Es geht ja nicht darum, den letzten Wunsch eines Kindes abzulehnen, der Bezug zum Fußball müsste meiner Meinung nach auch nicht völlig verschwinden. Sondern es geht darum, einen christlichen Bezug auf dem Grabstein zu schaffen. Wenn der erkennbar ist, dann könnte es sicher eine Kompromisslösung geben.
… wurde Michael Bodin von der Pressestelle der katholischen Kirche in Dortmund zitiert. Mittlerweile wurde genau das der Weg zur Einigung.
Der Fall des kleinen Jens Pascal erfuhr viel Aufmerksamkeit. Ein 9-jähriger, todkranker Junge wünschte sich einen Grabstein mit BVB-Wappen, doch nach seiner Beisetzung lehnte die katholische Friedhofsverwaltung den Entwurf des Grabsteins ab. Das zog einen Internet-Aufschrei nach sich.
Sämtliche einschlägigen Nachrichten-Portale berichten darüber, allerdings nicht einheitlich. Mal entstand der Anschein, die Friedhofsverwaltung wolle per se kein Fußballclub-Wappen zulassen, mal stand der BVB-Werbespruch „Echte Liebe“ im Vordergrund, der nicht der christlichen Denkweise entsprechen soll. Zu wissen, worum es eigentlich geht ist elementar, wenn man eine Lösung finden will. Aber vielen Kritikern waren solche Details längst egal.
Öffentliche Empörung ist immer schnell da, wenn man vermeintlich einfache Dinge zusammenzählen kann und der zu Bewerfende so ein „dankbares“ Opfer wie die Bahn oder die Kirche ist. Da ist man schnell dabei, kann auch endlich mal ablassen, was man schon immer (nicht) von der Kirche hielt.
… formulierte Alexander Endl und beschrieb damit den Shitstorm, der sich gegen die katholische Kirche richtete. Kreuzzüge, Zölibat, Kindesmissbrauch; nahezu jedes vorstellbare Thema, welches der Kirche angelastet werden könnte, wurde in Leser- oder Facebook-Kommentaren unter Beiträgen zum Fall Jens Pascal thematisiert. Fans von Schalke 04 und Borussia Dortmund schlossen sich zusammen, gegen einen neuen Gegner. „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“ – soviel Frieden ist selten aber machbar, wenn es denn ein anderes Ventil gibt. Viele „Aktivisten“ waren offensichtlich nicht an einer Klärung, sondern an dem Durchsetzen an sich interessiert, und den Medien ging es selbstverständlich in erster Linie um die öffentlichkeitswirksame Story.
Am Ende ist die Geschichte doch nur eine recht kurze: Die Eltern Jens Pascals hatten sich für einen katholischen Friedhof entschieden. Dieser achtet – meines Erachtens völlig nachvollziehbar und zu recht – darauf, dass die Grabstätten einen christlichen Bezug haben; eben das macht den katholischen Friedhof nun mal aus. Der erste Entwurf des Grabsteins hatte einen solchen nicht. Der zweite wird ihn haben.
Wenn nun noch jeder Empörte statt eines „Gefällt mir“-Klicks einen Euro an die Eltern Jens Pascals spendet, haben diese sowohl die Mehrkosten für den unpassenden Entwurf, als auch die Kosten für die Grabpflege in den kommenden Jahren raus. Dann hätte das Palaver nachträglich doch noch Sinn gemacht.






Mutig so in der großen Phase der allgemeinen Empörung und scheinbarer Gerechtfertigkeit öffentlich eine Gegenposition zu beziehen. Aber vollkommen korrekt. Wie so oft werden Dinge von einigen Medien durch geschicktes Weglassen anders dargestellt, als sie sind und kaum einer macht sich die Mühe genau hinzuschauen, worum es eigentlich genau geht. Und das dann geradezurücken oder um Verständnis für die andere Seite zu werben ist ein mühseliges Geschäft. Vorallem, wenn bei einigen schon eine Art Feindbild existiert, was genährt werden möchte.
In diesem Falle kommt es schon wieder vor, dass ein BVB-Fan mit einem S04-Fan der selben Meinung ist. Es steht schließlich jedem Menschen frei, sich der “Stadionordnung” der Kirche zu unterwerfen. Wer das, wie in diesem Fall nicht tun möchte, hat auch die Wahl eines städtischen Friedhofs.
Zumal ich den Entwurf mit dem Ball schon sehr wuchtig fand. Der nächste möchte dann eine Gitarre, ein Rennwagen oder das Abbild seiner Lieblingsband auf dem Grabstein haben.
Ich finde, ein eingraviertes Logo würde reichen und wenig Leute wirklich stören.
Danke für den ersten besonnenen und differenzierten Beitrag, den ich zu diesem Thema lesen darf. Ganz unabhängig von dieser Geschichte stimmt mich die unreflektierte und oberflächliche Art vieler Kommentare in den sozialen Netzwerken bei solchen Shitstorms ziemlich nachdenklich. Und unsere Medienlandschaft bekleckert sich auch nicht gerade mit Ruhm – wie schon im Beitrag zuvor mit den Fan-Kontrollen in München aufgefallen ist.
