Zeit für Lobbyisten

In den letzten Jahren ist die Welt immer kleiner geworden. Wer früher darauf wettete, dass die TSG Sprockhövel Unentschieden gegen Germania Windeck spielen würde, kann heute voraussagen, welcher Spieler im 3. Spiel der 2. norwegischen Liga als erstes einen Gelbe Karte sehen wird. Wenn Wetten zum Problem wird, hat man es mit einem globalen Problem zu tun. Ein globales Problem lässt sich durch nationale Gesetze nicht lösen.

Seit Jahren verdient die Bundesliga viel Geld mit Werbung privater Wettanbietern, obwohl in Deutschland die Nutzung dieser Anbieter verboten ist. Nun nehmen Deutschlands Fußballfunktionäre den aktuellen Wettskandal zum Anlass, sich für ihre Sponsoren einzusetzen. Sie fordern eine „Liberalisierung“, d.h. ihrem Geldgeber soll das Geschäft erleichtert werden, auf dass der Geldgeber mehr Geld gäbe. Als könne man vermuten, es wäre auch nur in einem Fußballspiel weniger betrogen worden, gäbe es mehr Wettanbieter in Deutschland.

Unabhängig davon, ob man die staatliche Regelung zu Glücksspielen in Deutschland befürwortet oder nicht: Diese Lobbyarbeit ist so offensichtlich dass es schmerzt. Die schmalen Gedankengänge sind so plump, dass es fast peinlich ist. Allein es fehlt die öffentliche Empörung – wohl weil das Volk gerne wetten will.
Die Hure Bundesliga liegt seit langem mit ihrem Glücksspielfreier im Bett. Nun möchte sie mit ihm flanieren.



6 Kommentare zu “Zeit für Lobbyisten”

  1. Packer sagt:

    Wahre Worte. Einzige Möglichkeit meiner Meinung nach ist, das Wetten auf Sport zu verbieten (auch Oddset etc.). Dann weiss jeder, mit was er sich einlässt.
    So dient Oddset zum anfüttern und fördert die Spielsucht. Je mehr Spielsüchtige, desto mehr Geld ist beim Wetten im Spiel und desto mehr kann die Wettmafia ungestört betrügen (bei Milliardenumsätzen fällt ein Millionenbetrug bei Wettradar halt nicht unbedingt auf). Eine Freigabe würde dem noch weiter Vorschub leisten.
    Die gleiche Masche lief beim DFB und Bittburger auch ab. Erst wollte man nicht für Alkohol werben, dann kam erst das Alkoholfreie und jetzt gehts auch fürs hochprozentige. Wer bezahlt wird beim DFB skrupellos bedient, halt zulasten der Vorbildfunktion und der Süchtigen, hauptsache die Kasse stimmt.

  2. Matthias sagt:

    Da schwingt mir im ersten Kommentar etwas zu viel Political Correctnes mit. Warum sollte eine Werbung für Alkohol eine Werbung auf Kosten der Süchtigen sein? Weil sie beim Alk kaufen den eingepreisten Werbeetat mitbezahlen müssen? Für was darf der Fußball überhaupt werben? Gazprom? Nee, zu böse und außerdem Klimakliller. Telekom? Nee, hört Mitarbeiter ab. Audi? Nee, das wäre ja auf Kosten derer, die von einem Audi überfahren wurden… Jetzt hab ich’s: Babywindeln (wenn biologisch abbaubar) und fair gehandelter Kaffee! Da bekommt der Begriff Pampers-Liga eine ganz neue Bedeutung.

    Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft. Das ist nicht erst seit Enke so. Und in der deutschen Gesellschaft wird nun einmal getrunken, geraucht und gespielt. Nicht nur, aber auch. Hat das Tabak-Werbeverbot im TV und im Sport tatsächlich dazu geführt, dass weniger geraucht wird? Meine Lunge sagt da etwas anderes…

    Die Möglichkeit zu wetten ist nun einmal da. Wer Wetten verbietet, verlagert diesen menschlichen Makel eben in die Illegalität. Und dort ist es überhaupt nicht mehr zu kontrollieren. Ergo sehe ich keine verwerfliche Lobbyarbeit darin, wenn man dem Staatsmonoplisten Oddset ein paar private, aber dafür überwachte Wettbewerber an die Seite stellt. Das trocknet der Graumarkt zwar auch nicht aus, kann aber dazu führen, dass sich weniger Gelegenheitsspieler über das Internet dorthin verirren.

