Ausgerechnet Hoppelheim

Nach längerer Fußballabstinenz, unterbrochen nur durch das nette Auswärtsspiel in dem gelben Versicherungssportpark, Schalke endlich mal wieder über ein ganzes Spiel sehen zu dürfen, ist an und für sich eine gute Sache. Aber ausgerechnet gegen Hoffenheim, gegen einen Verein, der mir so gar nichts sagt. Nur das eine Mal, als der von mir geschätzte Markus Babbel das Traineramt dort übernahm, horchte ich auf. Und war überrascht von seiner Entscheidung, einen sehr guten Thirty Something Torhüter Starke – zudem die Spielerpersönlichkeit im Hoffenheimer Kader – durch einen Thirty Something Wiese zu ersetzen. Das Schöne daran: Während wir einen Lauf haben, hat er keinen. Überhaupt läuft es im Kraichgau nicht rund. Das stimmt mich optimistisch, und zwar so zutiefst, dass ich bis zur bitteren Nachspielzeit an einen Sieg glauben sollte. Als Uschi bereits in der ersten Minute zu einem Schüsschen aufs Tor kommt, wenig später Firmino hohle schlägt, deute ich das als weiteres Zeichen für einen günstigen Verlauf.

Die Kraichgauer zeigen sich zu Beginn giftig, sind eng am Mann. Schalke ist spielerisch überlegen. Leider kommt in der ersten halben Stunde nichts Nennenswertes dabei heraus. Das 1:0 durch Volland nehme ich als Hallo-Wach-Kiste hin. Die Hoffenheimer machen hinten dicht und lauern auf Konter. Wenn aus dem Spiel heraus nichts geht, muss ein Standard her: Folgerichtig köpft Neustädter eine schöne Ecke von Farfan in der 36. Minute zum 1:1 ein.

Meine Halbzeitbilanz bei einem Gläschen Wein: Schalke war anfangs etwas lasch, zu nachlässig, hat sich dann aber nach dem Rückstand reingekämpft. Farfan spielt überragend. Ich bin guten Mutes. „Liga Total!“-Experte Thomas Berthold kann sich übrigens in seiner Halbzeitanalyse ebenfalls keinen Reim darauf machen, warum Afellays Treffer in der 39. nicht zählte.

In der zweiten Hälfte ist richtig Dampf drin. Schalke spielt phasenweise wunderschönen Kombinationsfußball. Das geht alles so schnell, dass ich fast nicht mehr mitkomme: Neustädter, Huntelaar, Farfan, sie schieben sich blitzschnell die Bälle zu; Afellay zieht ab; klasse Zuspiel von Holtby auf Jones; eine super Flanke von Farfan findet Jones – doch wir treffen nicht, wir treffen nicht, wir treffen einfach nicht. Ein Schuss nach dem anderen wird entweder von einem Hoffenheimer abgeblockt oder von Wiese entschärft. Ja, Wiese, der leider gegen uns ein super Spiel macht. Trotzdem: Wo ist unser Knipser Hunter? Was ist mit Fuchsens alter Bochumer Freistoßstärke, wo ist sie geblieben?

So kommt es wie es immer kommt bei mangelnder Chancenverwertung: Es gibt Elfmeter für 1899, Firmino verwandelt. Uschi gleicht zwar nochmals aus, doch in der Nachspielzeit fällt das bittere 3:2 durch Schipplock. Wir haben verloren. Ausgerechnet gegen Hoppelheim.

Ob es ein Elfer war oder nicht, ob Afellays Treffer zu Unrecht nicht zählte – das Fass Schiri-Leistung mache ich nicht auf. Weil es keine Rolle spielt. Weil man trotz ungerechter oder unglücklicher Entscheidungen als Sieger vom Platz gehen kann. Wenn man entsprechend Tore schießt.

Und dann die unsägliche Torwartfrage. Ullreich hatte beim VfB dürre Zeiten und kam zurück. Ter Stegen schwächelt und wird wieder zurückkommen. Wie wäre es, auf Unnerstall mal länger zu setzen um ihn kommen zu lassen?

Von wegen wir hätten das Unentschieden halten und hinten dicht machen sollen: Gegen ein Team wie Hoffenheim ist es legitim, aufzumachen und den Sieg unbedingt noch einfahren zu wollen. Das kann dann natürlich auch in die Hose gehen.