[...] Torsten Wieland holt die Geschichte aus dem Boulevard heraus und relativiert. [...]
Völlig derselben Meinung. Stammtischgetöse, sonst nichts. Ich möchte jedenfalls nicht, dass unsere Friedhöfe aussehen wie eine kicker-Stecktabelle. Und wo kämen wir da hin, wenn jeder auch noch nach dem Tid sein Fantum “ausleben” möchte. Der eine ist Fußballfan, der nächste mag Eishockey, ein weiterer ist riesiger Chuck Norris Fan, und noch einer mag Kalashnikows. Oder die RAF. Oder Hitler. Oder flüssige Butter von Frau Antje. Wo fängt das an, wo hört das auf?
Torsten, ich stehe vor dir und applaudiere.
Am Ende bleibt in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass man die Kirche nur richtig “bashen” muss, um sie sich gefügig zu machen. Ich warte auf den Ersten, der erfolgreich gegen Kruzifixe in Kirchen klagt, weil sie sein touristisches Sehempfinden stören. Wirklich weit davon entfernt war dieser Fall nicht mehr.
Die Vehemenz, mit der der Internet- und Medien-Shitstorm Toleranz für die tief empfundenen Gefühle der Eltern einforderte, gleichzeitig aber die tief empfundenen religiösen Gefühle anderer als absurd abtat, ging mir ebenfalls gegen den Strich. Du hast es sehr gut zusammengefasst.
Ja, Torsten, ich bin ganz Deiner Meinung, aber ich sehe an den Reaktionen hier auch, dass ich medial wohl einer Randgruppe angehöre, denn “meine” beiden Tageszeitungen – Frankfurter Rundschau und Mannheimer Morgen – haben das exakt auch so kommentiert wie Du.
Was so im Internet an “Wahnsinn” läuft, kriege ich meist gar nicht mit.
Leider bin ich im Internet aber auch technisch so unterbelichtet, dass mir Deine Hinweise, wie ich einen Link herstellen kann, überhaupt nichts sagen. Also deshalb wieder nur der Hinweis auf die Beiträge in diesen beiden Zeitungen – ohne Link!;-)
Schalker und Dortmunder in der Sache vereint? Na, ob da auch die dabei sind, die sonst immer was von “Grabstätte schänden” grölen?
Ich muss aber auch ehrlich eingestehen, dass mir jedes Mal, wenn ich den Sutumer Friedhof besuche, der emotionale Zugang zu dem dort entstehenden Schalker Grabfeld fehlt. Gut, dies ist eine städtische Beerdigungsstätte und das Areal vom Rest des Friedhofs abgetrennt, dennoch kann ich mich mit einem Friedhof als Themenpark (oder als Kicker-Stecktabelle, wie es Roman so schön formuliert hat) nicht so recht anfreunden. Vermutlich ist mir einfach der Gedanke fremd, dass man sein Andenken auf einen einzigen Teil des Lebens reduziert wissen möchte oder gar der Wunsch, dass sich die Menschen noch in zwanzig Jahren meiner in Form eines überdimensionalen Fußballs erinnern.
Ich bin weder religiös noch Kirchgänger. Dass die Menschen heute aber Kirchen zunehmend als Dienstleistungsunternehmen verstehen, das sich nach den Wünschen der Kunden zu richten habe, habe ich begriffen, als ich vor Jahren auf einer Hochzeit im Freundeskreis war. Kaum einer der Anwesenden war Kirchgänger, inklusive des Hochzeitspaares, aber eine kirchliche Hochzeit musste schon sein. Hinterher gab es allgemeines Genörgel, dass der Pfarrer so viel unzeitgemäßes Bibelzeug zitiert habe :-). Irgendwie empfinde ich da einen Denkfehler, aber diese Empfindung haben anscheinend immer weniger Menschen.
Königsbloggerei at its best mal wieder: Die keineswegs emotionslose Unaufgeregtheit bei solchen wie vielen anderen Themen tut einfach gut. Weil sie eben auch “im Internet” stattfindet und einen Teil dessen definiert.
Und noch mal Lob, jetzt auch von mir: Danke für diesen Blogpost. Ich diskutiere diese Geschichte seit zwei Tagen zu Hause, in den Redaktionen dieser Welt und überall sonstwo rauf und runter. Und bin ganz genau deiner Meinung. Seit Facebook groß ist, treiben diese Shirtstorm-Nummern mit Gruppen mit über 100.000 Teilnehmern oder Likern mich regelmäßig zur Weißglut. Grmpf!
Sehr gut, lieber Thorsten.
Ich traue es mich ja kaum zu schreiben, aber dieses Thema ist – so schlimm das persönliche Schicksal dahinter auch ist – mir ziemlich egal.
Das der verstorbene Jens Pascal nun doch die (als Kompromiss gefundene) Ruhestädte bekommt, die er zu Lebzeiten gewollt hat ist doch schön.
