Artikel im Juli 2013

Pause & Tipp

Horst Heldt hat früh viel erledigt, jetzt wird trainiert. Ich freue mich auf die Saison. Bis dahin mache ich jetzt aber Pause. Die Raúl-Show und das Pokalspiel werde ich hier nicht besprechen, am Montag nach dem Bundesligaauftakt gegen den Hamburger SV, um 07:04 Uhr, geht’s weiter. Ab dem erscheinen dieses Beitrags werden es dann 19 Tage und 04 Minuten Blogstille gewesen sein. Das ist schalkig genug, denke ich.

Wer in der Zwischenzeit etwas Interessantes und Unterhaltsames lesen mag, dem möchte ich „Die Jahrhundertelf“ von Gerhard Fischer empfehlen. In diesem kleinen Buch werden elf Jahrzehnte deutsche Fußballgeschichte anhand von 11 Spielern dargestellt. Dabei wird einem klar, wie schwierig die Anfänge waren, oder wie intensiv echte Derbys sein konnten – die zwischen Fürth und Nürnberg nämlich, bei denen die Rivalität auch von Spielern und nicht nur von den Fans gelebt wurde. Die Karriere eines der zwei einzigen jüdischen deutschen Nationalspieler wird erzählt, es geht um Flucht aus der DDR in die Bundesliga und um die Entwicklung, die es möglich machte, dass in der heutigen Nationalmannschaft Spieler aus Familien nichtdeutscher Herkunft normal sind.

Viel Fußballleben, elf Portraits. 188 Seiten, die unterhalten, einen viel lehren und die zum Nachdenken anregen. Empfehlenswert.

Jones‘ letztes Jahr?

Jermaine Jones Vertrag läuft im Sommer 2014 aus. Er würde gerne verlängern, dem Vernehmen nach gehört er zu den Top-Verdienern auf Schalke. Bis heute ist er ein wichtiger Teil der Schalker Mannschaft. Das spricht allerdings nicht nur für Jones, sondern auch gegen Schalke.

Dieser Tage spricht er wieder viel, der Jermaine. Dass Schalkes Potenzial so groß sei, dass man nicht nur von Platz 2 bis 4 reden solle. Dass es sein Traum wäre, auf Schalke zu verlängern. Das liest sich bei ihm immer eine Spur zu pathetisch. Sein sportlicher Ehrgeiz ist ihm sicher nicht abzusprechen, aber abseits dessen sollte auch klar sein, dass es ihm um Besitzstandswahrung gehen dürfte. Seine letzte Vertragsverlängerung wurde noch von Josef Schnusenberg verkündet, er wurde als „Korsettstange der künftigen Mannschaft“ langfristig gebunden, mit dem entsprechenden Verdienst. Eher unwahrscheinlich, dass ein Wechsel für Jones lukrativ sein könnte.

Aktuell wäre ein Wechsel Jones’ allerdings auch für Schalke ein Verlust. In den vergangenen zwei Jahren war er wichtig, auch wenn das manch einem nicht unbedingt gefallen hat – mir zum Beispiel. „Hassliebe“ wäre zuviel, aber ich tue mich schwer mit Jermaine Jones, und zog doch innerlich auch immer wieder meinen Hut vor ihm.

Meines Erachtens sollte Schalke 04 längst soweit sein, dass für einen so groben Kicker wie ihn kein Platz mehr ist. Sein Passspiel und seine Übersicht sind meines Erachtens nicht so gut, als dass er den „Achter“ geben sollte, ich denke in erfolgreicheren Clubs bekäme Jones’ diese Position nicht. Und doch wurde er von Huub Stevens und Jens Keller ständig aufgestellt. Auch weil man sich auf ihn verlassen kann. Jones mag kein überragender Kicker sein, aber er liefert in jedem Spiel seine „Jones-Leistung“, hält stets sein Level, fällt nahezu nie ab. Dabei ist er schwächer als einige, aber besser als viele.

Jetzt hat Schalke Leon Goretzka verpflichtet und mit ihm die Hoffnung auf ein überragendes Talent für eben diese Position, auf der Jermaine Jones in den letzten zwei Jahren spielte. Leon Goretzkas Ziel muss es sein, Jermaine Jones überflüssig zu machen. Ob das gelingt oder ob es für Schalke vorerst beim Jones-Level bleibt: Ma’kucken.

