Artikel im April 2013

Huntelaar verwirrt alle, nur mein Bier nicht

Schalke gewinnt verdient mit 4:1 gegen den Hamburger SV und kann sich im Kampf um Platz 4 ein bisschen Luft verschaffen. Mann des Tages war Klaas-Jan Huntelaar und nicht Dennis Erdmann.

„Der Hunter macht heute 3 Buden“ sagte ich zu Freundin Kerstin, als ich kurz nach 17:00 Uhr zu meinem Platz in Block S5 kam. Ob ich was Falsches getrunken hätte fragte sie, und war kurz drauf ebenso erstaunt wie ich selbst, als wir uns die Präsentation der Startelf auf dem Videowürfel anschauten. Entgegen aller über diverse Kanäle veröffentlichten Meldungen wurde da plötzlich Dennis Erdmann präsentiert.
Der 22 Jährige Innenverteidiger aus Schalkes zweiter Mannschaft saß gegen Leverkusen bereits mal auf der Bank. Nun in der Startformation? Für wen? Klaas-Jan Huntelaar wurde nicht mal als auf der Ersatzbank sitzend genannt! Als ich just in diesem Moment den Niederländer vom Platz in die Kabine wetzen sah, war ich verwirrt.

Noch verwirrter als ich war wohl die Stadionregie, das alles war Kokolores, von Dennis Erdmann war nichts zu sehen. Aber auch der HSV schien verwirrt, denn Klaas-Jan Huntelaar bekamen sie über 90 Minuten nie in den Griff. Nach der Vorlage zum Ausgleich und nach drei Treffern ist es klar, dass er der Mann des Tages war, gewonnen wurde das Spiel aber vor allem im Mittelfeld.

5 Minuten und ein Gegentor brauchte es, dann war Schalkes zentrales Mittelfeld mit Jermaine Jones, Roman Neustädter und Raffael den Hamburger Kollegen klar überlegen. Raffael machte meines Erachtens ein überragendes Spiel. Was er mit Ball machte hatte Hand und Fuß, aber auch ohne Ball war er eine wichtige Unterstützung für seine beiden eher defensiven Kollegen Jones und Neustädter. Die drei standen sehr eng, konnten viele Bälle gewinnen und brachten sie in der Regel sehr schnell wieder nach vorne.

Schön war, dass Schalke bis zuletzt versuchte, dass Tempo hoch zu halten. Das Ergebnis hätte auch noch höher ausfallen können und es ist abseits von Arroganz tatsächlich schade, dass das nicht gelang. Sollte Schalke noch mal verlieren käme es im Kampf um Platz 4 am Ende eventuell aufs Torverhältnis an.

Im Kampf um ein fünftes Tor zeigte sich Michel Bastos gegen René Adler wohl etwas übermotiviert. Das wurde mir allerdings erst nach Ansicht der Fernsehbilder klar, im Stadion war ich davon überzeugt, dass René Adler der einzige zu verurteilende Protagonist war, was mir wie tausenden Anderen eine gewisse Aufregung bescherte. Zur späteren Aufregung um Schalkes Trainerfrage, durch eine Meldung der Bild, mache ich mir übrigens bis auf Weiteres keine ausführlicheren Gedanken.

Jedenfalls hatte ich recht, vor dem Spiel, gegenüber Freundin Kerstin. Nein, es war kein Pfeifen im Walde, wenngleich natürlich auch kein ernsthafter Tipp. Ich wollte nur meinen Optimismus zum Ausdruck bringen, nachdem ich um mich herum in den letzten Tagen viel Skepsis bezüglich dieses Spiels mitbekommen hatte. Mein Getränk war übrigens ein Maisel’s Weisse (sic!). Gibt’s am Stadionkiosk hinter Block T.

Würste für die Wiederwahl, Musik statt Mitbestimmung

Schalke 04 hat über 110.000 Mitglieder. Zu den Jahreshauptversammlungen kamen in der Vergangenheit trotzdem nur 4.000 bis 6.000, obwohl sich der FC Schalke 04 rühmt, nach wie vor ein demokratisch geführter Verein zu sein, und die Mitgliederversammlung qua Satzung das oberste Beschlussorgan ist.

Diese wenigen tausend Mitglieder sind diejenigen, die sich über den bloßen Fußball hinaus für den Verein, dessen Strategie und Ausrichtung interessieren. Grade unter vielen dieser weitergehend Interessierten ist die Stimmung mehr als schlecht. Seit Jahren entfernt sich Schalke 04 von seinen Wurzeln, Tradition ist nur noch ein T-Shirt-Spruch, jegliche über Jahrzehnte entwickelten Ideale werden dem Kommerz geopfert und das „Leben auf Schalke“ wird mehr und mehr zu einem beliebigen, austauschbaren „Fußballerlebnis“ entwickelt.

