Artikel im November 2009

Kühl in Gelsenkirchen

Es liegt nicht an der mangelnden Fußballbegeisterung. In der Regel pilgert der Fußballfan Richtung Berger Feld sobald das Stadion zu leuchten beginnt. Es liegt an Joachim Löw.

Hier, wir, ich, unser Verein, wir Fans und vermutlich auch unsere Spieler, wir fühlen uns missachtet. Wir mögen die Sprache des Herrn Löw nicht, dieses mal Hüh mal Hott. Das Hott gegen Kuranyi, während ein Bankdrücker aus München dem Kapitän auf dem Platz in die Fresse hauen und sich trotzdem auf Löws Hüh verlassen kann. Dass Jermaine Jones keine Chance bekam. Pure Ironie, dass ausgerechnet Heiko Westermann mittlerweile zum festen Stamm der Nationalmannschaft zählt, wo gerade er derzeit so große Probleme hat, sich als Leistungsträger in der neuen Schalker Mannschaft zu etablieren.

Dass Manuel Neuer nicht mal diese 90 Minuten Einsatzzeit in einem unwichtigen Spiel im eigenen Stadion in voller Länge bekommt, ist nur ein weiterer Tropfen in die Regentonne. Eigentlich sind wir des Themas müde. Von uns mag jeder halten was er will, vom Thema auch. Wir wollen uns damit gar nicht mehr rumärgern, sollen sie uns in Ruhe lassen. Über ein halbleeres Stadion bei einem Auftritt Löws Nationalmannschaft in Gelsenkirchen wundert sich hier niemand.

Wo sind all’ die Maschen hin

Heute sind Fanschals 17 cm breit und 150 cm lang. Im Stadion kosten sie 15 Euro, davor, beim fliegenden Händler, gibt’s sie für Fünf. Allerdings ohne Clubwappen, aus Angst vor den Vereinsanwälten. Zu jedem Anlass gibt es neue Schals, ein flotter Spruch, ein Willkommens- oder Abschiedsgruß, das bloße Stattfinden eines Spiels. Und alle sind aus Polyacryl.

Ich mag die schlichte Blockstreifenversion. Die gibt es zum Glück noch. Im Kapitalismus der Bundesliga ist man darauf angewiesen, dass Mitfans die Nachfrage hoch genug halten. Zumindest wenn man keine Oma mehr hat.
Bevor sich der Kunststoff den Fans an den Hals schmiss wurden Schals noch selbstgestrickt, dass heisst in der Regel ließ Mann selbststricken. Gerne wurde der Schal noch mit Aufnähern versehen und voller Achtung getragen, wie die Stola vom Pfarrer. Dabei war der Längenvergleich keineswegs tabuisiert. Mit jämmerlichen 140 cm hätte sich damals niemand in die Kurve getraut.

Ich fühle mich mit dem Polyacryl-Stück heute noch schlecht angezogen. Meinen Selbstgestrickten hatte auch ich einst im Wahn des Aufbruchs in die Moderne entsorgt. Nun leide ich darunter, dass an mir Zweimetermenschen die 140 cm Neuzeitstoff wirken wie Biekers Schal in den Händen Michael Caines als Ebenezer Scrooge. Und Oma ist tot. Eine Leihoma suchte ich bislang vergebens.

Saisonstartrückblick in knapp

Stellt man den bisherigen Ergebnissen des FC Schalke 04 die Resultate der gleichen Begegnungen aus den letzten Jahren gegenüber, dann wird offensichtlich, dass Schalke einen bemerkenswert erfolgreichen Start hingelegt hat.

Alles ist relativ. Für diese Feststellung braucht es keine Vergleiche, mag mancher einwenden. Dass man zwei der drei letzten Spiele beinahe verloren hätte und dabei keineswegs souverän agiert habe, höre ich andere rufen. Ich selbst will anführen, dass die nackten Zahlen den sympathischen Auftritten dieser neuen Mannschaft, und der neugeschaffenen Zuversicht, nicht gerecht werden.

Trotzdem.

Weggesungen

Neulich im Bus. Mein Sohn (5) sitzt gerne hinten. Ihm schräg gegenüber ein junger Mann, offensichtlich MSV-Fan, einen Blockstreifenschal tragend. Ob mein Sohn das kleine Zebra nicht gesehen hat, ob es ihm egal war, ob er Hoffnung in die Gemeinsamkeit der Farben setzte, ich weiß es nicht. Jedefalls begann er damit, erst etwas zurückhaltend, dann immer forscher, fast fordernd, das „Blau und Weiß“ unseres Vereins zu intonieren.

Eigentlich ist es mein Sohn gewohnt, dass andere mit einstimmen. Der junge Mann ließ sich durch die gelebte Fröhlichkeit und den Enthusiasmus des Fünfjährigen nicht dazu ermutigen. Schweigend stand er auf und suchte sich ein anderes, ruhigeres Plätzchen, weiter vorne im Bus.

