„Hecking bedient die Volksseele“

Sonntag geht’s endlich wieder los. Zeit, sich mit dem Gegner, mit dem Club aus Nürnberg zu beschäftigen. Ein neuer Trainer, Gerüchte um Makaay, zwei neue Spieler und der Abgang eines „Häuptlings“: Sieht man von Magaths Entscheidungsfreudigkeit ab ist in Nürnberg noch am meisten passiert. Wie das alles einzuschätzen ist habe ich Alexander Endl gefragt. Alexander macht irgendwie alles und ist irgendwie überall. Ich kenne ihn von Clubfans United, dem besten Blog zum Club.



Es hat sich ja einiges getan, beim Club in der Winterpause. Mit Breno und Ottl wurden zwei Spieler vom FC Bayern ausgeliehen, die man in der Startelf erwarten darf. Dafür ging mit Kluge allerdings auch ein Leistungsträger. Vor allem aber gibt’s mit Dieter Hecking einen neuen Trainer. Was hältst Du von den Verpflichtungen, wie siehst Du Hecking? Was hat er Oenning mehr voraus als nur Erfahrung? Woran machst Du Deine Hoffnungen fest?

Wie sagte das Mario Basler in seiner Hauspostille gerade erst so schön: „bevor die zwei Zivildienstleistenden vom FC Bayern deinen Karren aus dem Dreck ziehen, demonstriert der Schumi für einen auto-freien Sonntag“. Ganz so krass sehe ich das nicht, schließlich traue ich das Schumi zu, aber ich müsste lügen wenn ich behaupte, dass ich diesen Tausch – Ottl gegen Kluge – so er nicht zwingend finanziell notwendig war, wirklich verstehe. Kluge war sicher kein Überflieger, aber einer der wenigen echten Stützen. Dass er gehen wollte verstehe ich sogar, aber dann nicht für die kolportierte niedrige Ablöse – und als Ersatz eine Leihgabe. Und Breno muss sich ja auch erst mal beweisen, was ihm bei den Bayern offenbar bislang nicht gelang. Zudem kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Leihspieler, vor allem Kurzarbeiter mit nur einem halben Jahr Laufzeit, die nötigen 110% anbieten können, die man braucht um rauszukommen. Warum auch? Klappt’s nicht, war halt die Mannschaft zu schlecht und man geht wieder heim ins Nest. Zudem – aber ich will’s auch nicht zu oft noch mal wiederholen – hat sich Ottl mit seiner Aussage vor Saisonbeginn, als der Club schon mal bei ihm anfragte, dass Nürnberg nicht sein Anspruch sei, keinen einfachen Start verschafft …

Hecking sah ich anfangs sehr kritisch, seine Vita, als er meiner Kenntnis nach schon zwei seiner Vereinen selbst verließ um woanders anzuheuern, gefiel mir nicht sonderlich – auch überzeugte mich die Entwicklung in Hannover nicht wirklich. Aber sein Einstand und die ersten Eindrücke waren doch positiv. Was er sagt, klingt gut. Er trifft im Ton eine gute Mischung aus Realismus und Optimismus. Er bedient dabei auch die, die einfach Worte wie „Gras brennen“ und „Kampf bis umfallen“ brauchen, vermittelt aber auch denen, die die Stereotypen nicht mehr hören können, mit vernünftigen Konzepten.

Um ihn mit Oenning zu vergleichen – bzw. was Hecking anders macht oder machen muss – müsste man ausholen. Oenning hatte die richtige Idee, doch die scheiterte am Ende an den Ergebnissen und vielleicht auch an der Mannschaft. Vielleicht geht das Bader/Oenning-Konzept auch gar nicht in einer Zeit, die schnell Erfolge will und vor allem Rückschläge nicht verzeiht. Man wollte ja kein Jugendkonzept nur um der Jugend willen, er hatte die Idee der Schaffung einer strukturellen Änderung im Verein, die unter anderem auf einen guten Unterbau mit eigenen Talenten setzt. Dazu muss man aber auch der Jugend vermitteln, dass der Club eine gute Adresse ist und dies geht am besten, wenn junge Talente in der Bundesliga am Platz stehen. – Hecking will das fortsetzen und das stimmt mich positiv.
Vielleicht hat er einfach ein glücklicheres Händchen oder kann aus seiner längeren Erfahrung die richtigen Schlüsse ziehen. Die Umstellung auf zwei 6er zur Stabilisierung der Defensive klingt Erfolg versprechend. Bringt aber auch nichts, wenn man vorne nicht trifft, ein chronisches Club-Problem seit mindestens 2007.
Was Hecking jetzt schon Oenning voraus hat? Er bedient die Volksseele. Denke, das hat Oenning unterschätzt. Seine ruhige, sachliche Art gefiel mir gut, aber viele Fans wurden fast wahnsinnig darüber, warum man nach einer Klatsche noch sachlich die positiven Seiten referiert. So baute sich im Misserfolg eine Stimmung bei einem Teil der Fans gegen ihn auf – und ich denke auch in der Mannschaft.

