Artikel im Mai 2013

Schalkes neues Trainerteam

Horst Heldt hatte sich dazu entschieden, mit Jens Keller auf einen jungen und – zumindest was die Bundesliga angeht – unerfahrenen Trainer zu setzen. Nun setzt er ihm viel Erfahrung an die Seite, indem er Peter Hermann als Assistenten auf Schalke holt. Ein interessanter Zug.

Peter Hermann hat einen hervorragenden Ruf. In langen Jahren in Leverkusen hat er viele Trainertypen und verschiedene Funktionen erlebt. In der jüngeren Vergangenheit half er Michael Oenning dabei, den 1. FC Nürnberg aus der 2. Liga ins Oberhaus zu führen. Danach wechselte er zurück nach Leverkusen und an Jupp Heynckes’ Seite. Er assistierte Heynckes bei dessen „überraschend lockerem Jahr“ am Stadtrand Kölns, folgte ihm nach München und wird morgen seine dortige Zeit vermutlich mit der erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte abschließen.

Dass Horst Heldt Peter Hermann nach Gelsenkirchen holen will, davon war schon lange die Rede. Schon bevor feststand, wer in der kommenden Saison Cheftrainer sein würde. Ich hielt das für ein Indiz, dass Jens Keller abgelöst werden würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass einem arbeitenden Trainerteam „von oben“ ein neuer Assistent zugewiesen wird. Falsch gedacht.
Ob das für Jens Keller (42) einen Autoritätsverlust darstellt, wie er sich dabei fühlt, ob er Peter Hermann hätte ablehnen können, das weiß ich alles nicht. Ich hoffe er ist mit dieser Entscheidung im Reinen, denn auch der von ihm ausgesuchte Assistent Sven Hübscher (34) ist ein Bundesliga-Neuling und es liegt nahe, dass beide sehr von der Erfahrung des 61-jährigen Peter Hermann profitieren können.

Das komplette für die tägliche Trainingsarbeit zuständige Team hat nun Verträge bis zum 30. Juni 2015. Neben Jens Keller sowie den Assistenten Sven Hübscher und Peter Hermann sind das der unter Huub Stevens akquirierte Torwarttrainer Holger Gehrke und der von Ralf Rangnick geholte Fitnesstrainer Ruwen Faller, ehemaliger Leichtathletik Olympionike.
Nicht mehr für die Profis zuständig sind hingegen „die letzten Magath-Trainer“, Seppo Eichkorn und Markus Zetlmeisl. Beide wurden aber nicht etwas rausgeschmissen sondern erhielten ebenfalls Vertragsverlängerungen. Der Reha- und Konditionstrainer Markus Zetlmeisl wird mindestens bis 2015 Schalkes Nachwuchs fit machen, der „ewige Co“ Seppo Eichkorn verändert sich tatsächlich und wird bis mindestens 2016 als Scout für Schalke tätig sein.

Reinen Beobachtern wie mir fällt es stets schwer, die Leistungen der einzelnen Trainer zu bewerten, selbst bei Besuchen des öffentlichen Trainings. Trotzdem fühlen sich diese Veränderungen meines Erachtens gut an. Auch dass erprobte Fachleute wie Eichkorn und Zetlmeisl im Club gehalten werden, gefällt mir. Horst Heldt hat da zügig Nägel mit Köpfen gemacht.

Ein kurzer Blick auf Schalkes Innenverteidiger 2013/2014

Schalke 04 hat Felipe Santana verpflichtet. Christoph Metzelder hat seine Karriere beendet und Kyriakos Papadopoulos wird Schalke verlassen, sofern er irgendwo in England einen Medizincheck besteht. Aller Voraussicht nach startet Schalke mit folgenden Innenverteidigern in die kommende Saison:

  • Benedikt Höwedes (147 BL-Einsätze / 25 Jahre alt)
  • Joel Matip (108 / 21)
  • Felipe Santana (95 / 27)
  • Sead Kolasinac (16 / 19)
  • Kaan Ayhan (0 / 18)

Der Zugang von Felipe Santana wird die nach Papadopoulos’ Ausfall geschwundene Konkurrenzsituation neu beleben. Ob er sich gegen Joel Matip oder Benedikt Höwedes durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Ein weitere Neuzugang ist Kaan Ayhan, der nächste Spieler aus Schalkes „Knappenschmiede“. Noch 18 Jahre jung, in Gelsenkirchen geboren, trotz seiner Defensivposition enorm torgefährlich und so talentiert, dass Horst Heldt seinen Verbleib bereits vor mehr als einem Jahr mit einem ab 01.07.2013 gültigen Profivertrag sicherte. Sead Kolasinac konnte in der abgelaufenen Saison den Job des Linksverteidigers gewinnen. In der Jungend spielte er hauptsächlich auf zentralen Positionen, in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld.

