Eyyyyyyy! statt Olé Olé

Ich hatte mich für diese Frauen-WM 2011 zum Event-Fan erklärt. Sich des Tohuwabohus erfreuen, Spaß an der Veranstaltung haben, ohne sich über Misslungenes zu grämen. Jubeln, wenn es was zu jubeln gibt, wenn nicht umschalten oder nach Hause gehen, und dann eben wegen anderer Dinge fröhlich sein. Ich habs nicht geschafft. Die Spiele Deutschland gegen Japan und USA gegen Brasilien habe mich tatsächlich emotional werden lassen. Ich habe mich geärgert, vor allem an diesem Wochenende. Das ist mehr als ich erwartet hatte und deutlich besser als nur Olé Olé.

Hätte mein Sohn nicht neben mir gesessen, ich hätte den ZDF-Kommentator verbal in Grund und Boden gestampft als er im Spiel Deutschland – Japan fabulierte, die deutsche Mannschaft sei hervorragend eingestellt gewesen, es hätte nur nicht sollen sein. Schwachsinn! Deutschland spielte 120 Minuten Brechstangenfußball ohne die geringste Ahnung, wie es besser gehen könnte. Die gesamte Spielidee Deutschlands war es, dass Melanie Behringer den Knicker von überall auf dem Platz hoch vors Tor schlug, in der Hoffnung dass irgendjemand mal den Kopf dran bekommen würde, dass das Ding schon irgendwie mal rein ginge. Keinerlei Überraschungen, keine Pässe hinter die Abwehrreihe, kein Kombinationsspiel. In Sachen Raumaufteilung und Ballbehandlung war Japan überlegen, dazu bei Kontern immer gefährlich. Deutschand schied aus und ich war verärgert und ein bisschen traurig. Das hätte mir mal einer vor ein paar Tagen sagen sollen …

Ebenso verärgert war ich gestern während des Spiels USA – Brasilien, nur dass ich diesmal am Schluss zufrieden war. Eigentlich hätte mir der Ausgang des Spiels völlig egal sein können, aber die Mischung aus Beschiss gegen das US Team und die Art und Weise, wie Brasilien auftrat, ließen mich eindeutig Stellung beziehen.
Dass die Schiedsrichterin den verschossenen Strafstoß Brasiliens in der 67. Minute wiederholen lies war ein Witz, das nicht geahndete Abseits beim 2:1 kam noch obendrauf. Dazu brachten die alle irgendwie gleich aussehenden, brasilianischen Furien, die bei jedem Foul mit der Forderung nach einer gelben Karte auf die Schiedsrichterin zustürmten, die sich minutenlang auf dem Platz herumwälzten, um an der Linie sofort quitschfidel aufzuspringen, nicht nur mich, sondern auch die große Mehrheit der Zuschauer im Stadion gegen sich auf. Ein klassisches Gut gegen Böse-, Außenseiter gegen Favorit-Spiel, das mit dem Ausgleich in der letzten Minute der Verlängerung und dem guten Ende fürs richtige Team im Elfmeterschießen den bestmöglichen Abschluss fand. Dramatischer geht’s eigentlich nicht.

Dieses Aufregen, diese Spannung, und selbst dieses Scheißefinden Martas war wichtiger als tausende Plakate, wichtiger als all die Reden, in denen mir beigebracht werden soll, wie toll die Frauen doch spielen können. Es war spannend. Darum geht’s.



Fotos: boellstiftung, Dimmerswitch



23 Kommentare zu “Eyyyyyyy! statt Olé Olé”

  1. Kowski04 sagt:

    Zu D ist alles geaagt. Brasilien, der Ref und Kommentator mies. Aber spannender geht es wohl kaum.

    Blaue saisoneröffnung voll die bratwurst. RR erschien wirklich angekratzt, hatte ja nun auch wohl erste erfahrungen mit den versprechungen unseres mgmt sammeln dürfen. Mal sehen wann es da knalltp

  2. Sebastian sagt:

    Und ich hab’s nicht gesehen…
    War aber auch so, nach dem Deutschlandspiel, erstaunt, weil ich nicht auf meine Enttäuschung vorbereitet war.

