Artikel im November 2009

Erbettelter Lucky Punch

Gladbach gewann nicht unverdient, schrieb kicker online direkt nach dem Spiel. So kann man das schreiben. Sie hätte auch schreiben können dass Gladbach nicht verdient gewann. Oder dass Schalke nicht verdient verlor. Oder dass Schalke eben nicht unverdient verlor. In einer Begegnung zwischen zwei offensivschwachen Mannschaften gewann das Team, dass die eine klare Aktion durchbrachte. Und für Schalke-Fans gab es viele Gelegenheiten, sich zu ärgern.

Über Heiko Westermann zum Beispiel, der nicht nur beim 80 Meter Pass von Dante zum entscheidenden Tor auf dem falschen Fuß erwischt wurde, der auch ansonsten über den Platz schlich als sei er auf Reserve.
Über die Schalker Offensive, unabhängig von Namen. Ivan Rakitic hatte vielen Szenen, und in allen mangelte es an Präzision. Sein Backup Jan Moravek hatte nichtmal viele Szenen. Dem von Magath noch reingeworfene Lewis Holtby reichte im besten Fall die Zeit nicht. Die Stürmer, Kevin Kuranyi, Jefferson Farfan, Halil Altiontop, hatten allesamt wenige Ballkontakte. Und daraus machten sie nichts.
Über Schiedsrichter Wolfgang Stark. Der entschied sich früh für Gladbach. Stark pfiff die vielen kleinen Dinge gegen Schalke, konkret doppelt so häufig wie gegen Gladbach. Er zeigte den Blauen 5 Gelbe Karten, den Gladbachern keine, und womit sich Rafinha seine Gelbe Karte verdient haben soll, bleibt auch nach der achten Wiederholung im Dunkeln. Man könnte meinen Schalke sei wie ein Holzfällerkommando über wehrlose Borussen hinweggefegt. Allein so was war auf dem Platz nicht zu sehen. Als sich Roel Brouwers in der zweiten Halbzeit auf dem Platz behandeln ließ, dauerte dies knapp drei Minuten. Diese drei Minuten ließ Stark nachspielen. Nur diese.

Andererseits: Stark hätte auch 20 Minuten nachspielen lassen können, Schalke hätte wohl trotzdem kein Tor erzielt. Es fehlte an Ideen. Wenn es schnell gehen sollte scheiterte es an der fehlenden Genauigkeit. Und wenn es weniger schnell ging scheiterte es an Gladbach, die eben so spielten wie ansonsten Schalke, mit aggressiver und räumlich gut aufgeteilter Defensive.
Anfangs war das Spiel schnell und sehr interessant. Beide Mannschaften standen sich auf den Füßen, boten sich keine Räume. Alles war irgendwie eng und intensiv, und auch wenn mehr geflippert als kombiniert wurde war es schon eindeutig erste Liga. Später traten die beschriebenen Unzulänglichkeiten des Schalker offen zu Tage, als Gladbach merkte dass das an diesem Tage reichen würde um den Sieg zu halten. Dann lebte das Spiel von der Spannung alleine.

Am Ende machte die eine Szene in der 5. Minute den Unterschied. Das ist ärgerlich. Doch man kann sagen, dass in dieser Saison für Schalke die Münze schon häufig auf die richtige Seite fiel. Sich das Glück zu erarbeiten ist ein gute Sache, am Ende braucht es doch auch Glück, und das ist einem nicht immer holt, selbst mit einem Felix als Skipper. Ich möchte fast meinen, eine Niederlage auf genau diese Art war mal fällig. Ich hoffe nur, dass es bei der niedrigen Frequenz bleibt.

Zeit für Lobbyisten

In den letzten Jahren ist die Welt immer kleiner geworden. Wer früher darauf wettete, dass die TSG Sprockhövel Unentschieden gegen Germania Windeck spielen würde, kann heute voraussagen, welcher Spieler im 3. Spiel der 2. norwegischen Liga als erstes einen Gelbe Karte sehen wird. Wenn Wetten zum Problem wird, hat man es mit einem globalen Problem zu tun. Ein globales Problem lässt sich durch nationale Gesetze nicht lösen.

Seit Jahren verdient die Bundesliga viel Geld mit Werbung privater Wettanbietern, obwohl in Deutschland die Nutzung dieser Anbieter verboten ist. Nun nehmen Deutschlands Fußballfunktionäre den aktuellen Wettskandal zum Anlass, sich für ihre Sponsoren einzusetzen. Sie fordern eine „Liberalisierung“, d.h. ihrem Geldgeber soll das Geschäft erleichtert werden, auf dass der Geldgeber mehr Geld gäbe. Als könne man vermuten, es wäre auch nur in einem Fußballspiel weniger betrogen worden, gäbe es mehr Wettanbieter in Deutschland.

