Durch Europa ins „Freudenhaus“

Gewinnen ist toll. Im Frühjahr 2008 schlenderte ich gerade durch die City meiner Heimatstadt, als mein Mobiltelefon bimmelte. Meine Frau war dran, wir hätten ein Einschreiben von der Lotterie bekommen, ob sie es mal aufmachen solle. Sicher! Seit Jahren habe ich zwei Dauerlose bei dem was früher „Aktion Sorgenkind“ hieß und heute irgendwie anders heißt. Da wo man ein Haus gewinnen kann. Oder eine Million in bar. Oder ein paar tausend Euro monatlich. Mein höchster Gewinn bis dato waren 10 Euro. Ja, sicher soll sie das Ding aufmachen, und zwar flott!

Wir gewannen eine Zugreise. Keine Million. Aber gewinnen ist toll. Es war eine Sonderziehung, Hauptgewinn war eine Reise im „City Night Line“-Zug der Deutschen Bahn. Den Starttermin konnten wir uns aussuchen, wir entschieden uns für Juli, die Route war festgelegt. In Köln würden wir starten. Abends. Und die Nacht durch Richtung Kopenhagen fahren. Dort hatten wir den Tag für uns und abends ging es wieder in den Zug, schlafenderweise zu einer anderen Großstadt. Kopenhagen, München, Berlin, Paris, Hamburg, Zürich. In München zwei Übernachtungen in einem netten Hotel, ansonsten jede Stadt jeweils für einen Tag.

In Berlin saßen wir morgens gegen halb sieben am Brandenburger Tor ziemlich alleine. In Kopenhagen haben wir uns die Füße plattgelaufen, weil wir dachten wir sollten zur Meerjungfrau pilgern, die aber doch weiter entfernt als angenommen war. Paris war einen Tag vor dem Nationalfeiertag ein völlig versperrtes Labyrinth. München war herrlich entspannt – toll wie viel Freizeit drei Tage sein können. Zürich, sonnig und nobel, wunderschön den Spyri-Steig hinauf, und wenn man schon mal da ist, zieht man die Frau auch noch bis zur „Fifa-Straße“, bis zu Blatters Palast, der dem Vorbeischlendernden aber nur einen dürftigen Blick gewährt.
Hamburg war auch sehr schön und entspannt. Wo wir genau überall waren wissen wir nicht. Das Aussuchen von Sehenswürdigkeiten als Ziele haben wir nach dem Meerjungfrauengelatsche sofort ad acta gelegt. Fortan bummelten wir weitestgehend ziellos oder kreuzten mit der U-Bahn über den Plan. Das war in Hamburg nicht anders. Auch so kamen wir irgendwann an die Landungsbrücken. Und dann lotste ich meine Frau Richtung Heiligengeistfeld, Richtung Stadion, ich wollte ma’kucken.

Auch im Sommer 2008 war das Millerntor-Stadion eine Baustelle. An welcher Ecke wir ankamen weiß ich nicht, jedenfalls stand uns nichts im Weg und wir gingen stetig auf das Stadion zu. Ein Bauwagen ohne Arbeiter. Rechts und links Zäune, vor uns keiner. Und ohne um irgendetwas herumgegangen zu sein, ohne irgendwas beiseite geschoben zu haben, standen wir plötzlich drin.
Wir setzten uns, legten ein Päuschen ein. Es war ein schöner, sonniger Tag. Was macht man in einem leeren Fußballstadion? Nichts. Wir haben nur dagesessen und ich habe mir überlegt, wie es hier wohl sonst so ist. Alles war irgendwie zu alt oder noch zu neu. Trotzdem gab es einem dieses Gefühl von früherem Fußball. Alles irgendwie weniger perfekt, weniger Show. Mehr im Leben. In viel größer kann es das wohl nicht geben. Schön, nicht vom Aussehen sondern vom Gefühl her.

Daran habe ich mich gestern erinnert, als ich mir im Fernsehen dieses schlechte Testspiel meiner Knappen beim FC St. Pauli angeschaut habe. Usselige Bilder, man fror sogar daheim auf der Couch. Vielleicht waren es aber auch die Fehler der Schalker Spieler, die mich schaudern ließen, ich weiß es nicht. Ein Spiel habe ich vor Ort, im Millerntor-Stadion noch nie gesehen. Vielleicht gelingt mir das ja noch mal. Gerne wenn wieder Sommer ist. Dann zahle ich auch Eintritt.



5 Kommentare zu “Durch Europa ins „Freudenhaus“”

  1. sequencer sagt:

    Mein subjektives Empfinden… Warum spielt Schalke eigentlich immer so gruselig, wenn die Spiele live im Free-TV übertragen werden.

  2. heinzkamke sagt:

    Danke, Wortschatz erweitert. Usselig. :)

  3. Frank Dubberke sagt:

    Also mir kam das so vor als wäre die Truppe die platt gewesen.Freundschaftsspiel müssen ja sein, aber so richtigen Wert haben die eher nicht. Da muss man das wie bei uns im Südwesten machen und
    gleich mal ein Derby ansetzen, da ist gleich mehr Feuer drin. Aber was soll’s Sonntag gilt’s wieder.

  4. Mattin04 sagt:

    So ging uns das vor 5 oder 6 Jahren bei einem Hamburg-Wochenende auch mal. An einem verschneiten Freitagabend im Februar bin ich mit einem Kumpel Richtung Millerntor gelaufen. Das geplante Pauli-Spiel war längst wegen hoch Schnee auf dem Rasen abgesagt, und wir haben uns in dem alten Container (=Fanshop) ein paar schöne T-Shirts und Trikots gezogen. Wieder draußen haben wir in der Winterabenddämmerung festgestellt, dass da ein Tor im Zaun offen war, wir also rein, immer weiter, eine Treppe rauf – und auf einmal befanden wir uns mitten auf der Südtribüne. Ein sensationelles Gefühl. Kein Vergleich mit hermetisch abgeriegelten Arenen. Dann haben wir erstmal die ruhige, friedliche Kulisse genossen, kein Mensch außer uns an diesem kalten Winterabend da, der Blick gleitet rüber zum alten Hochbunker im Norden, auf die originelle Werbung oberhalb der Gegengraden (“Nichts ist unmöglich – Deutscher Meister 2006″)!!!! Sensationell. Und nach Lektüre der Astra – Werbung an den Flutlichtmasten (Ein Mast bei jedem Spiel)waren wir dann bereit für eben jenes Kaltgetränk bei Erna im Silbersack!

    Herzlichen Glückwunsch zum 100., FC ST. Pauli – non established since 1910!!

    Sehr zu empfehlen ist die Chronik, St.Pauli.Das Buch!!

  5. derwahrebaresi sagt:

    ich hatte in meiner jugend das vergnügen, dort ein vorspiel bestreiten zu dürfen. wenn ich mich recht entsinne, haben wir seinerzeit 4-1 verloren.
    war trotzdem ein geiles erlebnis.

    übrigens war das zu den zeiten, als f95 mit zewe, seel, zimmermann und co in der buli spielte …

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