    Und nein: Ich bin kein Internet-Wetter. Ich habe zwar einen bwin-Account, aber der ist seit Monaten unbenutzt.

  3. Packer sagt:

    „auf Kosten der Süchtigen“ ist in der Tat nicht ganz richtig formuliert. Es sollte heißen auf kosten der zukünftig Süchtigen. Der DFB hatte am Anfang ja gesehen, dass die Vorbildfunktion der Nationalmannschaft mit Alkohol nicht wirklich zusammen geht. Insbesondere für den Fußballnachwuchs sollte eigentlich Sport und Alkohol nicht assoziiert werden. Dies weiß der DFB genau und hat am Anfang noch versucht, dieses mit Werbung für die alkoholfreien Biere zu kaschieren. Nach und nach sind dann halt alle Hemmungen gefallen.
    Und jeder Suchtberater wird dir bestätigen, dass dies keine gute Allianz ist.
    Oddset dient zur Zeit als legales und niederschwelliges Einstiegsmedium. Je mehr Leute dort mitspielen, desto mehr werden süchtig. Und daran sollte eine angeblich so integrer und vorbildlicher Dachverband wie der DFB nicht mitverdienen. Sport hat eigentlich eine andere gesellschaftliche Funktion.
    Was das mit PC zu tun hat, kann ich aber nicht ganz erkennen.

  4. Torsten Wieland sagt:

    Man kann für oder gegen das Verbot von privaten Wettanbietern sein. Ich finde auch schräg, dass bei Oddset gewettet werden darf und bei bwin eigentlich nicht. Das schlimme finde ich, dass es den Funktionären aber nur genau darum geht.

    Verwerflich an dieser Lobbyarbeit finde ich, dass diese Forderung mit dem Skandal um manipulierte Fußballspiele verquirlt wird. Es wird das Hochkochen des Themas „Wetten“ dazu genutzt, den Leuten den Stuss von besseren Kontrollmöglichkeiten zu verkaufen. Dieser Humbug geht aber am eigentlichen Thema vorbei.

    Der deutsche Fußball erlebt gerade keinen „Wettskandal“, sondern einen „Fußballmanipulationsskandal“. Ob bei Oddset, bei bwin, auf den Antillen oder in Honkong auf diese Manipulationen gewettet wird, tut überhaupt nichts zur Sache.

  5. Matthias sagt:

    Insbesondere für den Fußballnachwuchs sollte eigentlich Sport und Alkohol nicht assoziiert werden. Dies weiß der DFB genau und hat am Anfang noch versucht, dieses mit Werbung für die alkoholfreien Biere zu kaschieren.

    Im Sommer wurde Deutschland U21-Weltmeister. Da es sich um ein Jugend-Turnier handelte, hatte die UEFA Bierduschen auf dem Spielfeld untersagt. Stattdessen wurde mit Mineralwasser und Energy-Drinks gespritzt. Und jeder, wirklich jeder TV-Nachbericht über die Final-Feiern begann mit Worten wie „In der Disco durften sie dann endlich wieder echt anstoßen.“ Die Zensur des Alkohols bei diesem Finale führte dazu, dass der Fokus noch mehr darauf gerichtet wurde. Ob das der Sache wirklich zuträglich war?

    Fußball, Sport im allgemeinen, darf niemals eine „Vorbildfunktion“ besitzen. Ich frage mich auch immer, für wie doof und manipulierbar die Suchtberater unsere Jugend halten, wenn sie unterstellen: Idol im Fernsehen trinkt – Fan trinkt. Idol im Fernsehen begeht Selbstmordversuch – Fan begeht Selbstmordversuch. Idol im Fersehen verdient 500.000 Dollar für zwei Tage Arbeit – Fan verdient .. ach nee, das klappt dann doch nicht. Genau so wenig klappt: Idol im Fernsehen ist ein nichttrinkender Nichtraucher, niemals Sex vor der Ehe gehabt habender, die Umwelt schützender etc. pp.

