Artikel im November 2009

Schlagzeilenduell

Der FC Schalke 04 ist der zweitgrößte Verein Deutschlands, das spiegelt sich auch in der Medienaufmerksamkeit wieder. Mögen in anderen Clubs Trainer straucheln, gesucht oder entlassen werden, Gerüchte um angeblich wechselwillige Schalker Spieler oder Geschichten um den Königsblauen zugeneigte Lokalpolitiker generieren in der Regel mehr Aufmerksamkeit. Noch mehr Leser locken nur Bayern-Niederlagen.

Oder Siege. Oder schuhplattelnde Brasilianer auf der Wiesn. Aber am besten gehen doch Niederlagen, der Emotionen wegen. Der FC Bayern verlor sein Heimspiel gegen Girondins Bordeaux und kann nicht mehr aus eigener Kraft ins Champions League-Achtenfinale einziehen. Und da der Club parallel nichtmal die für ihn zweitrangige Bundesliga anführt, gilt Louis van Gaal, der unsympatischste aller Bayern-Trainer, der Presse offenbar als zum Abschuss freigegeben.

Verändert hat sich nichts, beim FC Bayern, in den letzten Jahren. Beseelt vom Glauben, viele Stars erhöhten die Chance auf Champions League-Lorbeer, kaufte man mal diesen, mal jenen Star von internationalem Ruf. Dabei entstanden irgendwie beliebige Kader, denen als Mannschaft nie die Durchschlagskraft wuchs, es tatsächlich mit den großen Europas aufzunehmen. Trotzdem war ein jeder Kader der Bayern stets der in Deutschland beste, teuerste und glamouröseste. Und immer ist es nicht nur so, dass sie jeden schlagen können, sondern das sie es sind, die es zu schlagen gilt.

Schalke hat gegen Hamburg und Leverkusen zwei erinnerungswürdige Fußballabende abgeliefert, zweimal nicht verloren, aber eben auch zweimal nicht gewonnen. Für die Bayern geht es morgen darum, den Anschluss zu halten und für wieder freundlichere Schlagzeilen zu sorgen. Schalke will die Welle weiter reiten. Schlimmstenfalls rutscht Schalke knapp unter den Europapokalplatz-Strich und es werden die Statements von wegen „noch keine Spitzenmannschaft“ wiederholt. Bestenfalls drehen sich die Schlagzeilen weiter nur um Van Gaal. Naja und der Spaß, der wäre bei bestenfalls natürlich auch wieder groß.
Ma’kucken.

Hans Leyendecker

Der Mann hat sich durch erfolgreiche Arbeit einen Namen gemacht. Früher war er beim Spiegel, heute ist er leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. In unzähligen Artikeln leuchtete er aus worüber mächtige Menschen nicht reden wollten, auf Grund seiner Veröffentlichungen kamen kriminelle Machenschaften ans Licht und mussten Politiker von ihren Ämtern zurücktreten. Seit rund vier Wochen beschäftigt sich Hans Leyendecker auch mit den Finanzen des FC Schalke 04.

Heute hat nicht mehr nur seine Arbeit, sondern auch sein persönliches Wort ein Gewicht. Als einer der viel mitbekommen hat traut man ihm zu, Sachverhalte richtig einschätzen zu können. Deshalb, und aus Neugier an der Person eines derart erfolgreichen Journalisten, ist er ein interessanter Gesprächspartner. Heute vor einer Woche war er in der WDR5-Radiosendung „Tischgespräch“ zu Gast.
Darin erzählte er was ihn dazu brachte, Journalist werden zu wollen. Er erzählte wie er den Mächtigen gegenübersteht, wieso er den Begriff „investigativen Journalismus“ meistens für unangebracht hält oder dass er bei seiner Recherche am Telefon erfolgreicher ist als im persönlichen Gespräch. Er erzählt von dem Typ Informanten, mit dem er am besten klarkommt und warum das wohl so ist, wieso er wohnt wo er wohnt, warum er mit Kardinal Meisner nicht warm wird und auch sonst noch dies und das. Gesa Rünker führt gut durch ein Gespräch, in dem es auch darum geht dass Hans Leyendecker Fan von Borussia Dortmund ist. Jeder hat eben seine Leiche im Keller.


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(47:50 Min)
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Pokalauslosung: „Und wieder kein Heimspiel“

Gegen wen ist egal, Hauptsache ein Heimspiel. Das ist wohl eine ziemlich verbreitete Einstellung vor der Auslosung einer Pokalrunde. Im Viertelfinale spielt Schalke nun wieder nicht zu Hause, dafür aber beim vermeintlich leichtesten Gegner, dem Drittligisten VfL Osnabrück. Bei der Auslosung wurde Schalke als Heimspiel-Mannschaft gezogen, verlor aber das Heimrecht auf Grund der Regel, nach der die Mannschaften ab der dritten Liga grundsätzlich Heimrecht haben. Ziemlich genau darum ging es letzte Woche in Kommentaren in diesem Blog.

Wann welches Heimrecht zuerst gezogen, dann aber auf Grund dieser Regel gewechselt wurde, lässt sich für einen längeren Zeitraum nicht mehr ermitteln. Aber welcher Gegner wann in welcher Liga spielte, gegen wie viele Mannschaften welcher Liga man auswärts oder zu Hause antreten musste, das geht.

