Warten auf die Wundertüten

Hertha BSC berührt mich nicht. In der letzten Saison gingen sie mir einen Weile auf den Sack, heute sind sie mir so egal wie zuvor. Mag es auch schräg anmuten, was mein „Leben in der Blogosphäre“ angeht spielt Hertha eine wichtige Rolle. Enno Aljets Blog Welt Hertha Linke habe ich ungefähr während seiner gesamten Laufzeit verfolgt, heute besuche ich das Hertha BSC Blog täglich.
Enno Aljets ist einer der wenigen Blogger-Kollegen, die ich bereits persönlich kennenlernen durfte. Seit Jahren schreibt er regelmäßig über seine Hertha, eben so wie ich über Schalke 04, und ich schätze seine zumeist sehr nüchterne Meinung zu den Dingen sehr. Und komme ich mal an Hertha nicht vorbei, so wie jetzt vor dem Spiel am Sonntag, liegt nichts näher als ihn zu befragen.

Hallo Enno. Ich stelle mir vor dass diese Saison für Dich einem Albtraum gleichen muss. Am 2. April diesen Jahres war Hertha BSC Tabellenführer, mit dem offenbar perfekt passenden Trainer, der das genau richtige System für diese Mannschaft gefunden hatte. Dann machte es irgendwie pffffft, und alles ist weg: Ol’ Dieter, der Trainer, das Konzept, Schwung, Erfolg, Punkte und Hoffnung. Ich kann mich nicht erinnern, so was auch nur annähernd in dieser Form und vor allem diesem Tempo schon mal mitbekommen zu haben. Da will man doch sicher nicht mehr hinschauen, oder?! Womit macht man sich da Mut? Gibt es in solch einer Situation irgendwas, das noch Freude macht, von wegen „schönste Nebensache der Welt“?

Diese Saison ist sicher nur etwas für ganz hartgesottene Masochisten. Und selbst die härtesten Jungs habe ich schon mit bitteren Tränen in den Augen aus dem Stadion trotten sehen. Hertha tut derzeit weh und bietet wenig bis gar nichts, mit dem man sich Mut machen könnte. Es ist die typische Negativspirale, sich wechselseitig verstärkende Kleinigkeiten, die alles immer schlimmer und schlimmer machen. Das fängt schon am Ende der vergangenen Saison an, als Hertha sich mit zwei katastrophalen Auftritte gegen Schalke und Karlsruhe nicht nur von der Meisterschaft verabschiedete, sondern erste Brüche innerhalb der Mannschaft öffentlich sichtbar wurden. Dann gab es Pläne, mit Favre zu verlängern, man konnte sich finanziell jedoch nicht einigen. Die Transferpolitik stand unter der Prämisse eines radikalen Sparkurses und misslang auf ganzer Linie. Als wäre das nicht genug, verabschiedete man sich nebenbei noch von Dieter Hoeneß. Da kann ein Fehlstart sehr schnell zu einer negativen Spirale werden, ohne dass man einzelne Gründe konkret isolieren könnte. Bei mir hat sich nach der Niederlage gegen Frankfurt ein kindisch-naiver Trotz eingestellt: Jetzt erst recht! Egal, was kommt.

Ist ja bald Weihnachten. Ob so was in dieser Situation als ein Wunsch durchgeht lasse ich mal dahingestellt, aber stellen wir uns vor: Michael Preetz wird rausgeschmissen und rechtzeitig zur Wintertransferperiode wird Enno Aljets zum neuen Sportdirektor ernannt. Die Sponsoren haben noch knapp 4 Millionen Euro zusammengekratzt. Du hast freie Hand in restlos allen sportlichen Fragen, ist ja eh schon alles egal … Mach doch mal …

Am besten nehme ich das Geld und verdrücke mich auf ein karibisches Insel-Exil. Es wäre eine hoffnungslose Aufgabe. Lucien Favre sagte auf seiner ominösen Pressekonferenz zu Recht, dass Hertha im Winter mindestens 10 Millionen investieren müsste, um den Abstieg zu vermeiden. Es fehlen zwei konkurrenzfähige Außenverteidiger und ein Stürmer mit „Torgarantie“. Jeder allein würde mindestens 4 Millionen kosten. Ich würde im Gegensatz zu Funkel und Preetz auf keinen Fall einen Innenverteidiger verpflichten. Im Kader stehen bereits fünf Innenverteidiger. Ich wüsste nicht, was ein sechster Mittelmäßiger bringen sollte.