Unabhängig davon, ob man die staatliche Regelung zu Glücksspielen in Deutschland befürwortet oder nicht: Diese Lobbyarbeit ist so offensichtlich dass es schmerzt. Die schmalen Gedankengänge sind so plump, dass es fast peinlich ist. Allein es fehlt die öffentliche Empörung – wohl weil das Volk gerne wetten will.
Die Hure Bundesliga liegt seit langem mit ihrem Glücksspielfreier im Bett. Nun möchte sie mit ihm flanieren.

Saison zum Abgewöhnen

Vier Spiele sind eine Menge, es ist noch lange kein Winter für Schalke 04. Trotzdem tauchen schon bemerkenswert viele Meldungen zu „angeblichen Wechselmöglichkeiten“ Schalker Spieler auf. Fred Rutten sei daran interessiert, Halil Altintop zum PSV Eindhoven zu holen. Gerald Asamoah ist immer irgendwie in Hannover im Gespräch, jedenfalls soll er angeblich zusehen wo er bleibt oder demnächst in die 2. Mannschaft abgeschoben werden. Auch der Name Vicente Sanchez wurde schon auf den Markt geschrieben und bald wird sicher auch wieder Manuel Neuer ein Thema sein. Rafinha taucht sehr regelmäßig in italienischen Medien auf. Kevin Kuranyi weckt selbstverständlich ebenfalls Interesse, spätestens für die Zeit ab nächstem Sommer, wenn er ablösefrei wechseln könnte. Benedikt Höwedes wurde mit dem VfL Wolfsburg in Verbindung gebracht, kann aber sicher auch für andere Clubs zum Thema werden.

Häufig sind die Quellen solcher Meldungen sehr fragwürdig. Es sind eben schnelle, einfache Meldungen. Jede mögliche Vermutung lässt sich halbwegs mit Felix Magaths Aussage legitimieren, dass bis auf Manuel Neuer jeder Spieler verkäuflich sei. Und dass es immer auch um Neuer geht speist sich aus dem Wissen, dass Schalke Geld braucht. Der letzte Kick ist der relative sportliche Erfolg, der die Abteilung Fußball der Firma Schalke wieder mehr in den Mittelpunkt rückt.

Mir ist nicht Bange. Natürlich gäbe es Transfers die ich nicht möchte, und welche die ich mit schade kommentieren würde. Trotzdem ist diese bisherige Saison besser als jede vorherige dazu geeignet, einem abzugewöhnen, das Heil in dem einen oder anderen Spieler zu vermuten. Es zeigt sich, dass nicht der (prognostizierte) Wert des einzelnen Spielers entscheidend ist, sondern dass es passen muss. Dann ist das Konstrukt Mannschaft mehr wert als die Summer der Spieler. Ich denke, dass Felix Magath eben das sehr gut kann, herausfinden was passt. Dabei kann die Möglichkeit von Veränderungen im Kader als eher gut denn schlecht angesehen werden. Selbst mit eher kleinem finanziellen Spielraum.

Das erste Mal

An das erste Mal, den ersten Stadionbesuch, kann sich wohl jeder Fan erinnern. Die meisten wurden von Papa mitgenommen. Mein Sohn wird irgendwann auch davon erzählen können. Gegen Hannover war er dabei. Sein erstes Fußballspiel über 90 Minuten überhaupt. Erstmals auf Schalke. Und für mich war es keinen Deut weniger aufregend als für ihn.

Mama meinte das hätte noch Zeit. Aber wir waren beim „Familientag“, zur Saisoneröffnung. Damals saß unser Sohn fasziniert auf einem Schalensitz, starrte auf den Rasen, sang „Happy Birthday“ für Felix Magath, den er nicht kannte, aber das Lied kannte er, und wollte nicht mehr weg. Seitdem fragte er jedes Mal wann er mal mitdürfe, wenn ich mich an Spieltagen Richtung Gelsenkirchen aufmachte. Vielleicht hatte Mama recht, er ist Fünf. Aber manchmal müssen Männer tun, was Männer tun müssen.

Burger essen zum Beispiel. Also fuhren wir schon um 12 Uhr los. Unser Tag! Die CD fürs Auto hatte ich eigens für diese Fahrt zusammengestellt. „Blau und Weiß“ und „Opa Pritschikowski“ konnte er bereits. Bei den anderen Gassenhauern ist er nun deutlich weiter. Anfangs machte er mich noch auf jeden Schalke-Aufkleber, jeden Schal und jeden Trikoträger aufmerksam, so wie er es immer tut. Aber das ließ nach, spätestens bei McDonalds am Stadion, wo sich auch zu früher Zeit schon reichlich Schalker den Bauch vollschlugen. Eben wie wir.

