Huub – Version 2.0

Huub Stevens’ Rückkehr an die Schalker Seitenlinie bescherte mir vor dem Gastspiel in Hamburg Gefühle wie auf der Fahrt zu einem Klassentreffen. Eine seltsame Mischung aus kribbeliger Wiedersehensfreude und doch ernsthaften Zweifeln, ob die guten alten Zeiten nicht dann immer am schönsten strahlen, wenn man sie einfach ruhen lässt. Schließlich hat sich Hubertus Jozef Margaretha Stevens ja so gar nicht verändert. Wer in Interviews seiner eigenwilligen Sprachmelodie folgt und dabei die Augen schließt, sieht sie alle wieder vor sich: Die Klasse von 1997. Und wenn man die Augen wieder öffnet, steht da immer noch der Mann, für den der zu weit sitzende Trainingsanzug erfunden wurde. Und selbst sein Friseur lebt noch.

Zum Glück liegt die Wahrheit nicht nur an der Seitenlinie. Und auf dem Platz hat sich Stevens mit dem 1-2 Auswärtssieg erstmal genug Rückendeckung verschafft, um ohne den schalkeüblichen Druck an der Update-Version seiner bisherigen Spielphilosophie – oder was das Klischee dafür hält – arbeiten zu können.

In Hamburg begann Stevens zunächst als treuer Verwalter des geerbten Rangnick-Nachlasses. Schalke verteidigte hochstehend wie es in der ersten Ära Stevens unverzüglich unter Strafe gestellt worden wäre, nahm Petric und Guerrero schon kurz hinter der Mittellinie in Empfang, während sich Holtby in der gegnerischen Hälfte gekonnt in der Kunst des Abgrätschens übte. Gefahr entstand so nur, wenn der HSV das hohe Risiko mit Pässen in die Schnittstelle zu bestrafen versuchte. Zweimal mussten so Metzelder, der erneut am Stammplatz schnuppern durfte, und Fährmann retten. Der Schalke-Keeper hatte allerdings während der gesamten Partie sein Nervenkostüm in der Umkleide hängen lassen, was im Schalker Block die Zahl der tief sitzenden Stirnfalten zeitwillig bedenklich in die Höhe schnellen ließ.

Mit zunehmender Spieldauer verlagerte sich das HSV-Spiel nahezu ausschließlich auf die rechte Angriffseite, wo sich Fuchs wiederholt Petric und Töre gegenüber sah, zumal Jurado mit sturer Beharrlichkeit seinen Sicherheitsabstand zu jeglicher Abwehrarbeit einhielt und sein Zusammenspiel mit Fuchs nur Stückwerk blieb. Zwangsläufig kam Schalke in der Folgezeit vermehrt über rechts zu Offensivaktionen. Högers unbedrängt geschlagene präzise Flanke verwertete Huntelaar mit einem sehenswerten Kopfball zum 1:0, begünstigt allerdings auch durch die verspätete Rückkehr der Hamburger Innenverteidigung vom Sonntagsspaziergang.

Erst nach einer halben Stunde geriet die bis dahin überzeugende Schalker Ballkontrolle unvermittelt ins Stocken. Die Spielverlagerung auf die Außenbahnen gestaltete sich schwieriger, Abstimmungsprobleme zwischen Holtby, Papadopoulos und Höwedes wurden auch auf dem Platz eifrig ausdiskutiert. Schließlich ermöglichte Höwedes an der Mittellinie im Stolpermodus Petric das Kontertor.

Für die zweite Hälfte hatten beide Trainer kräftig an der Taktik gefeilt. So entstand nun fast eine spiegelverkehrte Drehung des Spielverlaufs. Der HSV zog den unermüdlichen Töre auf die brachliegende linke Seite und verlagerte so sein Spiel, während Draxler unerwartet nicht Jurado, sondern Farfan auf rechts ersetzte. Gänzlich gedreht wurde die Partie jedoch, als Stevens kurz nach der Pause Jones als echten zweiten Sechser für Holtby ins Spiel brachte. Mit überraschenden Folgen: Ohne den Ballverteiler im Mittelfeld wurde nun der bis dahin inexistente Jurado immer häufiger gesucht und die in Durchgang eins kaum geprüfte rechte HSV-Abwehrseite geriet gegen Jurado und Fuchs wiederholt ins Hintertreffen – wie auch beim sehenswerten Siegtreffer durch Huntelaar. Mehr war nicht drin, vor allem weil das Schalker Konterspiel in der Schlussphase gleich mehrfach den Tatbestand der groben Fahrlässigkeit erfüllte.

Das Klassentreffen mit Huub hat mein Gemüt jedenfalls erst einmal beruhigt: Auf dem Rasen ist er taktisch noch nicht wieder der Alte. Und das macht mir Hoffnung.



An dieser Stelle mein Dank an Torsten für die Einladung zum Gastbeitrag. Auch wenn mich im Volkspark jeglichem Hüpfsingsang entsagen musste, um das Spiel nicht aus dem Augen zu verlieren. Argwöhnende Blicke der Umstehenden inklusive.



Foto: Mark Henckel



12 Kommentare zu “Huub – Version 2.0”

  1. blues sagt:

    Bin positiv überrascht, wie Huub 2.0 mit dem Erbe gleich zweier Vorgänger umgeht. Auf dem Platz und an der Seitenlinie. Die zwei Siege helfen da weiterzumachen. Glück auf!

  2. Henning sagt:

    „Ohne den Ballverteiler im Mittelfeld wurde nun der bis dahin inexistente Jurado immer häufiger gesucht“

    Eine wie ich finde wichtige Beobachtung. Wenn man Jurados Offensivpotential nicht gezielt nutzt, kann man ihn auch draußen lassen!

  3. Torsten sagt:

    Jurado auf dem linken, Draxler auf dem rechten Flügel. Wenn das funktioniert ist das eine sehr gute Nachricht. Wenn Farfán ab der nächsten Transferperiode, spätestens nächste Saison nicht mehr da ist sein sollte, werden würden wir drauf zurückkommen müssen.

  4. DeepBlue sagt:

    Nun habe ich gleich zweimal voll daneben gelegen. Zum einen mit dem ESR-Tip, zum anderen, weil ich ja fest mit der vor ein paar Tagen beschriebenen sozialen Schalker Ader für notleidendende Hamburger gerechnet hatte.

    Allerdings habe ich mich über solch eklatante Fehleinschätzungen selten mehr gefreut.

    Schalke hat den Ausgleich gut weggesteckt, Fährmann muss man auch einmal ein paar nicht so glanzvolle Spiele zugestehen.

    Fakt ist auch, dass Jurado ein wertvoller Spieler ist, wenn sich aus seiner (ungeliebten) Defensivposition in den Angriff einschalten darf.

    Nicht immer, aber immer öfter (mit virtuellen zwei Euro ins virtuelle Phrasenschwein).

  5. Henning sagt:

    Es wurde ja schon oft geschrieben (v.a. letzte Saison), Jurado könne LOM nicht. Dem muss man zugeben, dass er oft in der Luft hing am Flügel und dann sein Phlegma voll zur Geltung kam. Von den Anlagen passt er aber gut auf den Flügel. Er hat einen schnellen Antritt bzw. schnelle erste 20 Meter, ist trickreich, kann in die Mitte ziehen, um selber abzuschließen, aber auch gefährlich Pässr spielen. Mehr braucht es nicht. Man muss nur in seinen Kopf bekommen, das er losrennt, sobald er den Ball hat und nicht erstmal eine Pirouette dreht. Das muss doch möglich sein…

  6. RJonathan sagt:

    Super Artikel. Danke!

  7. Rheinlandschalker sagt:

    Nennt mich Blasphemiker, aber ich würde Jurado ja gerne mal an Stelle von Raul sehen – da kann er sich auf die Offensive konzentrieren, seine genialen Momente mal in Tornähe ausleben und hat die 6er hinter sich, falls mal was schief geht. Außerdem kriegen wir so Draxler UND Farfan unter.

  8. Torsten sagt:

    @Rheinlandschalker:

    Jurado tut 0,garnix für die Defensive. Wenn Du Raul nach vorne, Jurado in die Mitte und Draxler, Farfan auf die Flügel stellst, bliebe für Holtby nur die Bank. Was Holtby allerdings rückwärts leistet fiele dann ersatzlos weg. Das kann nicht nur Huub Stevens nicht wollen, ich denke das würdest Du selbst letztendlich auch nicht gewollt haben.

    Henning schrieb:

    Es wurde ja schon oft geschrieben (v.a. letzte Saison), Jurado könne LOM nicht.

    Hier kannst Du das aber nicht gelesen haben, zumindest nicht von mir. Ich habe zwar nach wie vor meine Probleme mit Jurado, aber sicher nicht bezüglich der Position.

  9. Manfred sagt:

    Wirklich genial sind nur die Naturtalente. Und Jurado ist eines. 4-1-4-1 sollte doch flutschen, wenn man es denn mal richtig in Ruhe trainierte, weil:
    http://www.youtube.com/watch?v=CSe38dzJYkY

  10. murdock sagt:

    Schön dich jetzt auch hier lesen zu dürfen, matz. Gerne mehr davon. :)

  11. Torsten sagt:

    Schalke im De Lorean, mit Flux-Kompensator ..
    Härringers Spottschau

  12. MAGsein sagt:

    Bin erst heute mal wieder zum Blognacharbeiten gekommen. Deshalb ein etwas spätes Lob für den gut geschriebenen Beitrag. Ich sah vor meinem geistigen Auge die Linien zerfurchter Stirnlandschaften „in die Höhe schnellen“. Wunderbares Bild!

    Dass Stevens am Trainingsanzugsoutfits festhält, hat mir besonders gut gefallen, lässt jedoch hoffentlich (auch) in Zukunft keine Rückschlüsse auf taktische Rückwärtsgewandtheit zu.

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