Artikel im Februar 2014

Unprofessionelle Resignation

Schalke lässt sich von Real Madrid ein 1:6 vor den Latz knallen und mich als Depp dastehen. Schalke habe keinen Druck, in dem Spiel könne Schalke eigentlich nur gut aussehen, hatte ich behauptet. Falsch gedacht. Schalke verhielt sich arg unprofessionell, resignierte, ließ sich gehen und ließ den Abend eben doch peinlich werden.

Immerhin erübrigt sich der trockene Blick auf die Taktik. In den ersten 20 Minuten trafen exakt zweimal individuelle Fehler auf individuelles Können, und schon war das Spiel entschieden. So lässt sich Fußball leicht verstehen. Nicht verstehen lässt sich, wieso Schalke im weiteren Verlauf das Bemühen einstellte.

Natürlich war das Spiel und der Wettbewerb um die weitere Champions League-Teilnahme früh verloren. Das stand zu befürchten, vielleicht zu erwarten. Aber dies war die ganz große Bühne, ein volles Haus, viel Lust auf Fußball: Hätten es die Umstände nicht verdient gehabt, dass sich Schalke bis zuletzt müht? Ich denke schon.

Mag ein Spiel nach frühem Rückstand auch zu einem Training mutieren, dann sollte man erwarten können, dass die Spieler konzentriert trainieren. Es geht um’s lernen, und wenn man daran nicht glaubt geht es immer noch um die Achtung. Die der Fans, des Spiels als solchem und sich selbst gegenüber.

Stattdessen haben Teile der Mannschaft nicht mehr mitgemacht. Väter von 9-Jährigen kennen sowas aus E-Jugend-Spielen, wenn die Angreifer ob des großen Rückstandes keine Lust mehr haben, nach Ballverlusten stehen bleiben und zusehen, wie die Abwehrspieler alleine dumm aussehen. In der E-Jungend ist das ärgerlich. In der Champions League ist das höchst unprofessionell und peinlich.

So nimmt einen niemand ernst. So gehört man doch nicht dazu.

Feiertag auf Schalke

Klar, er hat eine Ausstrahlung, bei der man denken könnte: Was ist das für ein arroganter Typ. Aber so habe ich ihn nie wahrgenommen. Er ist einer der eifrigsten Spieler, die ich je erlebt habe. Davon kann sich jeder eine Scheibe abschneiden. Er ist ein bisschen wie Mourinho, nur eben als Spieler.

… sagte Nuri Sahin, und diesmal wir er nicht gelogen haben. Ich habe längst meinen Frieden gemacht, mit Christiano Ronaldos Art. Anfangs verurteilte ich sein Gehabe als Respektlosigkeit gegenüber seiner Gegner. Mittlerweile bewundere ich nur noch sein Spiel. Ein grandioser Spieler, vielleicht der Beste. Morgen dann in Schalkes Arena.

Seit ich blogge, seit 2007, durfte ich auf Schalke viele der stärksten Clubs der Welt sehen: Barcelona, Valencia, Atletico Madrid, Paris St. Germain, Olympique Lyon, Inter Mailand, Chelsea, Arsenal, Manchester – sowohl City als auch United; nun macht Real die Gruppe rund. Bei allem Gemopper über unausgeschöpfte Potenziale, es ist eine imposante Gegnerliste, die sich Schalke erarbeitet hat. Bei allem Gezeter über den Kommerz, sportlich ist die Champions League die Spitze des Fußballs. Ich liebe diese Abende.

Die Stimmung ist anders als üblich. Durch das Verdecken der ständigen Werbebanden mir den Bannern der Champions League sieht das Stadion anders aus. Mittlerweile gehört Schalke durchaus dazu, ein Club der zweiten Garde, der sich in den Gruppenphasen zu den Anwärtern auf die zweiten Plätze zählen kann. Und doch ist der Abstand zur ersten Garde enorm, was Erfahrung und vor allem wirtschaftliche Voraussetzungen angeht. In Spielen gegen diese großen Clubs bleibt Schalke krasser Außenseiter. Aber das macht nichts.