Im Stadion angekommen wollte der neue Fan ausgerüstet werden. Ich hatte es versprochen. Er hatte von sich aus schon sein Bestes gegeben. Er trug seine Schalke-Cap, die ich ihm mal mitgebracht hatte, und auch bei restlos allem anderen hatte er darauf geachtet, Blau zu tragen. Ein Shirt durfte es sein und ich hielt ihm verschiedene hin. Er fand sie schön, alle, aber eigentlich fand er das Teuerste am schönsten. Das was Papa nicht trägt, weil „Gazprom“ draufsteht, womit Papa ihn aber nicht belästigen wollte. Das Blaue eben. Und weil Papa findet, dass – wenn schon, denn schon – auch der Name und eine Nummer draufgehören, und weil das im Stadionshop nicht geht, und weil Sohnemann aber irgendwas „für sofort“ habe wollte, kauften wir noch einen Kinder-Schal.

Schade, dass es noch 0:0 steht, nä Papa?!

… bemerkte er nach gespielten 3 Minuten und 10 Sekunden. Seit der Ball rollte legte sich die Aufregung ein wenig. Nach der geteilten Wurst – Klischees selbst erleben ist eine wahnsinnig tolle Sache – und nachdem er erstmals mit 60.000 Anderen unser Lied sang. Nun erfragte er sich das für ihn nötige Wissen. Woher ich am Ende wüsste, wer gewonnen hätte. Wieso der Torwart denn aus dem Tor laufen dürfe. Und worüber sich die Leute in den jeweiligen Situationen so aufregen.

Er schaute sich um, beobachtete und machte nach. Unmelodisch aber mit vollem Einsatz krakelte er „Schalke, Schalke, Schalke“ und reckte dabei seinen Schal, die freundlichen Blicke sichtlich genießend. „Null Vier!“ schrie er auf einmal neben mir, den Tribünen-Wechselgesang verstand er bevor ich ihn überhaupt mitbekommen hatte. Und gerade in der ersten Halbzeit hatte er mehr Augen für das Drumherum als für das Spiel.
Das änderte sich in der zweiten Hälfte. Nun passierte auf dem Rasen mehr, auf den Rängen wurde öfter Aufgesprungen. Nun wurde es lauter und das Spiel war näher, weil wir auf der Südtribüne saßen und die Blauen nun auf unser Tor spielten. Nun saß er nicht mehr auf seinem Platz sondern auf meinem Schoß, damit, wenn alle aufsprangen, auch ich und er mit mir, ich also „ihn aufspringen lassen“ konnte. Das funktionierte gut, war aber anstrengend, und ich verlor nur auf Grund der erhöhten Kalorienzufuhr nicht an Gewicht (Gummibärchen).

Überhaupt verlor niemand, alle gewannen. Mein Sohn redet von dem Tag in den höchsten Tönen und erklärt aller Welt, wieso Schalke gewonnen hat – eben weil Schalke erst ein und dann noch ein Tor gemacht hat und die Anderen keins. Ich erlebte ebenfalls einen Tag, an den ich mich immer werde erinnern können. Schalke 04 gewann neben den drei Punkten einen neuen Fan – und verdiente viel Geld an uns: Das Trikot in Größe 128 ist mittlerweile bestellt. Er wollte die Nummer 4. Ich hatte stets die 6. Mein Großer und ich, wir lesen das Spiel von hinten.

Unpräzise

Es war die richtige Stimmung. Zunächst zurückhaltend, angemessen. Später normal bezüglich der Spielsituationen, betont unaggressiv gegenüber dem Gegner, auch angemessen. Und es entwickelte sich ein tatsächlich normales Bundesligaspiel, so wie man es sich erhofft hatte. Lange war der Ausgang völlig offen. Am Ende gewann Schalke aber doch verdient.

Meines Erachtens ist „Unpräzise“ das entscheidende Wort bei der Beschreibung des Auftritts der Königsblauen gegen Hannover. Schalke spielte nicht verhalten und die Spieler wussten auch wie’s gehen würde. Ihnen gelang aber die Ausführung nicht.
Bereits in der ersten Halbzeit wurde einige Male eine Lücke in Hannovers Abwehrreihe erkannt. Wahlweise Kevin Kuranyi oder Jefferson Farfan stieß hinein, ein Mittelfeldjungspund spielte den Steilpass. An einem glücklicheren Tag hätte sich der Sportschau-Kommentator später vor Hingabe zerrissen. An diesem Tag blieb von den Aktionen nichts übrig, weil mal der Pass zu ungenau war, mal der Stürmer den Ball nicht unter Kontrolle bekam oder direkt zu früh startete und längst im Abseits stand. Festzuhalten bleibt: An „fehlender Kreativität“, dem Default-Vorwurf gegen Schalke nach Spielen mit nicht allzu vielen Chancen, lag es an diesem Samstag nicht.

