Finanzen.

Wieder lässt der zukünftige stellvertretende Chefredakteur des kicker Jean-Julien Beer mit Hilfe des kicker-Redakteurs Thomas Hennecke gleichzeitig dort, als auch bei seinem Noch-Arbeitgeber, dem Express, einen solchen Text veröffentlichen. Nachdem in den früheren Texten nichts stand, was einem viel-über-Schalke-Leser nicht schon bekannt gewesen wäre, geht es diesmal um Probleme mit der Liquidität. Nun wird berichtet, dass Schalke 04 nach derzeitigem Stand ab 01. Januar die laufenden Kosten nicht mehr decken könne. Wie groß der Fehlbetrag sei, darüber würden die internen Meinungen auseinander gehen, er liege zwischen 15 und 25 Millionen Euro.
Tatsächlich hatte Jupp Schnusenberg bereits gegen Ende der letzten Saison angekündigt, dass der Etat um 10 Millionen Euro reduziert werden müsse. Anhand der Transferaktivitäten war für jedermann zu erkennen, dass dies offensichtlich nicht gelungen ist. Insofern „passt“ die dargestellte Entwicklung. Trotzdem gibt es auch Punkte, die einen zweifeln lassen. Dass der Schalker Kader pro Jahr fast 60 Millionen Euro kosten soll wird seit 3 Jahren geschrieben, oft mit dem Zusatz „zweitteuerster Kader der Bundesliga“. An diesen Angaben hat sich nie etwas verändert, obwohl doch gerade in letzter Zeit viele Ex-Helden den Club verließen und hauptsächlich durch unerfahrene Spieler ersetzt wurden. Außerdem berichteten die gleichen Zeitungen einst über astronomische Summen, die Bayern München und Manchester United für Manuel Neuer geboten haben sollen, es wurde darüber geschrieben, dass der (lt. kicker Topverdiener) Marcelo Bordon eigentlich seine Karriere beenden wollte, nur „für Magath“ weitermachen würde, und die Geschichte mit Rafinha scheint bis heute kein Ende zu nehmen (s.o.). Bei einer derart prekären Finanzlage wäre es fast schon Wahnsinn, diese Spieler aus sportlichen Gründen zu behalten und dabei der Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit ins Auge zu sehen. Aber gut, natürlich ist allen immer alles zuzutrauen, sowohl den über Schalke schreibenden Journalisten, als auch Schalke 04 ebenselbst.

Und nun geht es zum 1. FC Köln, der mit seinem vorab gerngelobten Neutrainer noch nicht so recht warm geworden ist. Unter Schalkern blüht die Diskussion um die Frage, ob es gut ist, dass der Gegner bereits ziemlich unter Druck steht, oder sich jeder auf Talfahrt befindliche Club freuen kann gegen Schalke antreten zu dürfen, weil S04 zumindest gefühlt überaus häufig den perfekten Aufbaugegner abgibt. Sonntag wissen wir mehr und Montag geht’s in den Zeitungen auch mal wieder um Sport.

Ungerotzter Protest



Ist das erlaubt?