„Der HSV kann auch auswärts das Spiel machen“

Sonntag geht’s gegen Hamburg. Schwer, keine Frage, und in den letzten 5 Jahren setzte es daheim gegen den HSV 4 Niederlagen bei einem Unentschieden. Trotzdem geht mein Wissen über den diesjährigen, neuen HSV kaum über das hinaus, was man aus Sportschau-Zusammenfassungen erfährt. Das ist wenig bis kaum was, also dachte ich mir, frage ich jemanden der Bescheid weiß.
Florian Neumann lebt in Hamburg und tourt als nedfuller schon lange durch die Blogosphäre. Seit Sommer schreibt er nun selbst ein Blog, eben NedsBlog, in dem er seine Sicht der Dinge zu seinem HSV zum Besten gibt. Sehr spontan, weil ich mal wieder nicht vorausschauend genug war, stand er für ein paar Fragen zur Verfügung. Für drei plus eine Frage, um genau zu sein.

Hallo Ned! Schön, dass es auch so kurzfristig geklappt hat. Erstmal Glückwunsch zum Sieg in Glasgow. Läuft alles rund beim HSV, in der Liga steht ihr ja auch gut da. Mittlerweile ist aber eine halbe Mannschaft verletzungsbedingt ausgefallen. Außerdem könnte man unken, dass Bruno Labbadias Mannschaften in der Regel „nach hinten raus“ Probleme kriegen. Wie ist bei Dir der Stand zwischen Hoffung und Sorge? Was erhoffst oder was befürchtest Du für den weiteren Saisonverlauf?

Hi Torsten. „Gut dastehen“ ist untertrieben: Wir haben noch nie nach 9 Spieltagen 21 Punkte auf unserem Konto gehabt. Nur zur Erinnerung, wir sind im 47. Jahr ununterbrochen in der Bundesliga und hatten mal Erfolge die Punkte zum Saisonbeginn benötigten: Wir waren dreimal Deutscher Meister. Daher bin ich bis zur Verletzung von Petric, gegen Hertha recht optimistisch gewesen, was den weiteren Saisonverlauf angeht. Mittlerweile hoffe ich allerdings auf jeden Punkt, verbuche sogar das Unentschieden gegen Leverkusen als Erfolg. Gegen die kleinen Vereine sollte es gerade zu Hause immer reichen mit dem Kader.
Zu unserem Trainer ist zu sagen, dass ich ihm von Anfang an sehr skeptisch gegenüber gewesen bin. Gerade die unterirdische Rückrunde bei Leverkusen mit nur 17 Punkten macht mir Sorgen. Diese Sorge gemischt mit meiner pessimistischen Grundhaltung und den Erfahrungen aus anderen Saisons mit einem Topkader lassen mich nicht gerade mit guten Gefühl in die Rückrunde gehen.
Mein Ziel ist der 4. Platz. Toll wäre die Champions League und vor dem Hertha-Spiel und der damit verbundenen Verletzung von Petric hätte ich das sogar offiziell als Ziel angenommen.

Konkret zum Spiel am Sonntag auf Schalke. Ich muss gestehen dass sich in dieser Saison noch kein Auswärtsspiel des HSV über 90 Minuten gesehen habe. Wie agiert Eure Mannschaft in fremden Stadien? Haben wir einen dominanten Tabellenzweiten oder ein eher defensiv ausgerichtetes Auswärtsteam zu erwarten?

Unser Support ist immer erste Sahne, da können einige Heimmannschaften von lernen :) Gegen Wolfsburg haben wir gezeigt, dass wir Auswärts das Spiel machen können. Gegen Freiburg und Frankfurt haben wir dann nach unseren Toren aber aufgehört Fußball zu spielen. Diesen Fehler begehen wir gerade gegen kleinere Gegner gerne mal. Berlin nehme ich mal aus der Betrachtung raus. So wenig Fußballspielen wird nur gegen ganz wenige Gegner reichen.
Unsere Spielweise muss man jetzt sicherlich in vor und nach den Verletzungen unterscheiden. Petric und Guerrero haben die Qualität, aus wenigen Torchancen etwas zu machen. Das fehlt uns derzeit und wird wahrscheinlich auch in der Aufstellung gegen euch wieder zu finden sein. Ich erwarte, dass die Mannschaft etwas kompakter im Mittelfeld mit vielleicht nominell nur einem Stürmer spielen wird. Eine Aufstellungsprognose will ich aber lieber nicht abgeben.

