Artikel im März 2010

Surrealer Traum

Sonnenlicht. Das Stadion voll, leuchtend in Blau und Weiß. Überschwängliche Freude, gelöste Spannung. Beim Stand von 5:1 steht Magath am Rand, neben ihm der Mann mit der elektronischen Anzeigetafel. Doch statt einer Nummer leuchtet dort ein grünes „R“.

Die Spieler treten beiseite und unter der Südkurve erscheint ein neuer, ein perfekter Rasen!
Gelächter tost wie ein Orkan, bis es von einem lauten Knall jäh unterbrochen wird: Der rote Kopf Uli Hoeneß’ ist geplatzt.

Das Thema Kuranyi und der falsche Ansatz

Kevin Kuranyi ist in Topform und übertrumpft die aktuellen Nationalmannschaftsstürmer um Längen. Jetzt fordern auch die großen Kritiker und Kommentatoren, dass Bundestrainer Löw umdenken und Kuranyi mit zur WM nehmen solle. Das Argument ist schlüssig: Die Besten sollten für Deutschland spielen. Dies ist jedoch ein nicht zum aktuellen Bundestrainer passender Ansatz. Unter Löw ging es bei Nominierungen noch nie nach Leistung.

Joachim Löw will eine Mannschaft, die harmoniert. Man könnte den alten Spruch hervorholen, nach welchem der Star die Mannschaft ist, um für Löws Kaderzusammenstellungen zu argumentieren. Wenn Joachim Löw einen Spieler und dessen Charakter schätzt, ist quasi alles erlaubt. Dann ist es egal, ob ein Spieler auf dem Platz seinen Mitspieler schlägt, wie Podolski. Dann macht es nichts, dass Stürmer in einer ganzen Saison keine drei Tore erzielen, wie Miroslav Klose. Dann brauchen Spieler in ihrem Club auch kaum zu spielen, wie Jens Lehmann oder Christoph Metzelder vor der letzten EM.

Spieler die Löw nicht schätzt können umgekehrt so erfolgreich spielen wie sie wollen, sie werden in der Nationalmannschaft kein Bein auf die Erde bekommen. Im „Fall Kuranyi“ konnte man den Eindruck haben, als wäre Löw der Vorfall im Oktober 2008 nur recht gewesen. Obwohl er seit Jahren in der Bundesliga zuverlässig das Tor trifft, war er in der Nationalmannschaft stets ein Wackelkandidat. Aber so ist es nicht nur mit Kuranyi, Stefan Kießling geht es kaum anders.
Stefan Kießling spielt eine überragende Saison, ist Sturmführer und Leistungsträger einer spielerisch starken Mannschaft, und trotzdem musste das wortstarke Fußballdeutschland diesen Spieler dem Bundestrainer förmlich aufdrängen, hatte man den Eindruck, als hätte Löw bei Kießlings Nominierung für ein Freundschaftsspiel gegen Chile über einen riesigen Schatten springen müssen. Kuranyi und Kießling haben in der Bundesliga in dieser Saison 33 Tore geschossen und 12 Treffer vorbereitet, mehr als Podolski, Klose, Gomez, Cacau, Schweinsteiger und Ballack zusammen. Trotzdem: Selbst wenn die Medien Kuranyi noch nach Afrika schrieben und Löw nichts mehr einfiele, Kießling daheim zu lassen; beide würden bei der WM unter Löw nicht mehr als das 5. Rad am Wagen, als Einwechselspieler für die 80. Minute sein.

Das Konzept „Harmonische Mannschaft“ kann über das Konzept „Die elf Besten“ siegen, das beweist jede Bundesligasaison in welcher der stets beste Kader des FC Bayern München nicht Deutscher Meister wird. Wenn sich allerdings eine ganze Reihe Nationalspieler seit Monaten in schlechter Form präsentieren, muss man schon mal zweifeln dürfen. Das Ärgerlichste an Bundestrainer Joachim Löw ist aber vor allem dessen Kommunikation: Dass er keinen Klartext redet wenn er einen Spieler nicht will. Dass er von Leistungsprinzip und Konkurrenzkampf spricht. Das Löw’sche „Leistungsprinzip“ bestimmt die Zusammensetzung der Nationalmannschaft wie einst die Demokratie die Volkskammer der DDR.

Erstmals ohne Baumi

Am 19. Spieltag spielte Alexander Baumjohann erstmals in dieser Saison für Schalke 04. Vorgestern durfte er seitdem erstmals nicht für Schalke spielen. Häufig brachte eine Einwechslung „Baumis“ ein spielerisches Element für eine Steigerung in der zweiten Halbzeit. Samstag gab es nichts zu steigern.
Sieben Tipper sagten eine Einwechslung Haos voraus, Christoph Moritz war eh der meistgenannte Name. Aber nach 11 Einsätzen in Folge über die volle Spielzeit nannte niemand Lukas Schmitz, und so darf sich diesmal niemand „Magath-Into-The-Brain-Kucker“ nennen.

