Artikel im Januar 2010

Fred-Rutten-Gedächtnis-4-3-3

Der Vollmond stand über Gelsenkirchen. Frankensteins Monster hatte sich in eine Mittelklasse-Bundesligatruppe verwandelt, kein Werwolf weit und breit. Hinzu kam eine ordentliche Leistung der Königsblauen und am Ende stand ein verdienter 2:0 Erfolg der guten Seite.

Es war in der vierten Begegnung der erste Sieg gegen Hoffenheim. Die Vorzeichen standen entsprechend, Hoffenheim kam stark ersatzgeschwächt und hatte nach 6 sieglosen Spielen sicher nicht die beste Laune. Und der Spielweise war das fehlende Selbstvertrauen anzumerken. Wo Hoffenheim sonst knallhart in die Zweikämpfe ging waren sie Samstag deutlich zögerlicher. Wo sie sonst mit Kombinationsspiel den Gegner überrannten zeigten sie gefällige Ballstafetten die zwar flott, aber eben nicht überfordernd schnell waren.

Schalke hatte Hoffenheim im Griff. Das Mittelfeld funktionierte. Moritz und Matip spielen wie alte Hasen, Ivan Rakitic wirkte offensiv unglücklich, erfüllte defensiv seine Aufgaben aber sehr souverän und scheint alles in allem weiter an Selbstvertrauen zu gewinnen. Lukas Schmitz wird als Linksverteidiger immer besser. Benny Höwedes und Marcelo Bordon bilden eine Innenverteidigung in der Bordon derzeit der unsicherere Part ist. Und die Offensive findet immer mehr ihre Form.

Rechts ist Schalkes Schokoladenseite. Jefferson Farfan und Rafinha sind gradiose Fußballer die bestens miteinander harmonieren. Im Sturmzentrum ist Kevin Kuranyi gut drauf. Und seit Vicente Sanchez an Durchsetzungsfähigkeit gewonnen hat, spielt das Magath’sche Schalke erfolgreich im Fred-Rutten-Gedächtnis-4-3-3, ohne das sich irgendjemand darüber aufregt. Was wurde in den letzten Jahren auf Schalke „die Systemfrage“ diskutiert! Tatsächlich spielte Farfan im letzten Jahr aber einfach schwächer, Sanchez sehr viel schwächer, und so lag es damals wie heute an sehr viel mehr als nur an der schematischen Formation der Spieler auf dem Platz, dass Schalke damals im Mittelfeld dümpelte und nun zur Spitzengruppe gehört.

„Wir spielen entsprechend unserer Verhältnisse“ sagte Felix Magath während einer der letzten Pressekonferenzen in einem Nebensatz, und eine Journalistin hakte sofort nach. Sie wollte „über unsere Verhältnisse“ hören, Magath hatte sich aber nicht versprochen. Ohne Zweifel hatte Schalke in der Hinrunde auch in den richtigen Situationen Glück. Trotzdem ist eine Entwicklung zu sehen. Die Defensive steht, die Offensive agiert planvoller, schneller und zielsicherer. Alexander Baumjohann wird ein weiteres Überraschungsmoment hinzufügen, dass konnte man in Ansätzen schon sehen.
Es wird weiter auch Glück in den richtigen Momenten brauchen, so wie Samstag beim Foul Sanchez’ an Andreas Beck. Hätte es einen Elfer gegeben, wäre das Spiel ausgeglichen worden, wer weiß wie es weiter gelaufen wäre. Aber ohne hätte wenn und aber – Schalke war die deutlich bessere Mannschaft. Wie man sich eine dann erstarkte Hoffenheimer Mannschaft vorstellen kann, ist eine ordentlich weiterspielende Schalker Truppe, die das Spiel noch für sich entscheidet, ebenso gut vorstellbar, vielleicht sogar wahrscheinlicher. 5 Punkte Vorsprung vor Platz 4, 13 Punkte Vorsprung vor Platz 6 sind weniger Glück denn Ergebnis einer erfreulichen Entwicklung.

Fällt Dir noch was ein?

Weißt Du noch was zu Hoffenheim? Zu denen die nicht beschimpft werden dürfen? Gut dazu fällt mir dann vielleicht doch noch was ein … ich lese ganz gerne in Foren, auch in denen anderer Clubs, und es ist natürlich subjektives Empfinden, aber ich glaube fast überall gibt es vor Heimspielen gegen Hoffenheim mindestens einen Thread, in dem dazu aufgerufen wird, Herrn Hopp doch bitte nicht mit doofen Sprüchen zu bedenken. Man könnte fast glauben das würde irgendwie … nun, lassen wir das. Aber sonst?