Ich hadere etwas mit den schlechten Spielerbenotungen in Der Westen und in Bild. Sieben bzw. sechs Mal Noten von 4 bis 5, als hätten wir einen totalen Riemen runtergekickt. Klar war Farfan (Der Westen 2,5/Bild 2) der beste Schalker, Höwedes (2,5/2) war top präsent. Aber ich habe auch bis zu seiner Auswechslung bei Holtby (5/5) lichte Momente gesehen: Ihm unterlief zwar der Fehler vor dem 1:0, doch versuchte er viel, spielte einige kluge Bälle nach vorn. Dabei geht er natürlich stets das Risiko ein, dass manche Pässe nicht ankommen. No risk no fun eben. Jones (3,5/3) gefiel mir. Ok, Matip (5/5) hatte einen schlechten Tag. Aber Uschi 4,5/5? Er war Mittelmaß, aber nicht hundsmisrablig schlecht. Er war fleißig bemüht, schoss ein Tor und sah sich beim 3:2 allein mit zwei Hoffenheimern konfrontiert. Was soll er machen?

Mein Fazit lautet: Wir haben verloren, weil wir trotz Überlegenheit in entscheidenden Phasen keine Tore machten. Hunters Ladehemmung stimmt mich in dem Zusammenhang ebenfalls nachdenklich.



12 Kommentare zu “Ausgerechnet Hoppelheim”

  1. Norman sagt:

    Wir haben die Schalker gewinnen sehen und haben das Spiel doch verloren.

  2. Torsten sagt:

    Halten wir kurz fest: Ich habe in dieser Saison zwei Spiele nicht sehen können, prompt wurden diese beiden Spiele verloren. Halter wir weiterhin fest: Nach Hannover, Düsseldorf und Montpellier versaut sich Schalke erneut selbst den Sieg. Was aber im Umkehrschluss auf etwas sehr positives hinweist:

    In nahezu allen Spielen ist Schalke mittlerweile dominant. Schalke agiert wie ein Favorit und zieht sein eigenes Spiel auf. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber der reaktiven Spielweise von vor (ungefähr noch) einem Jahr!

  3. Detlef sagt:

    Schöner Text, der sich bis auf Kleinigkeiten mit meinen Eindrücken deckt.
    Nur, wenn man 2 x zurück gegkommen ist, dann ist es irgendwie cleverer den einen Punkt mitzunehmen.

    Positiv an diesem Spiel ist für mich, dass Schalke immer noch nicht in der Entwicklung oben angekommen ist. Die Mannschaft spielt gut und das den größten Teil der Saison, kann aber noch mehr, als sie jetzt schon zeigt.

    Und über Spielernoten in irgendwelchen Medien mache ich mir schon lange keinen Kopf.

  4. Kowski04 sagt:

    Halten wir fest:

    – Wir spielen noch in der CL und sind nicht der VfB oder MG
    – wir haben einen eigenen Anspruch

    Auf diesem Niveau ist unser TW untragbar, da muss sofort gehandelt werden.
    Hierzu zähle ich auch Matip, spielte wie ein Fremdkörper.
    Alle wechselwilligen sollten in der Winterpause zu LIV gehen und sich dort einbringen.

    Glück Auf

  5. Michael sagt:

    Volle Zustimmung mit einer kleinen Ergänzung: Uschi „sah sich beim 3:2 allein mit zwei Hoffenheimern konfrontiert“. Das ist eben nicht nur an der mangelnden Chancenverwertung gescheitert, sondern auch an einer in den entscheidenden Momenten etwas dusseligen Abwehrleistung. Was soll’s. Da ist noch Luft nach oben.

  6. Der Hans sagt:

    Auf diesem Niveau ist unser TW untragbar, da muss sofort gehandelt werden.

    Und mit welcher verfügbaren Personalie wäre die Schwachstelle per sofort zu schließen?

    Alle wechselwilligen sollten in der Winterpause zu LIV gehen und sich dort einbringen.

    HS, HH, CT, LU und auch KJH kann ich mittlerweile zuordnen, aber wer/was ist „LIV“? Linker Innenverteidiger?