  3. David04 sagt:

    BRA-USA war WIRKLICH mal ein spannendes und emotionales Spiel, hätte ich niemals mit gerechnet. Dagegen haben mich die blutleeren Auftritte von Deutschland echt kalt gelassen, auch der gegen Japan. Ich hatte mich bei dem Spiel glaub ich eh schon zur 60ten Minute damit abgefunden, dass das nix mehr wird mit Grings und co. Aber USA war Leidenschaft, David gegen Goliath und rebirth of the Fußballgott gleichzeitig. Endlich hat mal das Gute gesiegt. Und ich freue mich auf Japan-USA im Finale. Prognostiziere ich hier einfach mal.

  4. Exil-Schalker sagt:

    Mir geht’s größtenteils ähnlich, ohne Drama, ohne Spannung, kann der Fußball noch so „technisch versiert“ sein, es ist halt kein Fußball. USA – Brasilien war sicherlich kein Leckerbissen, aber eben emotional auf einem ganz anderen Level als die Spiele davor und das bisher einzige Spiel, was ich einem gepflegten U17-WM-Kick evtl. vorzöge.
    @Kommentator: Eurosport lässt sich ganz gut ertragen, wenn da nicht dieses matschige Bild wäre…
    @Schiedsrichter: Ich will Jenny Palmqvist (FRA-ENG) für alle restlichen Spiele, ersatzweise bitte Frau Steinhaus :) Nach den teilweise grottenschlechten Leistungen (Fehlentscheidungen wie bei der Männer-WM) war diese Spielleitung eine Offenbarung, erinnerte mich schwer an Ravshan Irmatov letztes Jahr.

  5. hirngabel sagt:

    Sehr guter Kommentar, der auch meine Herangehensweise ganz gut beschreibt, allerdings hat es gefühlt schon vor dem Wochenende „geklickt“.

    Ein kleiner Widerspruch muss allerdings sein: Die Aussenseiterrolle halte ich bei den USA für doch etwas unpassend. Die sind doch klarer Mitfavorit vor WM-Beginn gewesen und jetzt sicherlich Top-Favorit auf den Titel.
    Aber passt natürlich besser ins Gut-Böse-Schema. ;-)

  6. matz sagt:

    Ich hoffe auf ein Finale USA-Schweden mit dem besseren Ende für die Amerikanerinnen. Da ist es doch für einige Spielerinnen die letzte Chance. Dass Brasilien es schafft, mir bei den Frauen noch unsympathischer zu sein als bei den Männern, ist schon eine Kunst.
    Eins sollte aber unter Strafe gestellt werden: die „Behauptung“ vom technischen feinen Frauenfußball. Seit 2007 hat sich da überhaupt nichts verbessert, die technischen und taktischen Fähigkeiten sind weiter äußerst bescheiden. Wie lange sich solche „Vorurteile“ halten, wenn sie erst einmal in die Welt gesetzt sind, ist schon erstaunlich.

  7. Trainer Baade sagt:

    Bin mir nicht so sicher, ob nicht ohnehin die große Mehrheit der Anwesenden Nichtneutralen für Amerika war. Anders gesagt: die mussten nicht erst umfallen, sie wurden wohl nur vom Spielverlauf besonders angestachelt. Ich war allerdings natürlich nicht vor Ort, vielleicht gibt es ja hier irgendwo einen Augenzeugen der Partie, der etwas zum Fanverhältnis im Stadion sagen kann.

  8. hoffedoc sagt:

    @Torsten …. und alle anderen

    Bin erleichtert, dass die Deutschen raus sind!! Ich bin nur Fan, wenn es etwas zum Fansein gibt.
    Der Kommentator sagte, die Japanerinnen übten intensivst das Kurzpasspiel im Dreieck. An wen erinnert uns das? Genau! Für mich sind sie bisher die beste Mannschaft.

