Absolute Physis

Es sei kein gutes Spiel gewesen, arm an Höhepunkten, so ist zu lesen und zu hören. Mag sein dass es die Torchancenzähler so sahen, und das es diejenigen so fühlten, die sich gut unterhalten lassen wollten. Für mich war dieses Spiel von der ersten bis zur letzten Minute aufregend. Eine Stunde stand mir das Entsetzen im Gesicht, weil Dortmund den Raum im Mittelfeld deutlich dominierte, etwas dass in der Regel Schalkes Stärke ist. Und dann diese „Auferstehung“, wieder mal, als man dachte es geht nichts mehr kam Schalke mit beeindruckender Kraft zurück, und Dortmund hatte nichts mehr entgegenzusetzen.

Magaths Formationsexperiment ging kräftig in die Hose. Edu neben Kuranyi in der Spitze, Sanchez und Farfan auf den Flügeln und mit der Aufgabe, bei gegnerischem Ballbesitz als Mittelfeldspieler zu agieren. Was zunächst offensiv aussah führte zu einer realen Unterbesetzung im Mittelfeld, weil sich Vicente Sanchez für Defensivgegrätsche als zu schwach auf der Brust erwies, und weil sich Farfan irgendwo im Nirgendwo aufrieb und quasi nie an der richtigen Stelle war, wenn mal ein Ball nach vorne geflattert kam.
Überhaupt war es viel Geflatter, immer wieder wurden Bälle hoch und weit nach vorne geschlagen, mal um sich aus Bedrängnis zu befreien, mal weil es den Blauen einfach nicht gelang, sich am Boden durch die gelben Reihen zu spielen. Zu viele geringelte Beine, sehr fixe Beine.

Dortmund spielte bis zirka 20 Meter vor dem Schalker Tor hervorragend. Fast überall auf dem Platz schafften sie Überzahl in Ballnähe, sie forcierten Fehler indem sie die Blauen schon in deren Hälfte attackierten. Es gab Szenen, in denen Dortmund sechs oder sieben Ballkontakte unmittelbar vor dem Schalker Strafraum ausspielen konnte, weil jeder Schalker alleine auf verlorenem Posten stand. Häufig genug – zu häufig – kamen die Gelben mit dem Ball auch vors Tor. Hätte sie einen Knipser gehabt, es hätte nach 20 Minuten schon 0:2 gestanden.

Sie hatten keinen, und so kam es zwar zu vielen brenzligen Situationen, aber doch erst mit dem Elfer in der zweiten Halbzeit zur Führung für Borussia. Rund 15 Minuten dauerte die „Trauerphase“, dann hatte jeder Schalker realisiert dass es nichts mehr zu verlieren gab und drehte auf.
Wieso das erneut so funktionierte, wiese es so häufig so weit kommen muss, ich weiß es nicht. Plötzlich glüht alles. Plötzlich ist alles so viel kraftvoller. Mit jeder gelungenen Aktion und mit jedem Pfiff des Schiedsrichters für den Gegner wird das Stadion lauter, was wiederum die eigenen Mannschaft noch weiter anstachelt. Weil es in dieser Saison schon öfter geklappt hat, glaubt man plötzlich wieder dran. Dann wird erzwungen, was zuvor nicht erspielt werden konnte.

Borussia hadert nun (wieder) mit dem Schiedsrichter. Laut der offiziellen Vereinswebseite habe Herr Gräfe in der zweiten Hälfte zugunsten der Blauen gepfiffen, die sich nur mit „Zweikämpfen am Rande des Erlaubten, viele Nickeligkeiten und kleine versteckte Fouls“ zurück ins Spiel brachten. Meines Erachtens ist das Selbstschutzgenöhle. Meines Erachtens brachte es Jürgen Klopp sehr viel besser auf den Punkt.

Jetzt ist man im nahen Osten erst mal wieder leise. Noch 10 Spieltage. 8 Punkte Vorsprung vor Platz 4, 10 vor Platz 6. Ma’kucken.