Im Fußball ist man nie und gegen keinen Gegner per se chancenlos. Sein ganzes Können abrufen und sehen, was damit zu erreichen ist. Auf ein bisschen Glück in den entscheidenden Situationen hoffen. Spannung genießen, möglichst lange, spüren wie fehlender Druck zum Sog wird. Lasst uns Spaß haben.

Gerechte Punkteteilung

Schalke spielt zu Hause gegen Mainz unentschieden, 0:0. Ein Ergebnis mit dem die Blauen zufrieden sein mussten, weil man seine eigenen Chancen nicht nutze und weil sich Mainz als gradliniger agierende Mannschaft den Punkt verdient hat.

Während Ralf Fährmann einmal mehr fehlerfrei blieb und bei Mainzer Großchancen seine Mannschaft rettete, waren zwei andere Helden der letzten Woche kaum im Spiel: Der Hunter und der Prince konnte lange nicht so wirken wie zuletzt. Natürlich hatten die Mainzer Verteidiger ein Auge auf Klaas-Jan Huntelaar. Trotzdem wurde er von seinen Mitspielern in einigen Situationen, in denen er sich gut freigelaufen hatte, einfach nicht angespielt. Den besten Stürmer so schlecht zu nutzen war eine Schwäche Schalkes in diesem Spiel.

Dass Prince über weite Strecken kaum auffiel, war eine Stärke Mainz‘. Ihr Spiel lief hauptsächlich über die Flügel, außen um das zuletzt so dominante Schalker defensive Mittelfeld herum. Erst wenn Prince oder Neustädter ihren Außenverteidigern zu Hilfe eilten und ihre zuletzt so kompakte Staffelung auseinandergezogen war, spielte Mainz wieder ins Zentrum. Es gelang Mainz nur selten, diesem guten Vorankommen präzise Spielzüge folgen zu lassen. Aber es gelang ihnen, das Spiel im Mittelfeld ausgeglichen zu gestalten.

Schalke wurde im Aufbau von den Mainzer Angreifern früh attackiert. Trotzdem gelang es Schalke ausreichend häufig, ins Angriffsdrittel zu gelangen. Dort wurde auch gefällig kombiniert, letztlich aber arg ineffektiv. Ein entscheidendes Freispielen gelang nicht, Schalke war zu unpräzise, und wenn die Kombination gut war hatte Mainz im Zentrum aufgepasst und konnte Schlimmeres verhindern.

Durch eine Einzelaktion von Jefferson Farfán und vor allem durch Max Meyer, der, nach einem groben Fehler des Mainzer Torwarts Loris Karius, völlig frei an den Ball kam und nur quer auf Klaas-Jan Huntelaar hätte legen müssen, hatte Schalke große Chancen zur Entscheidung. Auch Prince hätte zum Schluss noch das Glück schubsen können, als er in den letzten 10 Minuten von seiner handlungsarmen Rolle befreit und in die Offensive vorgezogen wurde. Andererseits wirkte Mainz in vielen Szenen flinker, bemühte sich um ein ordentliches Pressing und schnelles Umschalten, und kam über das ganze Spiel verteilt zu einigen echten Großchancen, bei denen Ralf Fährmann, Glück oder die Kombination aus beidem Schalke rettete.

Es war ein Spiel, dessen Hin und Her nach einem Lucky Punch schmachtete, der aber keiner Seite gelang. Letztendlich bildete die Punkteteilung das Spiel korrekt ab. Die Mainzer waren nach Abpfiff mit der eigenen Leistung und dem Punkt zufrieden. Die Schalker lobten die Mainzer und konnte am Ende des Spieltags mit dem einen Punkt den Plätzen für die direkte Champions League-Qualifikation sogar noch näher rücken. Toll war‘s nicht, aber den Stempel „Muss man mal mit zufrieden sein“ konnte man schon anbringen. Fertig. Und jetzt Real.

Was heißt „Ich wurde ein paarmal entlassen“?

