Handwerk gegen Uhrwerk
Stichwörter: Werder Bremen
Letzte Woche Sonntag, nach dem denkwürdigen Spiel (war das Fußball?) zwischen Schalke 04 und Hertha BSC Berlin, erreichte mich eine SMS: „Du hast doch eine gewisse Affinität zur Green Machine. Willst Du nicht einen Vorbericht schreiben?“. Da sagt man natürlich nicht nein.
Gerade wo ich den Hausherrn erst vor drei Wochen aus dem Badenova-Stadion mit meiner überschäumenden Begeisterung über das Offensivspektakel der Werderaner genervt hatte. Während der alte und der junge Herr Wieland unpräzises geboten bekamen. Und während ich so schreibe, entwickelt sich fast eine Ode an die Elf von der Weser, ist es eine Lobeshymne auf den Verein geworden. Etwas untypisch für einen Schalke-Blog und -Fan, aber in meinen Augen völlig verdient.
Die Bremer sind offensivstark, es entsteht Ballzirkulation auf erhöhtem technischen Niveau, man hat spielintelligente Akteure auf nahezu jeder Position, man ist immer versucht das Spiel zu beherrschen und den Ball vom eigenen Tor wegzuhalten. Das ist keine Mannschaft, die bedingungslos über den Kampf kommen muss oder die Pille einfach wegholzt. Sondern Bremen versteht es, den Gegner auszuspielen. In der Bundesliga an den richtig guten Tagen sogar jeden Gegner.
Werder Bremen ist ein Verein, der es schafft, seine Mannschaft über all die Jahre auf hohem (Bundesliga-) Niveau umzubauen und zu entwickeln. Dabei gibt es zwar immer wieder Rückschläge (Carlos Alberto, Marco Reich, diverse Links- und Rechtsverteidiger wie Jelle van Damme oder Marko Tosic), aber im Kern bleibt ein auch glückliches, aber vor allem intelligentes Händchen bei Spielerverpflichtungen, die den Stil des SV Werder Bremen am Leben erhalten können. Man denkt an einen reaktionsstarken Torhüter wie Rost, an Spieleröffnungen von Ismael oder Krstajic, an die technisch guten Dampfmacher wie Ernst oder Frings, an großartige Spielmacher wie Micoud oder Diego, an erfolgreiche Torjäger wie Ailton oder Klasnic.
Dann schaut man sich die Elf von heute an und entdeckt den reaktionsstarken Torhüter Wiese, die spielenden Innenverteidiger Mertesacker und Naldo, man sieht Frings so langsam wieder in Form kommen, mit dem jungen Bargfrede an seiner Seite, man sieht den herausragenden Spielmacher Özil (mein Herz blutet) und schließlich den erfolgreichen Torjäger Pizarro. Das ist eine Achse, nach der erfolgreiche Mannschaften gebaut werden. Torwart, Innenverteidigung, zentrales Mittelfeld, Torjäger.
In einem Verein, der seit Jahren für Ruhe, Vernunft und Übersicht steht, der schon immer als sparsam gilt und der sich immer als sehr sympathisch darstellt. Durch Unaufgeregtheit, durch Sachlichkeit, durch Bescheidenheit und mit wenig Futter für den Boulevard. Mit einer beispiellosen Kontinuität bei den handelnden Personen. Das Duo Lemke / Rehhagel in den 80er und frühen 90er Jahren wurde nach einer kleinen Durststrecke ersetzt durch das Duo Allofs / Schaaf. Nicht ganz zufällig zwei ehemalige Spieler, die die erfolgreiche Zeit von Lemke und Rehhagel aktiv miterlebten. Und im Hintergrund mit Klaus-Dieter Fischer und Manfred Müller zwei Vorstandsmitglieder, die beide Ären miterlebten und prägten.
