Wo sind all‘ die Maschen hin

Heute sind Fanschals 17 cm breit und 150 cm lang. Im Stadion kosten sie 15 Euro, davor, beim fliegenden Händler, gibt’s sie für Fünf. Allerdings ohne Clubwappen, aus Angst vor den Vereinsanwälten. Zu jedem Anlass gibt es neue Schals, ein flotter Spruch, ein Willkommens- oder Abschiedsgruß, das bloße Stattfinden eines Spiels. Und alle sind aus Polyacryl.

Ich mag die schlichte Blockstreifenversion. Die gibt es zum Glück noch. Im Kapitalismus der Bundesliga ist man darauf angewiesen, dass Mitfans die Nachfrage hoch genug halten. Zumindest wenn man keine Oma mehr hat.
Bevor sich der Kunststoff den Fans an den Hals schmiss wurden Schals noch selbstgestrickt, dass heisst in der Regel ließ Mann selbststricken. Gerne wurde der Schal noch mit Aufnähern versehen und voller Achtung getragen, wie die Stola vom Pfarrer. Dabei war der Längenvergleich keineswegs tabuisiert. Mit jämmerlichen 140 cm hätte sich damals niemand in die Kurve getraut.

Ich fühle mich mit dem Polyacryl-Stück heute noch schlecht angezogen. Meinen Selbstgestrickten hatte auch ich einst im Wahn des Aufbruchs in die Moderne entsorgt. Nun leide ich darunter, dass an mir Zweimetermenschen die 140 cm Neuzeitstoff wirken wie Biekers Schal in den Händen Michael Caines als Ebenezer Scrooge. Und Oma ist tot. Eine Leihoma suchte ich bislang vergebens.



9 Kommentare zu “Wo sind all‘ die Maschen hin”

  1. Sebastian sagt:

    Habe jetzt als Schlußsatz erwartet, Du würdest stricken lernen. Wäre doch die Alternative. Und beruhigt. Und Du könntest die Länge selbst bestimmen.

  2. Torsten Wieland sagt:

    Ja, so ginge es natürlich auch. Aber in solchen Dingen bin ich eher ungeschickt. Bis zur Meisterfeier wäre ich wohl nicht fertig ;-)

  3. Yewa sagt:

    Hallo, Torsten,

    welch trauriges Schicksal! Für eine (Leih-)Oma bin ich vielleicht noch etwas jung – obwohl ich im Januar eine Lern-Oma werde. Doch Stricken kann ich seit Schul-Jahren.

    Schick mir Wolle + die gewünschten Maße. Dann brauchst nur noch abwarten. Wie lang ist die Winterpause? ;-)

    „Blau und weiß“ ist jetzt auch nicht unbedingt das Problem für mich als Königsblaue im Feindesland.

    Also ernsthaft: Laß uns mal drüber mailen!

    LG
    Yewa

  4. Phil sagt:

    Ich hab ja noch einen altmodischen, schön von Mutter gestrickt. Allerdings auch nur 1.50m lang, reicht mir aber auch. Auf die Länge kommts so sehr ja nicht an, oder?

  5. DailySoccer 17/11/2009 | Spielfeldrand - Das Magazin sagt:

    […] Wo sind all’ die Maschen hin […]

  6. Julian sagt:

    Mein Onkel hatte auch so einen wunderbaren selbstgestrickten Schal. Der hing früher bei den Fahrten ins Stadion gleich an beiden Seiten vom Auto raus. War super. Ich kann Deine Sehnsucht nach selbsgestricktem durchaus nachvollziehen.

    Guck doch mal bei der VHS. Die haben sicher Kurse um das Stricken zu lernen. Fragen kostet ja nix! :-D

  7. Torsten Wieland sagt:

    @Phil: Doch.

    @Yewa: Das mache ich wirklich – Mail kommt :-)

  8. Kees Jaratz sagt:

    Da sage ich nur für ein nächstes Mal, auch zum Wohle deines Sohnes, der es in zehn, zwölf (?) Jahren vielleicht zu schätzen weiß: Kleiderkiste mit erlesenen persönlichen Stücken. In meiner lagert neben einer antiken Lederjacke, ein Drei-Meter-Exemplar blau-weiß, bei dem die strickende Nachbarin sich leider im Blauton vergriffen hatte. Ist eine Idee zu hell, selbst für MSV-Duisburg-Verhältnisse. Dass direkt daneben schwarz-gelb in gleicher Länge liegt, darf ich an dieser Stelle natürlich nicht verschweigen. Hamborn 07! Was habt ihr denn gedacht?

  9. anne.erde sagt:

    herr wieland… pöttisch korrekt ists doch die ‚omma‘, oder?

    und btw., auch mit schwazz-gelber sozialistion komme ich immer noch und immer wieder gern hier gucken^^
    ihr schalker pragmatismus tut gerade in zeiten wie diesen gut.

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