Zwischen Professionalität und Moral

Ein Proficlub sollte wissen wie es weitergeht, wenn er einen Trainer entlässt. Bereits mit einem anderen Trainer zu verhandeln, wenn der eigene noch im Amt ist, ist mieses Verhalten.

Meinem Gefühl nach ist die zweite Aussage öfter zu hören. Zuletzt beim Trainerwechsel in Hoffenheim. Man hatte den Eindruck, dass Markus Babbel auf dem Hoffenheimer Vereinsgeländes bereits mit gesetzem Blinker auf den durch Stanislawski freiwerdenden Parkplatz warten würde. Aber ist das wirklich so schlimm?

Auf Schalke gab es nach den Entlassungen von Fred Rutten und Andreas Müller eine große Unsicherheit. Zunächst erklärten sich die Co-Trainer um Mike Büskens mit Fred Rutten solidarisch und wollten nicht erneut als Notnägel einspringen, wie sie es nach der Entlassung Mirko Slomkas bereits machten. Sie taten es dann doch und schufen damit Zeit in der Trainerfrage, bezüglich des Managerpostens war die Not größer. Clemens Tönnies prägte damals den Satz, nachdem Schalke 04 ein geiler Club sei, zu dem viele wollen würden. Gleichzeitig wurde jeder Ex-Profi, dem man einen sicheren Umgang mit dem Einmaleins nachsagte, als Kandidat betrachtet. Alles schien möglich, und trotz vorheriger Absage bot Clemens Tönnies vor laufender Kamera und live Matthias Sammer zum wiederholten Mal Gespräche an, die dieser dann erneut abwies. Es war zum fremdschämen, ich empfand Schalkes Umgang mit der Situation als sehr unprofessionell.

Aktuell ist der MSV Duisburg dabei, Oliver Reck den Trainerjob zu nehmen. Dem Vernehmen nach sucht der Verein einen Nachfolger, Oliver Reck soll ein Ultimatum gestellt worden sein. Er habe das nächste Heimspiel zu gewinnen. Gegner am Freitag ist die Spielvereinigung Greuther Fürth, eine Aufgabe, wie sie schwieriger kaum sein könnte.

Wenn tatsächlich bereits mit anderen Trainer verhandelt wird, wird einer von denen auch kommen, wenn nicht Samstag, dann eine Woche später. Oliver Reck wird das ahnen, eine ungesunde Situation. Aus Clubsicht ist dieser Vorgang trotzdem nachvollziehbar. Einen neuen Trainer als erste Aufgabe gleich in solch eine Begegnung zu schicken, wäre aus Vereinssicht eben auch töricht, und wenn man nicht davon überzeugt ist, dass der Co-Trainer für einen entscheidenden Motivationsschub sorgen kann, macht ein solcher Zwischenwechsel auch keinen Sinn. So ist es wohl professionell.

Schön ist das trotzdem alles nicht. Alles Gute, Oliver Reck!



Foto: xtranews



18 Kommentare zu “Zwischen Professionalität und Moral”

  1. Padré sagt:

    tja, dass Bujo dem Olli mit ner Niederlage der SpVgg hilft, ist wohl nicht anzunehmen.

    Bleibt zu hoffen, dass man fair mit Olli umgeht.

  2. Torsten sagt:

    Was bedeutet Deiner Ansicht nach denn fair in diesem Zusammenhang?

  3. Kowski04 sagt:

    Ein Proficlub sollte wissen wie es weitergeht.

    Sehr schön. Hoffentlich nicht im Mittelmaß. Ma schnell noch alle restlichen Heimspiele genießen und alle in Erinnerung behalten.

  4. Ney sagt:

    Mit möglichen Nachfolgern zu verhandeln, wenn man eine Führungskraft zu entlassen ins Auge fasst, klingt vernünftig. Aber diskret sollte es schon zugehen dabei, sonst wird es für alle 3 beteiligten Parteien auch mal peinlich.

  5. matz sagt:

    Torhüter sind keine Trainer. Man sollte Olli Reck in der Halbzeit entlassen

  6. RWDJojo sagt:

    Ein Verein sollte den Trainermarkt immer im Auge haben, um im Fall des Falles möglichst schnell und gut reagieren zu können. Denn während der Verein eine Entlassung des Trainers noch einigermaßen “planen” kann, kann es ja auch mal vorkommen, dass ein Trainer von sich aus plötzlich geht. Schalke hat da ja diese Saison auch schon Erfahrungen machen dürfen.