Das Risiko einer schlecht gelaunten Mitgliederversammlung kann der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies allerdings nicht eingehen, schließlich muss er sich zur Wiederwahl stellen. Also sorgt er für Stimmung: Die Versammlung wird in der Arena stattfinden. Der Innenraum wird geöffnet sein, dort wird es Bühnen geben, auf denen Showprogramm geboten wird. Die Profis schreiben Autogramme, es gibt einen Sondervorverkauf von Tickets für die kommende Saison. Volksfeststimmung, bei der Kritiker mit guter Laune zugeschissen werden. Eine Versammlung, bei der selbst laute Beschwerden im allgemeinen Trubel-, und bei der die Handzeichen der Unzufriedenen zwischen den Armen der sich ob des Events im Wohlfühlmodus befindlichen Mitglieder untergehen werden.

Problemlösung nach Art eines Milliardärs. Der Fußballclub Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V. im Jahr 2013.

Europacup KO-Runden: Nur gefühlte Heimvorteile

Nach jeder Europacup-Auslosung wird gerätselt, ob es denn nun ein Vor- oder ein Nachteil ist, zunächst auswärts oder daheim anzutreten. Ist es ein Vorteil, das zweite Spiel eines Europacup KO-Runden-Duells im eigenen Stadion austragen zu können? Allgemein wird das angenommen, wie Zitate nach Auslosungen stets wieder- und wie auch die Ziehungsmodalitäten als solche zeigen. Wenn man sich die Ergebnisse der letzten 10 Jahre anschaut lässt sich das allerdings nicht belegen. Der Vorteil scheint nur gefühlt zu sein.

Eine entsprechende Statistik habe ich nicht finden können, deshalb habe ich mich selbst darum bemüht, der Sache auf die Spur zu kommen. Dazu habe ich die Hinspiel-Rückspiel-Duelle der Champions League und des UEFA-Cups/Europa League der letzten 10 Spielzeiten plus der laufenden Saison zusammengestellt.

In der Champions League gab es in dieser Zeit 144 KO-Runden-Duelle, in Europa League/UEFA-Cup waren es 672. Betrachtet man alle diese Begegnungen gemeinsam, haben sich die Clubs, die zuerst auswärts antraten und das zweite Spiel im eigenen Stadion austrugen durften, zu 54% durchgesetzt. Betrachtet man nur die Duelle der Champions League, konnten sich die „zuerst Auswärtsclubs“ in 60,4% der Fälle durchsetzten.

Über 60% mag man vielleicht schon als relevant erachten. Allerdings ist es so, dass die „zuerst Auswärtsposition“ durch die Auslosungsmodalitäten zum Achtelfinale der Champions League bevorteilt wird. Für das Achtelfinale werden den Gruppensiegern die Gruppenzweiten zugelost und die Gruppensieger genießen das „zuerst Auswärts“-Recht. Dies sollten demnach die grundsätzlich stärkeren Clubs sein. Damit könnte man den relativ hohen Anteil an siegreichen „zuerst Auswärtsclubs“ in dieser Runde erklären (67,5%).

Lässt man diese Runde außen vor und betrachtet für beide Wettbewerbe nur die 128 Duelle in den Viertel- und Halbfinalrunden kommt man auf glatte 50%.

Vielleicht müsste man die Sache anders betrachtet. Vielleicht müsste man die Spielstärke der einzelnen Clubs in die Betrachtung mit einbeziehen. Wie das allerdings gehen könnte, darauf bin ich bislang nicht gekommen. Vielleicht ist es auch einfach so, dass Fußball auf diesem Niveau von Kleinigkeiten, wohlmöglich Zufällen abhängt, dass sich solche Gewinn-Niederlagen-Statistiken am Ende immer gen 50-50 auspendeln.

Einen Vor- oder Nachteil bezüglich eines ersten Auswärts- oder Heimspiels im Europacup braucht man sich aber jedenfalls nicht einzureden.

Schalke hielt nicht dagegen

Schalke 04 unterliegt in Frankfurt verdient mit 0:1. Nach tollem Start ließen sich die Blauen den Schneid abkaufen und stellten sich am Ende nicht wie eine Mannschaft mit Champions League-Format an.

Wie Schalke begann, musste gefallen. Flotte Kurzpässe, Zug zum Tor, das sah gut aus. Michel Bastos, wieder rechts, obwohl er dort gegen Leverkusen überhaupt nicht funktionierte, war ein Aktivposten und an fast allen gefälligen Aktionen beteiligt. Früh erspielte sich Schalke gute Chancen und bekam obendrein einen Strafstoß zugesprochen, der als zweifelhaft erachtet werden konnte.