Felix Magath ist nun Manager des Fulham FC. Fulham ist aktuell Schlusslicht der englischen Premier League, mit 4 Punkten Rückstand auf den rettenden 17. Platz. Fulham hat in 26 Spielen 58 Gegentore kassiert. Noch sind 12 Spiele zu spielen.

Herr Magath wird in England nur mit Felix angesprochen, so ist das üblich. Gestern überstand er seine erste Pressekonferenz. Seine Schwierigkeiten mit der Sprache erlauben einige Schmunzler, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich diesen Beitrag veröffentliche. Ich selbst durfte für meine Firma mal einige Wochen in London arbeiten, ich kenne die Hemmungen und weiß um die Fortschritte nach kurzer Zeit.

Es geht mir eher um die Situation: Einer der hier – bei aller Kritik – alles erreicht hat, muss sich nun Anderen neu darstellen. Sein größter Erfolg war die Meisterschaft mit Wolfsburg, nun soll er erklären weshalb er auch einen schlechten Club vor dem Abstieg retten kann. Er, der sich gegenüber der deutschen Presse cool und unnahbar gab, kann sich das in einem neuen Land nicht leisten, weil er, der Herrscher, dort noch nichts beherrscht: Weder das Sportliche, noch die Kommunikation.

Soviel, wie bei dieser Pressekonferenz, hat Felix in den letzten Jahren nie gesprochen.
Lange nicht mehr hat er so selten an seinem Tee genippt, wie dieses Mal.


Wörtlich: Oliver Ruhnert

Es ist was Historisches. Es ist das erste KO-Spiel, das eine deutsche Jugendmannschaft in einem offiziellen UEFA-Wettbewerb bestreiten wird.

… sagte Oliver Ruhnert, auf Schalke der „Direktor Nachwuchs“ und damit Chef der Knappenschmiede. Norbert Elgerts U19 hatte sich als einzige deutsche Mannschaft in der „UEFA Youth League“, der Jugend-Champions League, für das Achtelfinale qualifizieren können, und trifft am Dienstag in Spanien auf Real Sociedad San Sebastian.

Eine Frage der Verhältnisse

Bayer Leverkusen verlor sein Hinspiel im Champions League-Achtelfinale gegen Paris St. Germain mit 0:4. Jetzt hagelt es, mal nur Kritik, mal Hohn und Spott. Dabei spiegelt das Ergebnis lediglich die finanziellen Kräfteverhältnisse zwischen diesen beiden Fußballclubs wieder. Eigentlich ist dieses Ergebnis völlig normal, eigentlich ist ähnliches auch für das Spiel des FC Schalke 04 gegen Real Madrid zu erwarten. Dass man das tatsächlich nicht erwartet, dass man ein derartiges Ergebnis als zu heftig empfindet, ist die eigentliche Leistung der deutschen Clubs in der Champions League.

Bayer 04 ist Teil eines Weltkonzernz und der FC Schalke 04 gehört durch hohe Einnahmen aus Werbung, TV und sportlichen Erfolgen zu den umsatzstärksten Fußballclubs der Welt. „Big Spender“ sind beide trotzdem nicht, anders als ihre Champions League-Gegner. Für Stars wie Thiago Silva oder Zlatan Ibrahimovic, für Christiano Ronaldo oder Gareth Bale, pumpen die katarischen Besitzer St. Germains und Real Madrid mehr Geld in ihre Mannschaften, als in Leverkusen und Gelsenkirchen über ein Jahrzehnt investiert wird. Bei diesen Größenordnungen kann aus Deutschland nur der FC Bayern München mithalten; temporär, bis die letzten unter der 50+1 Regel zu verkaufenden Anteile veräußert und das Geld ausgegeben wurde.

Im Fußball ist man nie per se chancenlos. Ich hoffe und traue es Schalke 04 zu, dass man auf dem Platz gegen Real Madrid gegenhalten und gute Spiele liefern kann, dass man nicht hoffnungslos untergeht. Sollte das Jens Kellers Gruppe aus Jugend und einzelnen 10-Millionen-Kickern dennoch passieren, wäre überbordende Kritik so falsch wie jetzt im Fall Leverkusens. Die Verhältnisse sind eben so.