Eine Gruppe mit viel Talent. Jens Keller hat in der abgelaufenen Saison bereits gezeigt, dass er sich nicht davor scheut, junge Spieler einzusetzen. Meines Erachtens ist Schalke 04 bezüglich der Innenverteidiger-Position ordentlich aufgestellt.

Und für die Leser, denen in diesem Text zu wenig Emotionalität steckt, noch kurz der Hiweis: Dass Felipe Santana ausgerechnet von Borussia Dortmund zu den Blauen wechselt, ist mir tatsächlich egal.

Die 10-Jahres-Tabelle der Champions League

Die 10-Jahres-Tabelle der Champions League

 
Für die obere Tabelle wurden alle Spiele ab der Gruppenphase erfasst. Da den Spielen ab dem Achtelfinale eine besondere Bedeutung zukommt, hier noch eine KO-Runden-Tabelle.
 

Die 10-Jahres-Tabelle der Champions League KO-Runden

Finale zählen als KO-Runde. „Jahre“ entspricht hier den Teilnahmen am Achtelfinale, ergo die überstandenen Gruppenphasen. Diese Tabelle ist nach nach gewonnenen KO-Runden absteigend sortiert.


Die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga

Die 10-Jahres-Tabelle der Bundesliga



Für den FC Schalke 04 stehen in dieser Zeit zu Buche:

2003/2004: UEFA-Cup Teilnahme via UI-Cup | 2004/2005: UEFA-Cup Teilnahme via UI-Cup, Vizemeister, Champions League-Qualifikation, DFB-Pokalfinalist | 2005/2006: UEFA-Cup Halbfinalist, UEFA-Cup Qualifikation | 2006/2007: Vizemeister, Champions League Qualifikation | 2007/2008: Champions League Viertelfinale, Qualifikation zur Champions League-Qualifikationsrunde | 2009/2010: Vizemeister, Champions League Qualifikation | 2010/2011: Champions League-Halbfinalist, DFB-Pokalsieger | 2011/2012: Europa League Viertelfinale, Champions League Qualifikation | 2012/2013: Champions League Achtelfinale, Qualifikation zur Champions League-Qualifikationsrunde

Minimalziel statt Saisonziel

Am Ende ist man froh über Platz 4, dabei hatte man sich ursprünglich mehr erhofft. Das eigentliche Saisonziel des FC Schalke 04 war der dritte Platz und die damit verbundene direkte Champions League-Qualifikation. Dass daraus nichts wurde ist nicht alleine der schlechten Phase unter Huub Stevens vom 10. Spieltag bis zur Winterpause geschuldet. Endgültig aus dem Blick verschwand dieses Ziel erst zu Beginn der Rückrunde.

Die oben dargestellte Grafik stellt den Abstand des FC Schalke 04 vom eigentlichen Ziel Platz 3 und von Platz 4 im Laufe der Saison dar. Dabei geht es nicht um Tabellenplätze, sondern um Punkte. Die grüne (konstante) Linie steht dabei für die jeweilige Punktzahl der Mannschaft auf Platz 3. Im Verhältnis zu ihr ist die jeweilige Punktedifferenz der Mannschaft auf Platz 4 (gelbe Linie) und des FC Schalke 04 (blaue Linie) dargestellt.

Trotz nur fünf Punkten aus sieben Spielen lag Schalke nach dem 16. Spieltag noch gut im Rennen um Platz 3. Die Mannschaften auf den Plätzen 3 und 4 hatten jeweils 27 Punkte auf den Konten, Schalke lag zwei Punkte zurück. Nach der Niederlage gegen Freiburg am 17. Spieltag vergrößerte sich der Abstand auf fünf Punkte. Huub Stevens wurde entlassen.

Als Schalke unter Jens Keller aus den vier Spielen der Spieltage 19 bis 22 nur zwei Punkte holte, geriet der dritte Platz vollends außer Sichtweite. Irgendwann in diesem Zeitraum, Anfang Februar, änderte sich der Sprachgebrauch, ab da war nur noch von Platz 4 als „Minimalziel“ die Rede.
Auch die Mannschaft auf Platz 4 (Eintracht Frankfurt) verlor zu Platz 3 immer mehr an Boden. Nach drei Siegen in Folge war Schalke ab dem 25. Spieltag stets auf oder punktgleich mit Platz 4, zu höheren Ehren reichte es nicht mehr.

Am Ende der Saison stand der dritte Platz bei 65 Punkten. Der Schnitt der letzten zehn Spielzeiten für den dritten Platz liegt bei 63,4 Punkten. Schalke auf Platz 4 erreichte 55 Punkte. In den letzten zehn Jahren erreichten die Teams auf Platz 4 durchschnittlich 59,5 Punkte.

Endspielsieg in Freiburg!

