Unpräzise

Es war die richtige Stimmung. Zunächst zurückhaltend, angemessen. Später normal bezüglich der Spielsituationen, betont unaggressiv gegenüber dem Gegner, auch angemessen. Und es entwickelte sich ein tatsächlich normales Bundesligaspiel, so wie man es sich erhofft hatte. Lange war der Ausgang völlig offen. Am Ende gewann Schalke aber doch verdient.

Meines Erachtens ist „Unpräzise“ das entscheidende Wort bei der Beschreibung des Auftritts der Königsblauen gegen Hannover. Schalke spielte nicht verhalten und die Spieler wussten auch wie’s gehen würde. Ihnen gelang aber die Ausführung nicht.
Bereits in der ersten Halbzeit wurde einige Male eine Lücke in Hannovers Abwehrreihe erkannt. Wahlweise Kevin Kuranyi oder Jefferson Farfan stieß hinein, ein Mittelfeldjungspund spielte den Steilpass. An einem glücklicheren Tag hätte sich der Sportschau-Kommentator später vor Hingabe zerrissen. An diesem Tag blieb von den Aktionen nichts übrig, weil mal der Pass zu ungenau war, mal der Stürmer den Ball nicht unter Kontrolle bekam oder direkt zu früh startete und längst im Abseits stand. Festzuhalten bleibt: An „fehlender Kreativität“, dem Default-Vorwurf gegen Schalke nach Spielen mit nicht allzu vielen Chancen, lag es an diesem Samstag nicht.

„Unpräzise“ passte auch auf bemerkenswert viele Aktionen in der Defensive. Mal war ein Querpass zu kurz, mal behinderte man sich gegenseitig. Dann wussten Didier Ya Konan oder Jiri Stajner ihren unerwarteten Platz zu nutzen und kamen zu guten Chancen, bei denen Manuel Neuer arg gefordert wurde. Schalke spielte nicht wirklich gut. In dieser Saison heißt das aber nicht automatisch, dass man unzufrieden sein müsste.

Mit 5 Bundesliganeulingen in der Startaufstellung darf es an Präzision fehlen. Der Ausgleich besteht im offenbar unerschütterlichen Glauben an sich selbst, gepaart mit Dynamik und Ausdauer. Wenn Lukas Schmitz auf seine Schusstechnik setzt und aus „Flankenposition“ einfach draufhält, ist das fast schon „frech wie Basler“. Wenn Joel Matip – 18, zweites Spiel – keine Anspielstation findet und zu Solo ansetzt, wenn er immer näher an den Strafraum kommt, wenn ihm der Ball beim Schuss dann doch über den Spann rutscht und im Oberrang landet, dann bekommt er trotzdem Applaus, für den Willen und den Mut. In der vergangen Saison hätte Orlando Engelaar mit der gleichen Aktion für ein enttäuschtes Aufstöhnen gesorgt. In diesem Jahr ist alles anders, besser.

In der 69. Minute erzielte Jefferson Farfan nach einer Rafinha-Ecke das 1:0 und ab dann wurde das Spiel einseitiger. Schalke spielte weiter, rannte vor allem auch weiter. Die Mannschaft erspielte sich noch weitere Chancen und verdiente sich Trainerlob. Ich kann mich alleine an drei Szenen erinnern, in denen der in der 50 Minute eingewechselte Ivan Rakitic dem Gegner den Ball abnahm. Rakitic! Und zum Schluss kam noch der sechste Bundesliganeuling Jan Moravek und erzielte mit seiner ersten Ballberührung in der Nachspielzeit das 2:0.

Also steht Schalke mit 25 Punkten aus 13 Spielen auf Platz 3 der Tabelle. Drei Punkte und 7 Tore vor Mainz auf Platz 6. Ein grandioses Ergebnis bis hierhin, mit viel Spaß in den vergangenen Spielen und viel Hoffnung in die junge Mannschaft. Nächsten Samstag geht’s nach Gladbach. Ma’kucken.



6 Kommentare zu “Unpräzise”

  1. Christian Schlender sagt:

    Ja unpräsise trifft es gut.
    Allerdings und das ist der große Unterschied zur
    vergangenen Saison: man hat den Eindruck das die
    Mannschaft jederzeit noch zulegen kann. Mag sein
    das Lev den besseren Ball spielt, aber diese neu
    entdeckte Leidenschaft und Laufbereitschaft unserer
    Mannschaft macht mich stolz !

  2. patti sagt:

    ja, felix hat ein gutes händchen. aber man muss den hannoveranern natürlich ein formdefizit wegen r.e. zugestehen. bin gespannt auf sa!

  3. Frank sagt:

    Wäre auch extrem unfähr gegen junge Burschen zu pfeifen, die wirklich alles geben.
    Die Mannschaft hat Leidenschaft und das sieht jeder, sowas hatten wir schon lange nicht mehr.

    Hab letzte Saison auch ständig an Rakete rumgemeckert (für mich und unter den unmittelbaren Kumpels), aber wenn er eingewechselt wurde, hat unser Spiel jedes mal an Qualität zugenommen. Auch er spielt mal einen Fehlpass, aber die meisten Bälle sind klug ge-spielt und er zeigt auch mehr Biss, wobei er bei weitem nicht so “giftig” wie Moritz oder Schmitz spielt, muss er ja auch nicht, wenn er mehr Kreativität freisetzt und das tut er……. endlich.

  4. Packer sagt:

    Das gute ist, dass es endlich wieder Spass macht sich das anzusehen. Nicht weil es ein so begnadeter Fussball wäre, sondern weil eine junge Mannschaft alles gibt (und der Trainer endlich mal weiss was er tut).
    Meine Befürchtung ist nur, dass entscheidende Säulen, die die junge Mannschaft tragen und einiges ausbügeln, nächste Saison nicht mehr zur Verfügung stehen (Bordon, Rafinha).
    Und dann könnte es einen Schritt rückwärts geben. Westermann und Höwedes können bei aller Klasse einen Bordon leider nie ersetzen.
    Aber selbst ein solcher Rückschritt könnte mir die Zuversicht auf eine gloreiche Zukunft dieser Mannschaft nicht mehr nehmen.

  5. Torsten Wieland sagt:

    Ivan Rakitic hat Talent, keine Frage. Er ist nur unglaublich langsam. Ausserdem war es stets sehr leicht, ihm den Schneid abzukaufen, im Zweifel zog er immer zurück. Nun hat es den Anschein, als würde er mehr “dagegenhalten”. Wäre toll, wenn er sich noch steigern könnte, zumal Levan Kenia (wieder länger) ausfällt, der Ivan Rakitic in Tempo und Spielfreude m.E. weit voraus ist.

    Über die Abgänge wichtiger Spieler würde ich mir noch keine Sorgen machen. In der letzten Saison hätte ich auf jeden Fall unterschrieben, dass Jermaine Jones für Schalke kaum zu ersetzen sei. Aktuell ist das defensive Mittelfeld auch ohne ihn meist auf der Höhe und spielt sogar deutlich besser nach vorne als in der vergangenen Saison.

    Wir sollten ein Banner malen: “Denke positiv, denke blau!” ;-)

  6. Handwerk gegen Uhrwerk | Königsblog sagt:

    [...] Offensivspektakel der Werderaner genervt hatte. Während der alte und der junge Herr Wieland unpräzises geboten bekamen. Und während ich so schreibe, entwickelt sich fast eine Ode an die Elf von der [...]

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