Asa gibt den Crash

Gerald Asamoah ist wieder Angestellter des FC Schalke 04. Als Mann für Medien wird er den Verein repräsentieren. Als Mitglied eines „Kompetenzteams“ wird er mit Olaf Thon und einem noch nicht genannten Ex-Schalke-Profi den Aufsichtsrat beraten. In der nun beginnenden Saison soll er aber auch und vor allem als Stürmer für Schalkes Regionalligamannschaft spielen. Dabei fällt ihm die Crash Davis-Rolle zu.

Gerald Asamoah hat mit seiner Erfahrung aus über 50 Europapokalspielen und als Schalker Rekord-Nationalspieler einen Mehrwert für diese junge Mannschaft. Er kann sie führen, er kann den jungen Spielern Tipps geben, er kann sie vorbereiten auf das Profidasein. Es ist mit Geld gar nicht aufzuwerten, was Asa für uns da leisten kann.

Crash Davis ist der von Kevin Costner gespielte Protagonist des Films „Bull Durham“ (dt. „Annies Männer“), dem besten Baseball-Film von allen. Als Fänger kurz vor seinem Karriereende wird er zu seinem neuen Club geholt, um den jungen Werfer Ebby Calvin LaLoosh zu führen, der zwar einen grandiosen Wurfarm hat, dem es aber an Ernsthaftigkeit und Lebenserfahrung fehlt. Ein Film voller großartiger Dialoge, welche das Gros der Baseballfans dieser Welt auswendig zitieren kann, und an dessen Ende es LaLoosh selbstverständlich in „die Show“, die Major Leagues, schafft, wo er den Journalisten die zuvor mit Crash auswendig gelernten Plattitüden in die Mikrofone spricht. Dass an LaLooshs Entwicklung auch noch eine von Susan Sarandon gespielte Dame beteiligt ist, die sich zu jeder Saison einen Spieler des Bulls-Teams aussucht und ihm ihre eigenen Lebensweisheiten offenbart, sei hier nur am Rande erwähnt. Wer diesen Part bei Schalke übernimmt, weiß ich nicht.

Hat sich Schalke 04 tatsächlich verstärkt?

Schalke 04 hat sich gegen eine Verpflichtung Sascha Riethers entschieden. Unter dem Vorbehalt einer Reaktion bei Ausfällen durch Verletzungen wird man mit dem aktuellen Kader in die Saison starten. Für die jüngsten Transfers hat Horst Heldt durchaus nachvollziehbar viel Lob kassiert. Trotzdem ist es fraglich, ob sich Schalke 04 wirklich verstärkt hat.

Mit Adam Szalai hat Schalke nun endlich einen ernstzunehmenden Stürmer neben Klaas-Jan Huntelaar. Felipe Santana ist ein Schnäppchen, angesichts des Endes Christoph Metzelders Karriere ein guter Zug, angesichts des unabsehbaren Fortgangs Kyriakos Papadopoulos’ Karriere auf Schalke eher eine Notwendigkeit. Auf Tim Hoogland darf man hoffen, sollte man aber besser nicht bauen. Christian Clemens ist einiges zuzutrauen, Leon Goretzka vielleicht noch viel mehr. Aber gleich jetzt? Und wenn nicht, wann dann?

So nachvollziehbar es auch ist, dass Schalke 04, im Wissen um das Talent Julian Draxlers und Max Meyers, keine Millionen für Raffael nach Kiew überweisen wollte: Schalke hat seinem Mittelfeld viel „Zukunft“ hinzugefügt, aber einen wichtigen Spieler der letzten Rückrunde verloren. Trotz „Wohlfühl-Transferperiode“ wäre es keine Überraschung, würde keiner der Neuzugänge beim Saisonauftakt gegen den Hamburger SV in der Startformation stehen. Dabei sind die Punkte des 1. Spieltags soviel wert wie die des letzten. Wer jetzt schon laut über Schalkes Transfers jubelt setzt die erhoffte Entwicklung der nun im Kader stehenden Talente als bereits gegeben voraus. Ohne unken zu wollen: Möglicherweise ist das zu flott für die der Hoffnung in der Regel hinterherhechelnde Realität.

Wörtlich: Horst Heldt

Ich habe nicht gedacht, dass tatsächlich Vereine so schnell so viel Geld für einen 19-Jährigen bezahlen wollen. Jetzt ärgere ich mich, dass ich sie nicht noch höher angesetzt habe.

… über die Ausstiegsklausel in Julian Draxlers frisch unterzeichnetem Vertrag, nach der er für rund 45 Millionen Euro Ablöse wechseln kann.