Doch Schalke, namentlich der besagte Michel Bastos, lehnte das Geschenk vehement ab. Schlechter kann man einen Strafstoß kaum schießen. Wie ein Torwarttrainer beim warmmachen seines Schützlings schob er den Ball gen Linie, und recht abrupt mit diesem Ereignis war es mit Schalkes Sturm und Drang zunächst auch vorbei. Ciprian Marica scheiterte noch an Nikolov, ansonsten gehörte die erste Halbzeit nach dem Strafstoß der Eintracht.

Man hatte das Gefühl, dass die Eintracht hinhackte, wo Schalke es noch mit Technik versuchte, und dass die Blauen zurückzogen. Ab dem Strafstoß gewann die Eintracht die Mehrzahl der Zweikämpfe, nun blieb der Ball weitestgehend in der Schalker Hälfte. Schalkes Defensive hatte plötzlich viel Mühe. Uchida zog mehrfach gegen Inui den Kürzeren, und die Zentrale sah häufig dann schlecht aus, wenn sich der Junge Marc Stendera mit in Eintrachts Angriff begab. Das Gegentor war der Höhepunkt an Schlechtleistung. Dass ein Ball derart unbeachtet durch den 5-Meter-Raum flattert, darf einfach nicht passieren.

Auch der Beginn der zweiten Halbzeit lies sich zunächst gut an, entpuppte sich dann aber als Strohfeuer. Dreimal musste Oka Nikolov noch retten, einmal winkte der Schiedsrichterassistent ab, bevor Teemu Pukki traf, dann wars vorbei mit Schalke 04.
In den letzten 25(!) Minuten konnte Schalke keine nennenswerte Chance mehr erspielen. Vollkommen hilflos stand man einer gut organisierten Eintracht gegenüber, die sich selbst mit jedem gewonnenen Zweikampf motivierte. Trotz Rückstand war Schalke nicht in der Lage, Druck aufzubauen. Es fehlten die Ideen, wie man gegen diesen Gegner zum Erfolg kommen könnte, und es fehlte auch an Kampfkraft, um sich auf die harte Art durchzusetzen. Am Ende stand ein verdienter Sieg für Eintracht Frankfurt.

Schalkes Punkteschnitt liegt nun bei 1,53 und ergäbe auf eine Saison hochgerechnet eine 52-Punkte-Runde. Das ist noch ein bisschen schlechter als vor einem Monat, zur 100-Tage-Bilanz Jens Kellers. Weiterhin profitieren unglaublich viele Clubs davon, dass unglaublich viele Clubs unglaublich ausgeglichen schwach Spielen. Dabei zeigt Schalke nichts, was einem eine Tendenz schenken könnte. Egal ob gegen Hamburg, Gladbach, Stuttgart oder Freiburg: In jedem Spiel ist von 3:0 bis 0:3 alles vollkommen realistisch.

Lassen wir uns also überraschen. Mehr geht eben nicht.

Zwischen Eigengewächs und Ich-AG

Als Manuel Neuer zu den Falschen wechselte, wurde er vor allem der Unehrlichkeit angeklagt. Jahre lang hätte er den Schalkern etwas vor gemacht, sein lange offensiv dargestelltes Fansein wurde als falsches Spiel erachtet.

Julian Draxler scheint daraus gelernt haben zu wollen. Vielfach nach möglichen Wechseln befragt, weil Zeitungen und das Sportstudio sich nach Jahren so gerne selbst zitieren mögen, schließt er nichts aus. Eher im Gegenteil, dass er den spanischen Fußball möge und dass er sehr gerne mal in Spanien spielen wolle sagt er in nahezu jedem Interview.

Er ist dabei vermutlich grundehrlich, und trotzdem fühlt es sich für des Fans Ohren, für meine Ohren, nicht gut an. Fast, als wünsche er sich weg. Einer, der bei Schalke 04 spielt seit er 7 Jahre alt war, und der auf die Frage, was an diesem Club besonders sei, doch lieber auf das aktuelle sportliche zu sprechen kommt.

Anders als Manuel Neuer. Aber irgendwie auch nicht schön. Schwierig.

Auf dem Weg zum schlanken Kader

Schalke 04 geht den Weg der Konsolidierung. Dazu werden die Einnahmen erhöht und die Ausgaben reduziert. Die Erhöhung der Einnahmen wurde in diesem Blog bereits ab und an thematisiert, mit diesem Beitrag möchte ich Schalkes Fortschritte bei der Reduzierung von Ausgaben darstellen.