Lukas Schmitz hatte im Pokalspiel gegen die Bayern keinen guten Tag und somit war seine Pause durchaus nachvollziehbar. Diesmal spielte Edu im linken Mittelfeld, allerdings völlig anders.
Direkt an der Linie verlor er doch den einen oder anderen Ball und ein toller Flankengeber ist er auch nicht. Insgesamt passte es trotzdem, denn die Besetzung der Außenverteidigerpositionen mit Benny Höwedes rechts und Rafinha links funktionierte hervorragend. Edu konnte sich immer wieder von der Linie lösen wenn Rafinha marschierte und bot sich diesem als Anspieloption an. Die beste Szene hatte Edu aber ohne Ball, kurz vor dem 1:0, als er sah, dass er die Hereingabe Höwedes’ nicht würde verwerten können und den Ball zu Kevin Kuranyi durchlies. Die Szene schaffte es am Wochenende in alle TV-Sender.

Hier die ESR-Ergebnistabelle des Spieltags 28/47:
 



PS: Mittipper Phil bloggt nun auch selbst. Hier entlang bitte: „Turnhallengeruch“.


Alter Finne, das war gut!

Schalke 04 besiegt die beste Heimmannschaft der Liga in allen belangen und zeigt in einem immens wichtigen Spiel ihre beste Halbzeit seit Jahren. Nach 28 Spieltagen ist eine Tabellenführung schön aber noch nicht wichtig. Wichtiger ist erkennen zu dürfen, wie gut diese Mannschaft sein kann und wozu sie sich in dieser Saison schon entwickelt hat.

Die Defensive ist Schalkes Stärke. Einige Male konnte Schalke in dieser Saison auch schon flotten Offensivfußball zeigen, meistens in Kontersituationen oder bei Rückständen, wenn die Angst vor weiteren Gegentoren naturgemäß minimiert war. In der ersten Halbzeit gegen Bayer 04 Leverkusen brachte Schalke alles zusammen und wusste damit den Gegner zu dominieren:
Durch hervorragende Raumaufteilung und gute Laufarbeit schien das Spielfeld für Leverkusen schon in der Platzmitte kaum zu überwinden. Unzählige Male wurden Pässe abgefangen, wurden die gegnerischen Laufwege vorab erkannt und verteidigt. Und fast immer suchte Schalke sofort den Weg nach vorne. Alles wirkte unglaublich wach und direkt, derart, dass sich diese Mannschaft Leverkusens, ein Team voller feiner Fußballer, völlig verzweifelt und mutlos zeigte. An Taktik, Einstellung und Spielweise Schalkes in dieser Halbzeit gibt es nichts zu kritisieren. Lediglich ein bis zwei Tore mehr hätte erzielt werden können, die 2:0 Führung zur Halbzeit stellte die Überlegenheit nur unzureichend dar.

Die zweite Halbzeit war weniger kraftvoll aber immer noch sehr kontrolliert. Direkt in der Anfangsphase fuhr Schalke einige Angriffe und machte deutlich, dass man sich nicht zurückziehen sondern weiterhin agieren wollte. Erst ab der 70. Minute wurde Leverkusen mehr Raum geschenkt. Letztlich blieb es aber dabei, dass Leverkusen kaum eine Kombination durchbringen konnte, dass die Blauen wie Pech an ihren Gegnern klebten und immer irgendwie richtig standen.

Auch wenn Jefferson Farfán ein grandioses Spiel lieferte, heute war eben nicht nur die rechte Seite gefährlich. Rafinha wusste links mächtig zu wirbeln und Rakitic und Matip bedienten die Stürmer auch immer wieder durch die Mitte. Defensiv hat Schalke quasi nichts zugelassen. Nach vorne ging es meistens sehr direkt und in hohem Tempo. Alles, vorne wie hinten, wurde von einem echten Kollektiv geleistet. Die gestrige Leistung hat mich wirklich beeindruckt. Dazu noch in einem Spiel gegen einen direkten Konkurrenten um Plätze und Gladiolen: Ein guter Zeitpunkt.

Gegen die Besten

Es geht immer weiter.

… um mal einen bemerkenswert treffenden Satz eines ansonsten hauptsächlich phrasendreschenden Vielleicht-Beinahe-Schalke-Managers aus einer dunklen Zeit zu zitieren. Drei Tage nach der Niederlage im DFB-Pokal verursacht Schalke 04 das nächste Spitzenspiel des deutschen Fußballs, Samstag, 18:30 Uhr, gegen Jupp Heynckes’ Turn- und Sportverein Bayer 04 Leverkusen.

Ein Spiel, in dem es um die Meisterschaft und um die Champions League Plätze geht. Allerdings ist die Ausgangslage ziemlich unterschiedlich. Schalke spielte mit, kämpfte sich unter die ersten 5, stahl sich unter die ersten 3 und will da nun nicht mehr weg. Leverkusen stand nach 17 von 27 Spieltagen auf Platz 1 der Tabelle und in der Hinrunde war Bayers Kombination aus sicherer Abwehr und quirliger Offensive das non plus ultra. Übrigens auch auf Schalke, Leverkusen war meiner Meinung nach bislang die beste Mannschaft, die in dieser Saison zu Gast war.