Und trotzdem fährt Schalke 04 nicht chancenlos über die A1 Richtung Norden. Denn die Schalker verfügen in dieser Spielzeit über Beisserqualitäten. Man erinnere sich beispielsweise an das Spiel Hoffenheim – Schalke, Anfang der Saison. Als Pliatsikas eine Halbzeit lang hinter Carlos Eduardo herstapfte, bis dieser überhaupt keine Lust mehr auf Fußball hatte. So wird es Mesut Özil ergehen. Oder Aaron Hunt. Oder Marko Marin. Diese quirligen, spielfreudigen Leute werden auf die Socken bekommen, werden Schwierigkeiten bekommen, ihr Kombinationsspiel aufzuziehen. Weil immer ein Schalker Jungspund da sein wird und sie bekämpft. Wenn Schalke 04 in dieser Saison eines gelernt hat, dann zu wissen, wo die Qualität des eigenen Spiels liegt und danach zu handeln. Felix Magath wird seinen Spielern einimpfen: Geben wir Bremen Platz zum kombinieren, so wie es der SC Freiburg tat, dann gehen wir im Weserstadion unter. Und da sich Magath mit seinen ganzen jungen Emporkömmlingen ein Reich schafft, das ihm, dem Entdecker und Förderer, an den Lippen hängt, folgen sie ohne mit der Wimper zu zucken.
kurtspaeter schrieb früher im eigenen Blog über den FC Schalke 04. Seit er sein Blog zumachte gibt er hier in unregelmäßigen Abständen seine Meinungen und Gedanken zum Besten.
Foto: Michael Pries
Kommentare
8 Kommentare zu “Handwerk gegen Uhrwerk”
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Das schöne an Werder ist ja, dass man sich torotz regelmäßiger Abgänge der Leistungsträger, nie sorgen muss, dass kein adäquater Ersatz verpflichtet wird – ich finde das eine ganz erstaunliche Fähigkeit bei Allofs & Schaaf. Würde mir dieses gute Händchen auch mal für meine Gladbacher wünschen – wobei ich mich diese Saison wirklich nicht beklagen kann (z.B.Arango).
Gruß von den
Stadionwuersten
Ich habe diesen Artikel einfach überlesen.
Ich meine, Schalke kann ich noch irgendwie ertragen, aber wer da?, nein, das geht wirklich nicht.
Dusko, nicht Marko Tosic. Sonst guter Artikel, in dem nur der Hinweis darauf fehlt, wieviel Spieler Schalke dem SVW weggekauft hat
Das 0:0 gegen Köln lässt mich hoffen, aber was mir wirklich
Sorgen macht ist das Fehlen von Bordon. Gerade weil Bremen
starke Stürmer hat und mit Naldo ein echtes Kopfballungeheuer
bei Standards. Ich fürchte das wird eine ergebnislose
Dienstreise für unsere Mannschaft. Aber man darf in Bremen
auch verlieren. Nur blöd das die Bauern dann wohl an uns
vorbeiziehen werden und Uli H wieder herumtönen wird.
@Christian: FullAck, ohne Bordon kann es sich zum Trauerspiel entwickeln.
Sehr schöner Beitrag über Werder, da geht einem als Fan das Herz auf – und das in einem (wenn auch sehr guten) Schalke-Blog.
@Stadionwurst: Erstaunlich ist das auch deshalb, weil man vor der Saison eigentlich immer denkt, der aktuelle Kader sei schlechter als in der vorigen Saison.
Nervig ist nur das Gutmenschen-Gehabe mancher Werder-Fans, etwa wenn die in Bezug auf Schalke heute noch von einer Söldner-Truppe sprechen, als spielte Werder mit lauter Eigengewächsen und Original-Bremer Jungs.
Ich muss mich entschuldigen !
Ohne Bordon habe ich unserer Abwehr nicht
sehr viel zugetraut – das war dummes Zeug.
Das war gestern eine absolute Klasseleistung
unserer gesamten Abwehr. Ich möchte hier keinen
Einzelnen herausheben, ein Blockwerk.
Danke !