„Hoeneß, Daum oder Calli gehen auf den Senkel“

Jens Peters ist Fan von Bayer 04 Leverkusen und bloggt darüber bei Catenaccio. Dienstag war hier im Königsblog schon mal die Rede von ihm, er lieferte mit seinem „Die Null muss stehen Countdown“ die Inspiration zu meinem Statistikkram-Beitrag „Zu Null Fußball“. Aus welcher Sicht auch immer: Bayer 04 Leverkusen kommt mit der erfolgreichsten Defensive der Liga nach Gelsenkirchen. Eine echte Prüfung für das neue Schalke. Zum Spiel und zu noch ein bisschen mehr habe ich Jens ein paar Fragen gestellt.

Hallo Jens. Dein Verein ist nach wie vor ungeschlagen und Tabellenführer. Die Defensive steht stabil, Adler hat aus der erwarteten Wackelphase wieder herausgefunden, Hyypiä bringt die Erfahrung ein, das bisherige Ergebnis sind 6 zu Null-Spiele in 10 Partien. Die Offensive ist jung und schnell, Eren Derdiyok ist gut eingeschlagen und mit Patrick Helmes stößt der eigentliche Top-Knipser noch dazu. Mal abgesehen von einem eingebauten Misstrauen, das alle Fans von Bayer Leverkusen und Schalke 04 haben sollten: Gibt es sachliche Argumente gegen solche Lobhudelei? Wo sind die Schwachstellen und was könnte Jupp Heynckes vielleicht noch versauen?

Gibt es sachliche Argumente im Fußball? Ich entdecke selten welche, noch nicht einmal in den „Qualitätsmedien“ – aber das ist eine andere Geschichte. Als Fan, fällt es ja immer schwer, objektiv die Lage einzuschätzen. Zunächst einmal würde ich in die Lobhudelei mit einstimmen, aber wie du schon sagst, ist man als Anhänger des Vereins Leverkusen immer skeptisch und ich werde es vermutlich auch bis zum 34. Spieltag bleiben, selbst wenn die Werkself Erster ist und Hertha BSC Berlin als letzten Gegner im Programm hätten.
Ich bin zunächst einmal froh, dass man an Problemen der letzten Saison arbeitet. So ist, wie du schon sagtest, die Defensive um Sami Hyypiä bereichert . Aber was ist, wenn er mal ausfällt? Und die taktische Eindimensionalität, Powerpressing mit Offensivpowerfußball, ist behoben worden. Trotzdem gibt es noch Baustellen, die zwischendurch immer wieder aufblitzen, wie zum Beispiel fehlender Biss in bestimmten Situationen, mangelnde Kreativität im Offensivspiel, taktische Unzulänglichkeiten auf einzelnen Positionen und fehlende Knipsermentalität im Sturm.

Dein Club hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert. Zu Calmunds Zeiten hatte ich den Eindruck, als wollte man unbedingt Farbe in einen grauen Verein holen. Dazu passten Trainer wie Stepanovic, Daum oder Toppmöller, und Calmund selbst war natürlich auch ein schwerer Springinsfeld. Heute ist das anders. Jetzt wird mit dem Werksclub-Image gespielt. Holzhäuser tritt selten in Erscheinung. Rudi Völler gibt dem Club sein Gesicht, haut aber auch selten auf die Brause. Auf der Trainerbank saßen zwischendurch Skibbe und Labbadia, ein in sich Ruhender und ein Aufstrebender. Wie siehst Du diesen Wandel? Wird der Club nicht automatisch sterbenslangweilig, sobald es auf dem Rasen mal keinen tollen Fußball gibt?

Ich finde den Wandel vollkommen in Ordnung. Letztlich ist ja entscheidend was unten auf dem Platz passiert und nicht auf der Trainerbank, beim Manager oder im Vorstand. Geschichten oder besser gesagt Personen wie zum Beispiel Uli Hoeneß, damals Christoph Daum, Calli oder andere gehen mir eher auf den Senkel, da sie vom Team ablenken und sich selbst gerne reden hören. Ich habe das Gefühl, dass Bayer einen Plan für die Kaderzusammenstellung hat, einen Plan, was man in der Liga erreichen möchte und einen Plan, wie man das realisiert. Das ist gut so, wenn man dann noch schönen Fußball auf dem Platz zu sehen bekommt, dann passt das schon. Ich glaube die Gefahr, dass man seinen Lieblingsverein irgendwann langweilig findet, ist nicht besonders groß, oder ist dir das schon mal passiert?