Wie wär’s mit Albert Streit? Unter Funkel hat’s bei ihm mit den Scorerpunkten schonmal ganz gut geklappt. Ich denke er wäre relativ günstig zu bekommen …

Ja, der Albert hat mal ’ne halbe Saison ganz gut gespielt unter Funkel. Aber ansonsten ist er doch nur als Stinkstiefel auffällig geworden, schon in Frankfurt, auf Schalke und auch in Hamburg. Er mag ein klasse Fußballer sein, aber menschlich gesehen wäre er wohl besser beim Skispringen, Kugelstoßen oder Sprint aufgehoben. Also irgendein Individualsport, wo er auf seine Teamkollegen keine Rücksicht nehmen bräuchte. Klassischer Fall von „Beruf verfehlt“.
Wäre ich in verantwortungsvoller Position und dürfte tatsächlich entscheiden, würde ich drei äußerst unpopuläre Maßnahmen vornehmen: Ein Verkauf von Patrick Ebert und Gojko Kacar würde das nötige Geld bringen, um den Kader auf eine neue Grundlage zu stellen. Dann hätte man insgesamt vielleicht 15 bis 20 Millionen zur Verfügung. Und ich würde Arne Friedrich nahe legen, seine Karriere in Dubai ausklingen zu lassen. Ich kann den einfach nicht mehr sehen. Wie man einen Kader sinnvoll zusammen stellt, ist dann aber eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Das Einkaufen müsste jemand anderes übernehmen …

Lass uns zum Sonntag kommen. Bei allem Respekt, bei der aktuellen Konstellation wird Felix Magath die Favoritenrolle nicht so leicht ablehnen können. Trotzdem kann ich Dir aus der bisherigen Erfahrung sagen, dass das „neue Schalke“ eine echte Wundertüte ist, von erfrischend flott und gefährlich bis ideenlos träge kann immer alles passieren. Was glaubst Du, wie wird Funkel Eure Mannschaft einstellen, worin sieht er seine Chance und was für ein Spiel erwartest Du?

Traditionell bieten die Spiele zwischen Hertha und Schalke nicht viel mehr als Fußball zum Abgewöhnen. Es wird ein defensives, aber kampfbetontes Spiel, das mit maximal einem Tor auskommen wird. Wahrscheinlich wird es für Schalke fallen, weil Hertha derzeit einfach nur Pech hat. Auf der anderen Seite ist in der vergangenen Saison im Spiel gegen Schalke das Pendel zu Herthas Ungunsten ausgeschlagen. Vielleicht könnte dieses Spiel wieder eine Wende werden und Hertha gewinnt, weil Schalke es zulässt. Funkel wird eine äußerst defensiv und destruktiv agierende Mannschaft auf den Platz stellen. Nach dem Frankfurt-Spiel wurden vom Präsident Konsequenzen angekündigt. Inwiefern sich der Kader noch verändern wird, ist bisher nicht durchgedrungen. Wir werden also mit Spannung auf zwei Wundertüte warten müssen.

Zum Schluss noch mal zu meinem Club, bewusst offen gefragt: Wie siehst Du derzeit den FC Schalke 04?

Dubios. Dieses ganze Finanzgeschiebe ist mir suspekt. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass Clubs wie Schalke, Dortmund, Kaiserslautern oder Köln endlich mal finanziell richtig abstürzen. Diese Clubs leben immer wieder massiv über ihren Verhältnissen, verprassen sinnfrei Geld und werden dann wieder von Kommune, Land oder anderen öffentlichen „Sponsoren“ aufgefangen. Hertha dagegen saniert sich derzeit gezwungenermaßen zu Tode und muss das mit sportlichem Niedergang bezahlen. Das ist alles andere als fairer, sportlicher Wettbewerb. Von Modellen wie Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen ganz zu schweigen. Lizenzentzug und Zwangsabstieg schweben mir vor Augen. Dann hört auch endlich das Gerede von der geringen Berliner Stadionauslastung auf, weil klar werden würde, dass die „Leistung“ der Publikumsmagneten eben in erster Linie auf Finanzschieberei beruht. Das wird in diesen Diskussionen halt nie berücksichtigt. Ich könnte mich bei diesem Thema um Kopf und Kragen schreiben …
Sportlich wage ich derzeit noch zu bezweifeln, ob der „Magath-Effekt“ mit den ganzen jungen „Nonames“ über die gesamte Saison tragen wird. Manchmal kommt das so rüber, als hätte Magath aus einem Trümmerhaufen, der nicht kann, nichts wert ist und kein Potential hat, eine Wundermannschaft geschaffen. Wenn ich mir allerdings anschaue, wer da alles regelmäßig spielt: Neuer, Werstermann, Bordon, Farfan, Kuranyi usw. usf. Das sind teure und gute Kicker, ohne die es sicherlich nicht gehen würde. Das allerdings spricht dafür, dass der Erfolg noch ein wenig länger auf Schalke bleiben wird.