    Habe gehört, das Publikum war eindeutig zu Anfang auf brasilianischer Seite (underdog) und ist erst nach dem wiederholten Elfmeter total umgeschwenkt. Finde das Publikum überhaupt bei der WM ziemlich gut, fußballverständig und sensibel!

    @kowski04
    Schon wieder königsblaue Skepsis? Nix! Das wird eine gute Saison.
    (Rangnick hat immer so diesen leicht vergrätzten Ton drauf. Will bei ihm nichts heißen. Der kann gar nicht anders. Musste mal beim ersten Sieg drauf achten!)

  9. matz sagt:

    @Hoffedoc
    Hm, ich habe das Japan-Spiel in einem Berliner Biergarten verfolgt. Ich weiß nicht, ob es ein Großstadtphänomen war, aber gefühlte 75 Prozent der Anwesenden waren Frauen in kleinen und großen Gruppen und anhand der Kommentare zu urteilen eher Fußballgelegenheitsgucker. Und beim Publikum in den Stadien hatte ich ein ähnliches Gefühl, was schon die übermäßige Zahl an La Ola-Wellen zum Ausdruck brachte. La Ola und Fußballsachverstand schließen sich eigentlich aus. Ich fand es eher ein Event-Publikum.

  10. Exil-Schalker sagt:

    Die Freibadatmo in den meisten Stadien kommt sicher nicht von ungefähr, die Wellen und auch manch merkwürdiger Klatscheinsatz sprechen ebenfalls nicht für allzu viel Sachverstand. Auch die ganzen Bilder, welche einem so serviert werden, lassen eher darauf schließen, dass die überwiegende Mehrheit in den Stadien Familien und „Eventfans“ sind.

  11. schlupp sagt:

    Ich habe mich auch tierisch über den Ausgleich gefreut, finde aber die amerikanische Torhüterin genau so furchtbar wie Marta. Dieses permanente Spielverzögern, auch das Auftreten beim Elfmeterschießen, einfach widerlich!

  12. GeBuer sagt:

    Gott sei Dank, ist Deutschland weg vom Fenster. Konnte diese Lobpudeleien auf die Mannschaft schon nicht mehr hören. Deutschland war nach den guten Vorbereitungsspielen ja von unseren Medien schon als Weltmeister gekürt. Jetzt haben die Spielerinnen ja ausgiebig Zeit für Werbekampagnen oder wer weiß noch was. Das nächste Jahr wird sportlich ja schön ruhig. Olympia ade. Sonst wär der ganze Mist da von vorne losgegangen, von wegen Goldmedaille. Und sagt irgenwer noch mal „Sommermärchen“, dreh ich durch. Und Marta kann ich nur sagen: „Du kochst auch nur mit Wasser. Andere können es auch!“

  13. Torsten sagt:

    amerikanische Torhüterin genau so furchtbar wie Marta

    Watt? Voll dat Schnittchen, wirklich gut, und ein Name, fast wie aus Star Wars … was kann man denn noch mehr wollen?!

    Aber noch was ernsthaftes:
    Bei der WM 2006 war der Anteil an „Event Fans“ ebenfalls sehr hoch. Ich vermute, dass das bei solchen Turnieren generell so ist. Ich finde das auch nicht wirklich schlimm. Überhaupt mag ich diese richtige- und falsche-, gute- oder bessere Fans Spielchen nicht.

  14. hoffedoc sagt:

    @alle

    also jedenfalls haben die Zuschauer in den Stadien die krass falschen Schiedsrichterentscheidungen, wenn sie vorkamen, erkannt und mit Pfiffen „honoriert“. Und wenn Laola die Langeweile bei schlechten Spielen vertreibt, ist das doch eher ein Zeichen, dass die Qualität des Spiels richtig erkannt wurde, oder??