Nein, mir nicht, aber der Club Schalke 04 ist ja auch bekloppt genug, damit auch an spielfreien Tagen die Nachrichtenticker fliegen. Das ist oft, aber nicht immer schön, zugegeben. Kommen wir aber zu Spiel: Leverkusen war auf Schalke zuletzt ja sehr erfolgreich. René Adler hat in unserer Arena stets hervorragend gehalten und die agile Offensive war für Schalke jeweils ein- bis zweimal pro Spiel zu fix, was dann schon reichte. Man kann das als cool oder abgeklärt bezeichnen, aus anderem Blickwinkel hat Leverkusen dabei hauptsächlich von Schalkes Unfähigkeiten profitiert. Wie hat sich der Spielstil Eurer Mannschaft unter Heynckes entwickelt, wie werden die Auswärtsspiele angegangen? Was glaubst Du, welches Spiel sich gegen Schalke entwickeln wird?

Ganz schwer zu sagen. Bayer hat ja schon ganz unterschiedlich gegen die „großen“ Mannschaften gespielt. Da war beispielsweise ein sehr offenes Spiel in Wolfsburg, was man gewinnen konnte, dann wiederum ein sehr defensives Spiel gegen Hamburg, dass dann auch 0:0 endete. Im Moment macht mir ehrlich gesagt die Offensivabteilung ein bisschen Sorge, aber die beiden letzten Spiele waren hoffentlich Gegenwind genug, dass die Mannschaft sich wieder auf ihre Stärken konzentriert, mit denen man sicherlich auch auf Schalke bestehen kann. Solide Defensivarbeit und dann immer wieder Spitzen setzen. Wenn die Effektivität stimmt, können drei Punkte rausspringen. Mit einem Remis bin ich aber auch zufrieden.

Zuletzt noch die „offene Feedback-Frage“: Wie siehst Du derzeit den FC Schalke 04?

Ich bin ganz schön erstaunt, was die Schalker angeht. So weit oben hätte ich die Knappen nicht erwartet, aber da kommt sicherlich der Einfluss von Magath zum Vorschein. Wichtig ist sicherlich, dass er einige unerfahrene Spieler mit integriert hat, mal in der Mannschaft aufgeräumt hat und ihnen viel Stärke eingeredet hat. Fraglich ist, wie das aussieht, wenn Schalke mal 3-4 Spiele nicht so erfolgreich spielt. Wie lange funktioniert dann so ein Mannschaftsgebilde, wie es das auf Schalke gibt. Schalke hat ja immer den Hang dazu, sehr spezielle, eigene Spielertypen in ihren Reihen zu haben. Diese zu bändigen, ist sicherlich eine von Magaths größten Aufgaben. Einen Meisterkandidaten sehe ich jetzt nicht direkt, aber der internationale Wettbewerb ist sicherlich zu packen.

Vielen Dank, Jens.
Mögest Du Samstagabend gegen halb Neun möglichst unzufrieden mit Deinem Club sein, Dir aber davon nicht vollends das Wochenende versauen lassen.




Links:
Jens Peters bloggt bei Catenaccio über Bayer 04 Leverkusen.
Außerdem ist Jens im Sportblogger– und im Ballpodder-Netzwerk aktiv.





17 Kommentare zu “„Hoeneß, Daum oder Calli gehen auf den Senkel“”

  1. Norman sagt:

    In diesem Sinne: „Glück auf!“

    Torsten und Jens: Danke für das Interview.

  2. probek sagt:

    Personen wie zum Beispiel Uli Hoeneß, damals Christoph Daum, Calli oder andere gehen mir eher auf den Senkel, da sie vom Team ablenken und sich selbst gerne reden hören

    Uli Hoeneß war mal bei Leverkusen??

  3. Torsten Wieland sagt:

    Ich denke Uli Hoeneß kann einem problemlos auch aus weiterer Entfernung auf den Senkel gehen, wenn einem Drumherumpalaver nicht liegt.
    Ich persönlich bin da allerdings weitestgehend schmerzfrei.

  4. probek sagt:

    Sage ja nicht, dass einem der Uli nicht auf den Senkel gehen kann. Nur: der hat, im Gegensatz zu den anderen Genannten, nicht so viel mit Bayer Leverkusen am Hut. Verstehe also nicht, warum Jens auf deine Frage Funktionsträger anderer Vereine nennt, so schön Nebenbeiwatsch sein mögen.

    Fürs Drumherumpalavern ist Hoeneß sonst eher nicht bekannt, eher fürs Geradeheraus. Und ich glaube auch, dass nicht unbedingt er sich gerne reden hört, sondern die, die ihn fragen.

  5. nedfuller sagt:

    Tolles Interview.
    Bin für S04 diesmal.