Fährmann, der Schädel und die Abwesenheit Sams

Schalke 04 siegt 2:1 in Leverkusen und steht in der Tabelle wieder richtig gut da. Ein tolles Fußballspiel, in hohem Tempo geführt und stets spannend, in dem am Ende das Glück den Blauen treu blieb.

Ich bin Defensivfan. Schon immer konnte ich mich am Verhindern eines Treffers für den Gegner ebenso ausgelassen freuen wie über ein erzieltes Tor; schließlich ist es gleichviel wert. Also sprang ich jubelnd hoch, in der 65. Spielminute, den Schädel des Santana huldigend, nur um mich Sekunden später auf den Sitz zurückfallen zu lassen, nun schweigend. Dies war das Extrem, aber ähnliche Emotionen gab es viele in diesem Spiel.

Ralf Fährmann hielt großartig, schon wieder. Ganz Schalke hielt stets dagegen, gab keinen Ball verloren. Aber neben Kampf gab es auch Kunst zu sehen, wie das Tor Leon Goretzkas, das Raúl nicht cooler hätte erzielen können. Keinen Deut schlechter, eher besser, agierte aber Bayer Leverkusen.

Bereits in der ersten Viertelstunde tauchten Stefan Kießling und Heung-Min Son frei vor Ralf Fährmann auf und nötigten diesen zu Glanztaten. Etwas später köpfte Sebastian Bönisch den Ball ganz knapp am Knappenkasten vorbei. Zwar agierte Schalke im Mittelfeld keineswegs schlecht, aber wenn Bayer den Ball in Schalkes Hälfte gewann spielte man sehr schnell und sehr klar nach vorne. Erst Leon Goretzkas grandiose Einzelleistung zur Führung, in der 28. Minute, schubste das Gewicht dieses Spiels zwischenzeitlich auf die richtige Seite. Bis zur Halbzeit war Schalke nun die bessere Mannschaft und gab sich defensiv keine Blöße mehr.

In der zweiten Hälfte machte Leverkusen gehörig Druck und bestimmte das Geschehen, trotzdem gelang es Schalke zunächst, ganz klare Chancen zu verhindern. Die erste war dann eben jene, die Felipe Santana zur großartigen Rettungsaktion auf der Torlinie nötigte, gefolgt vom ins eigene Tor gestaksten Eckball. Später hatten Gonzalo Castro, Simon Rolfes und Ömer Toprak noch beste Chancen, entschieden wurde das Spiel aber durch Jefferson Farfáns Freistoß auf den Kopf Klaas-Jan Huntelaars.

Horst Heldt verriet nach dem Spiel, dass die Ausführung auf diese Art genau so geplant war, da man in der Analyse eine Schwäche Leverkusens erkannt hatte. Tatsächlich trat Farfán bereits zu Beginn des Spiels einen Freistoß eben so vor das Tor, nur dass dabei Joel Matip den Kopf nicht mehr an den Ball bekam. In der Hinrunde kassierte Schalke sehr ähnlich selbst einige Gegentore. In der jetzigen Phase beschert vor allem der Einsatz Felipe Santanas den Blauen eine lange nicht mehr gekannte Stärke im defensiven Kopfballspiel.

Leverkusen kann es Pech nennen, Schalke darf es Einsatz nennen. Dieses Spiel war eine Schlacht, und diese wurde von Schalke gewonnen. Dass Leverkusens Trainer Sami Hyypiä dabei freiwillig auf seinen Topscorer Sidney Sam verzichtete, weil dieser in der kommenden Saison für Schalke spielen wird, bleibt als Anekdote hängen. Er begründete es mit englischen Manieren. Ich finde das sympathisch, meinetwegen könnte und offensichtlich sollte seinetwegen die ganze Liga so verfahren. Solange die ganze Liga das aber nicht tut ist Hyypiäs Handeln eine Extravaganz zu seinem eigenen Schaden. Der Schalkes war es jedenfalls nicht.