Leider nicht gut genug

Welch Intensität! Der frühe Dämpfer. Die ersten Zweifel. Der Schock, den nächsten Torhüter verloren zu haben. Das Aufbäumen. Die wiederkehrende Hoffnung. Eine kurze Zeit der Euphorie. Der erneute Rückschlag. Am Ende das Entsetzen. 2:4. Schalke war einfach nicht gut genug.

Ja, die Offensive ist Schalkes Prunkstück. In den 20 Minuten der zweiten Halbzeit, von der 55. bis zur 75. Minute, als man es schaffte, mit viel Kraftaufwand den Ball in des Gegners Hälfte zu halten, als man selbst agierte und den Abschluss suchte, da vergaß man auf den Rängen die vorherigen Fehler. Da lies man sich berauschen und dachte, es ginge nun immer so weiter. Aber so konnte es nicht weiter gehen.

Schalke hat kein wirkliches Offensiv-Pressing im Repertoire. Raúl, Huntelaar, Farfán, auch Jones oder Uchida hetzten den Gegner an und setzten ihn unter Druck. Aber das alles war nicht planvoll genug. Immer gab es noch einen freien Mann in Rot-Weiß. Die Spanier haben die Technik, den einen freien Mann auch unter Druck anzuspielen. Und so verkam das vermeintliche Pressing zu einer letztlich ermüdenden Jagd, bei der die Blauen meistens zu spät kamen.

Schalkes Defensivordnung sieht vor, den Gegner an der Mittellinie zu erwarten, dicht gestaffelt zu stehen und keine Freiräume zu bieten. Das funktionierte gegen Bilbao überhaupt nicht. Von Beginn an hatte man den Eindruck, als könne Athletic die Schalker Defensive jederzeit mit zwei Doppelpässen aus den Angeln heben. Sie taten es ein ums andere Mal.

Für Schalkes Angriffsspiel sind die offensiven Außenverteidiger sehr wichtig. Häufig sind sie am Ende die Spieler mit den meisten Ballkontakten. In diesem Spiel war jeder Ausflug eine potenzielle Gefahr, denn fast immer startete nach Balleroberung ein Spanier in den freien Raum hinter den aufgerückten Außenverteidiger. Ganz gezielt wurden die Angriffe über die jeweils entblößte Seite gefahren. Ein Innenverteidiger musste ausrücken, in der Mitte fehlte Schalke daraufhin die Überzahl und häufig fand der Pass in die Mitte den Rot-Weißen Stürmer. Bilbaos Angriffe waren stets gefährlich. Über die gesamten 90 Minuten stand Schalkes Defensive eigentlich nie wirklich sicher.

Auch weil Marco Höger und Jermaine Jones keinen guten Tag erwischten. Höger fand nie so recht ins Spiel und Jermaine Jones fehlte es in der Defensive an Präsenz. Er fiel fast schon mehr durch Offensivaktionen auf, wenn er Raúl im Mittelfeld unterstützte. Das ist gut, ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass diese Verschiebung in Jones’ Spiel wirklich beabsichtigt und in Huub Stevens’ Interesse war.

Nein Schalke war wirklich nicht gut genug, aber es ist trotzdem unsäglich, dass es gleich immer so dicke kommen muss. Dass dann beste Chancen nicht reingehen. Dass gleich mehrere Spieler schwache Tage erwischen. Dass Schalke dann plötzlich die Nerven verliert und am Ende nahezu auseinanderfällt. Dass sich tatsächlich auch noch der dritte Torwart verletzt. Andere Clubs spielen mit einen Torwart zwei Jahre durch. Auf Schalke ist alles extrem …

Das war erst die erste Hälfte. Jetzt muss Schalke in Bilbao ein perfektes Spiel liefern. Gegen eine „bedingungslose Offensive“ erzielt Athletic Bilbao noch mal vier Treffer. Die wissen wie das geht. Es sieht schlecht aus. Aber spielen sollten wir das Spiel schon noch.



23 Kommentare zu “Leider nicht gut genug”

  1. blues sagt:

    Nach dieser bitteren Niederlage, nach einem intensiven Spiel ohne Massel,zu ganz später Stunde auch noch eine blitzsaubere Spielanalyse zu schreiben. Du hast meine Hochachtung und meinen Dank Torsten.