  7. derwahrebaresi sagt:

    LandesInnungsVerband für das bayerische Elektrohandwerk. :-)

  8. Die Blogschau für Montag, den 05.11.2012 | Fokus Fussball sagt:

    […] Elke Schwarzer hadert im Königsblog mit den Bewertungen der Presse für die Knappenspieler. Ich hadere etwas mit den schlechten Spielerbenotungen in Der Westen und in Bild. Sieben bzw. sechs Mal Noten von 4 bis 5, als hätten wir einen totalen Riemen runtergekickt. Klar war Farfan (Der Westen 2,5/Bild 2) der beste Schalker, Höwedes (2,5/2) war top präsent. Aber ich habe auch bis zu seiner Auswechslung bei Holtby (5/5) lichte Momente gesehen: Ihm unterlief zwar der Fehler vor dem 1:0, doch versuchte er viel, spielte einige kluge Bälle nach vorn. Dabei geht er natürlich stets das Risiko ein, dass manche Pässe nicht ankommen. No risk no fun eben. Jones (3,5/3) gefiel mir. […]

  9. matz sagt:

    Diese Mannschaft hat ein richtiges schlechtes Spiel gemacht (Bayern) und gleich vier Mal verpasst, ihre Überlegenheit in Siege umzumünzen (Hannover, Düsseldorf, Montpellier, Hoffenheim). In 15 Pflichtspielen 14 Mal die bessere Mannschaft zu sein, wann hatten wir das schonmal? Schade, ohne die Punktegeschenke hätten wir hier ein Team, das um die Meisterschaft spielt und in der CL locker als Gruppenerster in die K.O.-Runde einzieht.
    Die Fehler, die zu den Punktverlusten geführt haben, sind eigentlich allesamt Aussetzer gewesen, die sich bei einer weiteren Entwicklung der Mannschaft abstellen ließen. Mit einer Investition für die Torhüterposition und einer Alternative für den Rechtsverteidigerposten hätten wir in der kommenden Saison eine richtige starke Truppe beisammen. Leider lassen die Personalien Huntelaar, Holty und Afellay befürchten, dass stattdessen wieder einmal ein Umbruch vom Umbruch stattfinden wird.

  10. hoffedocS04 sagt:

    Habe ich gerade „Hoppelheim“ gelesen? DANK dafür! Das hat mir jetzt ermöglicht, mich zum erstenmal richtig über den TSG-Sieg zu freuen;-))

    War übrigens doch dabei. Waldspaziergang adé.
    Der Elfmeter WAR ein Elfmeter. Ich habe Matip, von dem ich sehr viel halte, sich selten so dumm anstellen sehen.
    Aber das Tor von Afellay war natürlich auch ein Tor. Kein Abseits, kein Foul. Das Aberkennen ist ein Mirakel.
    Ein solches war auch Schalkes Abwehrleistung vor dem 3:2. Schipplock, der kein sicherer Torschütze ist, wurde ja geradezu aufgefordert, doch jetzt bitte mal den Ball ins leere Tor zu schieben. Dieses 3:2, ein Staunen, dass sowas möglich ist, und ein Stich ins Herz!

    Bin froh, dass diese Woche jetzt vorüber ist. Ärger mich aber noch ein bisschen vor mich hin, dass Schalke diese Chance vergeben hat. Die METROPOLREGION RHEIN-NECKAR ist doch kein gutes Pflaster für Schalke.

  11. blues sagt:

    @ MAGsein:

    „Hunters Ladehemmung stimmt mich in dem Zusammenhang ebenfalls nachdenklich.“

    Mich ja auch. Ich mach mir neuerdings darauf einfach Kinderreime. Etwa so:

    Alle Schalker schießen Tore!
    Nur der Klass nimmt selten Maß.

    oder so:

    Alle Schalker schießen Tore.
    Bis auf Hunter, der muss jetzt runter!

    O.K. – ich hab das Spiel nicht gesehen, und beim Hunter ärgert mich nur die nicht gerechtfertigte Aufstellungsgarantie und sein Rummgeeiere mit der Vertragsverlängerung. Laufen tut er ja viel.

  12. hoffedocS04 sagt:

    @Blues @MAGsein

    Immerhin hat Huntelaar in London das „Eisbrechertor“ geschossen. Stürmer haben ja fast alle mal ihre „schöpferischen Pausen“.

    Mich beschäftigt das Spiel immer noch. Es war eine so starke Vorerwartung auf einen Schalkesieg, und Schalke hatte – schätze ich mal – 70% Ballbesitz und war spielerisch so überlegen, dass man tatsächlich den Spielstand immer dann, wenn Schalke zurücklag, für einen Irrtum hielt, der gleich korrigiert werden würde.
    Die TSG hat ihrerseits verbissener gekämpft als in jedem vorangegangenen Spiel und sich selbst nie verloren gegeben, versucht, jeden Fehler des Gegners zu nutzen.

    In dieser Saison habe ich die Schalker Mannschaft zum erstenmal live gesehen, und sie war trotz des Ergebnisses wirklich beeindruckend!
    Selten habe ich live eine so gute Mannschaft gesehn.

    @Torsten
    Solltest versuchen, kein Spiel mehr zu verpassen…

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