Ich habe das Gefühl, dass jeder Joke gerissen wurde. Dass jede Diskussion geführt wurde. Dass jedes Lob ausgeschüttet wurde, über den Milliardär und sein Projekt, über das andererseits auch jede Schimpftriade abgelassen wurde, wogegen sich dann auf alle möglichen Arten gewehrt wurde. Wie es die Bundesliga noch nicht gesehen hat.
Jetzt, wo alles einmal durch ist, wo sich der Hype vor allem auch deshalb etwas gelegt hat, weil die Mannschaft gerade im Mittelfeld dümpelt und sich die Aufmerksamkeit den farbigeren Geschichten zuwendet, jetzt fällt einem nichts mehr ein. Dafür kann man sie jetzt endlich auch einfach so scheiße finden.

Vertreiben wird uns die Zeit also anderweitig. Mit Einwechselspieler-Raten. Aktuell sehr schwierig, finde ich. Ich sag mal …

Sanchez, Rakitic, Moravek

Ma’kucken.

Halil Altintop

Halil Altintop spielt fortan für Eintracht Frankfurt. Als er vor dreieinhalb Jahren nach Schalke kam war er 23 Jahre jung und hatte gerade eine Saison mit 20 Treffern hinter sich. Da durfte man sich Hoffnungen machen. Hoffnungen, die Halil Altintop letztlich nie erfüllte.

Während seiner ganzen Zeit auf Schalke gab es immer wieder diese Momente. Szenen in denen zu sehen war, dass er ordentlich mit dem Ball umgehen kann, besser als Kevin Kuranyi allemal. Es gab diese „Jetzt aber-Spiele“, in denen er traf, die die Hoffung schürten, dass es noch was wird, mit dem Torjäger Halil auf Schalke.
Aber irgendwas kam dann immer dazwischen. Ab und an kleinere Verletzungen. Oder er musste mal wieder die Position wechseln. Oder er war einfach 90 Minuten nicht zu sehen. Und wenn es dann nicht lief, konnte mich seine Ruhe, seine an Lethargie grenzende Gelassenheit und seine schluffige Körpersprache fast in den Wahnsinn treiben.

Meines Erachtens gehört Halil Altintop in die zentrale Stürmerposition und braucht die Gewissheit, dass er auch dann noch des Trainers Mann ist, wenn er mal keinen guten Tag hatte. Auf Schalke war stets und auch zurecht Kevin Kuranyi des Trainers Mann. Halil war der Stürmer der auf der freien Position spielte, die das jeweilige System gerade hergab, und der als erster ausgewechselt wurde, wenn es nicht lief. Er hat sich aber eben auch viel zu selten aufgedrängt.

Nun ist aus dem 20-Tore-Stürmer ein 6-Tore-Irgendwo-Offensivspieler geworden, dessen wohl lukrativster Vertrag seiner Karriere gerade ausläuft. Vielleicht läuft es in Frankfurt besser für ihn, vielleicht wird er dort „der“ Stürmer der Eintracht. Wir werden es mitbekommen. Viel Glück, Halil Altintop!



Foto: Tomek Bo

Noch ’ne Hand: Ronny Gersch

Letzte Woche berichtete Philipp Selldorf in der SZ, dass Dr. Markus Kern als neuer „Finanzleiter“ auf Schalke beginnen würde. Bislang gibt es zu dieser Personalie keine offizielle Meldung des Vereins. Dafür gibt es schon wieder einen neuen Namen:

Ronny Gersch war bislang Pressesprecher und Stadionsprecher des FC Energie Cottbus und soll ab 15. Februar als „rechte Hand Magaths“ diesen bei der Leitung der Lizenzspielerabteilung unterstützen. Das gab er selbst bekannt, auf der Homepage des FC Energie Cottbus.

Laut rein, leise raus

Der HSV umjubelt Ruud van Nistelrooy und vergisst dabei Mehdi Madavikia. Während der große Holländer noch seine erste Spielminute für den HSV heil überstehen muss, hat der vergleichsweise kleine Iraner den HSV einst per Tiefflug gerettet – und verlässt nun leise die Liga.

Ruud van Nistelrooy hat eine eingebaute Torgarantie. 118 Tore in 186 Einsätzen in England und Spanien, eine bessere Quote lässt sich nicht einkaufen. Bliebe nur der Haken, dass es mit den Einsätzen zuletzt nicht so klappte. Zwei Spiele innerhalb eines Wochenrhythmus’ absolvierte er zuletzt im Oktober 2008. Aber jetzt soll er wieder ganz fit sein. Wir werden sehen.