  2. Maddin sagt:

    Da kann ich mich Blues nur anschließen.
    Wann haben wir und das letzte mal 4 Dinger zu Hause gefangen? War das deprimierend. Man könnte jetzt wieder über Uschi schwadronieren, der noch öfter als Fuchs beim Konter der Gäste in der falschen Hälfte stand. Oder über einen völlig indisponierten Lewis Holtby. Über katastrophale Stellungsfehler bei gegnerischen Standards. Es bringt ja nüscht.
    Ganz ehrlich, mir ist das Rückspiel nächsten Donnerstag schon fast egal. Ich bete nur, dass das jetzt nicht der moralische Genickbruch im Saisonentspurt war!

  3. Buer sagt:

    … nicht übersehen Lichtblick Raul!

    Das “Spielsystem” aus dem Rückstand das Spiel drehen und hoch gewinnen, setzt voraus, dass der Gegner nur ein gewisses Niveau hat. Der Abstand von S04 zur Spitzenklasse wird eben auch im Viertelfinale offensichtlich, wie eben in der Bundesliga zu den Spitzenteams. Bin ja mal echt gespannt auf das Spiel gegen Dortmund, ob man da – wie ich befürchte – den Unterschied wieder drastisch vor Augen geführt bekommt.

    Ansonsten wieder mal tolle Spielanalyse!

  4. Jod sagt:

    Kann mich heute ausnahmsweise NICHT deiner Meinung anschließen und halte diesmal es eher mit Mathias…

    http://www.schalkefan.de/2012/.....#more-7142

  5. Don Altobello sagt:

    Mir ist vor allem nach dem 2:1 aufgefallen, als wir drauf und dran waren, zu erhöhen, dass sich die Mannschaft taktisch sehr unreif verhalten hat. Für meinen Geschmack sind wir zu kopflos nach vorne gestürmt. Eine taktisch so gut geschulte Mannschaft wie Bilbao nutzt so etwas eben aus. Wir standen hinten ja teilweise offen wie ein Scheunentor. Dazu haben wir das Problem, dass unsere Außenverteidiger vergessen haben, dass sie nun mal in erster Linie Verteidiger sind. Ich habe bei jedem Ausflug von Fuchs und Uchida Schweißperlen auf der Stirn. Außerdem ist es immer noch zu einfach, wenn Fuchs und Uchida hinten sind, diese auszuspielen oder mit einem einzigen Übersteiger oder einer einfachen Passkombination ins Leere laufen zu lassen. Unsere Innnenverteidiger sehen in Folge dessen auch schlecht aus, vor allem, wenn Jones oder der jeweilige andere 6er nicht hinten die Lücken schließen.

    Ich möchte auch mal anregen, über die Verpflichtung einer neuen Nummer 1 nachzudenken. Nachdem alle 4 Torhüter mal Spielpraxis bekommen haben, bin ich der Meinung, dass keiner von den vieren ein sicherer Rückhalt ist. Solch einen, der auch eine Abwehr organisieren kann, brauchen wir dringend. Gestern haben wir Bilbao 2 Tore regelrecht geschenkt. Natürlich sind da im Vorfeld genug Fehler von den Feldspielern begangen worden, im Vorjahr hatten wir allerdings noch einen Torwart, der auch grobe Schnitzer oft noch ausbügeln konnte. Diese Qualität haben unsere momentanen Torhüter alle nicht.

  6. Don Altobello sagt:

    P.S.: In manchen Situationen hatten wir allerdings auch einfach Pech.

  7. Ney sagt:

    Man muß nach einem 2:2 Ausgleich (durch eine Ecke kann
    sowas eben passieren) nicht schlagartig agieren wie von
    einem Nervenzusammenbruch geschüttelt.

  8. DanielKu sagt:

    Du musst ein komplett anderes Spiel gesehen haben, als ich!

  9. Matthias sagt:

    Du musst ein komplett anderes Spiel gesehen haben, als ich!

    … schreibt DanielKu und das Bezeichnende dabei ist, dass er damit sowohl Torsten als auch alle bislang verfassten Kommentare meinen könnte – und trotzdem hätte er recht. Oder auch nicht. Ich denke, wie haben gestern alle ein “komplett anderes Spiel” gesehen. Es gab das Spiel bis zum 2:2 und das, das danach kam. Torsten beschreibt sehr gut die tatktischen Ursachen, warum das Spiel nach dem 2:2 kippte. Als Blaupause für die gesamten 90 Minuten würde ich diese Analyse jedoch nicht gelten lassen.