    Ich finde es aber sehr verwerflich, wenn ein Verein die vorzeitige Entlassung eines Trainers plant und schon mit Nachfogekandidaten verhandelt, während der aktuelle Trainer noch im Amt ist. Das hat auch nicht mit Professionalität zu tun, sondern ist meiner Meinung nach unseriös. Ich meine auch, dass es unter den deutschen Fußballlehrern einen Ehrenkodex gibt, der es verbietet, mit Vereinen zu verhandeln, wenn ein Kollege noch im Amt ist.

  7. Matthias sagt:

    Ein Verein sollte den Trainermarkt immer im Auge haben, um im Fall des Falles möglichst schnell und gut reagieren zu können.

    Das ist natürlich der Idealfall. Noch idealer ist es, wenn man sich den Trainer selbst “backt”. Mir fallen spontan aber nur Mainz (Tuchel) und Freiburg (Streich) ein, die einen Trainer in der Hinterhand hatten, der über Jahre hinweg perspektivisch für das Bundesliga-Geschäft aufgebaut wurde.

    Wir auf Schalke wähnen ja “Bujo” als stille Reserve, doch kein Mensch weiß, ob er im Falle eines Falles auch wirklich zur Verfügung stünde. Spontan eher nicht, wie die Erfahrung nach dem Rangnick-Rücktritt gezeigt hat.

    So gesehen birgt die aktuelle Situation eine große Chance. Stevens hat bei seinem Amtsantritt gesagt, dass er sich auf Kurz oder Lang aus dem Trainerbusiness zurückziehen möchte. Klar – Worte sind Schall und Rauch, aber ich traue es ihm zu, dass er auf seine “älteren Tage” nicht mehr jedem Engagement und jeder Vertragsverlängerung hinterher hechelt. Und man darf auch nicht vergessen: Stevens war der letzte Trainer auf Schalke, der seinen Dienst “ordentlich beendet” hat und eben nicht unangekündig gefeuert wurde bzw. von sich aus kündigte.

    Es würde jetzt somit durchaus sinnvoll sein, sich schon einmal mit einem geeigneten Nachfolger an einen Tisch zu setzen. Nicht um konkret mit ihm zu verhandeln, sondern einfach um ihm zu sagen: “Hömma, wir finden deine Trainerphilosophie interessant, wir beobachten dich und wir können uns vorstellen, dass du irgendwann einmal zu uns kommst. Wenn du dir das auch vorstellen kannst, dann lass’ uns doch mal einen groben Zeitrahmen für die nächsten Jahre ins Auge fassen.”

    Aber das ist natürlich alles nur schöne Theorie. Wenn es hart auf hart kommt, regieren wieder die üblichen Gesetze des Marktes. Von diesen Gesetzen hat Oliver Reck kürzlich profitiert, als er plötzlich Cheftrainer beim MSV wurde. Und nun lernt er das andere Extrem kennen. Das ist nicht schön, aber er wird’s überleben. Profitrainer fallen i.d.R. weich.

  8. Torsten sagt:

    Das mit dem weichen Fallen ist aber eben auch eine Sache der Perspektive. Reck wurde vom Torwarttrainer zum Cheftrainer, das ist eh schon exotisch. Nach dem Engagement wird ihm sicher ein “Siehste, dat Experiment ist auch gescheitert”-Label anhängen. Ob sein Fall dem eines “normalen” Trainers entspricht, der bestimmt woanders die nächste Chance bekommt, halte ich für fraglich. Ma’kucken.

    Buyos Vertrag läuft übrigens im Sommer aus. Vielleicht verlängert er ja nochmal für ein Jahr und kehrt dann zur Schaaf-Rekord-Brechung auf Schalke zurück. Nebenbei bemerkt: Ich habe keinen schimmer, wie Büskens kicken lässt. Ich habe Greuther Fürth nur einmal über 90 Min gesehen. Und das Spiel morgen ist auch schon wieder viel zu früh für mich (18 Uhr). Schade.