Schalke 04 gewinnt das Endspiel um Platz 4! Mit einem 2:1 in Freiburg erhalten sich die Blauen die Chance auf eine wiederholte Champions League-Teilnahme. Ein keineswegs unverdienter Sieg, in einem Spiel, das nicht an normalen Liga-Maßstäben gemessen werden kann.

Nach dem Abpfiff monierte Christian Streich die defensive Einstellung Schalkes. Laut Presseagentur zitterte sich Schalke in die Champions League, und in der ARD-Sportschau hieß es, die bessere Mannschaft hätte verloren. Meines Erachtens ist das alles ziemlicher Quatsch. Die Ausgangslage war, dass Schalke ein Unentschieden erreichen musste, denn an einen 5-Tore Kantersieg der Frankfurter Eintracht gegen Wolfsburg glaubte niemand. Für Schalke ging es diesmal nicht darum, viele Torchancen zu kreieren. In diesem Spiel war es das Ziel, Freiburg möglichst weit vor Hildebrands Tor zu stellen, und sich aus Freiburger Fehlern ergebende Chancen zu nutzen. Diesen Job hat Schalke ziemlich überzeugend erledigt.

Schalke verteidigte hoch. Über weite Teile der Spielzeit wurde der ballführende Spieler noch vor der Mittellinie attackiert. Die Defensive rückte stets auf, Freiburg hatte im Mittelfeld kaum Platz für ein geeignetes Passspiel. Schalke lies kaum Lücken und zwang Freiburg dazu, es mit langen Bällen hinter die Abwehrreihe zu probieren. Die erste Freiburger Chance entstand so. Insgesamt wusste Freiburg diese Variante aber nicht erfolgreich auszuspielen.

Es ergab sich kein schönes Spiel, zugegeben. Viel Kampf im Mittelfeld, wenige Torraumszenen. Ein „Infight“-Spiel, das der Schalker Ausgangsposition aber eben entgegen kam und von Jens Keller sicherlich als gewollt akzeptiert wurde. Von den wenigen Torchancen hatte Schalke die klareren, und es war durchaus bezeichnend, dass der Freiburger Treffer nicht wirklich „aus dem Spiel heraus“ fiel, sondern ein Produkt Schalker Schlafmützigkeit bei eigenem Eckball war.

Entsprechend der Art dieses Spiels war Jermaine Jones meines Erachtens der beste Mann auf dem Platz. Ich bin wahrlich kein Jones-Fan. Seine fußballerischen Qualitäten sind doch vergleichsweise beschränkt. Im modernen Fußball sind defensive Mittelfeldspieler gleichzeitig Spielgestalter, sie müssen schnelle präzise Pässe spielen und beim Nachrücken die Offensive unterstützen. Wenn Jones dabei vom 6er zum 8er wird ist er regelmäßig überfordert, regelmäßig wünsche ich mit dann andere Spieler in seine Position.
In der Realität spielt Schalke aber ziemlich häufig eben nicht diesen technisch ausgereiften, schnellen Kombinationsfußball. Schalke ist häufig doch noch mehr Axt denn Degen, an Florett nicht zu denken. Und dann kann Jermaine Jones denn Unterschied ausmachen. Gegen Freiburg war er überall auf dem Platz zu finden, lief eine längere Strecke als jeder Freiburger, lief mehr Sprints und mehr intensive Läufe als alle anderen Spieler auf dem Platz. Stets im Weg des Gegners und auch dem letzten schlechten Pass noch hinterher hechelnd. Das Freiburger Eigentor war tatsächlich seine Leistung. Nicht des verunglückten Abschlusses wegen, sondern weil es typisch Jones war, den Ball in der Freiburger Hälfte, auf sich allein gestellt, überhaupt erst zu gewinnen. Diese Szene krönte seine Leistung, die entscheidend dazu beitrug, dass Schalke auf Platz 4 blieb.

Schalke hat diesen Sieg nicht erzittert, sondern erkämpft. Ein versöhnlicher Abschluss einer Saison, in der es mal wieder drunter und drüber ging. Schalke eben. Schalke kann nicht langweilig, trotz allem Ärger ab und an liebe ich meinen Verein wohl auch grade deshalb. Nun warten in der Champions League-Qualifikation die nächsten Endspiele. Das ist die Zukunft. Die Saison ist Vergangenheit. Ein Rückblick folgt. Für heute genügt der Endspielsieg in Freiburg.

Letzte Worte

Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in der letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben.

Mein Zettel hingegen ist weiß wie der Schnee. Längst wurde alles gesagt.

Trotz aller Vorbereitung, aller Interpretationen und aller Psychologie bleibt es doch Fußball, ein häufig wahnsinnig zufälliges Spiel. Vielleicht entscheidet am Ende ein halber Zentimeter eines ausgestreckten Fußes. Ma’kucken.

Wir treffen uns also nach der Saison hier wieder. Ich freu’ mich drauf.
Bis dahin, Glückauf!



Ich vermute, dass Mark Twain nie ein Fußballspiel gesehen hat.