Mehdi Madavikia war dagegen Mister Zuverlässig, gerade im Dienste des HSV. Und seine nachhaltigste Leistung war seine Schwalbe am 10. Februar 2007. Schon zur Winterpause der Saison 06/07 war Hamburg Letzter, und auch nach 20 Spieltagen stand der Club mit lediglich einem Sieg, 12 Unentschieden und sieben Niederlagen am Ende der Tabelle. Der Trainerwechsel alleine, Huub Stevens für Thomas Doll, reichte nicht, dem Dino lag der Schwanz auf Grundeis. Es brauchte den Anstoß des Mehdi. Oder besser den Abstoß desselbigen vom Boden, denn nachdem Mahdavikia in der 10. Minuten des Spiels gegen Borussia Dortmund am 21. Spieltag den Ball am BVB-Torwart Weidenfeller vorbei legte, hob er freien Willens, vielleicht gar einer höheren Eingebung folgend ab, und als er wieder aufkam, wurde alles gut.

Der HSV gewann das Spiel 3:0, holte fortan noch weitere 27 Punkte und schaffte es am Ende noch zur WM auf Platz 7. Gestern unterschrieb der mustergültige Profi bei seinem letzten Bundesligaclub Eintracht Frankfurt einen Auflösungsvertrag und verlässt die Liga Richtung iranische Heimat. Genau weiß man es nicht, aber wohlmöglich hätte es ohne Mehdi nie ’n Ruud in Hamburg gegeben.

Was ich noch zu sagen hätte …

… schreibe ich heute ausnahmsweise mal nicht hier hin. Das gibt es heute Abend im Fußball-Radio 90elf zu hören. Von Dienstags bis Donnerstags läuft da die Sendung 90elf-Bolzplatz, in der jeweils von 20 bis 23 Uhr über Fußball gesprochen wird. Moderator Alex Ibenhain fragte, ob ich auch über Fußball sprechen wolle. Ich will, und machen werden wir es heute. Ma’hören.

Sieg verspielt

Zwei Minuten nach Abpfiff begannen alle Menschen mit königsblauem Herzen darüber zu diskutieren, woran es denn nur gelegen hat. Zwei Tage nach Abpfiff sind wir immer noch nicht einer Meinung, werden es nie sein. Und es ist auch egal.

Tatsächlich hat Schalke eine gute erste Halbzeit gespielt. Die 2:0 Führung war völlig verdient, Bochum hatte kaum etwas entgegenzusetzen. Auch in der zweiten Hälfte ließ Schalke Ball und Gegner laufen, kontrollierte das Spiel, bis zu den unkontrollierten 10 Schlussminuten.
Also dürfen wir uns nun was aussuchen: Schalke war in der zweiten Hälfte nicht konsequent genug, spielte mehr Hase und Igel statt aufs dritte Tor. Felix Magath hätte die starken Vicente Sanchez und Jefferson Farfan nicht so früh auswechseln sollen. Es war der fehlenden Erfahrung der jungen Neuschalker geschuldet. Rakitic hätte den Ball halten müssen.

Ich mag mich nicht so recht entscheiden. Natürlich wäre das Spiel mit dem 3:0 endgültig entschieden gewesen, aber bei einer 2:0 Führung den Ball zu halten ist nicht allzu falsch. Natürlich wirken Magaths Wechsel aus heutiger Sicht unglücklich, aber hätte er gar keine frischen Spieler bringen sollen? Der einzige Defensivspieler auf der Bank war der unerfahrene Tore Reginiussen. Für einen der offensiven Einwechselspieler einen Stürmer rauszunehmen war mithin die defensivste Variante.
Fehlende Erfahrung? Vielleicht, eine Mannschaft funktioniert als Ganzes. Trotzdem darf bemerkt werden, dass in den entscheidenden Szenen die erfahrensten Schalker schlecht aussahen. Und Ivan Rakitic anklagen, weil er vorne nicht ruhig genug spielte, obwohl noch eine handvoll Fehler folgten, bevor der Ball 80 Meter weiter im Netz hing? Lass ma’.

Überlegen gespielt, 2 Punkte liegen gelassen. Erstmals unter Felix Magath nach eine Führung nicht gewonnen. „Lehrgeld bezahlt“. 10 Punkte vor Platz 6. 2-Punkte-Schnitt nach 19 Spieltagen. Denkt man sich an Schalke, Stand Ende letzter Saison zurück, scheint uns wider Erwarten die Sonne aus dem Arsch! Das bringt das samstägliche Spiel nicht zum leuchten, aber es sollte helfen, solch doofe 10 Minuten auch mal abnicken zu können, ohne gleich alles infrage zu stellen.

Glück auf.