  6. eisenschleuder sagt:

    die schwächen der eigenen manschaft zu beschreiben ist mir noch nie schwer gefallen. aber bei bayer hat man in der tat noch nicht gesehen, dass sie mit einer bestimmten ausrichtung eines gegners überhaupt nicht zurecht kamen.

    für einen punkt wird also schon etwas mehr kommen müssen als gegen den hsv. hoffentlich wirds ein ebenso spannendes match. das war schon aufregend…

  7. zechbauer sagt:

    Mit Callmund hatte der Klub wenigstens noch so etwas wie Bodenhaftung, eine Nahtstelle zwischen Fans und Klubführung. Die ist weg – Bayer ist jetzt ein Schicki-Micki-Klub mit Schicki-Micki-Stadion und Schwerpunkt auf Schicki-Micki-Klientel.Wäre ich Bayer-Fan, würde ich Herrn Callmund nachweinen.

  8. Andre sagt:

    Großartiges Interview! Ich freu mich auf das Spiel… als neutraler Fan. Zwei teils noch recht junge Mannschaften, die beide gern mal nach vorne spielen. Hoffentlich neutralisieren sie sich nicht… mein Tipp 2:2… Kölner Neutralität (der alte Schweizer Latour) ;)

    Hoeneß und Daum können glaub ich ohnehin jedem auf den Zeiger gehen… Calmund vermarktet sich gerade extrem gut, so dass ich den mittlerweile gar kultig finde und gern palavern höre…

  9. Torsten Wieland sagt:

    Bezüglich Calmund ist es bei mir andersrum. Als er noch Fußballmanager war, hörte ich gerne mal hin. Seit er als Unterhaltungsonkel auf B-Promi-Niveau überall dabei ist, höre ich eher absichtlich vorbei.

  10. DailySoccer 30/10/2009 | Spielfeldrand - Das Magazin sagt:

    […] „Hoeneß, Daum oder Calli gehen auf den Senkel“ […]

  11. jens [catenaccio] sagt:

    danke noch mal für die fragen und das nette interview.

    torsten hat es schon richtig dargestellt, es geht um die ganzen fuzzis in der buli und wo auch immer, die sich am liebsten selber reden hören. da kann man auch beliebige namen, auch aus dem nicht-leverkusener umfeld hinzufügen.

    obwohl @probek: es war eigentlich nur als angriff gegen hoeneß gemünzt ;)

    @zechbauer: da mag was wares dran sein – da ich ja nicht-stadiongänger und nur fernseh-(event-)fan bin, fällt das nicht so ins gewicht.

    und mal im ernst. wieviele dinge vollführen vorstände, die den fans nicht gefallen? lassen die den club dann direkt fallen, wie eine heiße kartoffel? man darf nicht alles gut finden, aber die liebe zum club geht doch tiefer, oder?

  12. Mahqz sagt:

    Sehr schönes Interview. Ich als Bayerfan kann Jens‘ Äußerungen absolut nachvollziehen. Calmunds Laberei geht mir auch mächtig auf den Sack, ich bin froh, dass wir ihn los sind, auch wenn er viel für den Verein getan hat, dabei auch kein Deut aufs „Festgeldkonto“ geguckt hat. Damit wars 2002 vorbei und dann auch bald mit ihm.
    Hoeness ist wieder ne andere Sache. Zwischen 96 und 2004 gabs da viel Reibungspotential bei dem sich der Uli bei den Bayerfans nicht grade beliebt gemacht hat.

  13. Peter-Hermann-Tag | catenaccio sagt:

    […] ein oder anderen Gedanken zum Spiel könnt ihr im Königsblog beim Kollegen Wieland nachlesen. Ich hoffe einfach auf einen Sieg. Egal, wer spielt, egal wer auf der […]

  14. Nick sagt:

    @Zechbauer: „Bayer ist jetzt ein Schicki-Micki-Klub mit Schicki-Micki-Stadion und Schwerpunkt auf Schicki-Micki-Klientel.“

    An welchen Klub erinnert mich das jetzt bloß?

  15. zechbauer sagt:

    @ Jens – Sicher nicht, man liebt seinen Klub ja. Dennoch sehe ich Herrn Calmund doch eher in der Tradition des Fußballverrückten mit Herz – wenngleich seine Dauermonologe wahrlich anstrengend sind.

    @Nick – keine Ahnung. Dein Anspielung bewegt sich im Spektrum der Vorurteile, die ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr wahrnehme. Die ständige Wiederholung macht sie auch nicht wahrer.

  16. Nick sagt:

    @Zechbauer: Wieso sollten diese „Vorurteile“ dann bei Bayer stimmen? Der einzige Unterschied ist doch, dass Bayern mehr Fans hat. Warum dürfte klar sein.

  17. Nick sagt:

    Wo ist denn die Schicki-Micki-Gesellschaft zu Hause wenn nicht auf den Tribünen der Allianz-Arena? Viele Bayern-Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen, streiten das auch gar nicht ab. Selbst eure Ultras heißen „Schickeria“! ;-)

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