„Unpräzise“ passte auch auf bemerkenswert viele Aktionen in der Defensive. Mal war ein Querpass zu kurz, mal behinderte man sich gegenseitig. Dann wussten Didier Ya Konan oder Jiri Stajner ihren unerwarteten Platz zu nutzen und kamen zu guten Chancen, bei denen Manuel Neuer arg gefordert wurde. Schalke spielte nicht wirklich gut. In dieser Saison heißt das aber nicht automatisch, dass man unzufrieden sein müsste.

Mit 5 Bundesliganeulingen in der Startaufstellung darf es an Präzision fehlen. Der Ausgleich besteht im offenbar unerschütterlichen Glauben an sich selbst, gepaart mit Dynamik und Ausdauer. Wenn Lukas Schmitz auf seine Schusstechnik setzt und aus „Flankenposition“ einfach draufhält, ist das fast schon „frech wie Basler“. Wenn Joel Matip – 18, zweites Spiel – keine Anspielstation findet und zu Solo ansetzt, wenn er immer näher an den Strafraum kommt, wenn ihm der Ball beim Schuss dann doch über den Spann rutscht und im Oberrang landet, dann bekommt er trotzdem Applaus, für den Willen und den Mut. In der vergangen Saison hätte Orlando Engelaar mit der gleichen Aktion für ein enttäuschtes Aufstöhnen gesorgt. In diesem Jahr ist alles anders, besser.

In der 69. Minute erzielte Jefferson Farfan nach einer Rafinha-Ecke das 1:0 und ab dann wurde das Spiel einseitiger. Schalke spielte weiter, rannte vor allem auch weiter. Die Mannschaft erspielte sich noch weitere Chancen und verdiente sich Trainerlob. Ich kann mich alleine an drei Szenen erinnern, in denen der in der 50 Minute eingewechselte Ivan Rakitic dem Gegner den Ball abnahm. Rakitic! Und zum Schluss kam noch der sechste Bundesliganeuling Jan Moravek und erzielte mit seiner ersten Ballberührung in der Nachspielzeit das 2:0.

Also steht Schalke mit 25 Punkten aus 13 Spielen auf Platz 3 der Tabelle. Drei Punkte und 7 Tore vor Mainz auf Platz 6. Ein grandioses Ergebnis bis hierhin, mit viel Spaß in den vergangenen Spielen und viel Hoffnung in die junge Mannschaft. Nächsten Samstag geht’s nach Gladbach. Ma’kucken.

Hoffnung, Vermutung, Erwartung

Ein normales Fußballspiel in Gelsenkirchen, wenn der Ball erstmal rollt. Ganz viele Umarmungen in Dortmund. Ein verdrießlich dreinschauender, junger Niederländer, auf der Tribüne in Wolfsburg. Ein später Ausgleich durch den eingewechselten Heiko Herrlich in Hamburg. Die fünfte Gelbe Karte für den Deutschland-Poldi in Köln. Fehlende Stürmer allenthalben in Frankfurt. Den Kick der Verklemmten in Stuttgart. Political correctness bis zur Schmerzgrenze in Freiburg. Franz Beckenbauers Kommentar:

„Ja gut, ein Guus Hiddink ist natürlich für jeden Club immer ein interessanter Mann.“

Kevin Kuranyi: The Delivery Man

Felix Magath habe Kevin Kuranyi wieder zu alter Stärke zurückgeführt, schrieb die „Bild“-Zeitung vor nicht langer Zeit. Zwischendurch ist Kevin Kuranyi immer wieder mal in der Krise. Nicht nur in den Zeitungen, auch unter Fans ist Kevin Kuranyis Ansehen recht starken Schwankungen unterworfen. Da nehme ich mich nicht aus. Zu häufig habe ich mich schon darüber geärgert, dass ihm in aussichtsreicher Position der Ball zu weit vom Fuß sprang, dass er eine „Hundertprozentige“ ausließ. Dann aber macht er Dinger die man ihm 5 Minuten zuvor nicht zutraute. Und in der Regel ist er es eben, der für Schalke den Knicker aus einem Getümmel über die Linie schiebt.

Kevin Kuranyi fehlt zum besseren Ansehen wohl vor allem diese eine überragende Saison. Ein Jahr in dem über ihn als Top-Torjäger geschrieben wird, nicht nur als ein Torjäger unter besseren. Fürs Gefühl wäre wohl eine Saison mit 21 Treffern gefolgt von zweien mit 11 besser als zwei Jahre mit 15 Toren und eins mit 13.
Kevin Kuranyi liefert stetig. Demnächst erzielt er sein 100. Bundesligator. Miroslav Klose (117) und Claudio Pizarro (123) sind die einzigen aktiven Bundesligaprofis, die öfter jubelten. Beide sind rund dreieinhalb Jahre älter.