Enno, vielen Dank für Deine Meinung. Gerade Dir wünsche ich nichts Schlechtes, aber wie Du weißt ist Hertha nicht gerade mein Lieblingsclub. Wie auch immer das Spiel am Sonntag ausgehen mag, ich hoffe Du und Deine Kollegen, ihr bloggt in Fall der Fälle auch für einen Zweitligaclub weiter. Glück auf.



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Außerdem ist Enno im Sportblogger– und im Ballpodder-Netzwerk aktiv





16 Kommentare zu “Warten auf die Wundertüten”

  1. kurtspaeter sagt:

    „Lucien Favre sagte auf seiner ominösen Pressekonferenz zu Recht, dass Hertha im Winter mindestens 10 Millionen investieren müsste, um den Abstieg zu vermeiden.“

    Ich finde es ganz interessant, das gerade der Mann, der in meinen Augen diesen Abstieg(?) zu verantworten hat, so etwas sagt und damit Recht bekommt, ohne ihn in Sack und Asche zu hauen. Ganz abgesehen von der Tatsache, das die Hertha sich Voronin, Panteic und Simunic eventuell nicht hätten leisten können, so konstatiere ich für mich, das Favre mit seinem kurzzeitig geglückten Versuch, bei Hertha die Allmacht zu erreichen, für eines verantwortlich ist. Die Zusammenstellung des Kaders dieser Saison. Er hat Hertha in seiner Amtszeit quasi komplett auf den Kopf gestellt. Mit teilweise sehr fragwürdigen Personalentscheidungen wie ich finde.

  2. matz sagt:

    Das ist aber gemein, wie du ihm Albert Streit unterjubeln wolltest..Da ich in Berlin lebe, habe ich auch nicht viel Sympathie für die Hertha, aber so was Übles würde ich ihnen nun doch nicht an den Hals wünschen.

  3. tumulder sagt:

    Ich finde die letzte Antwort sehr interessant, da sie den Unterschied zwischen Vereinen wie Schalke, Köln, Lautern, Dortmund oder dem HSV zu der Hertha wunderbar verdeutlicht. Diese Vereine sind halt Teil der Gesellschaft, fest verankert im täglichen Leben der Menschen. Lebensmittelpunkt. Und nur deshalb konnten sie sich bisher immer wieder berappeln, die Menschen und Retter kommen von alleine. Bei der Hertha habe ich das Gefühl, sie existiert nur, damit der Berliner Boulevard etwas zu schreiben hat, worüber sich die Menschen kurz aufregen können, um anschließend den Blick wieder auf wichtigeres zu wenden.

  4. Enno sagt:

    Tumulder, bevor du vorschnell urteilst und die besondere Berliner Lage vergisst, lies bitte das hier.

  5. Nase. Ohren. Augen. | Hertha BSC Blog sagt:

    […] eines ausführlichen Vorberichts zum Schalke-Spiel, verweise ich auf ein Interview, das Torsten Wieland vom Königsblog mit mir geführt hat. Dort nehme ich zur aktuellen Situation […]

  6. Norbert sagt:

    Natürlich!

    Und das Olympiastadion, dass voll auf Staatskosten saniert und renoviert wurde, ist keine Subvention?

    Außerdem pustet das bundeseigene Unternehmen DB noch haufenweise Geld in den Club!

    Aber das gilt wahrscheinlich alles nicht…

  7. Rayson sagt:

    Enno ist derjenige, dessen Einschätzung der meinen fast 1:1 gleicht. Mit DH, dem eigentlichen Urheber der gegenwärtigen Hertha-Krise, ist er sogar noch außergwöhnlich nett umgegangen.