Was Hoffnung macht? Dass die anderen auch nur mit Wasser kochen und ich weiter mindestens 8 Mannschaften sehe, die am Ende bedroht sind. Bei einer so geringen Punktausbeute in der zweiten Tabellenhälfte – bis Platz 12 hat man ja noch keine 20 Punkte! – können 2-3 Siege das Bild schnell verändern.

Es wurde ja auch über eine Verpflichtung Roy Makaays spekuliert. Meines Erachtens wäre das für Nürnberg ein riesen Ding gewesen, erstaunlicherweise habe ich in Blogs und Foren von Club-Fans sehr viel Kritik an diesem Vorhaben gelesen. Wenn nicht ein Knipser wie Makaay, wer könnte dem Club sonst helfen? Wenn Du das Sagen und 5 Millionen übrig hättest, wie würdest Du die Mannschaft verstärken?

Ich war zugegeben ein Freund der Idee – aber heulte jetzt auch nicht ins Kissen als es sich als Ente entpuppte. Makaay hätte in jeden Fall mal einen Respektsbonus beschert und einen Schub gegeben. Aber wir hatten das ja schon probiert auf die Art mit einem Koller vor dem letzten Abstieg … Schlägt Makaay nämlich nicht gleich ein, hat man erst Recht ein Problem und noch mehr Unzufriedene im Kader. Und eine Garantie für Makaay gibt es eben nicht – er war sicher mal herausragend, aber das zeigte er auch zuletzt in Rotterdam nicht.

Wenn ich mal Manager mit 5 Millionen spielen dürfte und mal ganz davon abgesehen, dass man einen Spieler dann auch noch bekommen müsste, dann würde ich in der Tat auch noch nach einem 6er Ausschau halten, der dann aber verpflichtet werden müsste. Auch die Idee einen Innenverteidiger zu holen fand ich nicht schlecht, aber eine solide Verpflichtung statt Jungstar-Ausleihe (Breno) wäre mir lieber gewesen. Die Skibbe-Idee, einen Lincoln nach Frankfurt zu holen, also einen wirklich exponierten kreativen Künstler, fand ich gut, wäre aber ein ganz anderer Weg gewesen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass 5 Millionen zwar viel Geld sind, im Fußball aber nichts Gravierendes ändern können. Die Mannschaft muss insgesamt und strukturell auf ein höheres Level geführt werden, also packt man das Geld am besten in die Nachwuchsarbeit und versucht jetzt erst mal mit dem vorhandenen Material auszukommen. Man hat doch viel Talent im Kader, wie Gündogan, Diekmeier, Bunjaku oder Frantz, und es braucht eben Arbeit und Geduld um das zu entwickeln und ein Team zu formen.

In einen Interview sagte Dieter Hecking, die Mannschaft hätte viele Kontertore kassiert nachdem sie zu weit aufgerückt war. Er sprach davon, die Defensive stärken zu wollen, von einem System mit Doppel-6. Ob er sich wohl in die Liga festmauern will? „Nurnoch“ reagieren statt zu agieren? Wie glaubst Du wird der Club auf Schalke auftreten?

Hecking sagte aber auch, dass defensiv stehen keine Spiele gewinnt und man vor allem schneller Umschalten muss nach Balleroberung. Ich teile die Ansicht, dass wir vor allem mal erstmal defensiv stabiler werden müssen und konzentrierter spielen. Nach dem Versuch am Anfang der Saison die Bundesliga im Sturm zu erobern, hat der Gegner bspw. auf der Diekmeier-Seite einfach die Lücke erkannt und ausgenutzt. Diese Balance zwischen Offensivdrang und Defensiv-Absicherung wurde nicht gefunden und wenn man dann mal 2 Buden kassiert hat und paar Niederlagen im Gepäck, verlor die Mannschaft vollends Konzept und Glauben. Apropos Glauben: Fußball ist eben auch sehr Kopfsache und Hecking sagte zu Recht, dass man selbst und der Gegner wieder das Gefühl bekommen muss, dem Club reicht ein Tor zum Sieg. Die Auswirkungen wären wichtig, denn das verunsichert auch den Gegner. So hatte bspw. Dutt mit Freiburg trotz größter Personalsorgen einfach mal stürmisch begonnen – frei nach dem Motto: Falls wir ins Messer laufen und einen kriegen, was soll’s, es geht bestimmt noch was. Nach dem Tor stellten sich die Freiburger dann hinten rein und dachten sich: Bevor die ein Tor machen, schießen wir eher das zweite. Das muss bei uns insgesamt anderes werden.