In der folgenden Tabelle sind alle Vereine aufgeführt die seit der Saison 05/06 bis heute als Erst- oder Zweitligist ein DFB-Pokalspiel ab der 1. Hauptrunde bestritten haben. Aus den Spalten ist ersichtlich, wie sich die Heim- und Auswärtsspiele nach „Gegnerniveau“ aufteilen – konkret also, zu wie vielen Heimspiele Gegner der ersten und zweiten Liga empfangen wurden, und wie viele Auswärtsspiele bei Gegnern der ersten, zweiten oder aller anderen Ligen (A) bestritten werden mussten.
Daraus habe ich zwei „Heimrechtquotienten“ gebildet. Der erste (Ges.) teilt schlicht die Heimspiele durch die Spiele. Beim zweiten habe ich die „automatischen Auswärtsspiele“ herausgerechnet: Das sind grundsätzlich alle Auswärtsspiele gegen Vereine aus anderen Ligen als Liga 1 und 2. Und das sind Spiele gegen Zweitligisten, die bei der Auslosung zur 1. Hauptrunde aus dem „Amateurtopf“ gezogen wurde und somit ebenfalls in dieser Runde ein grundsätzliches Heimrecht genossen. Siehe dazu ggf. die Erklärung zum Auslosungsmodus bei Wikipedia. Die Anzahl der Gegner aus der 2. Liga mit diesem Amateurtopf-Heimrecht sind in der Tabelle in Klammern dargestellt.

Raus kommt die Bestätigung des Gefühls. Ob das nun gut oder schlecht ist überlasse ich dem Betrachter. Jedenfalls hat Schalke 04 auch im Vergleich eine bemerkenswert schlechte Heimquote. Ebenso wie die von Trainer Baade erwähnten Borussia Mönchengladbach und MSV Duisburg, oder auch wie Hertha BSC und Mainz 05. Bemerkenswerte gute Heimquoten haben Dortmund und die Bayern. Wie gesagt, eine Bestätigung des Gefühls.

Matthias in der Weide hat sich des gleichen Themas gewidmet. Passend zur herrschenden Aufbruchstimmung auf und um Schalke weigert er sich aber mit der Losglücksgöttin zu hadern.


Glauben lernen, Teil 2

Wieder eine Aufholjagd. Wieder ein Unentschieden. Wieder ein gefühlter Sieg und eine Heimfahrt in dem Gefühl, dass es doch noch gut gelaufen ist. Und doch war diesmal einiges anders als beim Spiel gegen den HSV. Der Gegner war stärker und der Schiedsrichter war schlechter.

Leverkusens Auftritt in Halbzeit 1 war schon beeindruckend. Technik und Tempo allenthalben. Klare Offensivaktionen, selbst bei den schnellsten Vorstößen fast immer zwei Anspieloptionen für den ballführenden Spieler, und diese konnten die Pässe auch noch verarbeiten. Das war außerordentlich, und man sah wie schwer es für Schalke wird, wenn sich der Gegner durch Tempo einer Großzahl an Zweikämpfen zu entziehen weiß. Doppelt dumm, wenn die anderen Zweikämpfe dazu noch vom Schiedsrichter unterbunden werden.

Im Spiel gegen den HSV ließ Schiedsrichter Gräfe das Spiel sehr viel mehr laufen. Es entwickelte sich ein tolles Spiel mit hohem Tempo. Gegen Leverkusen glaubte Schiedsrichter Weiner, kleinlich pfeifen zu müssen, was er nachhaltig tat. Er bedachte dieses Spiel mit 47 Freistoßpfiffen, Gräfe kam gegen den HSV mit 34 aus. Gegen die Mannschaften der anderen acht Partien des 11. Spieltags wurden im Schnitt 17 Fouls gepfiffen. Weiner pfiff gegen Bayer Leverkusen 19 Fouls. Gegen Schalke pfiff er 28.

Dabei will ich mich gar nicht an dem einen, meiner Ansicht nach ebenfalls falschen Pfiff gegen Jefferson Farfán hochziehen, als dieser in der 60. Minute ein Tor erzielte. Schlimmer war, dass Weiner den Leverkusener Spielern so häufig die Möglichkeit bot, aus verlorenen Zweikämpfen doch noch als Sieger hervorzugehen, was diese auszunutzen wussten. Für eine technisch unterlegene Mannschaft, die ihr Heil im Zweikampf suchen muss, ist es mehr als ärgerlich, wenn Zweikämpfe von der Obrigkeit nurnoch sehr eingeschränkt zugelassen werden.

Und dann erzielt ausgerechnet Sanchez den Ausgleich! In der zweiten Hälfte wurde Leverkusen zunehmend passiver. Dann Hyypiäs Fehler vor Farfáns aberkanntem Tor. Dann Hyypiäs Verletzung. Dann Hyypiäs Auswechslung. Und dann ließ Hyypiäs Abwesenheit den Damm brechen.
Tatsächlich war auch noch René Adlers Fehleinschätzung notwendig, um das Luftduell um ein sehr hohes Kuranyi-Anspiel gegen den kleinen Vicente Sanchez zu verlieren, dessen bei fussballdaten.de angegebene Körpergröße von 170 cm stark geschönt scheint. Sanchez, der sonst so hochgradig ineffektiv über den Platz wuselt, war mit diesem einen gewonnenen Zweikampf hocheffektiv. Und obwohl dieser Treffer in der Situation unwahrscheinlich war, hatte man doch aus dem Hamburg-Spiel gelernt, an solche „Wunder“ wieder glauben zu dürfen. Wer weiß, wenn das Spiel noch 10 Minuten länger …