Leider wird auch hier wieder der Fussball instrumentalisiert, daher lese ich eigentlich über solche Meldungen genauso hinweg, wie über blau-gelbe Allianzen zur Nierenspende.
Ich möchte wirklich nicht pietätlos sein, aber es sterben, hungern und leiden jeden Tag in unserer unmittelbaren Umgebung Menschen für deren Schicksal sich ausser den Angehörigen niemand interessiert.
Was mich bei diesem Thema jedoch am meisten stört ist die Tatsache, das die auf der Titelseite berichtenden Medien – allen voran natürlich das Springer-Hetzblatt – im Zeitalter der Social Media Plattformen genau um die Folgen Ihres “Journalismus” bescheid wissen (“shitstorm” etc.) und es trotzdem tun. Das hier ein so urpersönliches Thema wie der Tod zum Quotenrenner missbraucht wird ärgert mich dabei am meisten.
Interessant kann ich hier nur den “journalistischen” Zusammenhang zum letzten Blogthema finden. Wer hat was gesagt, wie gemeint und mit welcher inhaltlichen Sorgfalt wurde es von wem kommuniziert.
Und dass da alle Medien – von der Bild bis zum Spiegel (Augstein muss sich mitlerweile zig mal im Grab umgedreht haben) – auf RTL Plus Niveau angelangt sind, das ist doch nun wirklich seit längerem trauriger Standard.
Ich finde, du hast einen sehr sachlichen,aber zu recht kritischen Beitrag verfasst, vielen Dank dafür. Spricht für die Qualität dieses Blogs, ist aber eigentlich ein Armutszeugnis für (fast) die gesamte Presselandschaft, dass man erst einen privat geführten Blog aufrufen muss, um einen differenzierteren Bericht über die Sache zu lesen.
Mir geht es ähnlich wie einigen Kommentatoren hier: Ich finde diese ganze Facebook-Gruppendynamik mehr als bedenklich. Von harmlosen Kommentaren über grenzwertige Entrüstungen bishin zu Straftaten ist es nur ein kurzer Weg, das hat ja das Beispiel mit dem Mord in Emden und dem darauffolgenden Aufruf zur Lynchjustiz gezeigt.
Ich glaube, die selben Leute, die sich bei Facebook nun über die Grabstein-Geschichte so extrem aufregen, tummeln sich ansonsten in Gruppen wie “Tod und Hass dem (hier Verein der Wahl einfügen) ” “Kevin Pezzoni verhauen” usw.! Es ist halt in der schnellebigen Online-Welt unheimlich einfach geworden, sein Gewissen zu beruhigen! Man muss nichtmal von der Couch aufstehen….
Ich frage mich, nachdem ich die Lösung des Problems nun kenne (christliches Element auf dem Stein und gut is), warum sprechen die Eltern die Grabsteingestaltung nicht vorher mal mit der zuständigen Person / Kirche ab??? Dann hätte man sich das Getöse sparen können.
Ob man überhaupt ein Fußballwappen (Gitarre, Rennauto, Haustier) auf dem Grabstein haben muss ist dann eine weitere Frage. Ich denke, erlaubt ist, was gefällt. Ich hätte kein Problem damit, wenn auf einem Friedhof eine Kickerstecktabelle entsteht. Why not? Weil manch einer das nicht mag oder meint, so etwas hat auf einem Friedhof nichts zu suchen??? Wenn ich auf einen Friedhof gehe, ist es mir völlig egal, wie die Grabstätten anderer Leute aussehen. Da interessiere ich mich für das Grab, das ich besuchen möchte. Den Rahmen des Erlaubten kann lediglich der Bewirtschafter des Friedhofes vorgeben. Wenn ich dann eine Grabgestaltung außerhalb des Rahmens möchte, dann muss ich eben woanders hingehen. Kann meinem Wunsch nirgendwo entsprochen werden, habe ich eben Pech gehabt.
Im Übrigen spielt es für den kleinen Jens Pascal eh keine Rolle, ob sein Grabstein nun ein Dortmundwappen hat oder nicht. Er bekommt es eh nicht mit, da er tot ist. Dieses ganze Ritualzeugs rund um Beerdigungen ist doch eh für die Angehörigen gemacht. Der Tote bekommt davon nichts mehr mit.
Ein guter Artikel der die Sache endlich beleuchtet.
Es ist ja bekannt,dass die ganzen Shitstorm-Follower Dinge völlig übertrieben darstellen und teilweise auch an den Tatachen vorbei. Das ist ja nicht nur im Internet so, sondern war auch bei den Protesten gegen Brent Spar/Shell, und auch teils bei S21/Atomkraft der Fall.
Auch finde ich es etwas erbärmlich, wenn man (als Erwachsener) sein Leben auf das Schalke oder Dortmund-Fan-Sein reduzieren lässt.Das lasse ich bei einem kleinen Jungen gut gelten aber meine Lebensleistung ist sicher nicht das Schalke-Fan sein.