  9. RWDJojo sagt:

    @Matthias
    Ja, einen Trainer in der Hinterhand (Amateure, Jugend oder Co) zu haben, wäre das Optimale. Aber diese Lösungen scheitern auch oft genug. Ein Beispiel ist der Vorgänger vom Streich. Markus Sorg war vor seinem Engagement als Cheftrainer bereits seit 2008 im Verein (B-Jugend, danach die Amateure) und ist nach einem halben Jahr entlassen worden.
    Ich denke, dass es völlig normal im Fußballgeschäft ist, sich auch mal die Konzepte von anderen Trainern anzuhören, ohne akut Bedarf für einen Neuen zu haben. Leider wird man kaum Grobplanungen für eine Verpflichtung machen, da dafür das Geschäft zu schnelllebig ist.

    Buyo wäre vom Typ her auf jeden Fall auch mein Wunschtrainer für die Post-Stevens-Ära. Und Torstens Gedankenspiel finde ich sehr schön. Aber ich weiß auch nicht, was er für einen Fußball spielen lässt. Für die zweite Liga scheint es zu reichen. Immerhin hat er Fürth übernommen, als die unten standen und hat da eine Topmannschaft geformt.

  10. Carlito69 sagt:

    Ich würde mir für Schalke zumindest mal eine längerfristige Lösung wünschen. Egal ob jetzt mit Stevens, der wohl eher selber gar nicht mehr so lange möchte, oder mit nem jüngeren Nachfolger.

    Bujo könnte ich mir da auch schon sehr gut vorstellen. Warten wirs ab.

    Zu Oli: Tja, so ist das Geschäft, aber das wusste er sicherlich auch schon vorher. Schön ist es trotzdem nicht.

  11. Torsten sagt:

    Das mit dieser längerfristigen Lösung ist irgendwie ein Urwunsch. Aber das steht nüchtern betrachtet dann doch hinten an, wenn die Situation zu schlecht wird.

    Ich jedenfalls hatte mir zu Beginn des Engagements auch schon bei Slomka, Rutten, Magath und Rangnick sowieso langfristige Engagements gewünscht, am Ende war das Ende aber eben doch jeweils nachvollziehbar.

  12. Carlito69 sagt:

    Da hast Du natürlich Recht, wobei bei Stevens ja von vorne herein feststand, dass es voraussichtlich nicht länger als die 2 Jahre gehen wird.

  13. Ney sagt:

    Nachdem wir nunmehr mit Rangnick und Stevens schon den zwoten und den dritten “Wiederholungstrainer” zähl(t)en (in den 70ern Ivica Horvath), wäre irgendwann mal Büskens natürlich folgerichtig, wenn man seine Interimszeiten wie ein vollständiges Engagement wertet, und solange Slomka oder Rutten gebunden sind.

  14. Padré sagt:

    @ Ney
    Rutten ? Gott bewahre !!! Nochmals so einen Rumpelfussball spielen oder Weltstars wie Orlando E. bewundern dürfen?
    Hoffe, dass ich nur den Sarkasmus nicht herauslesen habe

  15. Carlito69 sagt:

    Komisch nur, dass die Teams von Rutten vor und auch nach Schalke gar keinen so schlechten Fußball spielen…

    …aber zurück will ich ihn auch nicht unbedingt… ;)

  16. Torsten sagt:

    Vor und nach Schalke, ja, und vom Typ her mochte ich ihn auch, aber in der Saison 2008/2009 auf Schalke hat er nicht gepasst. Zur Erinnerung: Fred Rutten.

  17. Carlito69 sagt:

    Vor und nach Schalke, ja, und vom Typ her mochte ich ihn auch, aber in der Saison 2008/2009 auf Schalke hat er nicht gepasst

    Ja, das trifft ziemlich genau auch meine Haltung/Meinung zu Rutten. War ein weiterer Versuch auf Schalke, der damals leider nicht funktioniert hat.

  18. Ney sagt:

    Weiß gar nicht, was Ihr habt. Der kennt den Verein, hat taktisch was drauf, mit einem guten Manager an seiner Seite wäre voraussichtlich auch die Kaderplanung in Ordnung. Und mit der Wiederverpflichtung eines weiteren Trainers könnte unser Verein “ein weiteres Alleinstellungsmerkmal generieren”.

    Ok, das mit der verbesserten Taktik wäre ein Problem, wer will schon auf das Vergnügen verzichten, von Mannschaften wie Freiburg vorgeführt zu werden

Schreibe einen Kommentar