Auf Schalke wird der Club defensiv beginnen und genau das versuchen umzusetzen, was Hecking vorgab. Also eher weniger Ballbesitz, sondern nach Balleroberung mit wenigen Pässen schnell über die Außen nach vorne. Und bei Ballbesitz Schalke abwarten und die Räume zustellen, aufrücken lassen und dann auskontern. Witzigerweise hat Magath uns irgendwie genau so den Saisonstart versaut.

Von wegen Magath, zum Schluss noch zu meinem Club. Wie siehst Du derzeit Schalke 04? Und wie erlebst Du die Fanfreundschaft, erlebst Du sie überhaupt?

Vorweg: Chapeau! Ich ziehe meinen Hut vor Magath. Was der zur Zeit anfasst klappt einfach – und es ist kein Zufall, sondern Arbeit mit Konzept. Aber ein Teil seines Konzepts ist auch die Mannschaft nach seinem Willen komplett umzustellen. Dass er das parallel zum aktuellen Erfolg wagt und angeht, ist riskant und das macht man nur, wenn man vor Selbstbewusstsein strotzt. Ob es gut geht, wird man erst am Ende der Saison wissen.

Aber ich muss auch schon kritisch sagen, dass Schalke durch den Sponsoren-Einfluss ganz viel Charme verloren hat. Die Wahrnehmung als russischer Werbeträger ist ein hoher Preis für den Erfolg. Zudem – ohne davon Ahnung zu haben – reiben wir uns schon in Nürnberg die Augen, warum ein angeblich derart hochverschuldeter Verein dem Club die Spieler wegholen kann. Diese Finanzakrobatik ist bei uns in Nürnberg trotz easy-credit-Stadion noch nicht angekommen.

Die Fanfreundschaft ist davon weitgehend unberührt, denn da geht es nur um die Menschen, die Fans. Hier sah ich bis vor 2 Jahren noch das Ende kommen, einfach weil solche Fanfreundschaften irgendwie nicht mehr in die Zeit passen und sich verlieren. Aber der Zufall wollte es, dass ich das letzte Spiel der Abstiegssaison, als wir einen Sieg gegen Schalke brauchten um nicht abzusteigen, in meinem Nürnberg im Schalker Gästeblock erlebte. Die ganze Atmosphäre dort, der gegenseitige Respekt, die fast familiäre Liebe zum Fußball und seinen Verein verbindet doch ungemein. Sicher ein Kontrastprogramm zum modernen Erfolgs-Fan oder mit schwarzer Kapuzenjacke vor Megafon, eher wie ein großes Zeltlager unter Freunden und Bekannten. Da wusste ich, dass die Fanfreundschaft Schalke und FCN noch lange nicht am Ende ist – zumindest bei den ganz normalen Fans.

Vielen Dank für den Einblick! Ich denke auch, dass die Fanfreundschaft weiterhin bestand haben wird. Ungeachtet alberner Stimmungsmache in Fan-Foren hat dieses Heimspiel doch einen eigenen, friedlicheren und offenen Charakter. Das einzige Heimspiel, in dem man auch im Unterrang der Arena die ganze Runde laufen kann, weil nichts abgesperrt werden muss.
Ich wünsche Dir und dem Club also alles Gute, bin aber egoistisch genug als dass ich hoffe, dass der sportliche Aufschwung Nürnbergs erst am 19. Spieltag beginnt.
Glück auf.




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5 Kommentare zu “„Hecking bedient die Volksseele“”

  1. skAndy sagt:

    Wenn ich an Kroos, Schweinsteiger oder auch Lahm denke, glaube ich, dass eine junge Bayernleihgabe schon in der Lage ist, mehr als 100% zu geben, und dem entsprechenden Verein weiterzuhelfen!

    Wenn sie es in Nürnberg nicht packen, werden sie es bei den Bayern NIEMALS schaffen, und das sollte Motivation genug sein!

  2. heinzkamke sagt:

    Sehr schönes Vorgespräch. Besonders die Ausführungen über Hecking, den ich nicht so recht einzuschätzen weiß, finde ich interessant.

  3. Interview im Königsblog (Schalke 04) : clubfans-united.de sagt:

    […] Das komplette Interview ist zu lesen im Königsblog: „Hecking bedient die Volksseele“ […]

  4. Tweets that mention „Hecking bedient die Volksseele“ : Königsblog -- Topsy.com sagt:

    […] This post was mentioned on Twitter by clubfans-united.de and Alexander Endl, Königsblog. Königsblog said: Heute im Blog: "Hecking bedient die Volksseele" • Interview mit Alexander Endl zum Club • http://koenigsblog.net.twi.bz/Jb • #FCN #S04 […]

  5. eingeNETzt 17/01/2010 | Spielfeldrand - Das Magazin sagt:

    […] „Hecking bedient die Volksseele“ […]

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