15 Kommentare zu “Absolute Physis”

  1. Christian sagt:

    Unglaublich das dieser komische Ballverein
    sich durch den Schiri benachteiligt sieht!?
    Der Freistoss war in der gesamten 2. Hälfte
    der einzige Pfiff pro Schalke. Die freundlichste
    Bemerkung zu Fussballfreund Gräfe in meiner
    Umgebung war “er ist nicht unser Freund”.
    Ich habe die Dinge anders verbalisiert :-)
    Egal es war ein tolles Fussballfest und wer bei
    diesem Spiel keine feuchten Augen bekommen
    hat, der ist schon tot. Glück auf

  2. packer sagt:

    Stimmung ab der 60. war einfach genial. Insbesondere das Hüpfen der ganzen Stadions, hab ich so noch nicht erlebt.
    Und Rakitic ist auf der 6 sehr gut aufgehoben.

    Langsam werden die Derbysiege echt zur Routine, und das folgende Geheule der Pinocchios. Der Artikel auf der offiziellen KGaA-Seite ist einfach nur noch peinlich. Und der Versuch von Klopp und Co Kuranyi eine Mitschuld am Kieferbruch anzudichten finde ich infam. Der Schubser war am Rande eines Fouls, kann man abpfeifen, aber niemals Gelb. Und die Verletzungsgefahr hat Weidenfehler durch seine sinnlose Kamikazeaktion herauf beschworen. Wer wie Kahn einschüchtern will, sollte das auch können.

  3. Torsten Wieland sagt:

    Mit ging vor allem der Linienrichter auf der Trainerbank-Seite auf den Senkel, wobei ich mich dahingehend immer selbst zur Zurückhaltung ermahne, weil ich aus meiner Ecke objektiv garnix beurteilen kann. Aufregen kann man sich in der Ecke aber prima.

    Hat sich Klopp auch so zu Kuranyi geäussert?
    Ich seh’s auch so: Man kann da ein Foul pfeifen, aber da Absicht zu unterstellen grenzt an üble Nachrede.

    Insbesondere das Hüpfen der ganzen Stadions, hab ich so noch nicht erlebt.

    Ja, das war großartig :-)

  4. packer sagt:

    Klopp hat sich zu der Szene nicht ganz so übel geäußtert wie die KGaA auf ihrer Webseite, aber er hat das schon länger thematisiert und es für ein eindeutig gelbwürdiges Vergehen angesehen. Absicht hat er ihm natürlich nicht unterstellt, aber schon eine (zumindest) Mit-Schuld.

    Was die Pinocchios auf ihrer Webseite ablassen, spricht ja allem Hohn, was man an Fair-Play und Sportsgeist eigentlich erwarten könnte.
    Langsam weiß ich nicht mehr, wie man mit denen eine halbwegs faire Grundlage für die nächsten Derbys finden soll.

    Aber gut, sichere 3 Punkte und die heulen lassen

  5. Phil sagt:

    So, wie der Weidenfeller aus dem Tor gestürmt kommt, nimmt er sowohl eine mögliche Verletzung des Mitspielers als auch des Gegenspielers in Kauf. Vorallem kommt er völlig ohne Not wie von der Tarantel gestochen herausgestürmt. Und der Faustschlag hat meiner Meinung nach auch nicht mehr allzu viel mit Torwartspiel zu tun, sah eher nach Faustkampf aus…
    Ist doch ganz klar, dass Kuranyi bei so einer offensichtlichen Bedrohung sein menschliches Schutzschild aktiviert ;)

  6. Jan sagt:

    Zeig mir einen Stürmer in der Bundesliga oder überhaupt, der da nicht schiebt. Wenn man dem Kevin vorher gesagt hätte, dass der Weidenfeller den Hummels deshalb direkt zum Krüppel schlägt, hätte er das wohl nicht gemacht.

  7. Manfred sagt:

    Ich darf hoffentlich mal böse sein, ja?
    Ich tippe ja: da war vorher was zwischen dem Weiden und dem Hummelsfäl- nee, andersrum.
    Noch so’n Spruch – Kieferbruch, you know :D

  8. Conti sagt:

    Tut hier zwar nichts zur Sache, aber ich (als Werderaner) hätte ja lieber eueren Manu als deren Rene im Tor bei der WM gesehen. Aber das war ja wie so vieles andere schon vorher klar (Frings, anyone?).