Schalker Frühling?

Julian Draxler gibt José Mourinho einen Korb, um auf Schalke Jens Kellers Nummer 10 sein zu können. Schalke setzt auf deutsche Talente und ist plötzlich auch für anderswo begehrte Spieler attraktiv. Dem MSV Duisburg wird durch die unbürokratische Erteilung eines Kredits das Erlangen der Lizenz für die 3. Liga erleichtert. Zugunsten der ebenfalls gebeutelten TuS Koblenz verzichtet Schalke auf Antrittsgeld für das Testspiel in der kommenden Woche. Schalke kündigt die Zusammenarbeit mit Viagogo und sorgt damit dafür, dass sich ein auf der Fanlseele liegender Backstein in Luft auflöst!

Das ist mir fast schon zuviel. Solchen positiven Beschuss bin ich von meinem Verein nicht mehr gewohnt. Die letzten Jahre haben mich trainiert, alles kritisch zu sehen, stets das aus meiner Sicht Schlechte zu erwarten. Kurzfristige Strategien bezüglich des Sports, stets mehr Kommerzialisierung, das Schönreden und nicht Angehen der finanziellen Probleme. Nun ist der Himmel plötzlich königsblau. Darf man dem trauen?

Schalke 04 braucht Geld, ist weiterhin finanziell auf Kante genäht. Die Gesten gegenüber dem MSV Duisburg und der TuS Koblenz sind machbar, weil die Schere im Profifußball mittlerweile unfassbar weit auseinander klafft, weil Schalke als einer der Clubs der Bundesliga-Spitzengruppe eben in ganz anderen Sphären verkehrt als die genannten „Mitstreiter“. Ob Schalke auch dann noch bereit ist, auf deutsche Talente zu vertrauen, wenn die Champions League-Plätze außer Reichweite geraten, bleibt abzuwarten. Vor allem aber bleibt abzuwarten, ob Vorstand und Aufsichtsrat unseres Vereins aus dem Fall Viagogo gelernt haben.

Alexander Jobst stellt die Sache nun dar, als sei der massive Fanprotest unnötig gewesen, als hätten er als Vorstand und der Verein aus sich heraus so gehandelt. Ich denke das ist Kokolores, ich bin davon überzeugt, dass Schalke 04 den Vertrag mit Viagogo erfüllt hätte, wenn es keinen solch massiven Widerstand von der Vereinsbasis gegeben hätte.
Das jetzige Handeln in dieser Form ist eine große Tat, dafür gebührt den Verantwortlichen und auch insbesondere Alexander Jobst Respekt. Eine gesichtwahrende Darstellung der Causa sei ihm deshalb gegönnt. Egal ist das trotzdem nicht, vielmehr ist es sogar ganz entscheidend, wie sich die Führung des Vereins gegenüber den mündigen Mitgliedern nun positioniert, wie man sich ihnen gegenüber fortan verhält!

Diesen Bock umgestoßen zu haben kann ein neues Wir-Gefühl schaffen. Das gelingt allerdings nur dann, wenn dieses Ereignis nicht als Erfolg von irgendwem gegenüber irgendwem, sondern als Startschuss zu einem besseren Miteinander auf Schalke angesehen wird. Der Verein handelte nicht nur bei dem Viagogo-Vertrag falsch, er handelte auch falsch als er Mitglieder dabei behinderte, für eine andere Meinung zu werben, als er Mitglieder durch das systematische Ablehnen von Anträgen zur Jahreshauptversammlung mundtot zu machen versuchte.

Vielleicht hat ja auch das mit dem gestrigen Tag aufgehört. Vielleicht beschäftigen sich Schalkes Juristen fortan tatsächlich mit den Gegnern des Vereins statt mit den eigenen Mitgliedern. Vielleicht macht Clemens Tönnies seine Ankündigung wahr und schüttet die Gräben mit dem Bulldozer zu. Bei aller Freude über die Viagogo-Kündigung: Das alles bleibt noch abzuwarten. Darauf zu Hoffen scheint aber wieder möglich.



Bild: FoeNyx

Schalke 04 kündigt den Viagogo-Vertrag!

… das wird grade ganz offiziell auf der Clubseite vermeldet. Hier. Ich bin baff und zugleich entzückt. Welch ein Kraftakt von Eckl, Zellin & Co.! Welch ein Erfolg für Schalke im Sinne von Uns. Gänsehaut.