    Pfeift der Schiedsrichter nach dem 2:1 ab, gehen alle nach Hause und sagen “Yeah, die haben wir geil im Griff gehabt!”. Endet das Spiel nach dem 2:2, hadern alle mit dem Schicksal. Nach dem 4:2 zu sagen, dass es ein konsequentes Ergebnis war, das sich über die gesamte Spielzeit hinweg abzeichnete und klar erkenntliche Gründe hatte, finde ich persönlich zu hart, bzw. zu analytisch. Vielleicht ist es aber sogar richtig und die Jungs von Spielverlagerung.de könnten das mit ein paar Dame-Steinen auf grünem Filz locker belegen. Aber dennoch würden sie dann ein Spiel beschreiben, auf das die Aussage “Du musst ein komplett anderes Spiel gesehen haben, als ich!” zwangsläufig folgte. Solche Spiele gibt’s – siehe gestern.

    Können wir uns als gemeinsamen Konsens darauf einigen, dass wir gestern eine ganz große verf*** Schei*** erlebt haben und deshalb jetzt alle echt down sind?

  10. Ossi sagt:

    Warum gibt es bei unseren Aussenverteidigern eigentlich nichts zwischen “Weltklasse” (naja, fast) und “gar nicht auf dem Platz”?

  11. Daniel Ku. sagt:

    Fußball, und besonders in einem europäischen Viertelfinale, hängt so sehr von Kleinigkeiten ab! Abschlusspech, ein oder zwei unglückliche Aktionen nach hinten und schon verlierst du gegen nen Gegner, den du eigentlich immer im Griff hattest( auf dem Niveau kannst du nicht alles an Torchancen verhindern) 2:4! Bilbao hatte 4-5 Chancen, meist durch individuelle Fehler entstanden, und die haben sie zu fast 100%
    genutzt. Wir hingegen hatten gestern weniger Glück im Abschluss! Machst du das 3:1, und das lag eher in der Luft, als der Ausgleich, ist das Ding durch! Aber selbst nach dem Ausgleich hatte ich nicht den Eindruck einer starken Mannschaft aus Bilbao und eines wankenden s04! Ich bin auch jetzt noch der Meinung, dass die Mannschaft gestern ein gutes Spiel gemacht hat und großes Pech hatte!

  12. Detlef sagt:

    So genau wollte ich das eigentlich gar nicht lesen, hören, sehen, wie auch immer. Paßt aber.

    Für mich war es eines dieser Spiele das Fußball so interessant macht. Ständig kippt das Spiel und am Ende kommt das Ende ;-)

    Ich habe mal die Chancen von S04 errechnet für ein Weiterkommem. 04 Prozent. Besser 0,4 Prozent. Aber unmöglich ist es eben nicht. Nur sehr, sehr schwer.

  13. Kowski04 sagt:

    Jetzt zählen die Punkte in Hoffenheim und warum nicht ein Wunder in Bilbao? Die hatten das so auch nicht geplant

    Glück auf

  14. Ney sagt:

    Nebenbei, wir haben innerhalb von 12 Monaten jetzt den 5. Torhüter
    zwischen den Pfosten. Sollte sich Schober demnächst verletzen, können
    wir den Kreis der möglichen Drahtzieher vielleicht weiter einengen:
    Heute in den Nachrichten: “… testete Chefcoach Huub Stevens den
    U23-Keeper Robin Himmelmann und den U19-Schlussmann Lukas Raeder.”

    Wegen EWSR wäre es gut, wenn Huub das bald entscheidet.

  15. matz sagt:

    @ Don Altobello

    Der Gedanke mit den Torhütern kam mir auch ähnlich schon (auch mit einem Seitenblick auf das torhütende Personal der Abstiegskandidaten)

  16. Oberwäller sagt:

    …huch…soviel Analyse ;-)

    Ich hatte den Eindruck nach dem 2:1, dass die Jungs auf einmal rel. “platt” waren – und hab’ mich drüber gewundert, weil das so in den letzten Wochen nicht der Fall war.

    Das 2:2 hat dann “im Kopf” dringesteckt und die Beide zusätzlich schwer gemacht.

    Soweit meine nicht-profihafte Analyse.

    EL sehe ich ohnehin seit geraumer Zeit als “Sahnehäubchen” – auch wenn die Kirsche rel. unsanft von der Sahne geschossen wurde – wichtiger ist der 3. Platz in der BuLi – vor allem auch wegen des Schuldenabbaus und der evtl. Möglichkeit Spielr zu halten.