  9. Thomas25 sagt:

    Bei dem brutalen Faustschlag von Herrn W. an Herrn H. sollte der DFB darüber nachdenken, ihn vielleicht noch nachträglich zu sperren….

  10. Dr. Death sagt:

    OOT (conti): Die Nominierung des Bundesadlers passt wie Faust aufs Auge ( doch n bisi Topic *g* ) zu Herrn Magaths Auftritt. Kann mir jemand folgen?

  11. Nick sagt:

    Der “Kicker” meint, der BVB hätte einen Elfmeter und Nutella-Kevin Gelb-Rot kriegen können, aber die sind ja auch gekauft, um Schalke schlecht zu schreiben – oder, Felix?

  12. Torsten Wieland sagt:

    @Nick: Kaum jemand bestreitet, dass es “hätte”. Was ich hanebüchen finde ist die Unterstellung von Absicht. Und die Sache mit dem 11er ist eine unrealistische Betrachtungsweise. So’n Gezupfe wird ausserhalb des 16ers immer, innerhalb so gut wie nie gepfiffen. Auch wenn es nicht in den Regeln steht, es gelten für innerhalb/ausserhalb in der Fußballrealität verschiedene Maßstäbe. Oder auch so wie es “amoroso2008″ im westline-Forum formulierte: Hätte Gräfe so einen Elfer gepfiffen, hätte er mit Sicherheit nicht auch noch den “Fußsteher” in der 2. Hz gegeben.
    Alles sehr ungerecht, ich weiß.

  13. Erle72 sagt:

    Olympia ist vorbei. Endlich können sich die Sportreporter wieder ganz dem Thema Fußball widmen, mit den üblichen verheerenden Folgen. Da wird jedes Spiel nach vermeidlich umstrittenen Szenen durchsucht die dann wie Trophäen den Kollegen zum Diskussionsfraß vorgeworfen werden. Was das mit den orginären Aufgaben des Reporters wie Analyse der Hintergründe, der Taktik, der Aufstellung und Einstellung zu tun hat, ist mir ein Rätsel.
    Olympia ist lehrreich. Fußball ist wie mit dem Ski einen Berg runter fahren. Die Regeln entsprechen den Stangen die vom Schiedsrichter gesetzt werden. Es gewinnt der, der die Stangen am schnellsten fehlerfrei umfährt. Ich habe bei Olympia noch nie davon gehört das erwachsene Menschen sich stundenlang darüber unterhalten wer wohl wann durch das Setzen einzelner Stangen benachteiligt wurde. Die besten Fahrer sind die mit der besten Taktik, Einstellung und Fahrtechnik und manchmal dem Quäntchen Glück – eben wie im Fußball.
    Natürlich ärgere ich mich als Fan über die eine oder andere wirkliche oder vermeintliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters; wer wüßte das besser als die Schalker (Stichwort Hamb… Alesia! welches Alesia?). Das gehört halt zu dem verrückten Fandasein.
    Wenn aber von der geifernden Journaille jede noch so klare Szene zum Eklat hochstilisiert wird und Fußball-live-Kommentatoren sich benehmen wie Denunzianten die angeblich ihrer jounalistischen Wahrheitspflicht genügen müssen, wenn also die allgegenwärtige Emotionalisierung der Fernsehinhalte jegliches Niveau verdrängt, dann bekomme ich nur noch das Kotzen.

  14. Nick sagt:

    @Erle72: Das kannst du allerdings im konkreten Fall Magath dem Sky-Kommentator Henkel nicht vorwerfen. Der hat Kuranyi nicht unterstellt, Hummels absichtlich verletzen zu wollen, der hat nur Magath nach einer Einschätzung dazu gefragt, ob es Foul war oder nicht. Man kann die Medienschelte auch übertreiben.

  15. Spass inne Backen: Derbysieg! sagt:

    [...] erstmals seit Februar 2010 wieder die Luft aus den ständig aufgeblasenen Backen (sic!). Damals siegte Schalke mit viel Kampf und Härte, in den folgenden vier Begegnungen war Dortmund [...]

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