Robert Enke ist tot

Ich erfuhr es via Twitter. Hannovers Präsident Martin Kind ließ die Bildzeitung wissen, dass er gegen 19:35 Uhr durch die Polizei erfahren habe, dass Robert Enke tot sei. Nach Informationen der WELT hat sich Enke in Neustadt am Rübenberge vor einen Zug geworfen.

Robert Enkes Tochter Lara wurde 2004 geboren, wie mein Sohn. Als ich die Geschichte von Laras Herzfehler las bewunderte ich Robert Enke für seine Stärke. Als Lara 2006 starb nahm mich das mit wie es einen Vater mitnehmen kann, dem nichts auf der Welt wichtiger ist als seine Kinder.

Ohne zu wissen was Robert Enke zu diesem Schritt bewegte: Das ein kluger Mann, jünger als ich, keinen anderen Weg sieht, erschüttert mich zutiefst. Erneut nimmt mich eine Nachricht um Robert Enke sehr mit.

Der Versprecher des Spieltags 12/47

„Der kleine Matip läuft so nebenher und wäre nicht unfroh, wenn er nicht angespielt werden würde.“

Seine Selbstherrlichkeit Marcel Reif, Sky-Kommentator, die Berichterstattung stets der eigenen Formulierung opfernd, über den Schalker Joel Matip, irgendwann zwischen der 31. und der 43. Spielminute des Spiels gegen Bayern München. Nach Matips Tor erwähnte Reif ihn nur noch am Rande. Gestern ernannte der kicker Joel Matip zum Spieler des Spiels: „Kompromisslos im zentral-defensiven Mittelfeld und stark in der Innenverteidigung“.

Ein Punkt zum Trotz

1:1, das dritte Unentschieden in Folge, wieder nach einem Rückstand, diesmal in München. Es war kein schönes Spiel. Schalke spielte auch nicht gut. Aber es war spannend. Es war ein Katz und Maus Spiel, bei dem die Maus dem etwas zu trägen Kater zwar nicht nach schöner Tom und Jerry Art das Dynamit in die Ohren stopfte, ihm aber immerhin ein wenig auf der Nase rumtanzte und sich rechtzeitig und lächelnderweise aus dem Staub machte.

In München redet man sich ein, dass man ohne Ribery und Robben kein kreatives Offensivspiel auf den Platz bringen kann. Als Folge können die Bayern dies wirklich nicht und es entwickelte sich ein Spiel, wie man es auf Schalke in den letzten Jahren ebenfalls sehr häufig gesehen hat. Eine zwar durchaus engagierte aber ideenlose Heimmannschaft biss sich an einer Auswärtsmannschaft die Zähne aus, der die Defensive über alles ging und sich mit dem zufrieden zeigte, was sich ergab.
Viel ergab sich nicht, Schalke spielte seine Konterchancen nur in der ersten halben Stunde ordentlich aus. Fortan, nach dem Rückstand, nach dem Ausgleich, wurde der Ball zu oft zu schnell verloren. Stets eine Spur zu hurtig hüpften die gerade noch auf Ausflug befindlichen Schalker zurück in den Defensivverbund.

Immerhin hatte das Erfolg, denn die großen Bayern konnten sich kaum Chancen erspielen. Das Tor war ein Zufallsprodukt. Einmal schoss Klose. Ein Schweinsteiger-Freistoß ging ziemlich knapp, ein Tymoshchuk-Schuss etwas weniger knapp am Tor vorbei. Es gab viel Gewusel. Man konnte sich bis zuletzt nicht entspannt zurücklehnen. In der Rückschau wars aber weniger schrecklich als befürchtet.

Ein Spaß wird draus, wenn man die Markt- und Erfahrungswerte der Mannschaften gegenüberstellt. Die Herren in Rot dürften mehr Einsätze bei Fußballweltmeisterschaften aufzuweisen haben als Schmitz, Moritz, Matip und Zambrano Bundesligaspiele. Bastian Schweinsteiger grinst weiterhin von jeder 4. Werbeseite in der 11 Freunde, eingerahmt von Weltstars wie Ronaldo, Lampard und Kaka, und man fragt sich wieso, in der Bundesliga tritt er doch nur die Freistöße. Die Namen Mark van Bommel und Anatoliy Tymoshchuk würde man außerhalb der Bundesliga nicht kennen, hätten diese Herren schon immer so pomadig lediglich ihre Platzquadratmeter verteidigt. Angesichts des unausgeschöpften Potentials ist jegliches bayerisches Gejammer um das Fehlen des Monsieur Ribery hochgradig lächerlich.
Mit ordentlichem Einsatz, der richtigen Taktik und guter Organisation auf dem Feld hat sich Schalke mit all seinen Nonames dieses Unentschieden verdient. Mehr brachte Schalke nicht zustande, aber für einen Punkt reichte das. Es ist ein Verdienst, die Schwächen des Gegners auszunutzen.