    BWG

  17. Rjonathan sagt:

    Respekt und Danke für die Kraft das einzuordnen. Hat schon weh getan, wie offensichtlich die Schwächen gestern entblößt wurden. Gegen sehr gute Mannschaften bekommen wir die ganze Saison schon volle Kanne die Grenzen aufgezeigt. Ich habe jetzt schon Angst vor dem Spiel gegen die Gelben…

  18. Atsuto U. und Christian F., Außenverteidiger? Schalker! | neunzehnhundertvier sagt:

    [...] darf ich dem geneigten Leser auch folgende Artikel und Kommentare ans königsblaue Herz legen: Leider nicht gut genug und Ein frecher Sieg für Bilbao … und eine eigene Meinung hat jeder dazu ja auch noch, ob er [...]

  19. Torsten sagt:

    matz schrieb:

    Der Gedanke mit den Torhütern kam mir auch ähnlich schon (auch mit einem Seitenblick auf das torhütende Personal der Abstiegskandidaten)

    Du meinst, Drobny oder Rensing könnten uns weiterhelfen? Ich halte das für fraglich …

  20. Andreas sagt:

    Man muss heute einmal akzeptieren können, dass ein Gegner einfach besser, nein, abgezockter war als man selbst. Gekoppelt mit einem gehörigen Dusel und einem teils ziemlich indisponierten Schiedsrichter.

    Gerade was die Abgebrühtheit anbelangt, haben wir noch jede Menge Luft nach oben. Da entscheiden dann eben individuelle Fehler ein Spiel, das mich zwischenzeitlich berauschte und dann doch so leer zurück ließ. Das dennoch die Mannschaft als solche verloren hat, weshalb ich mir nun keine Sündenböcke rauspicken möchte.

    Ich bin kein Mensch, der das Spiel so durchanalysieren kann wie Torsten. Stattdessen gebe ich mich während der 90 Minuten meinen Gefühlen, meiner Begeisterung und auch meiner Enttäuschung hin. Aber angesichts der Entwicklung, die viele unserer jungen Spieler inzwischen zeigen, wird mir für die Zukunft nicht bange. Und diese Berg- und Talfahrt ist doch eigentlich genau das, was wir uns immer wieder von einem Fußballspiel wünschen.

    Nur, dass wir am Ende endlich den johlenden und feixenden Part übernehmen dürfen.

  21. der_blauweisse sagt:

    @Torsten:
    Klasse und richtige Analyse. Ich habe länger gebraucht um meine Gedanken zum Spiel zu ordnen, Mund abputzen und weiter!

    Klar kann man jetzt auch alles mögliche bis ins Details zerpflücken aber das bringt uns jetzt nicht weiter, denn bei aller auch berechtigten Kritik wir haben alles versucht, jeder hat alles gegeben und es hat nicht gereicht. Solche Tage gibt es!
    Wenn man ehrlich ist hätten wir schon gegen Enschede ein solches Erlebnis haben können, der Kelch ist da eigentlich nur mit Glück an uns verüber gegangen.

    Alles wird gut…
    der_blauweisse

  22. Carlito69 sagt:

    Gute Analyse. Aber das Du dazu so kurz nach dem Spiel in der Lage bist, beeindruckt mich am meisten.

  23. DeepBlue sagt:

    Sehr sachliche Analysen. Zumindest sachlicher als die meiner Sitznachbarn und der Wurstbuden-Gesellschaft nach dem Spiel. Ich sach mal so:
    Das 0:1 war unglücklich im doppelten Sinne. Hilde muss den Ball spätestens im Nachfassen haben und verletzt sich dabei noch.
    1:1 und 2:1 war schön. Am Señor hat es zumindest nicht gelegen.
    2:2 kann passieren, muss aber nicht.
    Soweit, so gut. Damit hätte ich noch leben können.

    Danach war die Abwehr mysteriöserweise nicht mehr existent, obwohl doch noch alle Spieler auf dem Platz standen. Die tummelten sich aber vorzugsweise E-Jugend ähnlich in der Hälfte des Gegners und vertrauten voll auf den armen Schobi, der den Kasten dann von allen Vorderleuten befreit gern sauber gehalten hätte, dies aber natürlich nicht konnte.

    Gut, 4:1 im Rückspiel reicht ja. Allerdings müsste der Hunter dann einen etwas reaktionsschnelleren Tag erwischen, Uschi müsste bis dahin gelernt haben, wie man einen Ball sauber stoppt, Lewis, dass er auf dem Platz steht, und, und, und.

    Doch unmöglich ist im Fussball ja nix. Jetzt erst mal in Hoffenheim bestehen. Einer gewinnt ja dort in jedem Fall:
    Unser HoffedocS04 !!

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