Ok, lass uns mal zum Club als solchen kommen. Schalke 04 liefert sicher mehr Boulevardgeschichten, aber in Sachen Storys über Vereinspolitik ist der HSV auch weit vorne. Hoffmann als dominanter Vorstandsvorsitzender der Dukaten-Didi Beiersdorfer abgesäbelt hat, die Supporters als vereinspolitische Opposition, das langwierige Thema der Beiersdorfer-Nachfolge. Mittlerweile droht die Bildzeitung ja schon mit Berti Vogts. Was denkst Du, wann der Verein da mal zu Potte kommt? Oder bleibt es am Ende gar bei Labbadia in einer Doppelrolle?

Als der Name Vogts in der Bildzeitung genannt wurde, da habe ich schallend gelacht. Woher die immer die Namen aus dem Hut zaubern, köstlich. Vorab: Wir sind immer noch ein eingetragener Verein. Alleingänge wie in Schalke und Wolfsburg sind bei uns definitiv unmöglich. Im einzelnen:
Bernd Hoffmann kommt aus der Wirtschaft, führt ein mittelgroßes Unternehmen, was zu allem übel ein e.V. ist. Gescheitert ist sein Vorschlag, den Profifußball auszugliedern. Seitdem hat er sich damit abgefunden. Richtig, er ist der Vorstandsvorsitzende, hat also bei allen Entscheidungen das letzte Wort, vielmehr wird für alle Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen. Warum Beiersdorf nun gegangen ist, wird wohl niemals an die Öffentlichkeit gelangen. Es gab bis zuletzt „Rettungsversuche“ seitens des Aufsichtsrates. Aber Didi hat wohl die Pistole auf die Brust gedrückt und gesagt: Entweder so, oder ich gehe. Bernd Hoffmann hat den Club konsolidiert. Wir sind schuldenfrei! Ausgenommen der Stadionkredit, aber das gehört uns dann auch. Das letzte mal Schuldenfrei waren wir irgendwann 50/51. Das ist ihm hoch anzurechnen. Ebenfalls gelingt es dem gesamten Vorstand den HSV in der Stadt Hamburg zu verwurzeln. Das war lange Jahre nicht so.
Der Supporters Club (SC) ist europaweit einmalig. Soviel Einfluss auf einen Verein in der ersten Liga hat meiner Meinung nach niemand. Das hat Vorteile: Der Vorstand wird immer wieder daran erinnert, dass wir ein Breitensportverein sind. Das hat Nachteile: Der SC will im Aufsichtsrat auch mehr Anteile haben.
Wir haben derzeit 3 Vorstände: Bernd Hoffmann, Katja Kraus (Marketing) und Oliver Scheel. Wer ist das, wirst du Fragen: Ehemaliger Abteilungsleiter der Supporters. Einer vom SC sitzt also im operativem Entscheidungsgremium. Und ein Ja-Sager ist er nicht. Im Aufsichtsrat sitzt auch immer fest ein Vertreter des SC. Also auch hier ist der Einfluss vorhanden. Zur letzten Mitgliederversammlung sollte dieser Einfluss nun erhöht werden. 8 Kandidaten wurden aus 20 gewählt, 4 davon sind aus dem Bereich SC. Die Mitgliederversammlung hat aber keinen zusätzlichen Kandidaten in den AR gewählt. Auch das ist ein Zeichen, wie weit der Einfluss derzeit gewünscht ist.
Sportdirektor: Wir brauchen einen, das ist Fakt. Es gab auch Kandidaten, die vom Personalrat zur Präsentation eingeladen worden sind. Genau, nicht der Vorstand stellt ein, der vom Aufsichtsrat bestellte Personalrat sucht und schlägt dem Aufsichtsrat die Kandidaten vor! Aber Oliver Kreuzer hat abgesagt, da wollte der Rat Roman Grill nicht als einzigen Kandidaten hören und die Entscheidung wurde vertagt. Bernd Hoffmann hat sich klar geäußert, dass er Grill favorisiert, aber Einfluss hat er dabei halt nicht. Wenn der Aufsichtsrat nicht bestellt, dann bestellt er nicht.