    Wer sind Vorbilder? In der Vita eines jeden Menschen finden sich dunkle Flecken. Michael Schumacher? Steuerflüchtling! Steffi Graf? Laut Gerichtsurteil zu naiv zu merken, dass sie Steuerhinterziehung betrieben hat! Tomasz Hajto? Angeklagter Zigarettenschmuggler! Jan Ullrich? Claudia Pechstein? Bill Clinton? Roman Polanski? Nur weil jemand in einem Teilbereich gut ist, heißt das nicht, dass seine Fans ihm alles nachmachen. Oder lassen sich jetzt alle Leute ständig scheiden und ziehen mit knapp der Minderjährigkeit entkommenen Starlets zusammen, nur weil sie Lothar Matthäus bei der WM 1990 gut fanden?

    Wer durch Werbeverbote meint, Probleme aus der Welt schaffen zu können und dabei auf „Vorbildfunktionen“ verweist, rennt soweit am Ziel vorbei, wie Albert Streit an einer guten Flanke. Man kann nicht etwas einerseits erlauben, andererseits aber meinen, ein Werbeverbot könne es eindämmen. Ich habe noch nie Werbung für einen Porno gesehen, dennoch soll die Branche durchaus lukrativ sein.

    Torsten war letzte Woche mit seinem Sohn zum ersten Mal auf Schalke. In der Veltins-Arena!!! Der gutmenschlichen Suchtberater-Logik folgend sollte Torsten schonmal einen Eimer neben das Bett seines Filius stellen. Denn seit letzter Woche wird der Kleine saufen wie ein Loch.

    Sorry für die Polemik. Aber ich kann einfach dieses „Vorbildfunktion“- und „Fußball darf dieses nicht und jenes nicht“-Geseier nicht mehr hören. Fußball darf alles, was erlaubt ist! Verbiete (und vernichte) Alkohol, dann kannst du auch Werbung für Alkohol verbieten. Verbiete (und vernichte) Wetten, dann kannst du auch Werbung für Wettanbieter verbieten. Alles andere ist scheinheilig, genaus so wie es damals scheinheilig war, dass der FC Homburg erst vor Gericht ziehen musste, um mit Condomwerbung auf dem Trikot auflaufen zu dürfen.

    Zum konkreten Fall und dem Vorwurf des „Lobbyismus“: Ja klar, natürlich sehen die Geldbeschaffer der Liga nun ein Türchen, durch das die Penunzen strömen können. Ich kann den Eintrag somit voll und ganz unterschreiben. Aber ich finde daran nichts Verwerfliches. Ständig wird im deutschen Fußball darüber gejammert, dass die TV-Gelder spärlicher fließen als im Ausland. OK, das ist halt so. Aber wenn mit „bwin“ nun ein internationaler Sponsor auftritt, der ohnehin schon auf dem deutschen Markt (halblegal) vertreten ist, und jede Menge Kohle in unseren Fußball schießen möchte, ja wie bekloppt muss man denn sein um zu sagen „Och nö, wetten ist böse, das wollen wir nicht…“

    Der Markt ist da. Der Anbieter ist da. Das Geld ist da. Die Kunden sind da. Und selbst das angeblich ja so dumme, manipulierbare Volk ist längst da und scharrt mit den Hufen. So what???

    Torsten, wie du sehr treffend geschrieben hast, ist es kein „Wettskandal“ sondern ein „Manipulationsskandal“. Und weil das so ist, sollte der deutsche Fußball wenigstens ums Eck gesehen davon profitieren. Wenn wir es nicht tun, dann macht es eben weiterhin Real Madrid. Ist das jetzt Lobbyismus? Ich denke eher, es ist Realismus.

  6. Packer sagt:

    Das Alkoholverbot bei dem U21-Tunier war in der Form natürlich sinnlos und kontraproduktiv.
    Niemand hat behauptet, dass Werbung und Vorbilder eins zu eins Folgen beim Publikum (hier der Jugend) haben. Das geht schon etwas subtiler (Image aufbauen, unterschwellige Assoziationen etc).
    Und dafür sollte sich der DFB für nachweislich schädliche Dinge (Suchtmittel) nicht benutzen lassen. Diese Position kann man natürlich mit gutem Grund für naiv halten, da die Welt halt schlecht ist und irgendeiner wird ja sowieso dafür werben.
    Also gar keine Grenze??
    Aber Thorsten hat schon recht, meine Argumentation geht etwas an seinem Ursprungsblog vorbei.

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