Im frisch veröffentlichten Konzerngeschäftsbericht 2012 stellt der Personalaufwand den größten Posten in der Konzerngewinn- und Verlustrechnung dar. Diese Kosten wurden von 99.941.379,74 Euro im Jahr 2011 auf 98.526.473,76 Euro im Jahr 2012 reduziert.

Ein Pixel ist die Größe des blauen Punktes in der Mitte des grauen Kreises, oben rechts. Wenn jedes blaue Pixel der nachfolgenden Fläche 104 Euro wert ist, stellt die Fläche ziemlich exakt die Personalkosten des FC Schalke 04 im Jahr 2012 dar – eine Reihe Pixel von links nach rechts entspricht dabei 62.400 Euro. Der gegenüber 2011 abgebaute Betrag wird durch die weiße Ecke unten rechts dargestellt.

Es geht voran. Herzlichen Glückwunsch.


Schalke jubelt über einen Punkt

Schalke holt gegen Leverkusen einen 0:2 Rückstand auf und spielt am Ende 2:2. Schalke hat Moral bewiesen und sich gewehrt, gegen einen starken Gegner und arg ersatzgeschwächt. Trotzdem stört mich die allgemeine Zufriedenheit mit dem Ergebnis. Denn Schalke hat im Heimspiel gegen den direkten Konkurrenten um Platz 3 nur ein Unentschieden erreicht.

Das erste Gegentor war für Schalke zweifelsohne schwer zu verkraften. Ciprian Marica und sein Gegenspieler rasselten mit den Köpfen aneinander, Marica zog den Kürzeren. Es war die ersten Halbzeit, es stand 0:0, nichts was darauf gedeutet hätte, dass hier mutwillig auf Zeit gespielt werden soll. Schiedsrichter Gräfe konnte aus der Ferne nicht beurteilen, wie nötig der Spieler eine Behandlung hat. Gräfe unterbrach nicht, machte aus Maricas schmerzvollem Nachteil einen nominellen Vorteil für den Gegner. Dieser spielte den Ball nicht ins Aus. Schwach von Gräfe, unfair von Leverkusen, übel für Schalke.

Für neutrale Zuschauer war es ein gutes Spiel. Viel Tempo, keine Langeweile. Leverkusen war lange Zeit die bessere Mannschaft, Schalke kam hauptsächlich durch Einzelaktionen zu Abschlüssen. Die Einwechslung Teemu Pukkis machte sich bezahlt. Pukki „machte Betrieb“ und belohnte sich mit seinem Abstauber selbst. Plötzlich machte Schalke Druck, ohne allerdings mit klaren Aktionen glänzen zu können. Dass Schalke den Strafstoß erhielt war wiederum recht freundlich von Schiedsrichter Gräfe; ungewollt hätte diese minimale Berührung nicht mal den leichten Teemu Pukki zu Fall gebracht. 2:2, das Wie war mir letztlich auch egal.

Was mich trotzdem störte war diese allgemeine Schalker Zufriedenheit, die sich nach dem Spiel breit machte. Allenthalben wurde ausschließlich gelobt. Der eine Punkt sei so wichtig. Man sei zurückgekommen. Zur Szene vor dem 0:1 wollte sich Jens Keller in der Pressekonferenz nicht äußern. Pure Harmonie.

Ich halte das für grundlegend falsch. Meines Erachtens zeigen sich Mannschaft und Trainer auf Schalke regelmäßig mit zu wenig zufrieden. Seit Jahren. Einzig Horst Heldt lässt ab und an mehr Ergeiz durchblicken.

Schalke will in die Champions League. Auf die Hoffnungsrunde per 4. Platz zu hoffen ist dann ok wenn nichts anderes mehr möglich ist. Aber bis dahin geht es um Platz 3! Ja, prima aufgeholt, aber weshalb überhaupt? Allenthalben wird so getan als sei ein Rückstand gottgegeben, als wäre es ganz normal, dass Schalke trotz Rückstand eine halbe Stunde passiv bleibt. Horst Heldt predigt vollkommen zu recht „Fokussierung“, und trotzdem spielt Schalke in nahezu jedem Spiel eine Halbzeit ohne Biss, zum abwinken unemotional und häufig sogar richtig schlecht.

Das Auftreten Schalkes wirkt nicht ehrgeizig. Dieses Spiel bot die Möglichkeit anzugreifen, doch anstatt sich selbst „heiß“ zu präsentieren wurde bereits zuvor die Wichtigkeit runtergespielt. Nein, hieß es, das sei kein Endspiel, es ginge nur um 3 Punkte, auch so ist nichts entschieden. Und so hat Schalke dann auch die längste Zeit des Spiels gespielt.

Schade.