Zum Schluss noch mal zu meinem Club, bewusst offen gefragt: Wie siehst Du derzeit den FC Schalke 04?

Puh. Eigentlich war mir Schalke bisher egal. Gehasst habe ich S04 nicht, auch wenn ich in den 90ern dazu fast genötigt wurde, da es mal eine Fanfreundschaft mit eurem Lieblingsgegner gab, aber mehr als Wahrnehmung wollte sich nie einstellen. Ich habe mir euren Europapokalerfolg angesehen und die verpasste Meisterschaft 2001 wird immer in Erinnerung bleiben. Danach habt ihr sinnlos Spieler gekauft und mit Gehalt zugeschmissen, dass die Antipathie überwog.
Geändert hat sich meine Wahrnehmung in dieser Saison. Festzumachen ist das an einer Person: Felix Magath. Er ist der einzige gegnerische Trainer, der in Hamburg immer Applaus erhält. Völlig egal, bei wem er grad auf der Bank sitzt. Ich schaue nun doch einigermaßen gespannt auf die Entwicklung bei euch.
Eure Fans sehe ich sehr skeptisch. Warum? Weil ich euch nicht verstehe: In der letzten Saison spielte S04 in Hamburg, just nachdem Kuranyi sich von der Nationalmannschaft unentschuldigt entfernt hatte. Ein Fest für uns, wir konnten Ihn auslachen und mit Sprechchören verhöhnen. Die, sehr richtige, das sein angemerkt, Reaktion der Schalker Fans: Kuranyi Sprechchöre. Euer nächstes Heimspiel lief dann nicht gut (0:0 gegen Bielefeld) und gerade Kuranyi wurde von den eigenen Fans ausgepfiffen. Das fand ich dann lächerlich, zumal das Auspfeifen der eigenen Spieler so gar nicht mein Ding ist.

Vielen Dank!
Dir und Deinem Blog alles Gute, Deinem Club selbstverständlich alles Pech der Welt, vor allem Sonntag. Glück auf.




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14 Kommentare zu “„Der HSV kann auch auswärts das Spiel machen“”

  1. Auswärtsfragen | NedsBlog sagt:

    [...] Das ganze Interview findet ihr hier: Der HSV kann auch Auswärts das Spiel machen. [...]

  2. Oli4 sagt:

    Nettes Interview, Danke dafür.

    Aber der objektive Blick über den HSV-Tellerrand hinaus gelingt dem guten Florian Neumann nicht wirklich. Alleine bei der vehemmenten Anmerkung – das sollte wohl ein Seitenhieb sein: “Wir sind immer noch ein eingetragener Verein. Alleingänge wie in Schalke und Wolfsburg sind bei uns definitiv unmöglich…” musste ich kräftig husten.

    Da kämpfen wir nun am kommenden Sonntag, Seite an Seite, solidarisch gegen “50+1″ und er weiss nicht das der “geilste Club die Welt” ein eingetragener Verein ist, einer mit 80.000 Mitgliedern immerhin?

    Allez les bleus!

  3. Torsten Wieland sagt:

    Doch, mittlerweile weiß er das. Und allzu viele eingetragene Vereine gibt’s in der Liga ja wirklich nicht mehr. Jedenfalls weniger als Clubs, deren Fans gegen 50+1 sind.

  4. nedfuller sagt:

    @Oli4
    Das hatte auch was mit meinem totalem Desinteresse dem Verein gegenüber zu tun.
    Und wie Torsten schon sagte: Er hat mich dann gleich aufgeklärt.

    Und Seite an Seite kämpfe ich am Sonntag nicht mit euch: Ich bleibe in Hamburg.

  5. DailySoccer 23/10/2009 | Spielfeldrand - Das Magazin sagt:

    [...] „Der HSV kann auch auswärts das Spiel machen“ Wenn ein Schalker einen Hamburger Blogger interviewt [...]