    Ich war selbst nur in Sinsheim im Stadion, und da sitzen auch bei Bundesligaspielen ganze Familien… Fußballverstand ist ja nun nicht zwingend Alters- und Geschlechtsabhängig

  15. matz sagt:

    Der wahre Fußballfan weiß ja, dass sein Fandasein aus einer langen Abfolge von Grottenkicks besteht, bevor so ein Highlight wie die Nacht von San Siro folgt. Der Event-Fan, der eher nur bei Großereignissen auftritt und das von den Medien angekündigte unvergeßliche Erlebnis erwartet, merkt natürlich auch, wenn es langweilig ist. Weil er aber auf Event gestimmt ist, kommt es zur Welle. Sowas würde beim Montagabend 0-0 zwischen Ingolstadt und Aachen nie passieren :-)

  16. Carlito sagt:

    @Kowski04 zu „Blaue saisoneröffnung voll die bratwurst. RR erschien wirklich angekratzt, hatte ja nun auch wohl erste erfahrungen mit den versprechungen unseres mgmt sammeln dürfen. Mal sehen wann es da knalltp“:

    Laut Heldt im Kicker (http://www.kicker.de/news/fuss.....cschalke04) wurden Ralf Rangnick die Rahmenbedingungen auch schon so beim Amtsantritt mitgeteilt. Außerdem glaube ich nicht, dass er einen Tag später immer noch deswegen angefressen ist bzw. das so zeigen würde.

    Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass RR nicht wusste wie es finanziell um S04 steht. Vielleicht hat er nach dem Neuer-Deal nur auf mehr Risiko seitens der Vereinsführung gehofft.

    Meine Meinung dazu: Gut so, dass es anscheinend nun anders läuft/laufen soll. Ist ja nicht so, dass wir keine Truppe haben, die unter guten Umständen nicht unter die ersten 5 kommen kann.

    Sollen sie sich noch von dem einen oder anderen trennen (z.B. Jones), dann ist ja auch wieder mehr finanzieller Spielraum.

  17. Svenja sagt:

    RR ist in 8-10 Monaten nicht mehr Trainer. Wenn die Stimmung „bei der kleinen“ Gruppe kippt dann evt. auch schon früher. Abwarten.

  18. Carlito sagt:

    Was haben die denn jetzt schon wieder zu kacken?!? Oder ist das nur ne Vermutung?

    Und überhaupt: ich will es nicht hoffen, denn
    1. ist RR ein sehr guter Trainer und
    2. brauchen wir endlich mal wieder KONTINUITÄT im Verein!!!

  19. matz sagt:

    @Carlito

    nicht in die Irre führen lassen

  20. DeepBlue sagt:

    Ich habe es wirklich versucht, ganz ehrlich !!!

    Doch wenn von 10 Pässen gefühlte neun mehr oder weniger planlos beim Gegner landen, fällt mir das Event-Gefühl echt schwer.
    Dies dann als Fussballfest zu verkaufen, zur besten Sendezeit?

    Da bin ich höchstens amüsiert, dass die Damen mitunter noch wehleidiger sind als die harten Männer, noch theatralischer fallen und noch mehr Wunderheilungen an der Seitenlinie erfahren.

    Sogar meine 9-jährige Tochter meinte: „Die zicken ja nur rum!“
    Braves Mädchen!

    Die Stadionbesucher sehen dass wohl auch so und feiern hauptsächlich sich selbst.

  21. hoffedoc sagt:

    @Matz

    Zu Deinem vorletzten Beitrag: :-)

    zu Deinem letzten Beitrag: genau!!

  22. Links anne Ruhr (11.07.2011) » Pottblog sagt:

    […] Eyyyyyyy! statt Olé Olé (Königsblog) – Über die Fußball-WM, Brasilien, die USA, den Kommentator des ZDF usw. […]

  23. Trainer Baade sagt:

    Da hätte ich dann eine Antwort auf meine oben gestellte Frage. Falls es sonst noch jemanden interessiert:

    In der taz in den Kommentaren:

    „Wer im Stadion war, hat bemerkt, dass sehr viele US-Amerikaner in den Zuschauerrängen saßen (nicht zuletzt wegen AMD).“

    Genau das hatte ich vermutet, dass nämlich da irgendwo in der Nähe ein größerer Arbeitgeber amerikanischer Menschen sitzt.

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