Schalke und Bayern daheim – das sind für mich sechs Punkte. Kommen die nicht auf die Habenseite, ist der Zug auf einen leckeren Salat in der Schale aller Schalen abgefahren. So einfach ist das.

… schreibt also auch Jens Peters, wobei mir noch nicht klar ist, ob eine Überzeugung oder der Wunsch die Triebfeder zu diesem Satz war. Leverkusen hat von 14 Heimspielen zehn gewonnen und den Rest auch nicht verloren. Leverkusen ist damit die erfolgreichste Heimmannschaft der Liga.
Kann Schalke (auch) gegen diese Mannschaft bestehen? Wie schwer trifft es Bayer, dass Kießling verletzt fehlen wird? Wie wird es um Schalkes Kondition bestellt sein, nach dem langen Pokalabend am Mittwoch? Wie steht es um die Psyche, nachdem Leverkusen in Dortmund vermöbelt wurde und Schalke gegen (… aber das wissen hier alle)? Und, nicht minder wichtig, wie richtet Felix Magath seine Mannschaft aus? Das morgige Spiel ist hochinteressant, auf Grund vieler verschiedener Aspekte.

Was anderes.
Gestern Abend durfte ich bei 90elf – dem Fußball-Radio zu Gast sein. Also sprachlich, körperlich war ich daheim und telefonierte mit den Moderatoren. Ganz live und ohne doppelten Boden. Ein Mitschnitt wurde mir netterweise zur Verfügung gestellt. Natürlich gings nicht um mich sondern um Schalke 04. Um den Rasen, die Saisonziele, die Aussichten fürs nächste Jahr, um die nächsten Spiele, um Rafinha und um Manuel Neuer. Zirka 20 Minuten Gespräch. Hier nachzuhören …


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(21:33 Min)
mp3-Datei / Podcast-Feed




Bezüglich unseres Einwechselspieler-Ratens hat Magath mit Baumjohanns Einsatz von Beginn an gegen die Bayern „die Karten neu gemischt“. Ich glaube trotzdem wieder an …

Baumjohann
Edu
… und Moritz

Falls ich mir was wünschen dürfte würde ich aber zu gerne mal Mario Gavranovic in Aktion sehen.



Nachtrag: Auch Jens Peters, bei catenaccio Blogger zu Bayer 04 Leverkusen, war am Donnerstag Gesprächspartner bei 90elf. Sein Interview ist nun auch nachzuhören.


 
[Einwechselspieler-Raten: Ein ausschließlich der Ehre halber zu treibender Zeitvertreib, bei dem jeder mitmachen kann, der bis eine Stunde vor Anpfiff die Namen der zu erwartenden Schalker Einwechselspieler in einem Kommentar hinterlässt. Wer 3 Treffer erzielt darf sich bis zur nächsten Runde „Magath-Into-The-Brain-Kucker“ nennen. Wechselt Felix Magath nur zweimal, sind diejenigen, die beide Wechsel richtig voraussagten, natürlich auch toll, aber nicht soooo toll. Eine komplette Liste aller Tipps und Treffer der aktuellen Runde erscheint ebenfalls in diesem Blog. In dieser Spielrunde gibt’s wieder nix umsonst.]

Finale in Köln!

Nichts mehr, was mich im Mai noch nach Berlin ziehen würde. Womit feststeht, dass ich beim Treffen für Blogger, Blogleser, Blogkommentatoren und Twitterer dabei sein werde. Dafür sei hiermit nochmal geworben. Ich freue mich auf jedes Gespräch, das mich ein DFB-Pokal-Finalduell zwischen Pest und Cholera besser ertragen lässt.

Schlechte Wechsel

Alexander Baumjohann spielte von Beginn an, damit war fast schon klar, dass beim Einwechselspieler-Raten niemand drei Treffer haben würde. 25 der 36 Tipper sahen Baumjohann als Joker. Und es wäre wohl auch besser gewesen.

Alles in allem hat Felix Magaths „gewitzte Aufstellung“ nichts gebracht. Zambrano war auf der rechten Außenverteidigerposition ein Unsicherheitsfaktor. Alexander Baumjohann, der als Einwechselspieler in den letzten Spielen so häufig neuen Schwung brachte, konnte das nicht von Beginn an auf den Rasen bringen. Wieso Rafinha nicht spielen durfte, bleibt wohl auch ein Rätsel. Joel Matip hat gegen Ribery einen tollen Job gemacht, aber die Offensive, die Schalke über rechts sonst zustande bringt, war gestern nicht vorhanden. Und Vicente Sanchéz war auch nur bemüht.

Viel Nichtgelingen zu einem Scheißspiel. Ob nun das Spiel ausschließlich das Ergebnis dieser Entscheidungen war oder ob diese nur eben gut zu diesem Abend passten, lasse ich mal dahingestellt.

Hier die ESR-Ergebnistabelle zum Halbfinale des DFB-Pokals: