Stadt, Land, Club

10 der 36 DFL-Clubs kommen aus NRW. 4,1 Millionen der insgesamt 16,1 Millionen Menschen, die in den Städten der Clubs der beiden höchsten Fußballligen leben, leben in NRW.

Das sind nur die Zahlen, die Wikipedia für die Städte an sich auswirft. In NRW gibt es zusätzlich viel Umland, um die meisten der 10 NRW-DFL-Städte ist auch außenrum nur Stadt. Hier ist alles nah beieinander, nirgends sonst gibt es mehr Derbys. NRW, das sind viele, sehr viele, mehr als die Anderen, auch und vor allem in den Ligen der DFL.

Viel zu häufig hauen sich welchen von diesen Vielen gegenseitig auf die Köppe. Für Duisburger ist die Straßenbahnfahrt zum Auswärtsspiel in Düsseldorf ein echtes Risiko, wenn Kölner kommen fliegt Scheiße. Zwischen Dortmundern und Schalkern kommt es alle Nase lang zu übergriffen, auch abseits der Spiele, da ist keine Seite böser oder friedfertiger als die andere, was wohl auch für alle anderen Kombinationen mit verschiedensten Clubs gilt. Gewalt im Fußball ist ein Thema, darüber zu berichten gehört dazu, soll so sein, darf nicht fehlen. Die Überschrift „Jeder dritte Problemfan kommt aus NRW“ halte ich trotzdem für populistischen Mist.


Stadt, Land, Club | Statistik zu DFL Clubs, Ländern, Einwohnern


18 Kommentare zu “Stadt, Land, Club”

  1. Tinneff sagt:

    2 Menschen – ein Gedanke. Als ich den Artikel gestern im Feedreader hatte, sah ich mich sofort genötigt, dazu etwas zuschreiben. Ich habe mich dabei aber nicht auf die totale Einwohnerzahl, sondern auf die Zahl der Menschen beschränkt, die die Stadiontore der NRW-Clubs passiert haben. Natürlich hat die Sache den Haken, dass nicht jeder, der in NRW ein Spiel besucht, auch aus NRW kommt.

    Dennoch halte ich wie du die Aussage von Herrn Jäger für politischen Gelaber.

  2. skAndy sagt:

    Heißt, die vier Ruhrpott-Klubs sind einmal Hamburg. Interessant.

  3. Tinneff sagt:

    Aber nur von der Einwohnerzahl. Von der Zahl der Stadionbesucher stellen die NRW-Klubs 1/3 aller Zuschauer.

  4. Matthias sagt:

    Die Gegenüberstellung der Einwohnerzahlen ist eine nette Spielerei, aber bereits das Beispiel Hoffenheim zeigt, dass es eben nur eine Spielerei ist.

    Es kommt halt immer darauf an, wie sehr der Fußball in der Bevölkerung verwurzelt ist. Dabei wird oft von Einzugsgebieten gesprochen, aber diese sind in meinen Augen Kappes. In Berlin kebbeln sich zwei Vereine um sagenhafte 3,5 Mio. Einwohner – mit leidlichem Erfolg (wennglich es bei der Hertha derzeit ganz OK zu laufen scheint – das war aber auch nicht immer so). Das große Einzugsgebiet ist in diesen beiden Fällen gleichzeitig auch die große Gefahr, da sich das Interesse zu sehr zerstreut.

    Schalke allein – irgendwo isoliert liegend, kein Bundesligist im Umkreis von 250 Kilometern – hätte in meinem Dafürhalten keinen Wettbewerbsvorteil. Ganz im Gegenteil denke ich sogar, dass ein Club wie Schalke eine fußballverrückte Umgebung braucht und diese doch gleichzeitig auch erzeugt. Gleiches gilt natürlich für den BVB.

    In Bochum und Duisburg wird oft geklagt, dass sie zwischen den beiden Giganten zerrieben werden. Ich weiß nicht, ob das wirklich so ist. Ich stelle mir den VfL Bochum oder dem MSV irgendwo isoliert im nirgendwo vor und sie hätten kein Alleinstellungsmerkmal. Tatsächlich aber können sie mit ihrer „Unterlegenheit“ gegenüber den beiden Giganten kokettieren und ziehen so – als klassische Gegenpole – doch auch eine bundesweit erhöhte Aufmerksamkeit auf sich, die ihnen nach sportlichen Gesichtspunkten wahrscheinlich gar nicht zusteht.

    Morgen habe ich übrigens das große Vergnügen, dem Drillliga-Knaller Preußen Münster vs. Arminia Bielefeld beizuwohnen. 15.000 Mann in einem baufälligen Stadion, erhöhte Sicherheitsauflagen, fiese vermummte Hools auf beiden Seiten und das ganze nur ein paar Steinwürfe von meiner Haustür entfernt. Und trotzdem freue ich mich da 1000 Mal mehr drauf, als würde mir jemand VIP-Karten für Leverkusen vs. Hoffenheim schenken.

  5. matz sagt:

    Dafür zieht Berlin dann im Schnitt 30.000 Zuschauer zum Eishockey, Basketball und Handball (zusammen). Sportarten, die wiederum im Revier mehr als einmal kläglich gescheitert sind. In der Tat habe ich eine Bedeutung des Fußballs so großflächig wie im Revier noch nie andernorts vorgefunden. Kleinteilig wie im Stadtteil St. Pauli sicher einmal..

  6. ckwon sagt:

    Und 100% der Teams, die in der nächsten DFB-Pokalrunde ein Livespiel bekommen, sind aus NRW. Skandal!

  7. Patigol sagt:

    @Matthias
    Dann wohnst Du also unweit der Hammer Straße – ich komme aus Hamm, nir mal so. Wohne jetzt in Bremen und kann Dir nur hinsichtlich der Wettbewerbsvorteile nur recht geben. Die nächsten höherklassigen Vereine kommen aus Hamburg und Hannover, also sind im Umkreis von ca. 100km zu finden. Dennoch hat das keine Vorteile für Werder was die Zuschauerzahlen, etc. angeht. Ich führe das auf die Mentalität der Leute zurück – das Ruhrgebiet ist halt fußballverrückter als andere Regionen, das ist einfach so, wie matz es auch richtig bemerkt.

  8. Ney sagt:

    Zur Geographie des Schalkers an und für sich:

    Es hat der Schalker Kreisel damals im Artikel zum 100.000sten Mitglied verlautbart, dass allein 30.000 Mitglieder nicht in Nordrhein-Westfalen beheimatet sind.

    Und von den Fanclubs auf der Internet-Liste des Schalker Fanclubverbands sind ca. 200 aus dem Ruhrgebiet, 360 aus dem übrigen Nordrhein-Westfalen, und 300 aus den übrigen Bundesländern.

  9. matz sagt:
  10. Matthias sagt:

    @Ney: Richtig. Aber dennoch braucht natürlich jeder Mythos einen Kern. Dieser Kern ist bei Schalke das Ruhrgebiet mit all‘ seinen romantisierend verklärenden Bildern von Zechen, Feuern und Kühltürmen aus Holz. Mir fällt spontan keine andere Region in Deutschland ein, die sich so leicht mit „harter, ehrlicher Arbeit“ assoziieren lässt, wie das Revier. Und auch wenn wir alle wissen, dass dieses gepflegte Bild eben nicht mehr der Realität entspricht (Zechen, Kühltürme etc. meine ich – nicht ehrliche Arbeit), findet man doch selbst im tiefsten Niederbayern Schalke-Fans, die sich mit einem warmen Gefühl im Herzen unter einer „Auf Kohle geboren“-Fahne zum gemeinschaftlichen Fußballkucken treffen, mit Inbrunst das Steigerlied singen und sich – völlig zurecht – als waschechte Schalker fühlen. Platt gesagt: Da wo sich Schalker treffen, ist immer auch Gelsenkirchen und somit NRW. Dass es übrigens nur 30.000 Mitglieder sind, die nicht aus NRW kommen, verwundert mich. Ich hätte mindestens mit 50:50 gerechnet.

    Ein weiterer Punkt des Phänomens Schalke (oder ersetzen durch andere Vereine aus der Nähe) ist, dass an einem Spieltag die Stadt den Fußball lebt. Wenn man durch GE fährt, wird man an einem Spieltag immer und überall kleinere und größere Gruppen von Fans sehen. In einer Mega-Großstadt wie Berlin verläuft sich das. Und auch in München ist mir die Verbundenheit der Stadtbewohner zum Verein nicht aufgefallen, wohl auch, weil das Stadion längst nicht mehr in München steht. Die Allianz-Arena ist de facto von Ingolstadt aus besser zu erreichen, als aus der Münchner City. Mal ganz abgesehen davon, dass ganz München angeblich 60er-Land sein soll (wovon die Löwen aber auch nichts haben, wenn keiner der „oiten Sächzger“ ins Stadion kommt) ist die Identität des FC Bayern meinen Beobachtungen nach nicht an die Stadt gekoppelt. Dafür laufen da mittlerweile jede Menge Fans im rot-weißen Karohemd und Lederhose herum und pflegen das Klischeebild des Bayern.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Das Phänomen Schalke besteht in meinen Augen vor allem darin, dass ein Verein, der sich ganz klar zu seinen Wurzeln in einer Stadt bekennt, es dennoch geschafft hat, bundesweit treue Anhänger zu finden, die das romantische Bild der Stadt im Herzen tragen, auch wenn sie selbst mit Gelsenkirchen nichts zu tun haben. Der FC Bayern hat sich hingegen spätestens in den letzten 20 Jahren von einem Stadt-Verein zu einem Umland-Verein gewandelt. Diese Ausrichtung macht es zunächst einfacher, die Massen zu begeistern. Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass die Bayern gerade in den letzten Jahren immer wieder auf das Label „Mia san mia“ verweisen um – unabhängig von der sportlichen Entwicklung – ein Identifikation stiftendes Element vorweisen zu können? Ich glaube nicht, dass Uli Hoeneß Schalke um viel beneidet. Aber in diesem Punkt sicherlich schon ein wenig.

    Hui – was für eine weite Abschweifung vom eigentlichen Thema. Ich hoffe, es war verständlich, was ich ausdrücken wollte.

  11. Patigol sagt:

    @Matthias
    Mir persönlich erschließt sich nicht, warum sich Fans aus Niederbayern mit dem Ursprung des Vereins, wie Momenten wie „Auf Kohle geboren“ identifizieren oder das Steigerlied voller Inbrunst singen.
    Versteht mich nicht falsch, ich will Ruhrgebiets-Fans nicht als bessere Fans verstanden wissen. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, dass sich bei mir ein wohliges Gefühl einschleicht, wenn ich als vermeintlicher Bayern – Fan bayerische Blasmusik höre.
    Für mich persönlich ist das Ruhrgebiet meine Heimat. Daher identifiziere ich micht mit dem Pott und mit Schalke. Wenn sich Niederbayern mit Schalke identifizieren – ok, kann ich vielleicht verstehen. Wenn Sie sich aber mit dem Urspung und/oder dem Steigerlied identifizieren, so kann ich das nicht wirklich nachvollziehen, haben diese „Komponenten“ doch mit deren Herkunft, Ihrem Leben, etc. eigentlich nichts zu tun.

  12. matz sagt:

    Es gibt doch jede Menge Parkplatz-Schalker, die noch nie irgendwas von Gelsenkirchen gesehen haben

  13. Ney sagt:

    Die zahlreichen Gladbach-Fans allüberall (zumindest gab es die früher) haben/hatten doch auch nicht eine besondere Affinität zur niederrheinischen Mentalität und zur Stadt Mönchengladbach.

    Schon eigenartig, es gibt einige Vereine, die aus verschiedenen (?) Gründen bundesweit Annänger haben, wie Schalke, Bayern, Gladbach, aber andere Traditionsclubs wie HSV, 1. FC Köln, VfB Stuttgart etc. sind dafür nicht so sehr bekannt.

  14. Matthias sagt:

    @Patigol: „Wenn Sie sich aber mit dem Urspung und/oder dem Steigerlied identifizieren, so kann ich das nicht wirklich nachvollziehen.“

    Das Steigerlied ist nun wirklich kein Kulturgut, dass das Ruhrgebiet für sich vereinnahmen kann. Ich habe es u.a. auch schon im kärntnerischen Bad Bleiberg vom dortigen Bergmannschor gehört, keine fünf Kilometer Luftlinie von Italien entfernt. Wenn überhaupt, dann haben wohl die Sachsen einen Anspruch auf die Urheberschaft ;-)

    Was das Identifikation stiftende Grundmerkmal angeht, so hast du mich falsch verstanden, weil ich mich unklar (und am Grundthema vorbei) ausgedrückt habe. Ich meine auf gar keinen Fall, dass ein Westfriese seine eigene Heimat abgibt und das Ruhrgebiet als neue „Heimat“ annimmt, denn es geht gar nicht um „Heimaten“. Und kein Schalke-Fan, der nicht aus dem Ruhrgebiet stammt, will dir deine Heimat streitig machen, weil er schließlich eine eigene hat.

    Es geht um das Bild eines Vereins, das mit ihm transportiert wird. Dieses Bild ist bei Schalke sehr eng mit dem Ruhrgebiet verwoben. Und es geht wirklich nur um ein „Bild“. Du als „Ruhri“ hast ein völlig anderes Bild von der Region, als beispielsweise ein Bewohner Mecklenburg-Vorpommerns. Natürlich ist dein Bild stimmiger, weil du es jeden Tag vor der Nase hast. Gleichzeitig kannst du durch deine persönliche Involviertheit aber auch am schlechtesten beurteilen, welches Bild andere Leute von deiner Heimat haben.

    Ein Beispiel: Woran denkst du, wenn du „Californien“ hörst. Ich wette, eine der ersten Assoziationen ist „Meer“ und „Megacitys“. Frag‘ einen im Landesinneren wohnenden Californier und der wird vielleicht an Berge, Wälder und Einsamkeit denken. Wie gesagt: Es geht um „Bilder“. Je weiter man von etwas entfernt ist, desto einfacher werden die Bilder. Das heißt aber nicht, dass nicht auch die einfachsten Bilder für ein warmes Gefühl ums Herz sorgen können.

    @Ney: Gladbach lebt auch von einem Bild. Allerdings ist es nicht das Bild der Region, sondern das der „Fohlen“. Dementsprechend pflegt Gladbach dieses Bild. Wer kein Bild sein eigen nennen kann, hat es schwerer: siehe Stuttgart. Und auch bei Bayern würde ich gerne wissen (werde es aber nie erleben) ob das „Mia san mia“ eine 25-jährige sportliche Durststrecke tragen könnte, so wie die Bilder Schalkes oder Gladbachs diese durch die Einöde der sportlichen Bedeutungslosigkeit getragen haben.

    So – jetzt ist von meiner Seite aber wirklich gut damit. Ursprünglich ging es in Torstens Post um etwas ganz anderes und ich will nicht noch weiter abschweifen. Schönes Wochenede allemiteinander!

  15. hoffedocS04 sagt:

    @Ney u.a.

    Ertragt Ihr nochmal ein bisschen Psychologie?

    Die drei von Dir, Ney, genannten Vereine verkörpern mehr als andere „Typen“.

    Die Bayern werden z.B. von vielen „Aufsteigern“ verehrt, Handwerkern, die sich selbständig gemacht haben, Firmenchefs und allen Menschen, die sich mit dem gesellschaftlichen Leitbild des Erfolgs identifizieren.

    Die „Fohlen“ sind traditionell das Gegenbild, in den Siebzigern die einzigen ernstzunehmenden Dauerwidersacher der Bayern mit z.B. der Leitfigur Netzer, der im roten Ferrari vor seiner Disko vorfuhr, lange Haare trug, die „Alternative“ lebte. Der David, der oft genug den Goliath besiegte.

    Und Schalke gilt als das „Herz“, die gelebte Emotion. Die kleinen Leute, die buchstäblich aus der Schlacke aufsteigen und groß werden, das „Proletariat“, das stolz zu seinen Wurzeln steht.

    Ein „Karnevalsverein“ wie Köln steht nicht für so tiefe Gefühle wie die drei andern.

    Und Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim werden so abgelehnt, weil sie für die Macht des Geldes stehen, auch wenn deren Fans weit von der Macht des Geldes entfernt sind und bei VW vielleicht am Fließband arbeiten und im öden Wolfsburg zum Stadion pilgern als größte Freude der Woche und singen „Wolfsburg, meine Liebe, Wolfsburg, mein Verein.“

    Sehe gerade, Matthias hat das zum Teil schon aufgegriffen…

  16. Torsten sagt:

    Ursprünglich ging es in Torstens Post um etwas ganz anderes und ich will nicht noch weiter abschweifen. Schönes Wochenede allemiteinander!

    Ich habe nie etwas gegen Abschweifungen. Abschweifungen machen Spaß.

    Schönes Wochenede allemiteinander!

    Das von mir natürlich auch!

  17. Links anne Ruhr (12.11.2011) » Pottblog sagt:

    […] Stadt, Land, Club (Königsblog) – Warum die Überschrift "Jeder dritte problematische Fußball-Fan kommt aus NRW" populistischer Mist ist. […]

  18. Torsten sagt:

    Weil wir ja von Bildern und Verbundenheit gesprochen hatten …
    Ich war gestern in Gladbach und ich muss sagen, dass ich Borussia dort als sehr präsent empfunden habe. Busse mit Wappen natürlich, Bäcker backen Fohlen-Brötchen und viele, richtig viele Leute tragen dort in der Stadt an einem spielfreien Samstag zum Shoppen einen schwarz-weiß-grünen Schal. Empfand ich als sehr sympathisch.

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