    Es gibt außer der Rivalität um den jeweiligen Spieltag auch keinen Grund, warum man Schalke und Hertha gegeneinander ausspielen muss. Schalke ist zum Erfolg verdammt, Hertha muss den Misserfolg vermeiden. Und die Stellung des Trainers ist schon gar nicht vergleichbar…

    Wenn die Fußballwelt normal verläuft, schlägt Schalke die Hertha am Sonntag mit 3:0. Das tut mir besonders weh, war doch mein erstes Hertha-Spiel im Olympiastadion eins gegen den damaligen Meisterschaftsfavoriten Schalke. Hertha gewann damals natürlich. Das war noch vor dem Bestechungsskandal…

    Also Schalker, freut euch, dass ihr noch Kohle habt und einen der besten Trainer Deutschlands. Beides kann sich schnell ändern.

  8. Matthias sagt:

    @Rayson: Wir haben Kohle? Was weißt du, was wir nicht wissen? Und warum steht das noch nicht der BILD?

  9. Rayson sagt:

    @Mathias

    Wenn ihr keine hättet, hätte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren wohl doch fortsetzen müssen…

  10. Ollis sagt:

    Es gibt genug Beispiele, die einen wirtschaftlichen Turnaround geschafft haben ohne direkt um den Abstieg spielen zu müssen.

    Mit Michael Preetz als sportliche Leitung wird dies allerdings nicht geliegen. Sowie mit Favre und absoluten Leistungsträgern zum Saisonwechsel umgegangen wurde, musste Hertha in dieser Saison abstürzen.

    Mein Prognose ist, das wenn Hertha im Uefa-Cup weiterkommt, der Abstieg besiegelt ist. Internationale Spiele in der Woche und Kampf um den Klassenerhalt im Wochenende? Das kann meiner Meinung nach nur schiefgehen.

  11. matz sagt:

    Wie konnte die Hertha zwischenzeitlich 55 Millionen Euro Schulden anhäufen, wenn nicht durch sinnfreies Geldverprassen? Wer im Glashaus sitzt…. Und letztes Jahr soll der Verein einen Rekordumsatz getätigt haben, dennoch sind die Schulden wieder um 1,9 Millionen Euro angestiegen. Und man will in der Winterpause nochmal drei Millionen Euro nachlegen, die man nicht hat. Ich sehe nicht ganz, wie sich das von unserem Finanzgebaren unterscheidet, außer dass unsere Schulden im wesentlichen von einem Stadionbau herrühren, denn Hertha nicht zu schultern hatte.

  12. Torsten Wieland sagt:

    Weil Rayson die Rivalität ansprach: Dies ist mal wieder eine gute Stelle, auf den hervorragenden Tagesspiegel-Artikel zum diesem Thema zu verweisen: „Warum Herthas Fans die Schalker nicht mögen – und denen das egal ist“ … sehr lesenswert, inklusive der Kommentare.

    Und von wegen Kohle haben oder nicht, Staatsanwaltschaft etc.: Einfach nicht drüber reden. Der Privatmann, der Anzeige gegen Schnusenberg und Peters erhob, begründete seinen Verdacht mit Medienberichten. Heutzutage ist ein Blog auch „Medien“, nicht dass jemand auf doofe Gedanken kommt und sich Herr Gegenbauer demnächst auch mit sowatt rumschlagen muss.

  13. Endspiel Zwei: Schalke | Hertha BSC Blog sagt:

    […] kann er noch einmal personelle Reizpunkte setzen. Ein weiterer Griff in den Zauberkasten (oder die Wundertüte) dürfte dann aber im Nichts enden. Der nächste Trainerwechsel damit unausweichlich […]

  14. Rayson sagt:

    @matz

    Nicht so aufgeregt: Ich wollte doch Schalke gar nicht angreifen, sondern höchstens beneiden. Die Hertha hat nämlich keine Kohle, und einen Super-Trainer hat sie auch nicht mehr.

    @Torsten

    Mit „Rivalität“ meine ich die ganz normale, wie sie zwischen zwei Bundesliga-Klubs besteht, die an einem Spieltag aufeinandertreffen. Mhr

  15. matz sagt:

    @Rayson: Kleines Mißverständnis, ich meinte Ennos Worte in dem Interview, nicht deine Anmerkung

  16. Ney sagt:

    @torsten wieland: Danke für den link zu dem Artikel. Ich frage mich seit Jahren und Jahren, was das für ein komisches Verhältnis ist, das die „Tagesspiegel“-Überschrift so schön auf den Punkt bringt.

    @matz: Gute Frage, wie konnte Hertha derartig hohe Schulden aufhäufen, dass jetzt gar nichts mehr geht…

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