  6. Oli4 sagt:

    @Nedfuller
    Das Desinteresse ist ja völlig in Ordnung. Allerdings könnte man dann mit solchen Statements schon ein kleinwenig vorsichtiger umgehen.
    Gerade das ist es nämlich, was uns derzeit in den Medien (zumindest bei uns im Westen) täglich die Schlagzeilen in den Gazetten garantiert: gefähliches Halbwissen gepaart mit Stille-Post-Vermutungen.
    Gerade, wie ich vorhin schon sagte, wenn wir in dieser Sache – nämlich bei 50+1 – mit dem HSV Seite an Seite kämpfen (auch am Sonntag, sind zahlreiche gemeinsame Aktionen geplant), so dass da kein Blatt Papier zwischen uns passt. Wir sind nun einmal die letzten verbleibenden “großen” Vereine in der Bundesliga…
    Nix für ungut – Allez les Bleus

  7. Ney sagt:

    Kann mir als Unbedarftem mal jemand erklären, wie solche gaga-Kommentare wie der von DailySoccer zustandekommen bzw. was das soll?

    Merci

  8. nedfuller sagt:

    @Oli4
    Ich habe aber danach in meinem Blog explizit darauf hingewiesen, weil in meinem Bekanntenkreis niemand diese Information hatte.

  9. Ney sagt:

    Was übrigens Rechtsformen angeht, die Liste unten auf
    http://www.11freunde.de/drucken/116777
    scheint recht aktuell zu sein (letzte Saison).

  10. schlupp sagt:

    Aber genau darum geht es, nedfuller. Ich habe zwar keine Ahnung, aber ich stelle mal was in den Raum. Wie sagte schon Dieter Nuhr, einfach mal Fresse halten.

  11. Torsten Wieland sagt:

    Nun aber mal halblang. Die Aussage nedfullers bezog sich in erster Linie auf den HSV und er begründete die Tatsache, dass dem Vorstandsvorsitzenden Hoffmann die Regie nicht freigegeben ist, mit der Rechtsform des Vereins. Zur Abgrenzung führte er unseren Club an, in dem der Aufsichtsratsvorsitzende offensichtlich schalten und walten kann, wie er gerne möchte.

    Er lag bei der Rechtsform des S04 falsch und meines Erachtens auch bei der Schlussfolgerung, dass die Rechtsform etwas darüber aussagt, ob die Kontrollgremien funktionieren oder nicht. Bei der Abgrenzung lag er aber keineswegs falsch, denn wir dürfen durchaus mal hinterfragen ob es denn so gut ist, wenn ein Aufsichtsratsvorsitzender mal eben wichtige Personalentscheidungen zur Chefsache erklären kann, oder ob es gut ist, dass mit einem Federstrich ein Kontrollmechanismus zu den Transferausgaben des Clubs abgeschafft werden kann.
    Ich bin kein großer Tönnies-Kritiker. Mir ging seine öffentliche Darstellung in der letzten Saison auf den Sack, aber ich denke er ist ein kompetenter Firmenchef und ich bin froh dass er am Ruder sitzt, nicht nur wegen der Magath-Verpflichtung. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass der Mann durch irgendwen in unserem, in meinem Verein kontrolliert werden könnte. Das ist generell nicht gut.

    Außerdem möchte ich noch darum bitten, geeignetere Worte zu wählen. Dieter Nuhr bot mit seinem Text die Möglichkeit, sich eines Zitates zu bedienen, trotzdem bleibt es bei der Aussage. „Fresse halten“ ist nicht die geeignete Form, einem Gast zu begegnen, der hier, in der „anderen Kurve“ dankenswerterweise über seinen Verein erzählt.

  12. nedfuller sagt:

    @Ney danke für den Link
    @schlupp Ich habe die Alleingänge auf Magaths wirken bei euch bezogen. Solch Alleingang ist bei uns nicht möglich.
    @Torsten Danke für die Worte

  13. Jenny sagt:

    Hey,

    es freut mich, dass man das ganze Fussballthema auch einmal zwischen Fans verschiedener Vereine einfach nur sportlich sieht. Selbst ich als Frau werde in München mit HSV-Schal bepöbelt, das ist echt traurig!

    Schönes Interview und viele nette Zahlen, die Ned da parat hatte! Wir sehen uns morgen im Stadion :)

    Gruss

  14. Ney sagt:

    “Unser Support ist immer erste Sahne, da können einige Heimmannschaften von lernen” lässt sich nach
    der Erfahrung vom vergangenen Sonntag wohl
    relativieren. Nach dem 2:2 war für 20 Minuten bis
    zum 2:3 von HSV-Support nichts zu hören.

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